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Jenny Lake, Grand Teton
NP, Wyoming
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10. Juni
2001 - Edmonton WEM
Wer mal kurz zu
einem der 24 Restaurants oder wenn es schnell gehen soll, zu einem der
48 Fastfood-Läden gehen möchte, nicht ohne vorher ein bisschen
auf der Eisbahn abzuhängen oder vielleicht noch mal ein paar Schwimmübungen
im Wellenbad zu riskieren, wer gegebenenfalls in einem der 15 Kinos seinen
Lieblingsstreifen anschauen will oder besser die Delphinshow oder eine
Runde mit dem Unterseeboot drehen möchte und dabei in sage und schreibe
800 Läden ein paar Kleinigkeiten für den Hausgebrauch besorgen
möchte, der ist in der WEM richtig aufgehoben. WEM? "WEM" ist das
Kürzel für Welt-Einträglichste-Mall (was eine Erfindung
von mir ist) oder auch West-Edmonton-Mall. Und hier bestand ich
auf der Tatsache, dass wir schon einmal in dem weltgrößten,
überdachten Einkaufszentrum der WELT unsere schwer verdienten Kröten
zum Fenster hinauswarfen. Nicht dass wir das freiwillig taten, aber bei
30 Schuhläden unter einem Dach muss man sich einfach ein paar neue
Treter kaufen. Am ersten Schuhladen geht man noch vorbei, beim zweiten
schaut man schon mal ins Schaufenster, beim dritten geht man hinein und
schaut sich nur mal so um, beim vierten geht man rein und lässt sich
beraten, beim fünften geht man rein, lässt sich beraten und zieht
sogar probeweise ein paar Schuhe an. Und spätestens beim sechsten
oder siebten Geschäft kauft man sich ein paar neue Holzsandalen oder
ähnlich unbrauchbare Fußeisen, da man bei solch großem
Angebot zwangsläufig irgendwann einmal das Gefühl bekommt, man
besitze zu wenig Schuhe. Aber ich brauche nicht extra zu erwähnen,
dass es zudem noch 23 Herrenausstatter und nicht weniger als 54 Bekleidungsgeschäfte
für die Dame im WEM gibt. Dazu kommen noch 61 Klamottenläden
für Sie und Ihn, 15 Kinderläden, 35 Gesundheits- und Pflegeschuppen,
gerade einmal 5 Warenhäuser (in denen es den aufgezählten Kram
gleich noch mal gibt) und nur zwei Tiergeschäfte. Ich weiß auch
nicht, warum das Kleinvieh so schlecht abschneidet, aber wahrscheinlich
geben die Leute schon zu viel Geld für Schuhe aus, als dass sie noch
das nötige Kleingeld für eine sprechende Wasserschildkröte
oder einen singenden Pudel übrig hätten. Ich scherze natürlich.
In der WEM geht niemandem das Geld aus, schließlich kann man sich
an 24 Stellen mit frischen Scheinchen eindecken. Aber eins steht fest,
ich war schon wesentlich öfter drauf und dran, für größeren
Mist viel mehr Geld auszugeben. Bei so vielen Läden bleibt es aber
dennoch nicht aus, dass es auch Dinge gibt, dessen Besitz man durchaus
als absolut unnötig, wenn nicht sogar als hirnrissig bezeichnen könnte.
Doch im Großen und Ganzen bleiben die geschmacklosen Artikel weit
unter der Zumutbarkeitsgrenze und immerhin gibt es genügend Toiletten
und Müllbehälter, in denen man sich der Fehleinkäufe entledigen
kann. Es hat ja genug Nachschub. Wir (hauptsächlich Britta)
genießen den Tag in der weltgrößten Shopping-Mal in vollen
Zügen und haben nach wenigen Stunden selbst die Hände voller
bunter Tüten. Wir liefen jede Passage ab und versuchten zumindest
jeden Laden von außen zu besichtigen. Inmitten der WEM schwimmt
ein Seeräuberschiff und ein Unterseeboot fährt durch die Tiefen
des künstlichen Wasserbeckens. Spätestens beim sogenannten Europa
Boulevard lässt Las Vegas grüßen, denn ganz
so weit ist man ja vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht entfernt.
Britta
und ich schauen uns zuguterletzt The Mummy returns (Mumie 2) in
einem der vielen Kinos an und müssen abschließend feststellen,
dass die Nordamerikaner zwei Dinge wirklich perfekt beherrschen: das Shoppen
und das Filmemachen.
Edmonton
selbst bleibt uns verschlossen und verriegelt. Es ist einfach zu viel los
auf den Straßen und wir haben einfach nicht genug Energie, uns einen
zweiten Tag in diesen Tumult zu stürzen. Schließlich sind wir
so viele Menschen auf einem Haufen nicht mehr gewohnt.
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12. Juni
2001 - Elk Island NP
Wir stehen amAstotin
Lake und lassen uns den milden Wind um die Ohren blasen, blicken hinaus
auf das Wasser und beobachten die Enten, wie sie sich zanken und gegenseitig
unter Wasser drücken. Im See schwimmen vereinzelte Inseln mit dichtem
Fichtenbewuchs darauf, jede ein Oase mitten im unwägbaren Nass, für
uns unerreichbar. Wir gehen den Steg, der um das Schilf führt und
beobachten das braune seichte Wasser am Ufer, in dem sich tausendfach Leben
regt, was man allerdings nur erblickt, wenn man die Geduld aufbringt, für
längere Zeit in das schmuddelige Wasser zu schauen. Wir entdecken
Frösche, die scheinbar gelangweilt und völlig träge im Wasser
baumeln und nur gelegentlich irgendwelche Knattergeräusche von sich
geben. Wir sehen kleine Fischlein und wurmartige Dinger, die über
den morastigen Grund des Sees huschen. Rings um uns herum trällert
und zwitschert es in allen Tönen, denn den Vögeln, die ihre Nester
im Schutz des Schilfs errichtet haben, sind wir ein Dorn im Auge und das
lassen sie uns lauthals wissen.
Am nächsten
Tag umkreisen wir den Paul Lake, Oster
Lake und Spruce Island Lake
, und können unser Glück gar nicht fassen, als sich die Regenwolken
verziehen und die Sonne freigeben. Im grellen Licht wirkt das frische Grün
der Espen noch viel intensiver und überall wachsen bunte Blumen. Das
Gras, das auf dem Wanderweg wächst, geht uns manchmal bis zu den Knien.
