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Ein Reisebericht von Britta und Markus Hachenberger
Tagebuch
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Teil 1 New York - Shenandoah - Niagara - Algonquin - Forillon
Teil 2
Kouchibouguac - Acadia - Chicago - Memphis - M. Cave
Teil 3
G. Smoky Mts. - Cumberland I. - Disney World - Florida Keys
 Teil 4
 Gulf Island - New Orleans - Big Bend - Carlsbad C. - White Sand
 Teil 5
 Chiricahua - Saguaro - Phoenix - San Diego - Highw. No.1
 Teil 6
 San Francisco - Redwood - Yosemite - Death Vegas - LA
 Teil 7
 Lake Mead - G. Canyon - Monument V. - Arches - Bryce - Zion
Teil 8
G. Teton - Yellowstone - Glacier - Waterton - Banff - Jasper
Teil 9
Edmonton - Elk I. - Riding Mt. - Fort William - Toronto
Teil 10
Epilog

 
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Teil02
Teil03
Teil04
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Teil07
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bilder/rockies/GrandTetonNPJennyLakeLakePanorama.jpg
Jenny Lake, Grand Teton NP, Wyoming


Datum
Ort
Karte
10. Juni 2001
 Edmonton WEM
Karte Alberta
12. Juni 2001
Elk Island NP
Karte Alberta
14. Juni 2001
Riding Mountain NP
Karte Manitoba
16. Juni 2001
Spruce Woods PP
Karte Manitoba
20.-22. Juni 2001
Cromwell
Karte Minnesota
24. Juni 2001
Old Fort William
Karte Ontario
25. Juni 2001
Sleeping Giant PP
Karte Ontario
28. Juni 2001
Noch zehn Tage
Karte Ontario
01. Juli 2001
Toronto
Karte Ontario
04. Juli 2001
Independence Day
Karte Pennsylvania

10. Juni 2001 - Edmonton WEM

Wer mal kurz zu einem der 24 Restaurants oder wenn es schnell gehen soll, zu einem der 48 Fastfood-Läden gehen möchte, nicht ohne vorher ein bisschen auf der Eisbahn abzuhängen oder vielleicht noch mal ein paar Schwimmübungen im Wellenbad zu riskieren, wer gegebenenfalls in einem der 15 Kinos seinen Lieblingsstreifen anschauen will oder besser die Delphinshow oder eine Runde mit dem Unterseeboot drehen möchte und dabei in sage und schreibe 800 Läden ein paar Kleinigkeiten für den Hausgebrauch besorgen möchte, der ist in der WEM richtig aufgehoben. WEM? "WEM" ist das Kürzel für Welt-Einträglichste-Mall (was eine Erfindung von mir ist) oder auch West-Edmonton-Mall. Und hier bestand ich auf der Tatsache, dass wir schon einmal in dem weltgrößten, überdachten Einkaufszentrum der WELT unsere schwer verdienten Kröten zum Fenster hinauswarfen. Nicht dass wir das freiwillig taten, aber bei 30 Schuhläden unter einem Dach muss man sich einfach ein paar neue Treter kaufen. Am ersten Schuhladen geht man noch vorbei, beim zweiten schaut man schon mal ins Schaufenster, beim dritten geht man hinein und schaut sich nur mal so um, beim vierten geht man rein und lässt sich beraten, beim fünften geht man rein, lässt sich beraten und zieht sogar probeweise ein paar Schuhe an. Und spätestens beim sechsten oder siebten Geschäft kauft man sich ein paar neue Holzsandalen oder ähnlich unbrauchbare Fußeisen, da man bei solch großem Angebot zwangsläufig irgendwann einmal das Gefühl bekommt, man besitze zu wenig Schuhe. Aber ich brauche nicht extra zu erwähnen, dass es zudem noch 23 Herrenausstatter und nicht weniger als 54 Bekleidungsgeschäfte für die Dame im WEM gibt. Dazu kommen noch 61 Klamottenläden für Sie und Ihn, 15 Kinderläden, 35 Gesundheits- und Pflegeschuppen, gerade einmal 5 Warenhäuser (in denen es den aufgezählten Kram gleich noch mal gibt) und nur zwei Tiergeschäfte. Ich weiß auch nicht, warum das Kleinvieh so schlecht abschneidet, aber wahrscheinlich geben die Leute schon zu viel Geld für Schuhe aus, als dass sie noch das nötige Kleingeld für eine sprechende Wasserschildkröte oder einen singenden Pudel übrig hätten. Ich scherze natürlich. In der WEM geht niemandem das Geld aus, schließlich kann man sich an 24 Stellen mit frischen Scheinchen eindecken. Aber eins steht fest, ich war schon wesentlich öfter drauf und dran, für größeren Mist viel mehr Geld auszugeben. Bei so vielen Läden bleibt es aber dennoch nicht aus, dass es auch Dinge gibt, dessen Besitz man durchaus als absolut unnötig, wenn nicht sogar als hirnrissig bezeichnen könnte. Doch im Großen und Ganzen bleiben die geschmacklosen Artikel weit unter der Zumutbarkeitsgrenze und immerhin gibt es genügend Toiletten und Müllbehälter, in denen man sich der Fehleinkäufe entledigen kann. Es hat ja genug Nachschub. Wir (hauptsächlich Britta) genießen den Tag in der weltgrößten Shopping-Mal in vollen Zügen und haben nach wenigen Stunden selbst die Hände voller bunter Tüten. Wir liefen jede Passage ab und versuchten zumindest jeden Laden von außen zu besichtigen. Inmitten der WEM schwimmt ein Seeräuberschiff und ein Unterseeboot fährt durch die Tiefen des künstlichen Wasserbeckens. Spätestens beim sogenannten Europa Boulevard lässt Las Vegas grüßen, denn ganz so weit ist man ja vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht entfernt. Britta und ich schauen uns zuguterletzt The Mummy returns (Mumie 2) in einem der vielen Kinos an und müssen abschließend feststellen, dass die Nordamerikaner zwei Dinge wirklich perfekt beherrschen: das Shoppen und das Filmemachen.
Edmonton selbst bleibt uns verschlossen und verriegelt. Es ist einfach zu viel los auf den Straßen und wir haben einfach nicht genug Energie, uns einen zweiten Tag in diesen Tumult zu stürzen. Schließlich sind wir so viele Menschen auf einem Haufen nicht mehr gewohnt.

bilder/yellowhead/EdmontonWEMDeepSeeAdventure.jpg
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09. Juni 2001
Karte Alberta
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Fotoalbum Yellowhead
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12. Juni 2001 - Elk Island NP

