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Ein Reisebericht von Britta und Markus Hachenberger
Tagebuch
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Teil 1 New York - Shenandoah - Niagara - Algonquin - Forillon
Teil 2
Kouchibouguac - Acadia - Chicago - Memphis - M. Cave
Teil 3
G. Smoky Mts. - Cumberland I. - Disney World - Florida Keys
 Teil 4
 Gulf Island - New Orleans - Big Bend - Carlsbad C. - White Sand
 Teil 5
 Chiricahua - Saguaro - Phoenix - San Diego - Highw. No.1
 Teil 6
 San Francisco - Redwood - Yosemite - Death Vegas - LA
 Teil 7
 Lake Mead - G. Canyon - Monument V. - Arches - Bryce - Zion
Teil 8
G. Teton - Yellowstone - Glacier - Waterton - Banff - Jasper
Teil 9
Edmonton - Elk I. - Riding Mt. - Fort William - Toronto
Teil 10
Epilog

 
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file:///C|/CampAmerika/bilder/sierranevada/YosemiteSunset.jpg
Half Dome, Yosemite NP, California


Datum
Ort
Karte
13.-16. April 2001
Lake Mead NRA
Karte Nevada
17.-18. April 2001
Valley of Fire SP
Karte Nevada
19.-20. April 2001
Las Vegas zum Zweiten
Karte Nevada
24.-26. April 2001
Grand Canyon NP
Karte Arizona
27. April 2001
Flagstaff
Karte Arizona
29. April 2001
Oak Creek Canyon / Sedona
Karte Arizona
30. April 2001
Monument Valley
Karte Arizona
01.-02. Mai 2001
Mesa Verde NP
Karte Colorado
04.-05. Mai 2001
Arches NP
Karte Utah
06.-09. Mai 2001
Canyonlands NP
Karte Utah
10.-12. Mai 2001
Capitol Reef NP
Karte Utah
13.-14. Mai 2001
Bryce Canyon NP
Karte Utah
16.-17. Mai 2001
Zion NP
Karte Utah

13.-16. April 2001 - Lake Mead NRA

Jeden Abend, wenn wir bei Sonnenuntergang vor unserem Camper sitzen und auf den Lake Mead blicken, und die gegenüberliegenden Berge greifbar nahe wirken, als hätte man plötzlich ein Fernglas vor den Augen, dann wissen wir, was die Amerikaner von ihrem Land haben. Jeden Morgen, wenn die Camper und Zelter sich aus ihren provisorischen Häusern schälen und sie vor diesem ruhigen glatten See stehen, ein Feuer entfachen und darauf ihr Frühstück zubereiten, wissen wir, dass die Amerikaner geborene Pioniere sind, denen der Freiheitsdrang im Blut liegt. Über Ostern ist hier der Stellplatz am Lake Mead  relativ voll geworden, das heißt voll nach amerikanischen Verhältnissen. Im Umkreis von 150 Metern steht kein weiteres Campmobil oder Zelt. Hier gibt es ja auch keine abgegrenzten Plätze, hier sucht sich jeder selbst einen flachen Stellplatz für sein Zelt oder Camper. Hier werden vierrädrige Motorräder ORV's (Off-Road-Vehicles) oder auch ATVs (All-Terrain Vehicles) von den Ladenpritschen der Pick-Ups gerollt, mit denen dann in den umliegenden Hügeln die Hasen in ihre Löcher getrieben werden. Sie lassen ihre Boote zu Wasser, mit denen sie über die endlose Fläche des gestauten Colorado brausen. Auf jeden Fall sind sie draußen, wann immer es der Terminkalender zulässt, deshalb habe ich dem Thema eine eigene Story gewidmet:

USA goes Camping

Wir genießen die sommerlichen Tage in vollen Zügen. Wir betreiben Müßiggang in Perfektion. Wir bestreiten den Tag mit Dingen, die zu nichts nutze sind, die keine Ergebnisse hervorbringen und sicherlich auch kaum erwähnenswert sind. Hier in Nevada am Lake Mead ist mir wieder mal besonders bewusst, warum wir diese Reise gemacht haben. Hier spielt weder Zeit noch Ort eine wesentliche Rolle. Hier lassen wir unsere Gedanken ziehen, in denen ein Luftschloss neben das andere gebaut wird, hier wird geträumt und in Erinnerungen gegraben, hier wird beobachtet, wie die Motorboote auf dem See vorbeifahren, wie unsere Campingnachbarn versuchen, ihren Kindern beizubringen, dass sie nicht ihren Müll in den unschuldigen Creosotbusch werfen sollen, hier beobachten wir, wie sich eine Menschenschlange vor dem einzigen Plumpsklo bildet, wie ein Kind seine ersten Angelversuche macht und sich dabei halb den Arm ausrenkt, hier wird gegessen, getrunken und lange geschlafen, mehr nicht! Und doch ist es ein ganz besonderes Erlebnis in unserem Leben. Viel zu selten hatten wir zuhause die Zeit, Zeit einfach verstreichen zu lassen. Ungenutzter Raum, der einfach mit den unwesentlichen Dingen gefüllt ist, die nun mal in einer ungeplanten Zeit passieren. Und oft sind diese Geschehnisse weitaus spannender als alles, womit wir sonst Zeit verschwenden. Wir sind ruhelos, terminsüchtig und unausgeglichen. Und wir haben ständig Angst etwas zu verpassen. Hier geschieht nichts und deshalb kann man auch nichts verpassen. Und wir können uns wirklich kaum noch daran erinnern, wie es sich anhört, wenn ein Telefon oder ein Wecker klingelt...

bilder/nevada/LakeMeadNRACG03Panorama.jpg
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Zum Reiseverlauf 12. April 2001
12. April 2001
Karte Nevada
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Fotoalbum Nevada
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17.-18. April 2001 - Valley Of Fire SP

..und um es nicht zu vergessen, wie sich das anfühlt, wenn man morgens gegen 5 Uhr dreißig von einem Wecker aus dem Schlaf gerissen wird, haben wir hier im Valley of Fire State Park ein Exempel statuiert und sind noch vor dem Sonnenaufgang aus den Federn gesprungen (naja, gesprungen sind wir nicht gerade). Aber uns erwartete nicht die allmorgendliche Pflicht des Arbeitens, sondern der bemerkenswerte Beginn eines neuen Tages, so rein und jungfräulich, wie ein Tag nur sein kann. Diese kurzen Minuten, kurz bevor die Sonne am Horizont kratzt, und die Zeit am Abend, wenige Minuten, nachdem die Sonne den Himmel verlassen hat, das sind die schönsten Momente am Tag. In diesen kurzen Zeitspannen liegt die ganze Welt zwischen Licht und Schatten, als könne sie sich nicht entscheiden, wem sie nun freundlicher gesonnen ist, dem Tag oder der Nacht. Die Atmosphäre ist friedlich, fast schon bezaubernd. Und die Farben sind ganz besonders intensiv und jedes Element scheint aus eigener Kraft zu leuchten. Und genau das sind auch die Momente, in denen ich gerne die Zeit anhalten oder die Erddrehung aussetzen würde. Und wie oft wende ich all meine mentale Energie auf, um den Lauf der Dinge zu ändern und in dem Augenblick zu verharren und die ganze Welt zum Stillstand zu zwingen. Doch wie immer bin ich zum Scheitern verurteilt, dreht sich die Erde unaufhörlich weiter um sich selbst und bewirkt somit den Kreislauf unseres Lebens. So erbarmungslos schreiten die Nacht oder der Morgen voran, dass man sich der Natur gegenüber völlig ausgeliefert vorkommt (was man ja auch ist). Und geschlagen akzeptiere ich die Tatsache, dass ich wahrscheinlich auch morgen nichts daran ändern werde. Wer weiß, vielleicht klappt es ja irgendwann einmal.