Die Natur sprießt mit allen Kräften, die ihr zur Verfügung
stehen. Im Dickicht entdecken wir ein Bisonpärchen, das uns misstrauisch
beäugt. Und wir selbst dienen als Anschauungsobjekt dutzender bremsenartiger
Insekten, die uns um die Köpfe schwirren, bis sie urplötzlich
wieder verschwunden sind. Der Weg führt mal durch Espenhaine, mal
über riesige Grasweiden, auf denen man den Kuhfladen, oder besser
Bisonfladen, gekonnt ausweichen muss. Hier ist es friedlich und still,
bis auf das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes. Und
auf der Rückfahrt zu unserem improvisierten Lager auf dem nahegelegenen
Campground kreuzen wir den Weg zweier Elche, die gemeinsam über die
Straße des Parks eilen wollten. Erschrocken laufen sie in zwei verschiedene
Richtungen davon, nicht ohne sich davon zu überzeugen, wer sie beim
Überqueren der Straße gestört hat. Ich bin beruhigt, dass
wir als Menschen mit unserem unförmigen Camper noch dazu in der Lage
sind, Elche zu erschrecken. Beweist das letztendlich nur, dass die Elche
vor uns und unserem Fahrzeug noch Angst haben, was ich als durchaus natürlich
bezeichnen würde. Hier ist die (kleine Park-) Welt noch in Ordnung.
Und mit einem Mal wird mir schmerzlich bewusst, dass diese Welt zu unserem
Alltag geworden ist und dass wir uns schon sehr bald wieder in einer anderen
Welt zurechtfinden müssen. Wir sind fast kontinuierlich draußen
und verbringen einen Großteil unsere Zeit in der Wildnis. Wir streifen
durch Wälder, durchforsten Gebirge und schlendern an Seeufern entlang.
Wir erleben Natur hautnah, wir leben in und mit der Natur. Was aber wird,
wenn wir wieder zuhause sind? Wenn wir wieder unseren Verpflichtungen nachgehen
müssen und der Tag mit Terminen, Verabredungen und irgendwelchen Dingen
ausgefüllt ist, von denen sich fast nichts in freier Natur abspielt?
Was passiert mit uns, wenn wir nach Hause kommen und wir wieder in ein
organisiertes Leben eintauchen, in dem die Pausen geregelt, die Wege vorgeschrieben
und keine Zeit für Ausschweife in die Natur bleibt? Was ist, wenn
wir zuhause einfach nicht genug Natur vorfinden können? Hier sitze
ich nun, lausche dem Regen, der auf unsere Kabine fällt, erlebe den
Regen so hautnah, wie ich ihn das ganze vergangene Jahr erlebt habe und
ängstige mich das erste Mal vor dem nach Hause kommen. Werde ich noch
die Muße und die Zeit aufbringen, Tagebuch zu schreiben? Ist es überhaupt
sinnvoll? Ich freue mich einerseits unglaublich auf Zuhause, andererseits
glaube ich, dass ich mich auch wieder sehr schnell nach Orten wie diesen
sehnen werde, nach dem Elk Island National Park.
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14. Juni
2001 - Riding Mountain NP
Riding Mountain
hat etwas urtypisch Kanadisches. Die Wälder, die unglaublich saftig
grünen Weiden, aber vor allem die dunklen, von Gras eingerahmten Seen
und Tümpel, auf denen sich das Wasser kräuselt und in dem wahrscheinlich
unzählige Kleinstlebewesen ihr Dasein fristen. Der Wald ist dicht
und scheint undurchdringbar, und doch steht plötzlich wie aus dem
Nichts ein 2 Meter großer Elch am Straßenrand und beäugt
uns misstrauisch. Scheu und sehr gelenk springt er in den Wald zurück
und so plötzlich, wie er aufgetaucht war, ist er auch wieder verschwunden.
Er bleibt nicht das einzige Exemplar, was wir zu Gesicht bekommen. Noch
drei weitere Elche kreuzen die etwa 60 km lange Parkstraße, wovon
einer nicht älter als wenige Wochen sein konnte. Dieses Tier passt
in diese Landschaft wie kein anderes und für einen kurzen Moment muss
ich zwangsläufig an die vielen Ölgemälde denken, auf denen
ein wilder Elch mit ausladendem Geweih in seichtem Wasser eines dunklen
Sees vor dem Hintergrund eines dichten, dunklen Walds steht. Hier scheinen
alle diese Impressionen herzustammen. Es ist ein schöner Park, der
sich uns allerdings von seiner unschönen Seite zeigt. Wir wären
gerne hier einen der langen Wanderpfade durch das Hinterland gegangen,
doch schon bei unserer Ankunft wurde uns klar, dass das nicht unter drei
Wochen Schnupfen und Halsweh abgegangen wäre, da es in Strömen
regnete. Zudem blies ein hässlicher Wind, der die feuchte Luft auch
noch in die letzte Ritze der Regenkleidung drückte. Und abermals ist
der Eindruck gefärbt von den äußeren Umständen. Elche
hin oder her, hier hielten uns keine zehn Elche länger auf als nötig.
Denn in der Kabine auf besseres Wetter zu warten, schien uns gerade zu
diesem Moment unerträglich zu sein.
Doch trotzdem
war es ein ganz besonderer Tag, denn Britta und ich feierten an
diesem Tag unseren fünften Hochzeitstag. Wir sind uns durchaus bewusst,
dass uns viele belächeln würden, doch auch ein nicht geringer
Teil könnte sich ein Scheibchen von uns abschneiden, wenn sie nicht
schon längst an Gut und Böse vorbeigerauscht sind. Aber es gibt
noch einen Grund, warum ich so stolz auf unseren fünften Hochzeitstag
bin. Britta und ich stellten zu Beginn der Reise keine zu hohe Anforderung
an die Partnerschaft und wir räumten uns gegenseitig ein, die Reise
aufgrund unabdingbarer Unstimmigkeiten abzubrechen, ohne dass wir das als
Scheitern unserer Ehe angesehen hätten. Schließlich sind die
Bedingungen, unter der wir unsere Beziehung hier in Nordamerika auf die
Probe gestellt haben, nicht gerade alltäglich und alles andere als
einfach. Wenn man bedenkt, dass wir im Schnitt die vierfache Zeit (Schlafen
ausgenommen) eines gewöhnlichen Paares miteinander verbringen, so
haben wir in unserem Jahr durch Amerika eigentlich die Leistung von vier
Jahren vollbracht. Also könnten wir auch den achten Hochzeitstag feiern.