Wir stehen amAstotin Lake und lassen uns den milden Wind um die Ohren blasen, blicken hinaus auf das Wasser und beobachten die Enten, wie sie sich zanken und gegenseitig unter Wasser drücken. Im See schwimmen vereinzelte Inseln mit dichtem Fichtenbewuchs darauf, jede ein Oase mitten im unwägbaren Nass, für uns unerreichbar. Wir gehen den Steg, der um das Schilf führt und beobachten das braune seichte Wasser am Ufer, in dem sich tausendfach Leben regt, was man allerdings nur erblickt, wenn man die Geduld aufbringt, für längere Zeit in das schmuddelige Wasser zu schauen. Wir entdecken Frösche, die scheinbar gelangweilt und völlig träge im Wasser baumeln und nur gelegentlich irgendwelche Knattergeräusche von sich geben. Wir sehen kleine Fischlein und wurmartige Dinger, die über den morastigen Grund des Sees huschen. Rings um uns herum trällert und zwitschert es in allen Tönen, denn den Vögeln, die ihre Nester im Schutz des Schilfs errichtet haben, sind wir ein Dorn im Auge und das lassen sie uns lauthals wissen.
Am nächsten Tag umkreisen wir den Paul LakeOster Lake und Spruce Island Lake , und können unser Glück gar nicht fassen, als sich die Regenwolken verziehen und die Sonne freigeben. Im grellen Licht wirkt das frische Grün der Espen noch viel intensiver und überall wachsen bunte Blumen. Das Gras, das auf dem Wanderweg wächst, geht uns manchmal bis zu den Knien. Die Natur sprießt mit allen Kräften, die ihr zur Verfügung stehen. Im Dickicht entdecken wir ein Bisonpärchen, das uns misstrauisch beäugt. Und wir selbst dienen als Anschauungsobjekt dutzender bremsenartiger Insekten, die uns um die Köpfe schwirren, bis sie urplötzlich wieder verschwunden sind. Der Weg führt mal durch Espenhaine, mal über riesige Grasweiden, auf denen man den Kuhfladen, oder besser Bisonfladen, gekonnt ausweichen muss. Hier ist es friedlich und still, bis auf das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes. Und auf der Rückfahrt zu unserem improvisierten Lager auf dem nahegelegenen Campground kreuzen wir den Weg zweier Elche, die gemeinsam über die Straße des Parks eilen wollten. Erschrocken laufen sie in zwei verschiedene Richtungen davon, nicht ohne sich davon zu überzeugen, wer sie beim Überqueren der Straße gestört hat. Ich bin beruhigt, dass wir als Menschen mit unserem unförmigen Camper noch dazu in der Lage sind, Elche zu erschrecken. Beweist das letztendlich nur, dass die Elche vor uns und unserem Fahrzeug noch Angst haben, was ich als durchaus natürlich bezeichnen würde. Hier ist die (kleine Park-) Welt noch in Ordnung. Und mit einem Mal wird mir schmerzlich bewusst, dass diese Welt zu unserem Alltag geworden ist und dass wir uns schon sehr bald wieder in einer anderen Welt zurechtfinden müssen. Wir sind fast kontinuierlich draußen und verbringen einen Großteil unsere Zeit in der Wildnis. Wir streifen durch Wälder, durchforsten Gebirge und schlendern an Seeufern entlang. Wir erleben Natur hautnah, wir leben in und mit der Natur. Was aber wird, wenn wir wieder zuhause sind? Wenn wir wieder unseren Verpflichtungen nachgehen müssen und der Tag mit Terminen, Verabredungen und irgendwelchen Dingen ausgefüllt ist, von denen sich fast nichts in freier Natur abspielt? Was passiert mit uns, wenn wir nach Hause kommen und wir wieder in ein organisiertes Leben eintauchen, in dem die Pausen geregelt, die Wege vorgeschrieben und keine Zeit für Ausschweife in die Natur bleibt? Was ist, wenn wir zuhause einfach nicht genug Natur vorfinden können? Hier sitze ich nun, lausche dem Regen, der auf unsere Kabine fällt, erlebe den Regen so hautnah, wie ich ihn das ganze vergangene Jahr erlebt habe und ängstige mich das erste Mal vor dem nach Hause kommen. Werde ich noch die Muße und die Zeit aufbringen, Tagebuch zu schreiben? Ist es überhaupt sinnvoll? Ich freue mich einerseits unglaublich auf Zuhause, andererseits glaube ich, dass ich mich auch wieder sehr schnell nach Orten wie diesen sehnen werde, nach dem Elk Island National Park.

bilder/yellowhead/ElkIslandNPShirleyLakeTrailTuempel.jpg
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09. Juni 2001
Karte Alberta
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Fotoalbum Yellowhead
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14. Juni 2001 - Riding Mountain NP