Was das Valley of Fire so außergewöhnlich macht, sind seine roten Sandsteinformationen, die in Jahrmillionen zu den kuriosesten Gebilden geformt wurden. Zerklüftete Felsen, deren Umrisse gerade im Zwielicht des Morgens die außergewöhnlichsten Phantasiegebilde hervorbringen. Aber nicht genug dieser Tatsache, leuchten sie auch noch in einem so intensiven Rot, dass man nur schwerlich daran zweifelt, dass hier jemand mit dem Farbeimer nachgeholfen hat. Wie fast immer sind die Hauptbaumeister Wind und Wasser. Doch auch hierbei fällt es schwer, keinen Steinmetz oder Bildhauer hinter den fast schon kunstvollen Skulpturen zu vermuten. Die Kanten der Felsen sind oft so akkurat gerade abgeschliffen, dass man ein Winkeldreieck anlegen könnte. Dann sieht man wiederrum hunderte kreisrunde Aushöhlungen in der Wand, als hätte jemand seine Faust immer wieder in den noch weichen Sandstein gedrückt und somit seine Zeichen für ewig im Stein hinterlassen. So ähnlich taten es hier auch die Anasazi Indianer vor mehr als tausend Jahren, deren Felszeichnungen hier auf vielen Felsen bewundert werden können. Sie waren sicherlich auch begeistert von den abertausenden Höhlen, von der Größe eines Stecknadelkopfes bis hin zur ausgewachsenen Bärenhöhle mit Einliegerwohnung. Ein Paradies für wohnungssuchende Tiere aller Art. Wir sahen Streifenhörnchen, Eidechsen, kleinere Raubvögel wie Habicht und Bussard, aber auch Ameisen, Fledermäuse und den allgegenwärtigen Coyoten. Doch am meisten haben uns die "Sound-Mücken" begeistert. Eigentlich waren die ja am Lake Mead, doch da ich es nun gerade von Tieren habe: Dort erschienen jeden Abend abertausende Mücken, deren Existenz uns recht fragwürdig erschien, da sie noch nicht mal mit einem blutsaugendem Rüssel ausgestattet waren, mit dem sie uns das Leben möglichst unangenehm machen konnten. Sie flogen einfach nur so in der Luft herum und bildeten mit den Trilliarden anderer kleiner Flugopjekte eine regelrechte Wolke. Eigentlich pendelten sie nur um ihren eigenen Mittelpunkt herum, also faul waren sie auch noch, doch in der Menge wirkte das ausgesprochen chaotisch. Doch wenn man nun den kleinsten Laut von sich gab, reagierte die "Wolke", indem sie sich ruckartig um zwanzig Zentimeter vom bisherigen Wolkenmittelpunkt entfernte und jedes einzelne Individuum zudem noch seine eigene Position mit einigen Extraflügelschlägen veränderte, wobei für einen kurzen Moment der Eindruck entstand, sie wüssten alle nicht mehr so recht, wo es lang geht. Dabei erzeugten sie ein helles Sirren, welches durch die gleichzeitige Schuberhöhung Milliarden kleiner Mückenflügel entstand. Und das taten sie bei jeder gesprochener Silbe, bei jedem "ha" oder "ho". Und wenn man das Vater Unser rückwärts auf die Melodie von Stayin' alive sang, die Mücken sirrten im gleichen Rhythmus der Sprache und hüpften so im Dämmerlicht herum, während Britta und ich die absonderlichsten Laute fabrizierten. Manchmal frage ich mich wirklich, ob unsere Isolation und Verbannung in die Zweisamkeit irgendwelche Schäden nach sich ziehen werden oder ob wir noch ganz bei Trost sind. Doch eins steht fest: Mücken, die auf die menschliche Sprache reagieren, sind ganz gewiss nicht mehr zu retten.

bilder/nevada/ValleyOfFireSPRocksMidsun.jpg
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Zum Reiseverlauf 17. April 2001
17. April 2001
Karte Nevada
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19.-20. April 2001 - Las Vegas No.2

Liebes Tagebuch. Es ist nicht so, dass uns Las Vegas nicht gefällt, nein, es ist wunderschön, die Metropole der Spielsüchtigen und Drogenabhängigen. Das Mekka des Überflusses und der Verschwendung. Hier wird täglich so viel Toilettenpapier den Ausguss hinunter gespült wie im restlichen Nevada das ganze Jahr über. Hier werden soviele Essen hergestellt, dass bei einer eintägigen Nulldiät aller Las Vegas Besucher die übrig gebliebenen Mahlzeiten reichen würden, um ganz Äthiopien für eine Woche durchzufüttern. Hier wird soviel Energie für unnütze Blinklichter und Leuchtreklamen aufgewendet, dass eine Stadt in der Größe von Wiesbaden ihren ganzen Strombedarf damit decken könnte. Ich meine, Las Vegas ist eine Wucht, doch nicht für einen Aufenthalt von zwei Wochen. Da muss man ja zwangsweise die Augen öffnen und die ganzen armen Seelen bemerken, die am Hungertuch nagen, nur weil sie jeden Quarter in die Spielautomaten werfen. Da fällt einem plötzlich auf, dass außerhalb des Strips die Welt ganz und gar nicht mehr glänzt und dort auch keine Leuchtreklamen mehr über die Abgerissenheit der Gegend hinwegtäuschen. Und vor allem kann ich das Gedudel der Automaten nicht mehr hören, bin völlig reizüberflutet und kann auch keine halbnackten Bedienungen mehr sehen, wobei das noch das geringste Übel ist.
Wir kamen eigentlich nur wieder nach Las Vegas zurück, um die bestellten Teile für unser notleidendes Fahrzeug abzuholen und die Reparatur in Auftrag zu geben. Doch da es vom Lake Mead nach Vegas nur wenige Kilometer sind, beschlossen wir uns Zeit zu lassen und in aller Ruhe die Gegend zu erkunden. Wir fuhren also den Northshore Scenic Drive am Lake Mead entlang und waren so verblüfft, wie man nur sein kann, wenn man nichts als trockene Wüste erwartet und genau das auch bekommt. Doch dass dieser Teil der Mojave Wüste so abwechslungsreich, so eindrucksvoll und imposant sein kann, das haben wir nicht erwartet. Der nordwestliche Teil der Lake Mead National Recreation Area kann fast mit dem Death Valley mithalten. Es fehlen die hohen Berge drum herum und die Weite des Valleys, doch die Szenerien sind durchaus vergleichbar. Und dann wird einem auch klar, was in 90% aller Wüsten so los ist - nämlich nichts. Hätten sie hier nicht den Colorado gestaut und ein Wassersportparadies daraus gemacht, dann würde sich hier noch nicht mal der wildeste Cowboy blicken lassen. Hier gibt es nämlich außer Sand, Stein und karger Landschaft nichts. Doch man kann es kaum glauben, auch das hat seine ganz besonderen Reize. Wir fahren gemütlich auch noch den Lakeshore Scenic Drive bis nach Boulder Beach, um dort fernmündlich die gute Nachricht zu erhalten, dass unsere Ersatzteile schon nach zwei Tagen in der Werkstatt angekommen sind. Und dies möchte ich zum Anlass nehmen, um einer Firma meine ganz persönliche Hochachtung auszudrücken. UPS ( United Parcel Service) ist mit Abstand der Favorit, wenn es um Eilsendungen geht. Es ist mir zwar nach wie vor ein Rätsel, wie die Leute von UPS das logistisch hinkriegen, doch in meinen Augen verdient nur der Erfinder des Telefons noch mehr Respekt (ich glaube, das war so ein Typ namens Edison). Und eins kann ich zu 100% bezeugen: Auch FED-EX mag eine tolle Firma sein, mit netten Angestellten und tollen Kleinlastern. Doch egal, auf welcher abgelegenen Strecke wir uns auch gerade befinden, in welchem Kaff wir gerade um die Kurve biegen oder auf welcher Piste wir uns verfahren haben; Gerade an abgelegenen Orten ist es mit großer Gewissheit ein brauner Kleintransporter der Firma UPS, der uns überholt oder entgegenkommt. Und das ist kein Witz. Doch leider können nicht alle amerikanischen Firmen mit solch einer Erfolgsstory aufwarten. Zum Beispiel die Mitsubishi Werkstatt hier in Las Vegas könnte von UPS noch ein paar Nachhilfestunden gebrauchen, wobei Fidel der Assisant Parts Manager eine sehr angenehme Ausnahme ist. Der nette junge Mann hat es durchaus fertiggebracht, mir die Explosionszeichnung meines Motors zu besorgen (die er wahrscheinlich dem japanischen Explosionszeichnungszeichner in Jakazuki abspenstig gemacht hat), anhand der wir die defekten Teile lokalisierten, sie mit meiner digitalen Kamera (auch japanisch) fotografierten und zusammen mit einer Kopie der Zeichnung an unser Autohaus zuhause mailen konnten (mit meinem japanischem Notebook). Und hier tritt das erste Mal unser Kontaktmann in Deutschland ins Rampenlicht, dessen Namen und Firma hier auch Erwähnung finden sollen, da er sich durch unbürokratisches Handeln diese Ehre verdient hat. Herr Jatrakis vom Autohaus Hegner in Mainz würde uns wahrscheinlich auf gut Glauben einen kompletten Leihwagen per Rechnung in die USA schicken. Dabei war mein Wagen nur einmal zum Ölwechsel dort auf der Rampe und meine Schwiegereltern, die ich als Rechnungsadressaten angab (was ich nebenbei bei jeder Gelegenheit tue), wissen noch nicht mal wie man Mitsubishi schreibt, geschweige denn ausspricht. Also, das nenne ich Service, und UPS und Autohaus Hegner sind ein gutes Team, was ich nur weiterempfehlen kann. Doch wo war ich...
...ach ja. Fidel, der nette Assistant Parts Manager (in Deutschland wäre er wahrscheinlich nur Ersatzteilbeschaffer), konnte uns an dem Tag der Ersatzteillieferung keinen Termin mehr in der Werkstatt besorgen, da (sinnigerweise) zwei von insgesamt vier Mechanikern in Schulung weilten und die übrig gebliebenen Zwei die Arbeit von insgesamt Vier machen mussten. Soweit hatte ich das verstanden. Also riet er mir, am kommenden Morgen mein Fahrzeug in der Werkstatt abzuliefern. Übrigens ist das nichts außergewöhnliches. Im Gegensatz zu deutschen Werkstätten - bei denen man ein halbes Jahr im voraus einen Termin machen muss, um so anspruchsvolle Werkstattarbeiten wie das Messen des Reifendrucks erledigt zu bekommen - ist es hier in den USA durchaus üblich, dass man sein Fahrzeug unangemeldet vorfährt und dann in einem Aufenthaltsraum, mit kostenlosem Kaffee und ewiger Fernsehberieselung, auf die Fertigstellung seines Wagens wartet. Je nach Aufwand kann das natürlich zwischen zwei Stunden und zehn Tagen dauern. Doch es ist zumindest möglich. Wir hatten zumindest noch den ganzen Tag Zeit, um uns die wenigen Sehenswürdigkeiten um Las Vegas herum anzuschauen, was wir dann auch taten. Wir lungerten an der Boulder Beach herum und mussten feststellen, dass wir dort noch nicht mal den großen Zeh ins Wasser strecken würden, drückten uns im Visitor Center der Lake Mead Recreation Area herum, sahen uns den obligatorischen Film an und kauften Postkarten, fuhren dann zum berühmten Hoover Dam, dessen Ruf schon weit vorauseilt. Da er aber außer viel Beton und einenm vorauseilenden Ruf nicht viel zu bieten hat und obendrein nur deshalb gut besucht ist, weil es sonst nichts Sehenswertes in unmittelbarer Nähe zu Las Vegas gibt und die ganzen Busunternehmen ja irgend einen Mist anbieten müssen, hielten wir wieder auf Las Vegas zu. Besser gesagt, auf Henderson. Und hier in der Wildnis der Massenabfertigung, im Drunter und Drüber des exzessiven Geldrauschs, hier gibt es einen altbekannten Hafen, dessen Existenz alleine ein Ruhepol zum übrigen Chaos bildet. Dort weiß man, was man hat und bekommt. Hier steht ein Wal-Mart Supercenter. Vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet und absolut camperfreundlich. So ist es jedem Camper gestattet, auf einem Wal-Mart Parkplatz zu übernachten (und natürlich auch einzukaufen, was man natürlich auch tut, und somit Mister Wals Rechnung aufgeht). Hier kann man die Toiletten benutzen und sich bei Bedarf um drei Uhr in der Frühe noch ein paar Biere besorgen. Aber vor allem ist es kostenlos und die ganze Nacht hindurch bewacht. Und da uns die halbe Campergemeinschaft darauf aufmerksam gemacht hat, dass Camping auf Wal-Mart Parkplätzen ein Muss ist, wollten wir nicht länger auf Außenseiter machen und richteten uns auf einem durchaus behaglichen Doppelplatz mit weißen Markierungslinien und eigenen Bäumchen ein. Aber zugegeben, der beste Vorteil liegt darin, dass Wal-Mart sich in unmittelbarer Nähe der Autowerkstatt befindet, was die Qualität des Marktes nicht schmälern soll. Überhaupt ist Einkaufen in Amerika ein ganz besonderes Erlebnis, deshalb habe ich diesem Thema eine eigene Story gewidmet: 