So oder anders herum, es ist in meinen Augen eine stolze Leistung von uns
Beiden und ich bin froh, dass wir nicht wegen irgendwelcher Unstimmigkeiten
abbrechen mussten. Dieses Erlebnis von der partnerschaftlichen Seite aus
gesehen, hat mich auch so viel über Beziehungen im Allgemeinen gelehrt,
dass ich über viele Menschen zuhause heute etwas anders denke. Ich
war hier in unseren zweieinhalb Quadratmetern so oft gezwungen, mich in
die Haut meines Gegenüber hineinzuversetzen, dass ich diese Überlegung
schon fast automatisch anstelle, wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt.
Doch entscheidend bleibt, dass Britta und ich nur beziehungsfähig
geblieben sind, weil wir uns geachtet und trotzdem nicht zu ernst genommen
haben. Und etwas, was wir natürlich nicht außer Acht lassen
dürfen ist die Tatsache, dass wir Beide genauso verrückt sind.
Ich bin froh, dass ich es so gut getroffen habe und stolz wie Oskar.
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16. Juni
2001 - Spruce Woods PP
Unverhoffter Dinge
schien heute morgen die Sonne und schon sah die Welt wieder ganz anders
aus. Wir nutzten die Gelegenheit und machten auf dem Assiniboine
River eine Kanufahrt. Randy, der freundliche Betreiber des Kanuverleihs
und Mädchen für alles, war froh, endlich mal wieder Deutsche
zu sehen, denn er konnte uns stolz erzählen, dass sein Neffe ein Mädchen
aus Bremerhaven geheiratet hat und dort auch lebt. Tolle Geschichte.
Er selbst kassiert die zwanzig Dollar für die kurze Tour (2 Std.)
aus einem vergammelten Wohnwagen heraus und fährt seine Kunden dann
mit einem alten Schulbus, an dem ein mit Kanus überladener Anhänger
angekoppelt ist, den Assiniboine River entlang und schmeißt
die Leute je nach bezahltem Betrag früher oder später aus dem
Bus heraus, hilft ihnen noch das Kanu ins Wasser zu lassen und verabschiedet
sie mit der Bemerkung, sie sollten nicht so schnell paddeln, sonst wären
sie noch vor ihm zurück am Ausgangspunkt. Doch bevor das Ganze über
die Bühne ging, haben wir uns schön von Moskitos verstechen lassen.
Und wir dachten, wir blieben von ihnen verschont, doch zu sehr bietet sich
diese Landschaft mit seinen Tümpeln und Pfützen an, um eine gewaltige
Mückenbrut hervorzubringen. Doch wer schon einmal in Amerika unterwegs
war, der weiß das Mittel "OFF Woods" zu schätzen, das
zwar Moskitos abhält, aber auch so manches T-Shirt ausbleicht oder
Nagellack ablöst und gerät das Zeug einmal in den Augen, kann
man sich gleich von seinem Augenlicht verabschieden. Wir saßen also
zum wiederholten Male in einem Kanu und sahen so die Welt wieder aus einer
anderen Perspektive. Gerade in einem zügig fließenden Fluss
kommt es einem vor, als würde die Natur an einem vorbei gezogen werden.
Man lässt sich von der Strömung treiben und beobachtet die Ufer
und ihre Bewohner. Es ist wesentlich entspannender als zu wandern, wird
dafür aber auch wesentlich schneller langweilig. Uns haben die zwei
Stunden auf dem Fluss auf jeden Fall gereicht, zumal das Revier (wie es
der Naturfreund so gerne ausdrückt) nicht gerade besonders reizvoll
ist.
Doch damit nicht
genug. In einem Provincial Park wie diesem, in dem es der Freizeitbeschäftigungen
vieler gibt, kann man sich so richtig austoben. Uns standen nach der Kanufahrt
noch die Kutschfahrt in die angrenzenden Sanddünen zur Auswahl oder
einer der vielen Wanderwege, Minigolf, Shopping, Spielen (auf dem Spielplatz)
oder einfach nur am Platz sitzen und relaxen. Unsere Entscheidung fiel
heute ausnahmsweise mal unterschiedlich aus. Während Britta
es vorzog zu relaxen, machte ich eine kleine Wandertour. Aber unabhängig
davon sind diese Provincial Parks, wie die State Parks auf amerikanischer
Seite, eine Oase für die Familie. Wir wären froh, es gäbe
mehr solcher Einrichtungen in Deutschland. Und wenn es sie mal gibt,
dann verkommen sie schnell zu Müllhalden, da sie aus Personalmangel
nicht richtig gepflegt werden können und viele ihren Müll einfach
stehen und liegen lassen. So kostet hier jeder Park meistens eine kleine
Eintrittsgebühr und es sind immer genügend Menschen vor Ort,
die sich um die richtige Nutzung der Anlagen kümmern. Jugendliche
dürfen in staatlichen Parks nicht ohne Aufsichtspersonen abhängen
und an Alkoholkonsum ist gar nicht erst zu denken. Das macht ja gar keinen
Spaß, klar. Aber das schafft Platz für die vielen Familien,
die mit ihren Kleinkindern ein ruhiges Wochenende verbringen wollen, ohne
Angst haben zu müssen, ihr Kleines läuft auf Glasscherben herum
oder wird von hirnlosen, pubertären Kraftfahrern über den Haufen
gefahren. Gerade gestern haben sie im Radio die Meldung gebracht, dass
ein sechzehnjähriger junger Mann ein neunjähriges Kind überfahren
hat, das dabei leider ums Leben kam. Die Polizei gab dazu die Stellungnahme
ab, dass wahrscheinlich beide nicht alt genug gewesen sind, um von ausreichenden
Erfahrungen im Straßenverkehr zu profitieren und deshalb beide falsch
reagiert hätten. Tja, das hätte ich denen auch vorher sagen können.