Riding Mountain hat etwas urtypisch Kanadisches. Die Wälder, die unglaublich saftig grünen Weiden, aber vor allem die dunklen, von Gras eingerahmten Seen und Tümpel, auf denen sich das Wasser kräuselt und in dem wahrscheinlich unzählige Kleinstlebewesen ihr Dasein fristen. Der Wald ist dicht und scheint undurchdringbar, und doch steht plötzlich wie aus dem Nichts ein 2 Meter großer Elch am Straßenrand und beäugt uns misstrauisch. Scheu und sehr gelenk springt er in den Wald zurück und so plötzlich, wie er aufgetaucht war, ist er auch wieder verschwunden. Er bleibt nicht das einzige Exemplar, was wir zu Gesicht bekommen. Noch drei weitere Elche kreuzen die etwa 60 km lange Parkstraße, wovon einer nicht älter als wenige Wochen sein konnte. Dieses Tier passt in diese Landschaft wie kein anderes und für einen kurzen Moment muss ich zwangsläufig an die vielen Ölgemälde denken, auf denen ein wilder Elch mit ausladendem Geweih in seichtem Wasser eines dunklen Sees vor dem Hintergrund eines dichten, dunklen Walds steht. Hier scheinen alle diese Impressionen herzustammen. Es ist ein schöner Park, der sich uns allerdings von seiner unschönen Seite zeigt. Wir wären gerne hier einen der langen Wanderpfade durch das Hinterland gegangen, doch schon bei unserer Ankunft wurde uns klar, dass das nicht unter drei Wochen Schnupfen und Halsweh abgegangen wäre, da es in Strömen regnete. Zudem blies ein hässlicher Wind, der die feuchte Luft auch noch in die letzte Ritze der Regenkleidung drückte. Und abermals ist der Eindruck gefärbt von den äußeren Umständen. Elche hin oder her, hier hielten uns keine zehn Elche länger auf als nötig. Denn in der Kabine auf besseres Wetter zu warten, schien uns gerade zu diesem Moment unerträglich zu sein.
Doch trotzdem war es ein ganz besonderer Tag, denn Britta und ich feierten an diesem Tag unseren fünften Hochzeitstag. Wir sind uns durchaus bewusst, dass uns viele belächeln würden, doch auch ein nicht geringer Teil könnte sich ein Scheibchen von uns abschneiden, wenn sie nicht schon längst an Gut und Böse vorbeigerauscht sind. Aber es gibt noch einen Grund, warum ich so stolz auf unseren fünften Hochzeitstag bin. Britta und ich stellten zu Beginn der Reise keine zu hohe Anforderung an die Partnerschaft und wir räumten uns gegenseitig ein, die Reise aufgrund unabdingbarer Unstimmigkeiten abzubrechen, ohne dass wir das als Scheitern unserer Ehe angesehen hätten. Schließlich sind die Bedingungen, unter der wir unsere Beziehung hier in Nordamerika auf die Probe gestellt haben, nicht gerade alltäglich und alles andere als einfach. Wenn man bedenkt, dass wir im Schnitt die vierfache Zeit (Schlafen ausgenommen) eines gewöhnlichen Paares miteinander verbringen, so haben wir in unserem Jahr durch Amerika eigentlich die Leistung von vier Jahren vollbracht. Also könnten wir auch den achten Hochzeitstag feiern. So oder anders herum, es ist in meinen Augen eine stolze Leistung von uns Beiden und ich bin froh, dass wir nicht wegen irgendwelcher Unstimmigkeiten abbrechen mussten. Dieses Erlebnis von der partnerschaftlichen Seite aus gesehen, hat mich auch so viel über Beziehungen im Allgemeinen gelehrt, dass ich über viele Menschen zuhause heute etwas anders denke. Ich war hier in unseren zweieinhalb Quadratmetern so oft gezwungen, mich in die Haut meines Gegenüber hineinzuversetzen, dass ich diese Überlegung schon fast automatisch anstelle, wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt. Doch entscheidend bleibt, dass Britta und ich nur beziehungsfähig geblieben sind, weil wir uns geachtet und trotzdem nicht zu ernst genommen haben. Und etwas, was wir natürlich nicht außer Acht lassen dürfen ist die Tatsache, dass wir Beide genauso verrückt sind. Ich bin froh, dass ich es so gut getroffen habe und stolz wie Oskar.

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Karte Manitoba
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16. Juni 2001 - Spruce Woods PP

Unverhoffter Dinge schien heute morgen die Sonne und schon sah die Welt wieder ganz anders aus. Wir nutzten die Gelegenheit und machten auf dem Assiniboine River eine Kanufahrt. Randy, der freundliche Betreiber des Kanuverleihs und Mädchen für alles, war froh, endlich mal wieder Deutsche zu sehen, denn er konnte uns stolz erzählen, dass sein Neffe ein Mädchen aus Bremerhaven geheiratet hat und dort auch lebt. Tolle Geschichte. Er selbst kassiert die zwanzig Dollar für die kurze Tour (2 Std.) aus einem vergammelten Wohnwagen heraus und fährt seine Kunden dann mit einem alten Schulbus, an dem ein mit Kanus überladener Anhänger angekoppelt ist, den Assiniboine River entlang und schmeißt die Leute je nach bezahltem Betrag früher oder später aus dem Bus heraus, hilft ihnen noch das Kanu ins Wasser zu lassen und verabschiedet sie mit der Bemerkung, sie sollten nicht so schnell paddeln, sonst wären sie noch vor ihm zurück am Ausgangspunkt. Doch bevor das Ganze über die Bühne ging, haben wir uns schön von Moskitos verstechen lassen. Und wir dachten, wir blieben von ihnen verschont, doch zu sehr bietet sich diese Landschaft mit seinen Tümpeln und Pfützen an, um eine gewaltige Mückenbrut hervorzubringen. Doch wer schon einmal in Amerika unterwegs war, der weiß das Mittel "OFF Woods" zu schätzen, das zwar Moskitos abhält, aber auch so manches T-Shirt ausbleicht oder Nagellack ablöst und gerät das Zeug einmal in den Augen, kann man sich gleich von seinem Augenlicht verabschieden. Wir saßen also zum wiederholten Male in einem Kanu und sahen so die Welt wieder aus einer anderen Perspektive. Gerade in einem zügig fließenden Fluss kommt es einem vor, als würde die Natur an einem vorbei gezogen werden. Man lässt sich von der Strömung treiben und beobachtet die Ufer und ihre Bewohner. Es ist wesentlich entspannender als zu wandern, wird dafür aber auch wesentlich schneller langweilig. Uns haben die zwei Stunden auf dem Fluss auf jeden Fall gereicht, zumal das Revier (wie es der Naturfreund so gerne ausdrückt) nicht gerade besonders reizvoll ist.
Doch damit nicht genug. In einem Provincial Park wie diesem, in dem es der Freizeitbeschäftigungen vieler gibt, kann man sich so richtig austoben. Uns standen nach der Kanufahrt noch die Kutschfahrt in die angrenzenden Sanddünen zur Auswahl oder einer der vielen Wanderwege, Minigolf, Shopping, Spielen (auf dem Spielplatz) oder einfach nur am Platz sitzen und relaxen. Unsere Entscheidung fiel heute ausnahmsweise mal unterschiedlich aus. Während Britta es vorzog zu relaxen, machte ich eine kleine Wandertour. Aber unabhängig davon sind diese Provincial Parks, wie die State Parks auf amerikanischer Seite, eine Oase für die Familie. Wir wären froh, es gäbe mehr solcher Einrichtungen  in Deutschland. Und wenn es sie mal gibt, dann verkommen sie schnell zu Müllhalden, da sie aus Personalmangel nicht richtig gepflegt werden können und viele ihren Müll einfach stehen und liegen lassen. So kostet hier jeder Park meistens eine kleine Eintrittsgebühr und es sind immer genügend Menschen vor Ort, die sich um die richtige Nutzung der Anlagen kümmern. Jugendliche dürfen in staatlichen Parks nicht ohne Aufsichtspersonen abhängen und an Alkoholkonsum ist gar nicht erst zu denken. Das macht ja gar keinen Spaß, klar. Aber das schafft Platz für die vielen Familien, die mit ihren Kleinkindern ein ruhiges Wochenende verbringen wollen, ohne Angst haben zu müssen, ihr Kleines läuft auf Glasscherben herum oder wird von hirnlosen, pubertären Kraftfahrern über den Haufen gefahren. Gerade gestern haben sie im Radio die Meldung gebracht, dass ein sechzehnjähriger junger Mann ein neunjähriges Kind überfahren hat, das dabei leider ums Leben kam. Die Polizei gab dazu die Stellungnahme ab, dass wahrscheinlich beide nicht alt genug gewesen sind, um von ausreichenden Erfahrungen im Straßenverkehr zu profitieren und deshalb beide falsch reagiert hätten. Tja, das hätte ich denen auch vorher sagen können. Da versuchen sie ihre Kinder mit aller Gewalt und den schlimmsten Androhungen von Alkohol jeglicher Art fernzuhalten, obwohl die Jungs und Mädels schon längst auf schärferem Zeug drauf sind und lassen sie aber gleichzeitig mit 16 (manchmal noch früher) hinter einem 250 PS starken Pick-Up Truck Platz nehmen, mit Ausmaßen, die unseren europäischen Lastkraftwagen ähneln, oder sie gehen mit ihnen auf die Jagd und zeigen ihnen, wie man ein richtiger Kerl wird, eine Schusswaffe durchlädt und dabei Milch aus der Tüte trinkt. Ich weiß ja nicht?! Im Provincial Park lautet das Signal jedenfalls ganz klar, entweder die Jugendlichen können sich in das System einfügen, oder sie fliegen raus. Und dabei sind weder die Kanadier und schon gar nicht die Amerikaner besonders zimperlich. Wir schätzen das vorhandene Parksystem auf jeden Fall sehr, bietet es gerade für uns Camper die größtmögliche Sicherheit in beispielloser Umgebung. Und Alkohol trinken wir sowieso nicht.