Einkaufen in Amerika

Wir verbrachten eine ziemlich stürmische Nacht auf einem gut bewachten Parkplatz, standen natürlich nicht mitten in der Nacht auf, um in den Genuss zu kommen, um drei Uhr in der Frühe eine neue Garnitur Tischsets zu kaufen, da wir überraschenderweise schliefen, und wir wurden auch nicht von wild umherschießenden Jugendlichen geweckt, die laut unserer Eltern nichts anderes im Sinn haben, als deutsche Touristen auszurauben, um sich über ihre lächerlichen Habseligkeiten herzumachen. (Der amerikanische Durchschnittsjugendliche würde das sicher auch gerne tun, doch wir haben ja kein Schild um den Hals hängen: "Knallt uns ab, wir sind reiche Deutsche, haben 10.000 Dollar im Auto und absolut keine Verwendung dafür.") Um neun Uhr standen wir auf jeden Fall in der Werkstatt und übergaben unser Gefährt an einen Menschen, der behauptete, er habe Arbeit für Acht, Lust wie Minus Vier, zwanzigtausend wartende Kunden und einen Sack voller unbezahlter Rechnungen. Aber er war trotzdem so nett, uns einen günstigen Leihwagen zu besorgen und unser Auto auf die sechs Meter lange Warteliste zu schreiben. Damit war unser heutiges Schicksal besiegelt. Wir erfreuten uns an einem wendigen Ford Sonstwas und kurvten damit über den Strip, um die übrigen Hotels zu besichtigen, die wir bei unserem ersten Besuch ausgelassen hatten. Viel kam dabei allerdings nicht heraus. Wir haben uns erneut den Magen an einem billigen und nur mittelmäßigen Buffet zum Bersten vollgestopft, haben dann doch noch etliche Dollars in irgendwelche langweiligen Maschinen geschmissen und nichts aufregendes mehr entdeckt. Tja, drei Tage Las Vegas reichen eben, der vierte Tag ist nur schlecht für die Linie und für den Geldbeutel. Doch als wir zurück in die Werkstatt fuhren, mussten wir mit Entsetzen feststellen, dass wir auch noch die nächsten drei Tage hier verbringen würden, da es die anwesenden zwei Mechaniker nicht fertiggebracht hatten, ein ausländisches Modell zu reparieren, da es dazu keinerlei Handbücher gab. Wahrscheinlich handelte es sich bei den Pseudomechanikern eh um gelernte Fleischfachverkäufer (mit denen habe ich es aber wirklich), die ihr gesammeltes Wissen aus Fachmagazinen wie dem Playboy oder dem TV-Guide haben. Auf jeden Fall haben wir es der lapidaren Fehleinschätzung von Larry zu verdanken, dass wir 46 Dollar in einen Leihwagen investiert haben, der uns einzig und allein weitere wertvolle Dollars gekostet hat, damit wir uns vor langweiligen Spielautomaten die Augen aus dem Kopf starren und durch den regen Genuss an überfüllten Buffets der Mitgliedschaft der Weight Watchers um ein gutes Stück näher gekommen sind. Und das alles, weil die Jungs von der Werkstatt nicht wissen, wie fest man die Schrauben an einem deutsch-japanischem Mitsubishi zieht. Hätten die das nicht vorher sagen können? Jetzt ist es Freitag und erst am Montag ist ein Typ da, der schon mal einen deutschen Mitsubishi gesehen hat oder zumindest von dessen Existenz auch vor unserem plötzlichen Erscheinen gewusst hat. Ob der allerdings dann auch weiß, wie fest man die Schrauben zu ziehen hat, das weiß nur Herr Mitsubishi persönlich, und selbst der ist sicher in Wirklichkeit nur Fleischfachverkäufer. Doch ich bin mir durchaus bewusst, dass ich nur zum Zweck der Selbsthilfe mein Tagebuch mit unglaublich viel Geschwafel fülle, damit ich die Zeit nicht damit verbringe, im Wal-Mart, in irgendwelchen Spielkasinos oder vielleicht sogar an einem Buffet Unmengen Geld auszugeben, was ich einfach nicht mehr besitze. Denn der Dollarkurs hat sich ja ebenfalls gegen uns verschworen. Aber das hebe ich mir fürs nächste Mal auf.

bilder/nevada/LasVegasParisCasinoOben.jpg
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Zum Reiseverlauf 19. April 2001
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24.-26. April 2001 - Grand Canyon NP