Da versuchen sie ihre Kinder mit aller Gewalt und den schlimmsten Androhungen
von Alkohol jeglicher Art fernzuhalten, obwohl die Jungs und Mädels
schon längst auf schärferem Zeug drauf sind und lassen sie aber
gleichzeitig mit 16 (manchmal noch früher) hinter einem 250 PS starken
Pick-Up Truck Platz nehmen, mit Ausmaßen, die unseren europäischen
Lastkraftwagen ähneln, oder sie gehen mit ihnen auf die Jagd und zeigen
ihnen, wie man ein richtiger Kerl wird, eine Schusswaffe durchlädt
und dabei Milch aus der Tüte trinkt. Ich weiß ja nicht?! Im
Provincial Park lautet das Signal jedenfalls ganz klar, entweder die Jugendlichen
können sich in das System einfügen, oder sie fliegen raus. Und
dabei sind weder die Kanadier und schon gar nicht die Amerikaner besonders
zimperlich. Wir schätzen das vorhandene Parksystem auf jeden Fall
sehr, bietet es gerade für uns Camper die größtmögliche
Sicherheit in beispielloser Umgebung. Und Alkohol trinken wir sowieso nicht.
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20.-22. Juni
2001 - Cromwell
Roger fährt
mit mir durch hohes Gras auf diesem vierrädrigem Motorrad, was sie
als ATV (all-terrain-vehicle) oder auch Fourwheeler bezeichnen,
weil es Vierradantrieb hat und überall hinkommt. Hier läuft niemand
mehr als unbedingt nötig. Doch es wäre auch nicht ganz einfach,
mir das ganze Land der Familie zu zeigen, wenn wir uns zu Fuß fortbewegen
würden, denn es scheint kein Ende zu nehmen. Immer wieder zeigt Roger
in die Ferne und ruft laut über seine Schulter hinweg, um das Motorengeräusch
zu übertönen, dass dieses Stück Land entweder ihm selbst
oder einem aus der Familie gehört. Es ist mir unbegreiflich, dass
man so viel Land besitzen kann, wo doch die Harps alles andere als
reich sind und kaum als Landwirte zu bezeichnen wären. Doch hier draußen
in Minnesota, in einem Zweihundertseelendorf namens Cromwell,
hat alles eine andere Dimension. Wir sind umgeben von dermaßen viel
Land, dass es einen kaum noch wundert, dass hier jeder einen ganzen Acker
als Garten bezeichnet und die drumherum liegenden Wälder und unter
Umständen auch Seen sein Eigen nennen darf. Auch das Haus der Harps
liegt malerisch an einem kleinen See gelegen. Der kurz geschorene Rasen,
auf dem prachtvolle Bäume stehen, geht in Schilf über und ein
kleiner Steg führt hinaus auf das ruhige Wasser. Es ist einfach ein
Traumhaus. Nicht weil es wunderschön gebaut und eingerichtet ist,
sondern weil es an einem Ort steht, den Britta und ich als perfekt
bezeichnen würden. Immer wieder beobachten wir, dass eine Ente mit
ihren Küken aus dem Schilf gewatschelt kommt, um auf dem Rasen nach
Fressbarem zu suchen. Es ist ein absolut friedlicher Ort, an dem man kein
Interesse für die Außenwelt entwickelt. Hier lebt man in seiner
Welt, zahlt Steuern und tut ansonsten das, was man seit Jahren auch schon
getan hat. Man arbeitet auf dem Feld, in der 40 Meilen entfernten Papierfabrik,
oder hat sein eigenes Bauunternehmen, trinkt nach der Arbeit bei Diane
ein paar Bier, in ihrem Laden, der einerseits als Getränkehandel dient,
andererseits als Kneipe fungiert, in einer Einmaligkeit, wie es sie nur
auf dem amerikanischen Land zu entdecken gibt. Abends sitzt man dann mit
der Familie zusammen, denn hier lebt die ganze Familie im gleichen Ort.
Die Schwestern und Brüder haben nebenan ein Haus, die Kinder und deren
Kinder verteilen sich auf einen Umkreis von 10 Meilen um Cromwell
und selbst die Eltern der angeheirateten Frauen und Männer haben sich
ebenfalls hier niedergelassen. Die ganze Sippschaft wohnt hier zusammen
und hilft sich gegenseitig aus. Hier draußen kümmert es die
wenigsten, was in Washington passiert und alles darüber hinaus,
wie zum Beispiel Europa, liegt dermaßen weit weg, dass kaum jemand
daran einen Gedanken verschwendet. Ein bisschen kann ich das verstehen.
Man entwickelt kein richtiges Gefühl für sein Land, wenn man
sich dieser Ausmaße bewusst ist. Es stehen zu viele Bäume zwischen
hier und Washington und zu viele Berge zwischen hier und Kalifornien.
Und die Meisten im Land haben nicht mehr als eine handvoll Staaten mit
eigenen Augen gesehen, wenn überhaupt. Mich wundert dabei immer nur,
wie sich dann solch ein Nationalstolz entwickeln kann, wenn die meisten
Menschen so gut wie nichts über ihr eigenes Land wissen. Ist es einfach
die Tatsache, dass ihnen bewusst ist, dass sie eine "große" Nation
sind, auch wenn sie sich selbst nie davon überzeugt haben? Die meisten
Amerikaner glauben tatsächlich, sie hätten das ultimative Land,
das ultimative Leben und jede andere Nation würde mit großen
Augen hinüberschauen und sie um die Videospiele, Trinkbecherhalter
und Turnschuhe beneiden. Dabei ist Amerika in seiner Kreativität so
einfältig, so phantasielos, so maßlos hinterweltlerich, dass
wir uns manchmal in die fünfziger Jahre zurück versetzt fühlten.
Der überwiegende Teil der Amerikaner lebt in Orten wie Cromwell
, einem Ort, den wir Europäer als Endstation bezeichnen würden.
Nur ein kleiner Teil der amerikanischen Bevölkerung bastelt am Image
der Amerikaner, so wie sie die Welt sehen soll. Doch ich habe nicht einen
dieser Vorzeigeamerikaner getroffen. Sie sind eher übergewichtige
und verweichlichte Fourwheeldrivers, die mit ihrer Familie zusammen
ein Stück Land bewirtschaften oder einen kleinen Lebensmittelladen
betreiben. Keine Spur von Weltmännischkeit obwohl doch immer ein bisschen
Überheblichkeit durchklingt. Doch im Grunde sind die Amerikaner harmlose
und absolut friedliche Gesellen. Nur die Regierung macht aus einer Minderheit
immer wieder ein Weltelitetruppe. Wir zumindest begegneten während
unserer ganzen Reise ausschließlich zuvorkommenden Amerikanern,
die unseres Erachtens ganz und gar nicht daran interessiert sind, eine
Vormachtstellung in der Welt inne zu haben. Da liegt der Verdacht nahe,
dass wir - und nicht zuletzt die Deutschen - an solch einer äußerlichen
Fassade mitgearbeitet haben und sie vielleicht sogar auf die Amerikaner
projezierten, denn uns gelingt es doch immer, den Amerikanern ihre besondere
Stellung in der Welt einzureden und ihnen bei Bedarf nachzueifern. Doch
in Wirklichkeit sind die Leute Familienmenschen, harmlose Geschöpfe,
die sich um ihren eigenen Kram kümmern und nicht im geringsten daran
interessiert sind, was andere von ihnen halten. Das macht sie absolut liebenswert.