bilder/yellowhead/SpruceWoodsPPParkbaeume.jpg
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Zum Reiseverlauf 15. Juni 2001
15. Juni 2001
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20.-22. Juni 2001 - Cromwell

Roger fährt mit mir durch hohes Gras auf diesem vierrädrigem Motorrad, was sie als ATV (all-terrain-vehicle) oder auch Fourwheeler bezeichnen, weil es Vierradantrieb hat und überall hinkommt. Hier läuft niemand mehr als unbedingt nötig. Doch es wäre auch nicht ganz einfach, mir das ganze Land der Familie zu zeigen, wenn wir uns zu Fuß fortbewegen würden, denn es scheint kein Ende zu nehmen. Immer wieder zeigt Roger in die Ferne und ruft laut über seine Schulter hinweg, um das Motorengeräusch zu übertönen, dass dieses Stück Land entweder ihm selbst oder einem aus der Familie gehört. Es ist mir unbegreiflich, dass man so viel Land besitzen kann, wo doch die Harps alles andere als reich sind und kaum als Landwirte zu bezeichnen wären. Doch hier draußen in Minnesota, in einem Zweihundertseelendorf namens Cromwell, hat alles eine andere Dimension. Wir sind umgeben von dermaßen viel Land, dass es einen kaum noch wundert, dass hier jeder einen ganzen Acker als Garten bezeichnet und die drumherum liegenden Wälder und unter Umständen auch Seen sein Eigen nennen darf. Auch das Haus der Harps liegt malerisch an einem kleinen See gelegen. Der kurz geschorene Rasen, auf dem prachtvolle Bäume stehen, geht in Schilf über und ein kleiner Steg führt hinaus auf das ruhige Wasser. Es ist einfach ein Traumhaus. Nicht weil es wunderschön gebaut und eingerichtet ist, sondern weil es an einem Ort steht, den Britta und ich als perfekt bezeichnen würden. Immer wieder beobachten wir, dass eine Ente mit ihren Küken aus dem Schilf gewatschelt kommt, um auf dem Rasen nach Fressbarem zu suchen. Es ist ein absolut friedlicher Ort, an dem man kein Interesse für die Außenwelt entwickelt. Hier lebt man in seiner Welt, zahlt Steuern und tut ansonsten das, was man seit Jahren auch schon getan hat. Man arbeitet auf dem Feld, in der 40 Meilen entfernten Papierfabrik, oder hat sein eigenes Bauunternehmen, trinkt nach der Arbeit bei Diane ein paar Bier, in ihrem Laden, der einerseits als Getränkehandel dient, andererseits als Kneipe fungiert, in einer Einmaligkeit, wie es sie nur auf dem amerikanischen Land zu entdecken gibt. Abends sitzt man dann mit der Familie zusammen, denn hier lebt die ganze Familie im gleichen Ort. Die Schwestern und Brüder haben nebenan ein Haus, die Kinder und deren Kinder verteilen sich auf einen Umkreis von 10 Meilen um Cromwell und selbst die Eltern der angeheirateten Frauen und Männer haben sich ebenfalls hier niedergelassen. Die ganze Sippschaft wohnt hier zusammen und hilft sich gegenseitig aus. Hier draußen kümmert es die wenigsten, was in Washington passiert und alles darüber hinaus, wie zum Beispiel Europa, liegt dermaßen weit weg, dass kaum jemand daran einen Gedanken verschwendet. Ein bisschen kann ich das verstehen. Man entwickelt kein richtiges Gefühl für sein Land, wenn man sich dieser Ausmaße bewusst ist. Es stehen zu viele Bäume zwischen hier und Washington und zu viele Berge zwischen hier und Kalifornien. Und die Meisten im Land haben nicht mehr als eine handvoll Staaten mit eigenen Augen gesehen, wenn überhaupt. Mich wundert dabei immer nur, wie sich dann solch ein Nationalstolz entwickeln kann, wenn die meisten Menschen so gut wie nichts über ihr eigenes Land wissen. Ist es einfach die Tatsache, dass ihnen bewusst ist, dass sie eine "große" Nation sind, auch wenn sie sich selbst nie davon überzeugt haben? Die meisten Amerikaner glauben tatsächlich, sie hätten das ultimative Land, das ultimative Leben und jede andere Nation würde mit großen Augen hinüberschauen und sie um die Videospiele, Trinkbecherhalter und Turnschuhe beneiden. Dabei ist Amerika in seiner Kreativität so einfältig, so phantasielos, so maßlos hinterweltlerich, dass wir uns manchmal in die fünfziger Jahre zurück versetzt fühlten. Der überwiegende Teil der Amerikaner lebt in Orten wie Cromwell , einem Ort, den wir Europäer als Endstation bezeichnen würden. Nur ein kleiner Teil der amerikanischen Bevölkerung bastelt am Image der Amerikaner, so wie sie die Welt sehen soll. Doch ich habe nicht einen dieser Vorzeigeamerikaner getroffen. Sie sind eher übergewichtige und verweichlichte Fourwheeldrivers, die mit ihrer Familie zusammen ein Stück Land bewirtschaften oder einen kleinen Lebensmittelladen betreiben. Keine Spur von Weltmännischkeit obwohl doch immer ein bisschen Überheblichkeit durchklingt. Doch im Grunde sind die Amerikaner harmlose und absolut friedliche Gesellen. Nur die Regierung macht aus einer Minderheit immer wieder ein Weltelitetruppe. Wir zumindest begegneten während unserer ganzen Reise ausschließlich zuvorkommenden  Amerikanern, die unseres Erachtens ganz und gar nicht daran interessiert sind, eine Vormachtstellung in der Welt inne zu haben. Da liegt der Verdacht nahe, dass wir - und nicht zuletzt die Deutschen - an solch einer äußerlichen Fassade mitgearbeitet haben und sie vielleicht sogar auf die Amerikaner projezierten, denn uns gelingt es doch immer, den Amerikanern ihre besondere Stellung in der Welt einzureden und ihnen bei Bedarf nachzueifern. Doch in Wirklichkeit sind die Leute Familienmenschen, harmlose Geschöpfe, die sich um ihren eigenen Kram kümmern und nicht im geringsten daran interessiert sind, was andere von ihnen halten. Das macht sie absolut liebenswert. Wie Roger und Ramona. Wir fühlten uns vom ersten Augenblick bei ihnen wie Zuhause. Sie vermittelten uns zu keine Minute auch nur die Spur von Misstrauen und schienen sehr erfreut zu sein, mal etwas von einem anderen Land zu erfahren. Sie haben sich auch fest vorgenommen, nach Deutschland zu kommen, vielleicht in fünf Jahren, wenn Ramonas Nichte Linsy in Rente geht und sie begleiten kann, denn Amerikaner fürchten sich ein wenig im fremdsprachigem Ausland. Ist das nicht süß? Linsy ist Lehrerin und entsprechend weltoffen. Wir werden ja sehen, ob sie uns eines Tages besuchen.
Derweil schaue ich aus unserem Kabinenfenster über den kleinen See, an dem das kleine Haus der Harps steht. In wenigen Wochen werde ich schon wieder 10000 km von hier entfernt sein und mich vielleicht des öfteren nach so viel Platz und so viel Ruhe sehnen. Ich bin froh, diese Leute getroffen zu haben und dass ich sie meine Freunde nennen darf. Hoffentlich sehe ich sie mal wieder.