Wer an den Rand des Grand Canyon herantritt und sich das Schauspiel, oder besser gesagt das Stilleben, vor seinen Augen in Ruhe betrachtet und dabei nicht über den Sinn des Lebens, die Erdgeschichte im Allgemeinen und das Universum als Ganzes sinniert, der ist entweder völlig gefühlslos, blind oder in einem Alter zwischen 15 und 20 Jahren, wo man sich außer für das andere Geschlecht, Rauchen und die neuesten Klamotten für absolut gar nichts interessiert. Mir blieb zumindest erst mal die Luft weg. Britta und ich fühlten uns plötzlich zu den absonderlichsten mathematischen Berechnungen veranlasst (was nicht gerade unser beider Stärke ist), nur weil uns hier ein Blick in ZWEI MILLIARDEN Jahre Erdgeschichte ermöglicht wurde. So errechneten wir, dass wenn ein Jahr unserer Zeitrechnung eine Sekunde in der Zeitrechnung des Canyons wäre, der Grand Canyon trotzdem ein Alter von 63.420 Jahren aufzuweisen hätte, während wir unser bescheidenes Lebenslicht schon zwischen der Sekunde 70 und 80 aushauchen würden. Dagegen sind Eintagsfliegen regelrechte Langzeitindividuen. Hier am Grand Canyon hat man abermals das Gefühl, dass der Mensch nur eine unwesentliche Rolle in der Erdgeschichte spielt und dass er die Erde wahrscheinlich verlassen haben wird, ohne dass der Grand Canyon auch nur Notiz von uns genommen hat, so wie sicherlich auch die Dinosaurier an ihm spurlos vorbeigezogen sind. In Jahrmillionen hat sich hier das Land tausendmal verändert, wurde zu riesigen Bergen aufgeworfen, hundertmal gefaltet und zerrissen. Es enstanden Canyons, die durch Wasser ausgewaschen wurden und Berge, die in Jahrmillionen komplett abgetragen und dann durch eine neue Laune der Natur erneut aus dem Erdinneren herausgestoßen wurden. Hier verbarg abermillionen Jahre lang ein Meer den Erdboden und Millionen Jahre später verschloss eine dichte Eisdecke die Oberfläche. Und das kann man alles heute noch aus dem Canyon herauslesen, weil er einen tiefen Blick in die Erdkruste ermöglicht, der uns anderswo verwehrt bleibt. Hier wusste ich plötzlich, dass wir, die Menschen, wie die Dinosaurier vor 150 Millionen Jahren, eines Tages diese Erde verlassen haben werden, ohne große Spuren zu hinterlassen. Nach uns - aus welchen Gründen unserer Existenz auch immer ein Ende gesetzt wird - dauert es vielleicht wieder 150 Millionen Jahre, bis sich eine neue Art anmaßt, die Erde zu regieren und sich auf jedem Kontinent breit macht. Diese finden dann die Überreste einer längs vergangenen Epoche, in der scheinbar zweibeinige Kreaturen die Erde bevölkerten und letztendlich aus nicht geklärten Gründen allesamt vor die Hunde gingen. Zwischenzeitlich verschiebt die Erde Kontinente, bebt, bricht hier und da auf, verspritzt Unmengen von Magma und schmeißt Steine in Größe des Grand Canyons durch die Gegend. Wir sind Nichts, und diese Erkenntnis ist nur schwer zu schlucken, schließlich versuche ich doch mit diesem Tagebuch ein bleibendes Stück Erinnerung zu schaffen. Doch die Erde wird es nicht lesen. (Das nächste Mal beschäftigen wir uns mit unserem Universum. Mal sehen, welche Erkenntnis uns dann der Selbstaufgabe oder dem Suizid näher bringt).

Der Blick in das Tal, durch den sich der Colorado River schlängelt, ist sicherlich mit keinem anderen Ausblick auf der ganzen Welt vergleichbar. Der Name Grand Canyon ist einer der unbestrittenen Wahrheiten der ansonsten übertriebenen amerikanischen Namensgebung. Es dauert eine Weile, bis man die Größe und Tiefe des Canyons ganz überblicken kann, auch wenn man nie das ganze Panorama auf einmal erfasst. Die Erde ist aufgerissen und die beiden Bruchstellen liegen ca. 10 Meilen voneinander entfernt. Der Riss gibt den Blick auf die verschiedenen Erdschichten frei und auf die vom Wind angefressenen Gesteinsreste, die vereinzelt im Canyon zurückgeblieben sind. Nur langsam gewöhnt sich das Auge an die Weite, an die abertausenden Einzelheiten. Doch das Gehirn verarbeitet diese Information nur minderwertig. Es hat einfach noch nichts vergleichbares "gesehen". Ich muss immer wieder daran denken. Wenn die Erde zu solchen Dingen im Stande ist, dann ist unser Tun weniger als der Tropfen auf dem heißen Stein. Und damit beschließe ich den Versuch, das Ausmaß eines Erlebnisses zu beschreiben, was mir kaum möglich ist, und mache nur noch schnell ein paar Bilder, die ebensowenig das wiedergeben, was der Grand Canyon wirklich ist. Ein wahres Weltwunder.

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24. April 2001
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27. April 2001 - Flagstaff

Flagstaff ist ganz hübsch, ich meine, hübsch im Sinne von "ganz nett", nicht aufregend, dennoch kann man dem Städtchen einen gewissen Charme nicht absprechen. Aber das bezieht sich auch nur auf die zwei Blocks im Stadtzentrum. Außenherum gleicht auch Flagstaff dem Einheitsbild der amerikanischen Städte, bestehend aus unansehnlichen Baubaracken, in denen sich entweder ein Motel, eine Fast-Food-Kette oder eine Autoreparaturwerkstatt befindet. Und letzteres stellt auch hier in Flagstaff wieder mal den Mittelpunkt unseres Aufenthalts dar. Denn dass wir uns vom Grand Canyon hierher bewegt haben, verdanken wir der Tatsache, dass sich unser Auto dafür entschieden hat, uns wieder einmal zu zeigen, wer hier die meiste Arbeit leistet. Wir hatten den Grand Canyon noch nicht ganz verlassen, da gab unser Kühler die ersten Rauchzeichen von sich. Wir befanden uns zwar durchaus im Navajo Reservat, doch die Überhitzung unseres Motors verlangte fachmännische, keinen spirituelle Hilfe. Also versuchten wir die nächstgrößere Stadt zu erreichen und so kamen wir nach Flagstaff, was eigentlich nicht mehr auf unserer Route lag. Dass wir bis dahin fast so viel Wasser schwitzten wie unser Kühler, soll kein Geheimnis bleiben. Wir pendelten von einem Parkplatz zum nächsten und schafften die 110 km in einer Rekordzeit von drei Stunden. Am KOA Campground Flagstaff hatten wir abermals die Hoffnung verloren, dass wir diese Reise zu einem glücklichen Ende bringen könnten. Da hatten wir gerade 14 Tage des Wartens in Las Vegas hinter uns gebracht, weil unser Fahrzeug den Kranken raushängen ließ, und jetzt machte die Karre erneut schlapp. Wir waren kurz davor, Herrn Mitsubishi anzurufen, um uns persönlich zu beschweren. Doch Britta pflegt zu sagen: "Wer weiß, für was es gut ist?" Ich weiß, für was das gut ist. Für das amerikanische Bruttosozialprodukt. Aber bei all unserem Pech, das wir haben, passierte immer etwas Eigenartiges, was uns glauben lässt, dass es wirklich für alles einen Grund gibt. Denn als wir am frühen Morgen verzweifelt versuchten, eine Werkstatt anzufahren und vor der Veterinärklinik mit offener Motorhaube unserem Auto etwas Luft verschafften, schlich sich ein älterer Herr an unser Fahrzeug heran und warf einen Blick in den Motorraum. Das ist nicht selten, dass sich irgendwelche wildfremden Leute für deine persönlichen Belange interessieren. Das macht schließlich Amerika aus. Man kommt schon mal im Supermarkt mit einer netten Dame ins Gespräch, mit der man sich in kürzester Zeit über ihre ganz persönlichen Gebrechen unterhält und dabei erfährt, dass ihre Schwiegertochter zum dritten Mal schwanger ist, obwohl ihr Sohn seit zehn Jahren Sozialhilfe bezieht. Doch dass der nette Mann an unserer Motorhaube ein Mechaniker von Earl's Radiator Repair (Übersetzung: Earl's Kühler Reparatur-[Werkstatt]) war, das konnte nur ein Wink Gottes sein. Ich frage mich tatsächlich, ob John (der Mechaniker) nicht vielleicht seit Tagen an der Straße gegenüber der Tierklinik wartete, bis wir Deutschen mit unserem defekten Kühler vorbei kamen. Wahrscheinlich hatte er schon im Grand Canyon mit einem Schraubenzieher dutzende Löscher in unseren Kühler gestochen und ist dann voraus gefahren, um uns vor der Veterinärklinik abzufangen. Guter Trick, doch recht unrealistisch. Dass es überhaupt noch so etwas gibt wie eine Kühler-Reparaturwerkstatt, dass ist abermals ein amerikanisches Beispiel von Arbeitsbeschaffung. Ich meine, welche Werkstatt repariert in Deutschland noch Kühler? Und Earl und seine Angestellten leben von dieser Art Reparaturen, wobei ich nicht verschweigen möchte, dass das Auto in Amerika noch einen viel größeren Stellenwert hat als in Deutschland und eine Kühlerreparatur mit einer Bypassoperation gleichzusetzen ist. Trotzdem wäre bei uns eine derartige Werkstatt schon längst bankrott oder würde Kaffee oder 26-teiliges Essgeschirr verkaufen. Unser Kühlerinnenleben wird gerade in Phoenix komplett nachgebaut und heute nacht per Greyhound nach Flagstaff geschickt und schon morgen eingebaut. In Deutschland müsste ich wahrscheinlich erst mal einen Termin für den nächsten Monat mit meiner sogenannten Vertragswerkstatt machen, um dann beim Kostenvoranschlag zu erfahren, dass mich die Reparatur prinzipiell erst mal 1000.- DM kostet und mindestens fünf Tage in Anspruch nimmt, egal was dran ist. Kein Wunder, dass wir so viele Arbeitslose haben. Wer bringt bei diesen Methoden noch sein Auto in die Vertragswerkstatt? Wir sind zumindest sehr froh, dass uns John über den Weg gelaufen ist (auch wenn er die Löcher selbst in den Kühler gestochen hat) und haben so zumindest das erste Mal während unserer Reise das Vergnügen, ein Motelzimmer zu beziehen. Und dieses Erlebnis ist genauso unspektakulär wie man es in den amerikanischen Filmen immer verfolgen kann. Der Bau ist flach und lang und liegt prinzipiell neben der Hauptverkehrsstraße oder den Eisenbahnschienen, die Zimmer liegen nebeneinander und gleichen sich wie ein Ei dem anderen, darin steht ein Doppelbett und ein Fernseher. Alles andere ist Luxus und gehört nicht zur Grundausstattung eines Motelzimmers. Doch dafür kostet es auch nur wenig mehr als ein guter Campground. Wir wollen mal hoffen, dass unser Auto uns nicht noch öfter zu Motelaufenthalten zwingt. Aber wer weiß, für was es gut ist?