Wie Roger und
Ramona. Wir fühlten uns vom ersten Augenblick
bei ihnen wie Zuhause. Sie vermittelten uns zu keine Minute auch nur die
Spur von Misstrauen und schienen sehr erfreut zu sein, mal etwas von einem
anderen Land zu erfahren. Sie haben sich auch fest vorgenommen, nach Deutschland
zu kommen, vielleicht in fünf Jahren, wenn Ramonas Nichte Linsy
in Rente geht und sie begleiten kann, denn Amerikaner fürchten sich
ein wenig im fremdsprachigem Ausland. Ist das nicht süß? Linsy
ist Lehrerin und entsprechend weltoffen. Wir werden ja sehen, ob sie uns
eines Tages besuchen.
Derweil schaue
ich aus unserem Kabinenfenster über den kleinen See, an dem das kleine
Haus der Harps steht. In wenigen Wochen werde ich schon wieder 10000
km von hier entfernt sein und mich vielleicht des öfteren nach so
viel Platz und so viel Ruhe sehnen. Ich bin froh, diese Leute getroffen
zu haben und dass ich sie meine Freunde nennen darf. Hoffentlich sehe ich
sie mal wieder.
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24. Juni
2001 - Old Fort William
Als wir durch
den Wald stapfen, der uns laut der Anzeigetafel direkt ins Jahr 1815 bringt,
stoßen wir plötzlich auf eine Ansiedlung verschieden großer
Wigwams,
die wir fälschlicherweise als Tipis bezeichnen. Doch der junge
Indianer erklärt uns, dass Tipis mit Tierhäuten gemacht
werden, hauptsächlich deshalb, damit sie leicht zu demontieren sind,
denn sie werden von Völkern benutzt, die als Normaden durchs Land
ziehen. Diese Exemplare werden mit Birkenrinde hergestellt und sind einladend
groß. Es dauert eine Weile, bis wir verstehen, dass unser Gegenüber
tatsächlich im Jahr 1815 lebt und auf Fragen nach seinem Auto oder
anderen Bequemlichkeiten des modernen Lebens mit großen Augen reagiert
und fragt, was das denn sein soll. Er spielt seine Rolle so ausgezeichnet,
dass wir uns selbst nach dem Verlassen des indianischen Lagers immer noch
fragen, ob er uns nur was vorspielte, oder ob er nicht wirklich in absoluter
Entsagung, von allen modernen Entwicklung verschont, in seinem Dorf lebt
und immer noch Handel mit Pelzjägern treibt. Old Fort William
ist die perfekte Kopie des original Pelz-Handelspostens aus dem frühen
19. Jahrhundert. Seine Perfektion beruht nicht auf den original erhaltenen
Bauten oder der exakten Lage. Hier wurde erst gar nicht versucht, die Leute
mit schlecht restaurierten Häusern und auf alt getrimmten Möbeln
von dessen Originalität zu überzeugen. Das Fort ist nach der
Auswertung hinterlassener Aufzeichnungen komplett nachempfunden, an einer
Stelle, an der in besagter Zeit nicht mal ein Fahnenmast stand. Doch die
vielen ausschließlich jungen Akteure, die in und um Old William
verschiedensten Arbeiten nachgehen, lassen den Ort echter wirken als alle
anderen Freilichtmuseen, die wir bisher gesehen haben. Die Akteure tragen
die Kleidung der Vergangenheit und laufen einem ständig über
den Weg. Manchmal versuchen sie einen zur Arbeit anzuwerben, ein anderes
Mal erzählen sie von sich und ihren Problemen und laden dennoch freundlich
zum Tee ein. Es wird Brot gebacken, Kanu und Boote gebaut, geschneidert,
gefegt, geschnitzt und geschmiedet. Und außer in der Kantine ist
nicht ein einziger neuzeitlicher Gegenstand zu entdecken. Da wird die Kuh
noch von Hand gemolken und der Teig fürs Brot von Hand geknetet. Es
gibt etliche Feuerstellen, aber nicht ein Watt elektrischen Stroms. Und
fast jeder Rohstoff wird zu einem nützlichen Gegenstand verarbeitet.
Alle beteiligen sich am Zusammenwirken dieser Gemeinde und jeder trägt
zum Allgemeinwohl des Forts bei. Doch was mir direkt auffiel, ist die Tatsache,
dass die Gemeinschaft auch ohne Fernseher und ohne Plastikflaschen auskommt
und trotzdem alles hat, was es braucht. Nicht dass mich die Kenntnis überrascht
hätte, doch es hat mich abermals davon überzeugt, dass der Verzicht
auf Dinge des modernen Lebens ein Gewinn für das eigene Leben sein
kann. So haben Britta und ich auch ein Jahr ohne Fernseher verbracht
und müssen im Nachhinein feststellen, dass es eine Bereicherung für
unser gemeinsames Leben war. Wir haben uns noch nie so ausgiebig über
alles unterhalten und ich habe noch nie so intensiv meine Umwelt wahrgenommen.
Aber es sind auch die kleineren Dinge wie der selbstgeschnitzte Kochlöffel
oder das selbstgebastelte Kinderspielzeug. Unsere Welt ist angereichert
mit dermaßen vielen Dingen, die kein Mensch braucht, dass einem der
Blick für die sinnvollen Gegenstände vollends abhanden gekommen
ist. Wir werden den ganzen Tag mit Werbung beschossen, die uns glauben
machen will, dass wir ohne die angebotene Sache einfach nicht mehr leben
können. Dabei ist der Großteil entweder absolut ohne nachgewiesenen
Nutzen oder man besitzt schon ein derartiges Ding. Man sollte sich des
öfteren mal diese Fragen stellen: Brauche ich dieses Ding und besitze
ich schon ein solches Ding oder etwas, was zumindest den gleichen Sinn
erfüllt? Wenn man beide Fragen mit Nein beantworten kann, braucht
man sich getrost nicht mehr um die Werbung zu kümmern. Ich will nicht
sagen, dass das Sammeln von Schallplatten sinnlos wäre oder gar ein
größerer Topf besserer Qualität keinen Nutzen hätte.
