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Lake Superior, Minnesota
Das soll
mein letzter Eintrag ins Tagebuch sein. Ich sitze hier an meinem kleinen
Tisch, an dem ich meistens gesessen habe, wenn ich mir den Kopf über
deutsche Grammatik zerbrach oder einfach noch mal die vergangenen Tage
vorbei passieren ließ. Ich habe eine Unmenge Zeug in dieses Tagebuch
geschrieben und habe bis zum heutigen Tag in keinen Eintrag der vorausgegangenen
Tage mehr hinein geschaut. Alle Einträge sind am Ort des Geschehens
entstanden, auch wenn es nicht immer ganz so angenehm war, sich gleich
hinzusetzen und etwas über das Erlebte zu schreiben. Oft saß
ich wie jetzt, früh am Morgen, hier und schaute mir den Anbruch eines
weiteren Tages an, immer so nah, immer so direkt, wie ich es kaum vorher
je gesehen habe. Jetzt regnet es - und immer wenn es regnet, hört
man die Tropfen auf das Camperdach fallen und ich bin nicht mehr in der
Lage weiterzuschlafen. Darüber bin ich nicht böse, denn nirgends
habe ich einen Wetterumschwung, den beginnenden Regen, so intensiv miterlebt
wie hier. Es gibt schweren Regen, der mit lautem Knallen auf die Oberfläche
unserer Kabine auftrifft und es gibt leisen Regen, der eher wie das sanfte
Rieseln von Sand klingt. Manchmal ist es ein richtiger Regenguss, der so
schlagartig aufhört wie er angefangen hat. Und manchmal ist der Übergang
von Trockenheit zu Regen so unmerklich, weil sich der Regen so langsam
anschleicht und immer stärker wird, daß man das Gefühl
hat, es hätte schon immer geregnet. Und an manchem Morgen bin ich
durch das monotone Getropfe auf unserem Dach auch wieder eingeschlafen.
Zuhause höre ich die Tropfen auf meinem Dach nicht. Zuhause regnet
es nur.
Ich habe so oft
über unsere Umgebung geschrieben, so oft über Amerika oder Kanada,
dass ich immer wieder nach Worten gesucht habe, um die Landschaft zu beschreiben.
Es hört sich sicher vieles gleich an und es könnte der Eindruck
entstehen, kein Ort sei etwas besonderes. Manchmal habe ich ganze Kapitel
geschrieben, während ich an anderen Orten nur wenige Worte gemacht
habe. Dabei ist jeder Ort etwas besonderes. Auch die weniger bekannten
Stätten haben alle ihren Reiz und wenn man sich Zeit lässt, findet
man die Besonderheiten, die jeden einzelnen Ort ausmachen. Meine Einträge
sollten eigentlich nicht zu sehr werten, eher beschreiben. Doch ich habe
natürlich immer meinen persönlichen Eindruck hinterlassen, was
für den einen hilfreich und verständlich, für den anderen
aber absolut unverständlich sein kann. Man sollte aber auch immer
bedenken, dass ich keinen Reiseführer geschrieben habe, sondern ein
Tagebuch, einen Reisebericht, dessen Einträge immer von meinen Stimmungen
und von anderen Einflüssen - zum Beispiel vom Wetter - geprägt
sind. Nicht alles kann und soll also genauso nachempfunden werden. Aber
ich für meinen Teil habe auf dieser Reise die Erfahrung gemacht,
dass es ein viel intensiveres Erlebnis ist, wenn man seine Gedanken, seine
Gefühle oder auch nur die Geschehnisse aufschreibt. Ich erinnere mich
besser an die Orte und habe immer die passenden Bilder parat. Und es bleibt
mir für immer erhalten, jede Phase der Reise, jeder Tag, fast jede
Stunde ist für mich immer wieder abrufbar, und das macht dieses Tagebuch
für mich zu einem unschätzbaren Wertgegenstand. Dieses Jahr hier
in Nordamerika war nämlich mehr als nur eine Reise - es war vielmehr
eine Lebenserfahrung.
Daß ich
diese Erfahrung mit meiner Frau machen konnte, und daß unsere Beziehung
allen Widrigkeiten dieser Reise getrotzt hat, darauf bin ich besonders
stolz. Es gibt zwei wesentliche Gründe, warum sich viele unserer Freunde
eine solche (Tor) -tour für sich nicht hätten vorstellen können.