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27. April 2001
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29. April 2001 - Oak Craak Canyon, Sedona

Ich habe noch keinen blassen Schimmer, was ich genau in mein Tagebuch schreiben soll. Meistens habe ich ja schon tagsüber so ein paar Ideen, die ich hier gerne verewigt sehen würde. Doch hier im Oak Creek Canyon fehlt mir jegliche Inspiration. Ich meine, wir stehen hier mitten in einem Wald, der dem heimischen Taunus sehr ähnelt. Wir haben nette Deutsche kennengelernt (Klaus und Gilda) und waren ausgiebig genug wandern. Wir schauten uns Sedona und die berühmten Red Rocks in der Umgebung an. Abends hatten wir wie so oft ein ausgesprochen gutes Dinner und danach machten wir das obligatorische Lagerfeuer. Es war kein schlechter Tag, doch wir haben durchaus schon bessere erlebt. Dabei war die Wanderung das Highlight und die Begegnung mit Klaus und Gilda eine Strapaze. Nicht dass sie uns unangenehm waren, nein, sie waren eine willkommene Abwechslung und bereicherten unsere Erfahrung in puncto geduldiges Zuhören. Naja, wenn man zwischen Berlin, dem Bayerischen Wald und Las Vegas hin und her pendelt, hat man natürlich viel zu erzählen. Und dabei kann es schon mal vorkommen, dass man keine Notiz von seinem Gesprächspartner nimmt, dem nach Stunden des Kopfnickens und des "Ja Ja"-Sagens der Kopf vor Müdigkeit auf die Tischplatte schlägt. Vielleicht tue ich den beiden ja auch unrecht, schließlich konnten sie sich am nächsten Morgen noch an unsere Namen erinnern. Sicherlich mangelt es bei ihnen wie bei uns auch nur an Sozialkontakten und man packt die Gelegenheit beim Schopf und erklärt seinem Gegenüber (ob er will oder nicht), was man denn die letzten dreieinhalb Jahre alles so erlebt hat. Aber ob sie nun 1970 oder 1972 zusammen mit Karlheinz die Interstate 15 gen Norden oder Süden gefahren sind, um an einer Raststätte mit Telefonzelle für einen Dollar drei Minuten in ganz Kontinental-Amerika zu telefonieren, das interessiert mich wirklich nicht, auch wenn ich zwanzig Jahre alleine durch den südafrikanischen Busch gewandert wäre. Britta und ich haben das Gefühl, dass wir auf den Lieblingspfaden der Deutschen wandeln, denn ab dem Grand Canyon hört man die abgehackten Ruflaute - "Hey, Gabi. Guck mol wie die Kakteen so scheen bliehen" - immer öfter. Auf dem Pine Flat Campground hier im Oak Creek Valley ist es uns doch tatsächlich gelungen, zwischen zwei weiteren Deutschen zu stehen. Dabei ist noch nicht einmal Urlaubszeit und die Campgrounds sind alles, nur nicht überfüllt. Das eine Pärchen war etwa in unserem Alter und wir haben so sehnlichst gehofft, dass sie uns vielleicht ansprechen würden, damit wir endlich mal unseren Defizit an Sozialkontakten aufbessern konnten. Doch sie ließen uns links liegen und wir wollten sie nicht mit unserem Bla-Bla belästigen. Wenn ich nur drei Wochen Urlaub hätte, dann würde ich auch jedem Deutschen aus dem Weg gehen. So habe ich mich pflichtbewusst, wie ich bin, wie jeden Abend mit meiner lieben Frau unterhalten: "Es wird aber heute wieder spät dunkel. Schönes Lagerfeuerchen, nicht wahr?! Ich bin totmüde. Ich glaub, ich geh jetzt ins Bett. Gute Nacht. Gute Nacht."

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28. April 2001
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30. April 2001 - Monument Valley

Was kann ich dazu sagen? Viel unternommen haben wir hier im Monument Valley sowieso nicht. Eigentlich haben wir ausschließlich die monumentalen Sandsteinfelsen angeschaut - und mehr braucht man auch nicht tun. Das Foto zeigt vielleicht,  welcher Anblick einen im Monument Valley erwartet, doch dort im Tal, in dem die riesigen Felsbrocken wie Warzen auf der Landschaft stehen und die untergehende Sonne sie noch kräftiger in ihrem Rot erstrahlen lässt, dort scheint die Zeit angehalten, alle Mächte außer Kraft gesetzt. Das Aussehen der Felsen verändert sich ständig und doch sind sie so beständig und gewiss wie der Tag- und Nachtwechsel. Der Blick wird regelrecht an das Tal gefesselt. Man könnte hier tagelang sitzen und hinab auf die Steinriesen starren. Und das taten wir dann auch, bis in die Nacht hinein. Und am darauffolgenden Morgen standen wir noch vor dem Sonnenaufgang auf, um uns ein weiteres Schauspiel aus dem Repertoire des Monument Valleys  anzuschauen. Schweigend saßen wir da und rechneten fest damit, in den nächsten Minuten erleuchtet zu werden. Es gab auch nichts zu sagen, das muss man einfach gesehen haben. Und damit der Worte genug.