Doch wer sich in seiner nächsten Umgebung einmal umschaut und nicht
mindestens zehn Artikel benennen kann, die keinen Nutzen haben oder doppelt
vorhanden sind, der steht entweder nur unter geringem Einfluss der Werbung
oder der lügt sich selbst in die Tasche. Ich war zumindest sehr davon
beeindruckt, wie sinnvoll und ausgefüllt das Leben auch ohne technischen
Schnick-Schnack sein kann und wie froh ich bin, durch unsere Tour eine
ähnliche Erfahrung gemacht zu haben.
Wenn ich das
jetzt alles noch mal so lese, dann klingt das schon ganz schön geschwollen.
Doch es hilft einfach nichts. Wir sind weit entfernt von einem sinnvollen
und ausgeglichenem Leben, wenn wir uns weiter mit Fernsehsendungen begnügen,
in denen sich irgendwelche Typen in Container einsperren lassen und danach
als Musiker versuchen, oder wenn wir weiter glaubten, unser Ansehen würde
sich mit noch mehr angehäuftem Schund verbessern.
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25. Juni
2001 - Sleeping Giant Provincial Park
Es ist angenehm
warm und entgegen den übrigen Waldgebieten in Teilen Ontarios
und ganz Nord-Minnesotas tragen hier die Laubbäume noch ihre
ganze Blätterpracht. Zu Anfang dachten wir, der Sommer wäre unmerklich
an uns vorbei gegangen und das Laub wäre schon von den Bäumen
gefallen. In Minnesota empfing uns ein kahler Wald, der sich über
hunderte Kilometer erstreckte. Und auch hier in Ontario sah man
immer wieder ganze Waldregionen, in denen kein einziges Blatt mehr an den
Ästen hing. Alle Bäume strecken ihre kahlen Äste zum Himmel
und es herrscht zumindest optisch tiefster Winter. Doch dafür hat
die Straße Flecken, grau-grüne Flecken, als hätten die
Straßenbauer eine gescheckte oder gepunktete Asphaltoberfläche
schöner gefunden. Auf den Raststätten hat sich die Farbe der
ansonsten braunen Bänke ebenfalls in eine grau-grüne Masse verwandelt,
die sich zu unserer Überraschung auch noch bewegt. Und wenn man näher
hinschaut, dann erkennt man hunderte, was sage ich, abertausende Raupen,
die fast jedes freie Plätzchen auf der Bank bedecken. Und genau diese
Raupe ist für den Kahlfraß in Nordamerika verantwortlich. Wir
konnten das anfangs gar nicht glauben. Hier gibt es ganze Wälder,
ja ganze Countys und fast ganze Staaten, deren Laubbäume keine Blätter
mehr tragen. Das Gebiet ist so groß, dass davon etliche Milliarden
Bäume betroffen sein müssen. Wie viele Raupen muss es dann erst
geben? Eine Raupe, die sich ein paar Wochen durch dick und dünn frisst,
sich dann verpuppt, um dann als Motte zwei Tage um Straßenlaternen
herum zu fliegen, bevor sie sang- und klanglos von der Bildfläche
verschwindet. Eine recht vielfräßige und kurzlebige Existenz,
die halb Kanada und Teile der USA in ein trostloses, blattloses Schlachtfeld
verwandelt hat. Doch des Insektenwahns nicht genug, hat sich die Evolution
einen Trick ausgedacht, um die Population der gefräßigen Raupen
zumindest für das kommende Jahr drastisch einzudämmen. Nach dem
Raupeninferno kommen wie aus dem Nichts fast ebenso viele behaarte Riesenfliegen
(mit roten Augen), die unentwegt irgendwo rumschwirren und lästig
auf jeder freien Körperpartie landen. Zudem sind sie auch noch verdammt
schnell und kaum zu erwischen. Doch hat man mal das Glück, dann gibt
das eine Riesensauerei. Doch diese Viehcher fressen mit Vorliebe die Eier
der schon längst vergessenen Raupen und verhindern damit, dass die
Bäume im nächsten Jahr schon wieder kahlgefressen werden, was
sie unweigerlich umbringen würde. Doch dank Mutter Natur gibt es für
jedes Individuum mal einen reichlich gedeckten Tisch, bevor wieder Normalität
eintritt. Den Einheimischen nach ist das ein ewiger Kreislauf und spätestens
in sieben Jahren fressen sich wieder die grau-grünen Raupen durch
das gesamte Blattwerk des Nordens.
Wir hingegen
haben Glück und streifen durch das dichte Grün der Sibley
Halbinsel , immer am Südufer entlang. Auch die Moskitos weichen
artig vor unserem aggressiven Mückenzeug (OFF!) zurück
und wir werden somit von lästigen Insekten mit Ausnahme der Riesenfliegen
verschont. Rechts neben uns taucht von Zeit zur Zeit immer wieder der Lake
Superior auf, der sich von einem Meer kaum unterscheidet. Wir haben
unsere heutige Wanderroute nach der Länge der Strecke ausgesucht,
da wir ebenfalls heute noch ein paar Kilometer im Auto hinter uns bringen
wollen. Deshalb haben wir vom Sleeping Giant - ein riesiger Fels,
der die Spitze der Sibley Halbinsel bildet und der Legende nach
ein versteinerter Indianergott ist, der nach einem Verrat durch einen seiner
untergebenen Indianer das Volk dem Untergang weihte und selbst zu Stein
erstarrte - dem Namensgeber des Provincial Parks nichts gesehen. Doch wenn
ich noch vor einem Jahr das Wort Park gehört hätte, dann
hätte ich unweigerlich an einen Stadtpark mit hohen Bäumen und
einer Rollschuhbahn gedacht. Doch die kanadischen Parks haben damit aber
auch rein gar nichts mehr zu tun. Ein kanadischer Provincial Park ist fast
immer eine riesige Wildnis, in der man sich nicht nur verlaufen kann, sondern
mit etwas Ungeschick auch für immer verschollen bleibt. Jedesmal,
wenn wir in diesen Parks eine Wahl treffen müssen, welchen Weg wir
nun bestreiten, blutet mir das Wanderherz, da wir meistens nur einen winzigen
Teil der Wildnis erkundschaften können. Ich kaufe mir immer wieder
die Wanderkarten, um mit Entsetzen festzustellen, dass das von uns gesehene
Gebiet gerade mal einen winzigen Fleck auf der Karte ausmacht. Nur zu gerne
würde ich hier für Wochen im Park umherlaufen und jeden Tag eine
andere Expedition starten. Wenn ich heute noch mal einen Kurzurlaub in
Kanada machen würde, dann würde ich mir nur einen einzigen Provincial
Park aussuchen, das Kanu aufs Dach spannen, und mir in vierzehn Tagen den
gesamten Park anschauen. Doch wir können es ja das nächste Mal
so machen.