bilder/minnesota/HarpsHausPanorama.jpg
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24. Juni 2001 - Old Fort William

Als wir durch den Wald stapfen, der uns laut der Anzeigetafel direkt ins Jahr 1815 bringt, stoßen wir plötzlich auf eine Ansiedlung verschieden großer Wigwams, die wir fälschlicherweise als Tipis bezeichnen. Doch der junge Indianer erklärt uns, dass Tipis mit Tierhäuten gemacht werden, hauptsächlich deshalb, damit sie leicht zu demontieren sind, denn sie werden von Völkern benutzt, die als Normaden durchs Land ziehen. Diese Exemplare werden mit Birkenrinde hergestellt und sind einladend groß. Es dauert eine Weile, bis wir verstehen, dass unser Gegenüber tatsächlich im Jahr 1815 lebt und auf Fragen nach seinem Auto oder anderen Bequemlichkeiten des modernen Lebens mit großen Augen reagiert und fragt, was das denn sein soll. Er spielt seine Rolle so ausgezeichnet, dass wir uns selbst nach dem Verlassen des indianischen Lagers immer noch fragen, ob er uns nur was vorspielte, oder ob er nicht wirklich in absoluter Entsagung, von allen modernen Entwicklung verschont, in seinem Dorf lebt und immer noch Handel mit Pelzjägern treibt. Old Fort William ist die perfekte Kopie des original Pelz-Handelspostens aus dem frühen 19. Jahrhundert. Seine Perfektion beruht nicht auf den original erhaltenen Bauten oder der exakten Lage. Hier wurde erst gar nicht versucht, die Leute mit schlecht restaurierten Häusern und auf alt getrimmten Möbeln von dessen Originalität zu überzeugen. Das Fort ist nach der Auswertung hinterlassener Aufzeichnungen komplett nachempfunden, an einer Stelle, an der in besagter Zeit nicht mal ein Fahnenmast stand. Doch die vielen ausschließlich jungen Akteure, die in und um Old William verschiedensten Arbeiten nachgehen, lassen den Ort echter wirken als alle anderen Freilichtmuseen, die wir bisher gesehen haben. Die Akteure tragen die Kleidung der Vergangenheit und laufen einem ständig über den Weg. Manchmal versuchen sie einen zur Arbeit anzuwerben, ein anderes Mal erzählen sie von sich und ihren Problemen und laden dennoch freundlich zum Tee ein. Es wird Brot gebacken, Kanu und Boote gebaut, geschneidert, gefegt, geschnitzt und geschmiedet. Und außer in der Kantine ist nicht ein einziger neuzeitlicher Gegenstand zu entdecken. Da wird die Kuh noch von Hand gemolken und der Teig fürs Brot von Hand geknetet. Es gibt etliche Feuerstellen, aber nicht ein Watt elektrischen Stroms. Und fast jeder Rohstoff wird zu einem nützlichen Gegenstand verarbeitet. Alle beteiligen sich am Zusammenwirken dieser Gemeinde und jeder trägt zum Allgemeinwohl des Forts bei. Doch was mir direkt auffiel, ist die Tatsache, dass die Gemeinschaft auch ohne Fernseher und ohne Plastikflaschen auskommt und trotzdem alles hat, was es braucht. Nicht dass mich die Kenntnis überrascht hätte, doch es hat mich abermals davon überzeugt, dass der Verzicht auf Dinge des modernen Lebens ein Gewinn für das eigene Leben sein kann. So haben Britta und ich auch ein Jahr ohne Fernseher verbracht und müssen im Nachhinein feststellen, dass es eine Bereicherung für unser gemeinsames Leben war. Wir haben uns noch nie so ausgiebig über alles unterhalten und ich habe noch nie so intensiv meine Umwelt wahrgenommen. Aber es sind auch die kleineren Dinge wie der selbstgeschnitzte Kochlöffel oder das selbstgebastelte Kinderspielzeug. Unsere Welt ist angereichert mit dermaßen vielen Dingen, die kein Mensch braucht, dass einem der Blick für die sinnvollen Gegenstände vollends abhanden gekommen ist. Wir werden den ganzen Tag mit Werbung beschossen, die uns  glauben machen will, dass wir ohne die angebotene Sache einfach nicht mehr leben können. Dabei ist der Großteil entweder absolut ohne nachgewiesenen Nutzen oder man besitzt schon ein derartiges Ding. Man sollte sich des öfteren mal diese Fragen stellen: Brauche ich dieses Ding und besitze ich schon ein solches Ding oder etwas, was zumindest den gleichen Sinn erfüllt? Wenn man beide Fragen mit Nein beantworten kann, braucht man sich getrost nicht mehr um die Werbung zu kümmern. Ich will nicht sagen, dass das Sammeln von Schallplatten sinnlos wäre oder gar ein größerer Topf besserer Qualität keinen Nutzen hätte. Doch wer sich in seiner nächsten Umgebung einmal umschaut und nicht mindestens zehn Artikel benennen kann, die keinen Nutzen haben oder doppelt vorhanden sind, der steht entweder nur unter geringem Einfluss der Werbung oder der lügt sich selbst in die Tasche. Ich war zumindest sehr davon beeindruckt, wie sinnvoll und ausgefüllt das Leben auch ohne technischen Schnick-Schnack sein kann und wie froh ich bin, durch unsere Tour eine ähnliche Erfahrung gemacht zu haben.
Wenn ich das jetzt alles noch mal so lese, dann klingt das schon ganz schön geschwollen. Doch es hilft einfach nichts. Wir sind weit entfernt von einem sinnvollen und ausgeglichenem Leben, wenn wir uns weiter mit Fernsehsendungen begnügen, in denen sich irgendwelche Typen in Container einsperren lassen und danach als Musiker versuchen, oder wenn wir weiter glaubten, unser Ansehen würde sich mit noch mehr angehäuftem Schund verbessern.