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30. April 2001
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01.-02. Mai 2001 - Mesa Verde NP

Ein schmaler Pfad führt die steinernen Treppen hinunter, die in mühevoller Arbeit von den Rangern in den Fels geschlagen wurden, sonst könnte sich heute in dieser Tour niemand die Hinterlassenschaften der Anasazi anschauen. Der Weg macht noch einmal einen Knick und dann stehen wir vor dem Cliff Palace, einer aus Stein gebauten Stadt unter dem Vorsprung eines Felsens. Nicht weniger als 700 Jahre alt und unglaublich gut erhalten. Unzählige kleine Gebäude und Räume reihen sich zu einer kleinen Stadt zusammen, in der es sogar kleine Türme gibt. Mal sind die Bauten rund, dann wieder rechteckig. Sie sind mit dem natürlichen Fels verknüpft,  fügen sich nahtlos in die natürliche Umgebung ein. Es ist die Stadt der Anasazi, einer alten Indianerkultur, die hier gelebt und gebetet hat und die um 1300 n. Chr. aus ungeklärten Gründen diese Region verlassen hat. Der Ranger, der die Gruppe führt, lässt uns an der Seite des Weges auf einen flachen Stein setzen und schildert das damalige Leben. Mein Blick heftet sich auf die steinernen Mauern und plötzlich erfüllt sich die Stadt mit Leben. Ich kann die vielen Menschen sehen, wie sie hier Essen zubereiten, neue Mauern errichten, wie die Kinder im Sand spielen und verwahrloste Hunde auf einen Brocken Essbares hoffen. Die erwachsenen Männer versammeln sich in den Kivas, Erdlöcher von immer gleicher Bauweise, deren runde Außenmauern ein Dach aus Balken und Lehm tragen. Die Kivas sind ausgestattet mit Feuerstelle und Frischluftkamin. Und in jeder Kiva ist ein kleines, schüsselgroßes Loch (Sipapu ), durch das die Seele des Gestorbenen in die Untergrundwelt, in die vierte Welt, entweichen kann. Spiritismus spielte bei den Anansazi eine übergeordnete Rolle. So glaubten die Anansazi - wie die meisten Indianerstämme heute noch -, dass ein Mensch erst gestorben ist, wenn sein Körper komplett zu Staub wurde und somit in den Kreislauf der Erde eingeht. Der Tod ist nur der Übergang in ein anderes Stadium des Lebens. So wehren sich die Indianer bis heute dagegen, dass Knochenreste gefundener Indianerleichen ausgegraben  und in Museen ausgestellt werden, denn man stellt nach dem Glauben der Indianer den Körper eines noch lebenden Menschen aus. Die Anasazi versammelten sich oft in den Kivas. Dort wurden dann verschiedene Zeremonien abgehalten, um mit der Natur und allen Menschen und Tieren darin im Gleichgewicht zu bleiben. Geriet etwas oder jemand aus der Balance, wurde in der Gemeinschaft darüber beratschlagt und eine Lösung gesucht. Eine sehr fortschrittliche Methode, um Probleme zu lösen, wenn man bedenkt, dass sich in Europa zu der Zeit die Menschen noch die Köpfe für einen Laib Brot eingeschlagen  haben. Wir gehen durch den Cliff Palace und werfen hier und da einen Blick in die winzigen Räume. Auf engstem Raum lebten hier unzählige  Menschen. Sie mussten einfach gut miteinander auskommen, für Auseinandersetzungen war nicht genug Platz (so wie bei Britta und mir in unserem  Camper). Die Wände sind akkurat gemauert und waren früher einmal mit bunten Motiven bemalt. Leider sind diese wie fast alle schriftlichen Zeichen und Gemälde durch Erosion zerstört worden. Das ist ein großer Verlust für uns als Beobachter und Entdecker, denn die Anasazi  hatten keine schriftliche Sprache. Jedes Detail der Familiengeschichte, alles Wissenswerte über die Kultur des Stammes und deren Gebräuche wurde mündlich an die Nachfahren weitergegeben. In tagelangen Sitzungen saßen die sogenannten Clans beisammen und die Alten erzählten von vergangenen Tagen oder vom Sinn und Zweck einer bestimmten Zeremonie. Leider sind diese Geschichten mit den Anasazi verschwunden und niemand weiß heute mehr mit Gewissheit, wie ihr Leben wirklich ausgesehen hat. Ein hoher Verlust, wie ich glaube, hätten wir doch sicherlich viel von den Anasazi lernen können. Sicherlich nicht, wie man aus Metall Waffen herstellt, was mal ein vorlauter Europäer während einer Führung bemerkte. Aber wir hätten mit Gewissheit lernen können, wie man auf engstem Raum und  unter schwierigsten Bedingungen ein friedliches und unkriegerisches Leben führen kann, wo nicht jedes Individuum darauf aus ist, seinen Lebensstandard zu erhöhen und unnützes Zeug anzuhäufen, womit er sich mit der Zeit von anderen distanziert und unabhängig macht, was ihn letztendlich in die Isolation treibt. Mesa Verde ist ein ganz besonderer Ort, an dem ich durch den Einblick in eine fremde und vergangene Kultur auch viel über unser eigenes Leben und zuguterletzt über mich selbst erfahren habe.

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01. Mai 2001
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04.-05. Mai 2001 - Arches NP

Wir reihen uns schon am Eingang des Arches National Park in die Autoschlange ein, um überhaupt erst mal hinein zu gelangen, in die verheißungsvolle  Landschaft der steinernen Rundbögen. Es ist Donnerstag und wir rechnen uns noch Chancen auf einen freien Platz auf dem Campground aus. Aber der hat nur 52 Stellplätze und ist oft schon morgens um neun Uhr voll besetzt. Wir bekommen geraten, am nächsten Morgen so gegen sieben Uhr vorbei zu schauen, um eine reelle Chance auf einen freien Platz zu haben. Ja, ja. Sieben Uhr. Und Frühstück um fünf, oder was? Wir verzichten gerne und beschließen außerhalb des Parks am Colorado River ein Plätzchen zu finden, was uns auch ohne große Mühe gelingt. Am nächsten Morgen stellen wir uns abermals in der Autoschlange vor den Toren des Arches National Park an. Das kann ja heiter werden. Am Visitor Center stehen sich die Damen vor der Toilette die Füße platt. Die Herren ringen derweil im Verkaufsraum um die besten Dokumentationen und schönsten Postkarten, als gäbe es gleich keine mehr. Wir beschließen, in den Park hineinzutauchen. Im Schneckentempo bewegt sich eine Autokolonne den Berg hinauf und niemand fährt schneller als 40 km/h, wir sind ja alle im Urlaub. Am ersten Aussichtspunkt stauen sich schon die wartenden Autos, um einen Parkplatz zu ergattern. 15 Minuten warten für einen kurzen Blick in den Canyon, ein Bild, "klick", und weiter geht's, schließlich wollen ja auch noch andere parken. An der nächsten Attraktion fahren wir vorbei, zu viele Naturbewunderer versperren den Blick auf die eigentliche Attraktion. Ich sehe nur bunte Jacken, weiße Waden und hunderte Menschen. Und keiner weiß so recht, warum er sich das antut. Wir fahren weiter, kommen an den nächsten Aussichtspunkt. Hier hält sich der Andrang in Grenzen, wir sind ja auch schon 10 km in den Park hinein gefahren, 30 % der Besucher kommen nicht über den Visitor Center hinaus. Der Pfad ist ausgetreten und die wenigen Wildblumen, die am Wegesrand wachsen, sind plattgetreten. Genau wie die Mikroorganismen auf der Oberfläche des empfindlichen Wüstenbodens. Sie sind zu klein, um sich zur Wehr zu setzen. Man soll auf dem Weg bleiben, um das empfindliche Wachstum nicht zu zerstören, doch die Leute denken bei dem Foto ihres Lebens an nichts mehr, außer an den Gesichtsausdruck des Nachbarn, wenn man ihm zuhause solch spektakuläre Bilder zeigen kann. Die Leute blicken nur noch durch ihre Linsen und manchmal drehen sie sich nach dem "Schuss" direkt um und würdigen das Panorama keines Blickes mehr. Sie haben ja ihr Foto, weiter geht's zur nächsten Trophäe. Wir suchen uns einen Wanderweg aus, um mehr vom Park zu sehen und den Leuten aus dem Weg zu gehen. Doch auch der Wanderweg ist überfüllt. Man kommt sich vor, als laufe man in einer Gruppe. Zu 70% der Menschen kann man "Guten Tag" sagen. Es sind fast ausschließlich Deutsche unterwegs, die paar Typen aus Colorado und New Mexico heben sich nur dadurch ab, dass sie freundlich grüßen. Unsere Landleute kriegen kaum den Mund auf, als wollten sie nicht bloßstellen, dass sie Ausländer sind. Dabei sieht man es ihnen schon 10 Meilen gegen den Wind an. Vielleicht schämen sie sich ja auch? Dabei können sie alle ganz schön stolz sein, dass sie zu einem Volk gehören, dass sich für seine weitere Umwelt interessiert und genug Geld dafür aufbringt, fremde Länder zu bereisen. Die Japaner sind zumindest immer zu hören, auch wenn sie ebenso wenig grüßen wie die Deutschen. Doch den ersten Schock bekommt man, wenn man Deutsche trifft, die man schon mal vor drei Tagen und 250 km weiter südlich in einem anderen National Park getroffen hat. Und das passiert sogar öfters. Scheinbar befinden wir uns auf einer sehr beliebten Touristenroute, auf der es nicht viele Möglichkeiten gibt. Da hätten wir auch gleich einen Bus chartern können, das wäre billiger gewesen. Doch wir stören uns nicht weiter daran, auch wenn es das Naturerlebnis etwas schmälert. Aber die National Parks sind halt gerade hier in Utah, wo man von einem in den anderen fallen kann, sehr beliebt. Ich weiß nur nicht, wie in Zukunft die Parkverwaltung die Menschenmengen davon abhalten will, ihre Parks kaputt zu lieben?
Es bleibt trotz allem ein Hochgenuss, den Devils Garden Trail zu bezwingen, auch wenn sich genügend Menschen darauf breit machen. Es kann auf den Parkstraßen noch so voll sein; Hat man mal einen Parkplatz gefunden und den Wanderpfad eingeschlagen, trennt sich die Spreu vom Weizen, denn die meisten Parkbesucher  fahren ausschließlich die Parkstraße, während nur ein geringer Teil die Wanderwege beschreitet. Im Arches National Park verhält es sich zwar etwas anders, da die meisten der spektakulären Steinbögen nur über einen Fußmarsch zu erreichen sind. Doch man hat die Natur nicht für sich alleine gepachtet und andererseits sind wir dann doch beruhigt, dass sich die Menschen auch noch für etwas anderes interessieren als Fernsehen und Computer. Der Devils Garden Trail mit dem Primitive  Loop ist einer der abwechslungsreichsten und schönsten Wanderwege, die wir bisher gelaufen sind. Gerade jetzt im Frühling, wenn die vielen  Wildblumen blühen, ist der Anblick des Rundbogenlandes eine Augenweide.  Der fast orange Sandstein, der in den verrücktesten Formen und Verformungen  im Licht der Sonne regelrecht leuchtet. Die saftig grünen Pflanzen und Bäumchen bilden ein ausgewogenes Bild mit dem komplementärfarbenem, orangen Sand. Und der blaue Himmel, in dem sich die tiefhängenden, weißen Wolken türmen, ist die vollkommene Ergänzung zum absoluten Naturerlebnis. Doch eine Steigerung erfährt das Ganze noch, wenn man sich die Szenerie durch einen der hundert Natursteinbögen betrachten. Diese Bögen sind abermals das Resultat von Erosion, erbaut von Wind und Wetter. Ungläubig bestaunt man die Größe dieser Bögen, die Kuriosität und natürliche Kunstfertigkeit, die hinter jedem einzelnen Exemplar steckt. Doch fast unfassbar erscheint die Gestalt des Delicate Arch. Der riesige Rundbogen, der auf einem Hochplateau steht, weit und breit kein anderer Fels in seiner Nähe, als hätte man ihn dort hingepflanzt. Unter ihm erstreckt sich eine tiefe ausgewaschene Mulde in Größe eines Fußballfeldes. Zusammen sind sie wohl wirklich eines der meist fotografierten Objekte der Welt.