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28. Juni
2001 - Noch zehn Tage
Noch 10 Tage und
am elften Tag werden wir dieses Land verlassen. Also haben wir noch zehn
Tage Urlaub. Kaum zu fassen. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als
wir gerade mal zehn Tage unterwegs waren, als alles noch so neu war und
wir selbst noch enthusiastisch. Es lag eine ewige Zeit vor uns, die wir
nicht wirklich abschätzen konnten. Eine Zeit voller Abenteuer, voller
wunderschöner Erlebnisse. Und auch wenn ich wusste, dass dieses Erlebnis
irgendwann einmal vorbei sein würde, lag das Ende doch immer so weit
entfernt wie der nächste Sommerurlaub. Ich erinnere mich noch an die
Abende, an denen Britta und ich im Bett lagen und die Landkarte
Amerikas an unserer Decke musterten. Da gab es noch so unendlich viel Land,
das wir noch nicht gesehen hatten und das noch so unvorstellbar weit entfernt
lag. Zu keinem Zeitpunkt der Reise konnten wir uns vorstellen, all diese
Orte wirklich zu sehen, von denen wir jetzt ein Foto in unserem Album haben.
Zu keinem Zeitpunkt konnten wir uns vorstellen, was es bedeuten würde,
knapp 40000 km durch ein Land zu reisen. Wir konnten die Dimensionen nicht
abschätzen und wir wussten absolut nicht, was uns diese Zeit alles
bringen würde. Jetzt bewegen wir uns auf das Ende zu und können
wieder nicht abschätzen, was das zu bedeuten hat. Wir wissen nicht,
was uns die Zukunft bringen wird. Wir haben keine Ahnung, ob wir uns wieder
wie vorher in die Gesellschaft eingliedern können. Wir haben keinen
blassen Schimmer, wie sich diese Zeit in Nordamerika auf unser zukünftiges
Leben auswirken wird. Was haben wir damit erreicht? Was haben wir damit
verändert? Haben wir uns vielleicht verändert? Ich freue mich
unglaublich auf zu Hause und andererseits habe ich auch Angst. Ich fürchte
mich vor dem Augenblick, an dem mir bewusst wird, das alles vorbei ist,
das es kein Zurück mehr gibt und dass ich es vielleicht vermissen
könnte. Ich fürchte mich vor der Erkenntnis, dass etwas Einmaliges
zu ende gegangen ist und dass es nicht mehr zurück geholt werden kann.
Klar, wir können immer wieder nach Nordamerika reisen, doch es wird
nie mehr so sein wie es beim ersten Mal war. Ein Teil von mir will heim,
ein anderer Teil will bleiben. So ist es wohl immer im Leben.
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01. Juli
2001 - Toronto
Es ist seltsam.
Einerseits fühle ich mich total abgestoßen von großen
Städten und andererseits ziehen sie mich magisch an. Einer Stadt wie
Toronto
mit fast zweieinhalb Millionen (2.226.000) Einwohnern haftete immer etwas
Widersprüchliches an. Diese Metropolen der Welt sind gleichzeitig
die Armensiedlungen ganzer Nationen. In ihnen wird eine Unmenge Geld umgeschlagen,
doch die großen Profite kassieren nur wenige hundert Menschen. Ihr
Kern strahlt meistens in Marmor und Glas und die Außenbezirke versinken
in Müll und Morast. Toronto ist da nicht anders und doch schlägt
sein Puls einen anderen Rhythmus als New York, San Francisco
oder Chicago. Es sind die Menschen, die eine Stadt mit Leben erfüllen
und diese Menschen sind Kanadier: stolz auf ihr Land, ohne überheblich
zu sein, freundlich, ohne aufdringlich oder gar oberflächlich zu wirken.
Es sind kanadische Ideen, die diese Stadt verschönern, niveauvolle
kanadische Artikel, die man als Auslagen in den Geschäften sieht.
Und trotzdem. Würde man mich mitten in die Stadt bringen, umgeben
von Hochhäusern und lärmenden Autoverkehr, dann wüsste ich
wahrscheinlich nicht, ob ich mich in New York oder Toronto
befände. Ich bin fasziniert von den vielen Dingen, die man hier kaufen
kann. Alles ist so bunt und schön anzusehen, doch nur das Wenigste
hat wirklich einen Nutzen. Doch darum geht es ja auch nicht. Sind denn
nicht die meisten Dinge dafür da, um uns das Leben zu verschönern,
egal ob sie jetzt klingeln, den Körper schmücken oder sich in
der Wohnung ganz gut machen? Ja und genau danach ist das Leben in einer
Großstadt wie Toronto ausgerichtet. Die Stadt dreht sich um
ihre eigene Achse und erfindet sich jeden Tag neu.
Als wir auf Toronto
Island spazieren gingen und die Stadt aus der Ferne betrachteten, sah
man den CN Tower (weltgrößter
Turm) über die Skyline Torontos ragen und davor kräuselten
sich die Wellen des Lake Ontarios, ein Bild, das einem den Atem
nehmen kann. Doch noch berauschender ist die Fahrt hinauf auf den Turm
- auch wenn wir uns am Canadaday den Aufzug mit vielen Kanadiern
teilen mussten - eine Reise hinter gläsernen Scheiben. Nur selten
hat man die Gelegenheit, sich in solch einem Tempo von der Erde zu entfernen
und kann dabei zuschauen, wie sich der Horizont immer weiter wölbt.