bilder/OntarioLakeOntario/OldFortWilliamPanorama.jpg
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25. Juni 2001 - Sleeping Giant Provincial Park

Es ist angenehm warm und entgegen den übrigen Waldgebieten in Teilen Ontarios und ganz Nord-Minnesotas tragen hier die Laubbäume noch ihre ganze Blätterpracht. Zu Anfang dachten wir, der Sommer wäre unmerklich an uns vorbei gegangen und das Laub wäre schon von den Bäumen gefallen. In Minnesota empfing uns ein kahler Wald, der sich über hunderte Kilometer erstreckte. Und auch hier in Ontario sah man immer wieder ganze Waldregionen, in denen kein einziges Blatt mehr an den Ästen hing. Alle Bäume strecken ihre kahlen Äste zum Himmel und es herrscht zumindest optisch tiefster Winter. Doch dafür hat die Straße Flecken, grau-grüne Flecken, als hätten die Straßenbauer eine gescheckte oder gepunktete Asphaltoberfläche schöner gefunden. Auf den Raststätten hat sich die Farbe der ansonsten braunen Bänke ebenfalls in eine grau-grüne Masse verwandelt, die sich zu unserer Überraschung auch noch bewegt. Und wenn man näher hinschaut, dann erkennt man hunderte, was sage ich, abertausende Raupen, die fast jedes freie Plätzchen auf der Bank bedecken. Und genau diese Raupe ist für den Kahlfraß in Nordamerika verantwortlich. Wir konnten das anfangs gar nicht glauben. Hier gibt es ganze Wälder, ja ganze Countys und fast ganze Staaten, deren Laubbäume keine Blätter mehr tragen. Das Gebiet ist so groß, dass davon etliche Milliarden Bäume betroffen sein müssen. Wie viele Raupen muss es dann erst geben? Eine Raupe, die sich ein paar Wochen durch dick und dünn frisst, sich dann verpuppt, um dann als Motte zwei Tage um Straßenlaternen herum zu fliegen, bevor sie sang- und klanglos von der Bildfläche verschwindet. Eine recht vielfräßige und kurzlebige Existenz, die halb Kanada und Teile der USA in ein trostloses, blattloses Schlachtfeld verwandelt hat. Doch des Insektenwahns nicht genug, hat sich die Evolution einen Trick ausgedacht, um die Population der gefräßigen Raupen zumindest für das kommende Jahr drastisch einzudämmen. Nach dem Raupeninferno kommen wie aus dem Nichts fast ebenso viele behaarte Riesenfliegen (mit roten Augen), die unentwegt irgendwo rumschwirren und lästig auf jeder freien Körperpartie landen. Zudem sind sie auch noch verdammt schnell und kaum zu erwischen. Doch hat man mal das Glück, dann gibt das eine Riesensauerei. Doch diese Viehcher fressen mit Vorliebe die Eier der schon längst vergessenen Raupen und verhindern damit, dass die Bäume im nächsten Jahr schon wieder kahlgefressen werden, was sie unweigerlich umbringen würde. Doch dank Mutter Natur gibt es für jedes Individuum mal einen reichlich gedeckten Tisch, bevor wieder Normalität eintritt. Den Einheimischen nach ist das ein ewiger Kreislauf und spätestens in sieben Jahren fressen sich wieder die grau-grünen Raupen durch das gesamte Blattwerk des Nordens.
Wir hingegen haben Glück und streifen durch das dichte Grün der Sibley Halbinsel , immer am Südufer entlang. Auch die Moskitos weichen artig vor unserem aggressiven Mückenzeug (OFF!) zurück und wir werden somit von lästigen Insekten mit Ausnahme der Riesenfliegen verschont. Rechts neben uns taucht von Zeit zur Zeit immer wieder der Lake Superior auf, der sich von einem Meer kaum unterscheidet. Wir haben unsere heutige Wanderroute nach der Länge der Strecke ausgesucht, da wir ebenfalls heute noch ein paar Kilometer im Auto hinter uns bringen wollen. Deshalb haben wir vom Sleeping Giant - ein riesiger Fels, der die Spitze der Sibley Halbinsel bildet und der Legende nach ein versteinerter Indianergott ist, der nach einem Verrat durch einen seiner untergebenen Indianer das Volk dem Untergang weihte und selbst zu Stein erstarrte - dem Namensgeber des Provincial Parks nichts gesehen. Doch wenn ich noch vor einem Jahr das Wort Park gehört hätte, dann hätte ich unweigerlich an einen Stadtpark mit hohen Bäumen und einer Rollschuhbahn gedacht. Doch die kanadischen Parks haben damit aber auch rein gar nichts mehr zu tun. Ein kanadischer Provincial Park ist fast immer eine riesige Wildnis, in der man sich nicht nur verlaufen kann, sondern mit etwas Ungeschick auch für immer verschollen bleibt. Jedesmal, wenn wir in diesen Parks eine Wahl treffen müssen, welchen Weg wir nun bestreiten, blutet mir das Wanderherz, da wir meistens nur einen winzigen Teil der Wildnis erkundschaften können. Ich kaufe mir immer wieder die Wanderkarten, um mit Entsetzen festzustellen, dass das von uns gesehene Gebiet gerade mal einen winzigen Fleck auf der Karte ausmacht. Nur zu gerne würde ich hier für Wochen im Park umherlaufen und jeden Tag eine andere Expedition starten. Wenn ich heute noch mal einen Kurzurlaub in Kanada machen würde, dann würde ich mir nur einen einzigen Provincial Park aussuchen, das Kanu aufs Dach spannen, und mir in vierzehn Tagen den gesamten Park anschauen. Doch wir können es ja das nächste Mal so machen. 