Der eine Grund ist immer der Job, der andere die Befürchtung, nicht
so lange mit seinem Partner auf so engem Raum zusammenleben zu können.
Es war manchmal auch nicht gerade einfach, doch was ist schon einfach.
In einer Zeit, in der sich ein Drittel deutscher Ehen schon in den ersten
fünf Ehejahren vor dem Scheidungsrichter wiederfinden, können
wir uns tatsächlich gegenseitig auf die Schultern klopfen. Dabei wäre
solch ein Unternehmen alleine gar nicht möglich gewesen. Britta
und ich waren von der ersten Minute voneinander abhängig. Das beginnt
beim Anschaffen des Reiseetats bis zur Bewältigung der Rückreiseformalitäten.
Alleine wären wir regelrecht aufgeschmissen gewesen. Da fällt
mir ein, dass wir eine Menge älterer Menschen getroffen haben, die
sich mit dem Eintritt ins Rentenalter ein Wohnmobil gekauft haben und jetzt
durch die Gegend reisen. Das hört sich wirklich toll an. Doch viele
dieser Paare sind dann das erste Mal in ihrer Beziehung auf engstem Raum
24 Stunden am Tag zusammen und das vielleicht nach 40 oder mehr Ehejahren.
Da kann es auch - nach dem was wir so von anderen gehört haben - nach
40 Jahren nochmal so richtig Krach in der Bude geben. Doch kaum jemand
lässt sich deshalb gleich scheiden. Sie raufen sich eben zusammen
und plötzlich entdeckte unüberwindbare Gegensätze werden
halt toleriert und als Facette des bunten Lebens angesehen. Nichts ist
so, wie wir es gerne hätten. Und ich ziehe meinen Hut vor jedem älteren
Paar - vor jedem Paar -, dass sich auf so engem Raum arrangieren kann.
Wenn man mal gelernt hat, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, dann
sollte eigentlich niemand mehr vor solch einer Reise zurückschrecken,
aber auch vor sonst keiner Herausforderung. In der Zeit, in der wir in
Nordamerika unterwegs waren, haben sich zwei Paare aus unserem Freundeskreis
getrennt und eins stand kurz davor. Was will uns das sagen? Wir sind von
Natur aus alle Egoisten.
Seltsam ist,
dass ich zum jetzigen Zeitpunkt, einen Tag vor unserer Abreise, gar keine
Trauer empfinde. Vielmehr ist es wie ein Gefühl, etwas geschafft zu
haben. Nicht etwas Schlimmes, wie eine Prüfung oder einen Haufen Arbeit,
sondern eher wie eine Aufgabe, die ich sowieso hätte bewältigen
müssen, die mir aber keine Schwierigkeiten bereitet hat. Es ist so,
als hätte ich mir etwas bestätigt, als hätte mein Tun und
Lassen erst mit dieser Reise einen richtigen Sinn bekommen. Vielleicht
ist es ja auch so, denn mit dieser Reise hat sich für Britta
und mich eine Menge geändert.
01. September
2001
Dieses Datum wird
für immer ein ganz besonderer Tag für uns sein. Genau vor einem
Jahr begann unser unbezahlter Urlaub und damit eine Zeit, von der wir vorher
nur träumten. Es wird für uns wohl immer ein magisches Datum
bleiben. Schon sehr früh ist Britta heute morgen zur Arbeit
gefahren. Für sie wird mit dem heutigen Tag der Alltag zurückkehren.
Ich bin schon seit einigen Wochen mit Arbeit ausgelastet, obwohl ich meinen
unbezahlten Urlaub um ein weiteres Jahr verlängert habe. In erster
Linie habe ich das getan, um diese Internetseite in aller Ruhe fertigstellen
zu können. Andererseits habe ich aber auch die Sehnsucht, mich beruflich
etwas zu verändern und versuche mich nun als Selbständiger. Nordamerika
hat mich auf ein anderes Gleis gebracht. Doch für Britta beginnt
heute wieder ihr altes Berufsleben. Sie fängt dort an, wo sie vor
einem Jahr aufgehört hat, als wäre nichts gewesen. Sie freut
sich über die neuen Herausforderungen. Wie auch ich mich regelrecht
auf die Arbeit gestürzt habe. Nach einem Jahr Nichtstun war Arbeit
eine willkommene Abwechslung.