Der Blick von oben ist natürlich genial und verschafft einem das erste
Mal überhaupt einen Eindruck davon, wie dicht besiedelt dieser Teil
Kanadas ist. Kaum vorzustellen, dass wenige hundert Kilometer nördlich
kaum noch jemand wohnt. Aber auch schon gerade mal eins bis zwei Kilometer
weiter südlich, auf den Toronto Islands , ist es fast so ruhig
wie auf einer einsamen Südseeinsel und ebenso romantisch. Die Parkanlagen
sind ein Traum für Erholungssuchende und die kleinen Wochenendhäuschen
mit Blick auf die Skyline Torontos sind Juwelen in einer eh unbezahlbaren
Welt. Man ist der Innenstadt so nah und doch kommt nichts von der Hektik
des Festlandes auf die Insel herüber. Vielleicht liegt es daran, weil
keine Autos auf Toronto Island erlaubt sind. An der von der Stadt
abgewandten Seite der Insel überblickt man den gesamten Lake Ontario,
dessen gegenüberliegendes Ufer nicht auszumachen ist. Er ist zwar
nur ein Winzling im Vergleich zu Lake Superior , doch er würde
dennoch in Europa unseren heimischen Meeren Konkurrenz machen. Und die
frische Luft des großen Gewässers wird immer wieder aufs Neue
durch die geraden Straßen Torontos geblasen, was das Klima
trotz einer enormen Luftbelastung fast immer annehmbar macht. Stetiger
Wind versorgt die Straßen mit neuem Sauerstoff. Das sind Vorteile,
die Städte wie Chicago, San Francisco und auch New
York für sich verbuchen können, auch wenn in Manhatten
manchmal der Wind nur als Walze für die heiße und dreckige Luft
dient. Toronto ist und bleibt eine verführerische Großstadt,
in der ich selbst nie leben möchte.
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04. Juli
2001 - Independence Day
Es regnet. Aber
es stört uns nicht im geringesten. Ein Gewitter ist aufgekommen, obwohl
es heute morgen noch nach einem wunderschönen Tag ausgesehen hat.
Es ist der 04. Juli 2001, Independence day, Amerikas wichtigster Feiertag.
Wir für unseren Teil demonstrieren heute wahrscheinlich das letzte
Mal völlige Unabhängigkeit und haben beschlossen, einfach noch
einen Tag länger im Patterson State Park zu verweilen. Wir
verbringen das letzte Mal auf unserer Reise den ganzen Tag mit rein gar
nichts. Hier klingelt kein Telefon, hier kommt niemand vorbei, hier gibt
es kein Fernsehen, hier spielen keine Kinder, hier fahren nur wenige Autos
auf der nahegelegenen Straße entlang - hier verstreicht einfach nur
die Zeit. Das hört sich eigentlich totlangweilig an und das kann es
auch sein. Doch zu sehr ist Britta und mir bewusst, dass schon in
der nächsten Woche alles anders sein wird. Wir sind wieder für
jeden erreichbar, sind den ständigen Unterhaltungen des modernen Lebens
ausgesetzt und verbringen wohl nur noch einen Bruchteil des Tages wirklich
gemeinsam. Wir freuen uns schon wieder auf diese Änderung, doch wir
genießen auch zum letzten Mal unsere ungestörte Unabhängigkeit
von allem und jedem. Wer weiß, wann wir wieder einmal so in unserer
Kabine sitzen, dem Regen lauschen, der auf unser Dach fällt und dabei
genüsslich eine Tasse Kaffee trinken. Viel zu sagen haben wir nicht
mehr - es ist alles gesagt. Jetzt geht es nur noch vorüber.
Und wenn wir
während unserer Reise zu richtigen Amerikanern geworden wären,
dann ständen wir jetzt am Straßenrand und jubelten der vorbeiziehenden
Parade zu. Oder wir lägen uns mit unseren Nachbarn in den Armen und
sängen christliche Lieder mit Herzschmerz und viel Tränenfluss.
Oder wir hätten die Stars 'n Strips gehisst, denn Independence
day ist auch gleichzeitig Flag day (Flaggentag), an dem Einigkeit
demonstriert wird. "Wir stehen zusammen für Recht und Freiheit.
Wir sind ein freies Land unter Gottes Augen. Jesus, wir lieben Dich."
Und dabei hört sich das so sehr nach unserer deutschen Hymne an: Einigkeit,
Recht und Freiheit. Unserem Volk würde ein bisschen mehr Einigkeit
gut zu Gesicht stehen. Etwas mehr Stolz könnte es auch vertragen.
Leider fühle ich mich schmerzlich daran erinnert, dass ein großer
Politiker - nämlich kein anderer als unser Bundespräsident Johannes
Rau - mal gesagt hat, er sei nicht stolz, ein Deutscher zu sein, aber
die Deuschen hätten Großes geleistet und darauf sei er stolz.
Warum ist er denn nicht stolz, Deutscher zu sein? Wäre er denn lieber
Amerikaner? Ich für meinen Teil bin stolz, Deutscher zu sein. Ich
bin stolz auf mein wunderschönes Land und stolz auf die Tatsache,
dass ich als Deutscher zu einem Volk gehöre, dem es im Vergleich zu
anderen Nationen relativ gut geht. Unsere Flagge ist zwar nicht gerade
ein Renner, doch wenn ich es mir recht überlege, würde ich auch
eine deutsche Flagge aus meinem Fenster hängen, an einem Festtag wie
zum Beispiel dem Tag der Deutschen Einheit. Uns fehlt seit langem das Selbstbewusstsein,
Patriotismus zu empfinden und ihn auch zu zeigen. In ganz Europa hält
man die Fahnen hoch, ob es die Franzosen, die Engländer oder die Italiener
sind. Niemand schämt sich für seine Nationalität. Doch so
lange es Politiker gibt, die nicht wirklich stolz sind, Deutsche zu sein,
so lange stehen auch rechtsradikale Randgruppen im Rampenlicht, nur weil
sie sich eine Schwäche der Nation zu nutze machen und den Spruch "stolz
ein Deutscher zu sein" für ihre Zwecke missbrauchen können. Wären
wir alle stolz, hätten wir diese Gruppen weitestgehend ihrer Wahlsprüche
entledigt und sie würden sich kaum noch von anderen abheben. Und damit
hätte man ihnen eine ihrer Auftrittsbühnen entzogen. Amerika
hat schon in vielen Kriegen mitgewirkt, hat sich von vielen weltpolitischen
Entscheidungen abgesondert und fährt im Allgemeinen einen sehr eigennützigen
Kurs, was die wirtschaftliche und politische Vormachtstellung in der Welt
angeht. Doch niemand würde diese Leute hier verurteilen, wie sie an
ihrem Unabhängigkeitstag unter ihrer Flagge stehen und allesamt stolz
darauf sind, Amerikaner zu sein. Warum fällt uns das so schwer?
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