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28. Juni 2001 - Noch zehn Tage

Noch 10 Tage und am elften Tag werden wir dieses Land verlassen. Also haben wir noch zehn Tage Urlaub. Kaum zu fassen. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als wir gerade mal zehn Tage unterwegs waren, als alles noch so neu war und wir selbst noch enthusiastisch. Es lag eine ewige Zeit vor uns, die wir nicht wirklich abschätzen konnten. Eine Zeit voller Abenteuer, voller wunderschöner Erlebnisse. Und auch wenn ich wusste, dass dieses Erlebnis irgendwann einmal vorbei sein würde, lag das Ende doch immer so weit entfernt wie der nächste Sommerurlaub. Ich erinnere mich noch an die Abende, an denen Britta und ich im Bett lagen und die Landkarte Amerikas an unserer Decke musterten. Da gab es noch so unendlich viel Land, das wir noch nicht gesehen hatten und das noch so unvorstellbar weit entfernt lag. Zu keinem Zeitpunkt der Reise konnten wir uns vorstellen, all diese Orte wirklich zu sehen, von denen wir jetzt ein Foto in unserem Album haben. Zu keinem Zeitpunkt konnten wir uns vorstellen, was es bedeuten würde, knapp 40000 km durch ein Land zu reisen. Wir konnten die Dimensionen nicht abschätzen und wir wussten absolut nicht, was uns diese Zeit alles bringen würde. Jetzt bewegen wir uns auf das Ende zu und können wieder nicht abschätzen, was das zu bedeuten hat. Wir wissen nicht, was uns die Zukunft bringen wird. Wir haben keine Ahnung, ob wir uns wieder wie vorher in die Gesellschaft eingliedern können. Wir haben keinen blassen Schimmer, wie sich diese Zeit in Nordamerika auf unser zukünftiges Leben auswirken wird. Was haben wir damit erreicht? Was haben wir damit verändert? Haben wir uns vielleicht verändert? Ich freue mich unglaublich auf zu Hause und andererseits habe ich auch Angst. Ich fürchte mich vor dem Augenblick, an dem mir bewusst wird, das alles vorbei ist, das es kein Zurück mehr gibt und dass ich es vielleicht vermissen könnte. Ich fürchte mich vor der Erkenntnis, dass etwas Einmaliges zu ende gegangen ist und dass es nicht mehr zurück geholt werden kann. Klar, wir können immer wieder nach Nordamerika reisen, doch es wird nie mehr so sein wie es beim ersten Mal war. Ein Teil von mir will heim, ein anderer Teil will bleiben. So ist es wohl immer im Leben. 

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01. Juli 2001 - Toronto

Es ist seltsam. Einerseits fühle ich mich total abgestoßen von großen Städten und andererseits ziehen sie mich magisch an. Einer Stadt wie Toronto mit fast zweieinhalb Millionen (2.226.000) Einwohnern haftete immer etwas Widersprüchliches an. Diese Metropolen der Welt sind gleichzeitig die Armensiedlungen ganzer Nationen. In ihnen wird eine Unmenge Geld umgeschlagen, doch die großen Profite kassieren nur wenige hundert Menschen. Ihr Kern strahlt meistens in Marmor und Glas und die Außenbezirke versinken in Müll und Morast. Toronto ist da nicht anders und doch schlägt sein Puls einen anderen Rhythmus als New York, San Francisco oder Chicago. Es sind die Menschen, die eine Stadt mit Leben erfüllen und diese Menschen sind Kanadier: stolz auf ihr Land, ohne überheblich zu sein, freundlich, ohne aufdringlich oder gar oberflächlich zu wirken. Es sind kanadische Ideen, die diese Stadt verschönern, niveauvolle kanadische Artikel, die man als Auslagen in den Geschäften sieht. Und trotzdem. Würde man mich mitten in die Stadt bringen, umgeben von Hochhäusern und lärmenden Autoverkehr, dann wüsste ich wahrscheinlich nicht, ob ich mich in New York oder Toronto befände. Ich bin fasziniert von den vielen Dingen, die man hier kaufen kann. Alles ist so bunt und schön anzusehen, doch nur das Wenigste hat wirklich einen Nutzen. Doch darum geht es ja auch nicht. Sind denn nicht die meisten Dinge dafür da, um uns das Leben zu verschönern, egal ob sie jetzt klingeln, den Körper schmücken oder sich in der Wohnung ganz gut machen? Ja und genau danach ist das Leben in einer Großstadt wie Toronto ausgerichtet. Die Stadt dreht sich um ihre eigene Achse und erfindet sich jeden Tag neu.
Als wir auf Toronto Island spazieren gingen und die Stadt aus der Ferne betrachteten, sah man den CN Tower (weltgrößter Turm) über die Skyline Torontos ragen und davor kräuselten sich die Wellen des Lake Ontarios, ein Bild, das einem den Atem nehmen kann. Doch noch berauschender ist die Fahrt hinauf auf den Turm - auch wenn wir uns am Canadaday den Aufzug mit vielen Kanadiern teilen mussten - eine Reise hinter gläsernen Scheiben. Nur selten hat man die Gelegenheit, sich in solch einem Tempo von der Erde zu entfernen und kann dabei zuschauen, wie sich der Horizont immer weiter wölbt. Der Blick von oben ist natürlich genial und verschafft einem das erste Mal überhaupt einen Eindruck davon, wie dicht besiedelt dieser Teil Kanadas ist. Kaum vorzustellen, dass wenige hundert Kilometer nördlich kaum noch jemand wohnt. Aber auch schon gerade mal eins bis zwei Kilometer weiter südlich, auf den Toronto Islands , ist es fast so ruhig wie auf einer einsamen Südseeinsel und ebenso romantisch. Die Parkanlagen sind ein Traum für Erholungssuchende und die kleinen Wochenendhäuschen mit Blick auf die Skyline Torontos sind Juwelen in einer eh unbezahlbaren Welt. Man ist der Innenstadt so nah und doch kommt nichts von der Hektik des Festlandes auf die Insel herüber. Vielleicht liegt es daran, weil keine Autos auf Toronto Island erlaubt sind. An der von der Stadt abgewandten Seite der Insel überblickt man den gesamten Lake Ontario, dessen gegenüberliegendes Ufer nicht auszumachen ist. Er ist zwar nur ein Winzling im Vergleich zu Lake Superior , doch er würde dennoch in Europa unseren heimischen Meeren Konkurrenz machen. Und die frische Luft des großen Gewässers wird immer wieder aufs Neue durch die geraden Straßen Torontos geblasen, was das Klima trotz einer enormen Luftbelastung fast immer annehmbar macht. Stetiger Wind versorgt die Straßen mit neuem Sauerstoff. Das sind Vorteile, die Städte wie Chicago, San Francisco und auch New York für sich verbuchen können, auch wenn in Manhatten manchmal der Wind nur als Walze für die heiße und dreckige Luft dient. Toronto ist und bleibt eine verführerische Großstadt, in der ich selbst nie leben möchte.