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03. Mai 2001
Karte Utah
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06.-09. Mai 2001 - Canyonlands NP

Wir sitzen auf dem porösen Sandstein und blicken hinunter zum Green River , der noch im Morgendunst liegt und nur schemenhaft auszumachen ist. Das letzte Licht des vollen Mondes vermischt sich mit der Tagesdämmerung. Es entsteht eine gespenstische Stimmung, aber es hat auch etwas vollkommenes, etwas jungfräuliches. Noch zeichnen sich die Kanten des Canyons nur zart in dem bläulichen Licht ab. Details sind nur schwer auszumachen. Doch das Gesamtbild ist dennoch wie eine Komposition, die die Sinne verzückt. Der runde Mond sinkt in den Dunst des Horizonts und kommt den schneebedeckten Bergen dort am oberen Rand des Blickfelds bedenklich nahe. Er verblasst immer mehr, je rötlicher der Nachthimmel wird. Noch ist die Sonne nicht zu sehen, doch ihre erbarmungslose Hitzestrahlung klettert schon über den Rand des östlichen Horizonts hinüber. Der Green River Canyon nimmt immer stärkere Konturen an. Jetzt dringt auch in die letzten Ecken das erste Tageslicht und gibt damit das ganze Ausmaß des Canyons preis. Der Mond wird immer blasser und geht langsam in die fernen Berge über, vermischt sich mit deren verschwommenen Antlitz. Die Abrisskante der gegenüberliegenden Tafelberge wird nun in einem ersten sanften Orange beschienen. Die Farbe wird immer kräftiger und der Mond immer blasser, der jetzt langsam seinen vollen Bauch hinter die weißen Gipfel schiebt, kaum noch von ihnen zu unterscheiden. Im gleichen Augenblick hebt sich die Sonne genau im 180 Grad Winkel zum Mond hinter den im Schatten liegenden Hügel empor und erleuchtet die Tafelberge  nun in kräftigem Rot. Der gegenüberliegende Horizont wabert nur noch im Dunst und die ersten Schatten ziehen sich über das langgestreckte Tal. Die Farben kommen stärker heraus und die Kontraste werden immer schärfer. Dem Green River und seinem Canyon wird Leben eingehaucht,  alles erwacht und bekommt Farbe. Der mächtige Schatten, der noch die  Hälfte des Tals bedeckt, zieht sich immer mehr zurück, gibt immer mehr von der Weite des Landes frei. Gleich sieht man diesen überdimensionalen Fußabdruck - wie der ausgefranste Canyon nun mal aussieht - in seiner vollen Größe und der Kontrast zwischen Licht und Schatten zeigt das ganze Ausmaß dieser gigantischen Hochebene, dieses einmalig geformten Flußlaufs. Das Schauspiel dieses Morgens werde ich nie mehr in meinem Leben vergessen, weil es sich tief in mein Inneres eingebrannt hat. Ich bin voller Bewunderung.
Das, was ich wahrscheinlich auch nicht mehr vergessen werde, sind die Folgen einer Zweitageswanderung hinunter in den Taylor Canyon. Als wäre ein Jahr durch Amerika nicht schon genug Abenteuer, müssen Britta und ich uns in unregelmäßigen Abständen beweisen, dass wir zu mehr im Stande sind, als Bier zu trinken und ums Lagerfeuer herumzusitzen. Also füllten wir nun zum zweiten Mal unsere Rucksäcke für eine Mehrtageswanderung auf, wobei es jedesmal darum geht, so viel wie möglich im Camper zu lassen und auf unnötigen Kram zu verzichten. So ließen wir sämtliche Utensilien für die Körperpflege zuhause und nahmen dafür einen 2,5 kg schweren Firelog mit. Ich bin mir nicht sicher, ob es so etwas auch in Deutschland gibt, aber wahrscheinlich  nicht. Denn das Ding besteht aus 100 % Chemie und brennt zwei bis drei Stunden wie ein echtes Lagerfeuer. Auch den Gaskocher und das Kochgeschirr haben wir diesmal zuhause gelassen, weil wir uns für jede Mahlzeit eine Scheibe Brot zubereitet haben (doppelt), was wir dann schon vorher liebevoll in Zellophanfolie wickeln konnten. Wir haben ein ganzes Brot verschnitten, belegt und verpackt. Na, wenn das nicht mal ein Fortschritt war. Zu unserem Gepäck kamen noch das Zelt, die Schlafsäcke, die Isoliermatten, das Handbuch: "Helfe Dir selbst, wenn Du Dich total verlaufen hast", eine Ersatzunterhose (je eine), Seil, Rescue-Set, Karte, Toilettenpapier, Schippe und bevor ich es vergesse - wobei, das könnte ich nie vergessen, schließlich sind mir am ersten Tag bald die Arme abgefallen -, 11,5 Liter Trinkwasser, verteilt auf sechs verschiedene Behältnisse. Jetzt frage ich mich auch, warum wir ausgerechnet bei 30 Grad Celsius in eine Gesteinswüste marschieren, wo es Lebewesen gibt (wenn es denn welche gibt), die ihren Haushaltsbedarf an Flüssigkeit aus Käfern und anderem Krabbelzeug gewinnen. Das würden die nicht tun, wenn es genügend Wasser gäbe. Deshalb waren wir gezwungen, all unser Wasser für zwei Tage mitzunehmen, und wir tranken auch den gesamten Wasservorrat weg. Das Gewicht unserer Last machte sich schon nach den ersten hundert Metern bemerkbar, als so langsam die Schultern schmerzten und irgendetwas aus den unergründlichen Tiefen des Rucksacks ganz erheblich auf die Wirbelsäule drückte. Als wir dann über einen steilen Pfad in den oberen Canyon hinunter stiegen, hätte ich gesagt, wir schaffen keine drei Kilometer, da wir vorher kopfüber, teils aus Schwäche, teils aus einem Suizidgedanken heraus, die Klippen herunter gestürzt sind. Doch mit der Zeit vergisst man die Schmerzen, man lernt sie zu ignorieren und hat manchmal sogar ein bisschen Luft für einen Plausch über. Wir liefen ein ausgetrocknetes Bachbett entlang, das uns zum Green River führen sollte. Ganz oben am Canyonrand ließ sich ein Steinadler durch die Lüfte tragen und war trotz der erheblichen Entfernung gut zu erkennen. Es war ein ergreifender Moment, als sich vor uns plötzlich das grüne Band erstreckte, hinter dem sich ganz offensichtlich ein Gewässer befinden musste. Wo uns doch schon seit Stunden die unbarmherzige Sonne auf den Nacken schien. Nicht weil wir im Green River hätten baden können, geschweige denn, das Wasser trinken konnten. Es war lediglich ein weiterer Meilenstein auf unserer Wanderung zum Taylor Canyon. Wir standen inmitten eines grünen Tals, eingeschlossen von den hohen Felswänden der Tafelberge, keine Zivilisation weit und breit. Doch wir waren kaum auf dem alten White Rim Trail unterwegs, da kamen uns schon zwei Mountainbikefahrer entgegen. Die hatten allerdings auch keine 25 kg auf dem Rücken und sind wahrscheinlich mit dem Auto ins Tal gefahren, damit sie sich hier unten austoben konnten. Doch für einen kurzen Moment hätte ich gerne mit ihnen getauscht. Wir schafften an diesem Tag mit letzter Kraft 18 km von insgesamt 30 km und waren froh, als wir in einem wash (Flussbett) einen Schatten spendenden Busch fanden, der uns vor der Sonne schützte und unsere stinkenden Klamotten dem nicht vorhandenen Lüftchen aussetzte. Wir waren fix und alle. Doch wer schon einmal in die Wildnis gewandert ist und dort im nirgendwo sein Zelt aufgebaut hat, zusieht, wie sich das letzte Tageslicht aus der Welt zurückzieht und die Nacht mit ihren funkelnden Sternen ein übergroßes Zeltdach über die Natur spannt, der weiß vermutlich, warum man sich solchen Strapazen aussetzt. Ich bin mir bis heute noch nicht sicher. Eigentlich sollte uns um vier Uhr morgens meine Aldi-Digitaluhr für 14.95 DM wecken, da Vollmond war und wir der heißen Sonne ein Schnippchen schlagen wollten und einen Teil des Weges als Nachtwanderung deklarierten. Doch leider waren wir zu erschöpft und konnten den Wecker nicht hören (war vielleicht besser so). So standen wir um sechs Uhr auf (was auch noch verdammt früh war und uns den letzten vorhandenen Willen abverlangte) und machten uns, noch bevor die ersten Sonnenstrahlen den Canyonboden erreichten, auf den Weg. Unsere Batterien waren zu 30 % wieder aufgeladen und die ersten 20 Meter erschienen uns spielerisch einfach. Doch obwohl das Gewicht unserer Rucksäcke erheblich abgenommen hatte, machten sich nun unsere Glieder bemerkbar. Die ersten Blasen wollten gepflegt werden und die Nackenschmerzen waren fast unerträglich. Doch der Weg war eine Augenweide. Die Morgenstunden sind die schönsten Stunden am Tag. Und hier unten im Canyontal, wo die abertausenden Wildblumen den letzten Morgentau aufsaugen und die winzigen Vögel die letzte Frische  des anbrechenden Tages ausnutzen, hier waren wir für uns und genossen diese natürliche Stille. Doch als wir dann an die Canyonwand herantraten  und den Weg hinauf erblickten, da stand uns vom bloßen Hinschauen schon der Schweiß auf der Stirn. Die Sonne brannte auf den Pfad und machte den Gang zu einem Höllentrip. Mit den letzten Kräften schafften wir uns den Hang hinauf und es kostete uns wirklich die letzten Energiereserven. Nach 25 Stunden standen wir völlig erschöpft und ausgelaugt vor unserem Camper und konnten es kaum glauben, dass wir die Tour hinter uns hatten. Man fragt sich wirklich, warum man sich so etwas antut und weshalb man sich diesen Strapazen aussetzt. Zum Zeitpunkt, als ich diese Worte schreibe, sind schon wieder fast 24 Stunden nach unserer Rückkehr aus dem Taylor Canyon vergangen. Ich habe 11 Stunden geschlafen, die Schmerzen sind fast schon wieder verklungen, nur ein wenig Muskelkater zeugt noch von den Anstrengungen der vorangegangenen Tage. Doch was geblieben ist, sind die Bilder in meinen Kopf, die wunderschönen Aussichten auf pure, unberührte Natur. Das Erlebnis reduziert sich nun auf die schöne Dinge und obwohl es jetzt schon Geschichte ist, erlebe ich die Tour immer wieder aufs Neue, schaue mir die Bilder an und erfreue mich an der Tatsache, eine Herausforderung angenommen zu haben. Das, und ein Dutzend anderer Dinge, die ich nicht erklären kann, sind Auslöser dafür, dass wir uns wahrscheinlich immer mal wieder den Strapazen einer Mehrtageswanderung aussetzen.