Amerika ist so
weit weg. Die ganzen elf Monate sind in den Hintergrund gerückt. Mit
der Landung auf dem Frankfurter Flughafen hat sich unser Erlebnis erst
mal wie in Luft aufgelöst. Wir wurden großartig von unseren
Liebsten empfangen und vom ersten Augenblick an waren wir wieder Zuhause.
Nur ganz selten musste ich an Amerika denken, viel zu aufregend war die
ganze Entwicklung hier in good old germany.
Wir bezogen eine neue Wohnung, mussten uns anmelden, registrieren, etablieren
und auch legitimieren. Die ganze Bürokratie in umgekehrter Reihenfolge.
Wie schön war es doch, als kein Hahn nach uns krähte. Jetzt sind
wir wieder wer, nämlich ein registriertes Ehepaar mit Lohnsteuerkarte
und Sozialversicherungsnummer.
Es regnet übrigens
an diesem Morgen und wie vorausgesehen, nahm ich den Regen erst wahr, als
ich den Rolladen hochzog und sich so langsam das Tageslicht über der
Landschaft ausbreitete. In unserem Camper hätte ich schon im Aufwachen
gewusst, dass es regnet.
26. September
2001
Soeben bin ich
mit der Bearbeitung des Tagebuchs fertig geworden. Ich habe jeden einzelnen
Eintrag noch einmal gelesen und konnte mich bei jeder Zeile an das Erlebte
zurück erinnern. Ich habe noch einmal an den vielen Seen gestanden,
bin noch einmal die vielen Wege gelaufen und blickte noch einmal aus dem
Fenster unseres Campers, wo sich jeden Tag ein anderes Panorama auftat.
Bis zum heutigen Tag war Nordamerika ewig weit entfernt. Doch es war die
Distanz in meinem Kopf, die das Erlebte so weit in den Hintergrund rückte,
und ich blickte nur selten einen Moment zurück. Noch vor 26 Tagen
habe ich selbst festgestellt, dass wir uns in einem Eingliederungsprozess
befinden, dass wir das Alte zurücklassen, um für Neues Platz
zu schaffen. Das Neue beansprucht unsere volle Energie, die gesamte Kapazität,
dass ich manchmal gar nicht glauben kann, dass wir noch vor drei Monaten
in Ontario am Lake Superior weilten. Weit weg von Terminen,
Telefonklingeln, Medien, Lärm und unendlich vielen Verpflichtungen,
die meinen ganzen Tag füllen und manchmal sogar die Nacht. Jetzt erinnere
ich mich wieder langsam.
19. Dezember 2001
www.CampAmerika.de
ist so gut wie fertig. Nur noch der Epilog fehlt. Doch was würde ich
jetzt erwarten, wenn ich diese ganze Seite gelesen hätte? Was gibt
es hier noch hinzuzufügen? Steht nicht schon alles im Tagebuch? Wahrscheinlich!
Unsere Reise durch
Nordamerika war ein Erlebnis ganz besonderer Art. Sie hat unser Leben nachhaltig
verändert. Sie hat uns verändert. Und wenn ich ernsthaft darüber
nachdenke, dann erkenne ich nur positive Dinge, die ich dieser Reise zu
verdanken habe. Noch nie in meinem Leben habe ich so klar erkannt, welche
Werte mir wichtig sind. Noch nie war mir so klar, welchen Weg ich einschlagen
muß, um glücklich zu sein. Mein Selbstvertrauen war nie stärker,
mein Wille etwas zu bewegen nie konkreter. Ich bin wie ausgetauscht. Selbst
in meinem Beruf ist ein Wandel eingetreten, dem ich mit Spannung und großer
Erwartung entgegenblicke.
Natürlich
empfinde ich auch etwas Wehmut bei dem Gedanken, dass dieses Erlebnis nun
endgültig ein Ende gefunden hat. Doch es gibt für alles seine
Zeit. Jetzt kommt erst einmal etwas anderes.
idsj
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Das war das letzte
Bild, das ich in Amerika gemacht habe. Was könnte das bedeuten?
djhc
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