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04. Juli 2001 - Independence Day

Es regnet. Aber es stört uns nicht im geringesten. Ein Gewitter ist aufgekommen, obwohl es heute morgen noch nach einem wunderschönen Tag ausgesehen hat. Es ist der 04. Juli 2001, Independence day, Amerikas wichtigster Feiertag. Wir für unseren Teil demonstrieren heute wahrscheinlich das letzte Mal völlige Unabhängigkeit und haben beschlossen, einfach noch einen Tag länger im Patterson State Park zu verweilen. Wir verbringen das letzte Mal auf unserer Reise den ganzen Tag mit rein gar nichts. Hier klingelt kein Telefon, hier kommt niemand vorbei, hier gibt es kein Fernsehen, hier spielen keine Kinder, hier fahren nur wenige Autos auf der nahegelegenen Straße entlang - hier verstreicht einfach nur die Zeit. Das hört sich eigentlich totlangweilig an und das kann es auch sein. Doch zu sehr ist Britta und mir bewusst, dass schon in der nächsten Woche alles anders sein wird. Wir sind wieder für jeden erreichbar, sind den ständigen Unterhaltungen des modernen Lebens ausgesetzt und verbringen wohl nur noch einen Bruchteil des Tages wirklich gemeinsam. Wir freuen uns schon wieder auf diese Änderung, doch wir genießen auch zum letzten Mal unsere ungestörte Unabhängigkeit von allem und jedem. Wer weiß, wann wir wieder einmal so in unserer Kabine sitzen, dem Regen lauschen, der auf unser Dach fällt und dabei genüsslich eine Tasse Kaffee trinken. Viel zu sagen haben wir nicht mehr - es ist alles gesagt. Jetzt geht es nur noch vorüber.
Und wenn wir während unserer Reise zu richtigen Amerikanern geworden wären, dann ständen wir jetzt am Straßenrand und jubelten der vorbeiziehenden Parade zu. Oder wir lägen uns mit unseren Nachbarn in den Armen und sängen christliche Lieder mit Herzschmerz und viel Tränenfluss. Oder wir hätten die Stars 'n Strips gehisst, denn Independence day ist auch gleichzeitig Flag day (Flaggentag), an dem Einigkeit demonstriert wird. "Wir stehen zusammen für Recht und Freiheit. Wir sind ein freies Land unter Gottes Augen. Jesus, wir lieben Dich." Und dabei hört sich das so sehr nach unserer deutschen Hymne an: Einigkeit, Recht und Freiheit. Unserem Volk würde ein bisschen mehr Einigkeit gut zu Gesicht stehen. Etwas mehr Stolz könnte es auch vertragen. Leider fühle ich mich schmerzlich daran erinnert, dass ein großer Politiker - nämlich kein anderer als unser Bundespräsident Johannes Rau - mal gesagt hat, er sei nicht stolz, ein Deutscher zu sein, aber die Deuschen hätten Großes geleistet und darauf sei er stolz. Warum ist er denn nicht stolz, Deutscher zu sein? Wäre er denn lieber Amerikaner? Ich für meinen Teil bin stolz, Deutscher zu sein. Ich bin stolz auf mein wunderschönes Land und stolz auf die Tatsache, dass ich als Deutscher zu einem Volk gehöre, dem es im Vergleich zu anderen Nationen relativ gut geht. Unsere Flagge ist zwar nicht gerade ein Renner, doch wenn ich es mir recht überlege, würde ich auch eine deutsche Flagge aus meinem Fenster hängen, an einem Festtag wie zum Beispiel dem Tag der Deutschen Einheit. Uns fehlt seit langem das Selbstbewusstsein, Patriotismus zu empfinden und ihn auch zu zeigen. In ganz Europa hält man die Fahnen hoch, ob es die Franzosen, die Engländer oder die Italiener sind. Niemand schämt sich für seine Nationalität. Doch so lange es Politiker gibt, die nicht wirklich stolz sind, Deutsche zu sein, so lange stehen auch rechtsradikale Randgruppen im Rampenlicht, nur weil sie sich eine Schwäche der Nation zu nutze machen und den Spruch "stolz ein Deutscher zu sein" für ihre Zwecke missbrauchen können. Wären wir alle stolz, hätten wir diese Gruppen weitestgehend ihrer Wahlsprüche entledigt und sie würden sich kaum noch von anderen abheben. Und damit hätte man ihnen eine ihrer Auftrittsbühnen entzogen. Amerika hat schon in vielen Kriegen mitgewirkt, hat sich von vielen weltpolitischen Entscheidungen abgesondert und fährt im Allgemeinen einen sehr eigennützigen Kurs, was die wirtschaftliche und politische Vormachtstellung in der Welt angeht. Doch niemand würde diese Leute hier verurteilen, wie sie an ihrem Unabhängigkeitstag unter ihrer Flagge stehen und allesamt stolz darauf sind, Amerikaner zu sein. Warum fällt uns das so schwer? 

bilder/wayhome/PattersonSPBrittaRelax.jpg
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03. Juli 2001
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