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06. Mai 2001
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10.-12. Mai 2001 - Capitol Reef NP

So, nun waren wir auch mal im Capitol Reef National Park. Doch ich brauche hier nicht zu verschweigen, dass seit dem Grand Canyon die Landschaft  zwar etwas variiert, sich allerdings im wesentlichen kaum voneinander unterscheidet. Utah ist nun mal "steinreich" und das kann man auch in den vielen National Parks feststellen. Obwohl jede Region, und damit jeder Park, ein etwas abgewandeltes Bild zu bieten hat. Doch wer sich nur mit seinem Fahrzeug auf den Hauptverkehrsstraßen aufhält und nur von den Aussichtspunkten einen Blick in die vermeintlich einmalige Natur wirft, der wird spätestens nach dem dritten National Park enttäuscht sein, denn letztendlich glotzt er immer wieder auf rötliche Felsen. Manchmal sind sie glatt und rund, dann wieder porös und eckig. Mal stehen sie zusammen wie die Hühner auf der Stange, mal sieht man nur Einzelgänger in einer ansonsten trostlosen Gegend. Tja, so mag das für den ein oder anderen aussehen. Doch spätestens, wenn man die Wanderschuhe anschnallt und den Rucksack mit Essbarem bestückt und dann die Pfade der Nationalparks abläuft, tief hinein in die autofreien Zonen jedes einzelnen Parks, dann unterscheiden sich alle Parks wieder ganz enorm voneinander. Und nicht nur das. Es unterscheiden sich sogar die Pfade voneinander und meistens sieht sogar der gleiche Pfad völlig anders aus, wenn man ihn in entgegengesetzter Richtung wieder zurück läuft. Das Erlebnis ist immer ein anderes und die Bilder gleichen sich so gut wie nie. Und selbst wenn sie sich ähnlich sind und man das Gefühl hat, man wäre schon mal da gewesen, spielt es letztendlich keine große Rolle mehr. Denn wer draußen in den Parks zu Fuß unterwegs ist, dem geht es nicht mehr darum, einfach nur dort gewesen zu sein. Der Wanderer unterscheidet sich von allen Souvenirjägern, die vor lauter Parks und Kameralinsen die Welt um sie herum gar nicht mehr wahrnehmen. Und zuhause stellen sie erschrocken auf ihren Bildern fest: "Huch, da war ich schon? Ist mir gar nicht aufgefallen". Wenn man zu Fuß in den National Parks unterwegs ist, dann spielt es eigentlich keine Rolle, ob es der Zion-, der Grand Canyon-, oder der Capitol Reef National Park ist. Man kann eh nur einen kleinen Teil dieser riesigen Parks entdecken und jeder kleine Teil birgt neue große Naturwunder in sich. Man durchforstet die abgelegensten Gebiete und entdeckt immer wieder neue Ansichten, neue Lebensformen und spektakuläre Gesteinsgebilde. Welch Glück hat Wandern fast immer etwas mit Anstrengung zu tun, sonst wären die Trails geradezu überlaufen. Doch wir sind oft ganz für uns alleine oder treffen nur wenige Gleichgesinnte auf den Wegen, auch wenn der Park ansonsten gut besucht ist. Wir wandern aber auch, weil wir uns einfach sportlich betätigen wollen. Denn es ist für uns eine der genialsten Arten, sich Bewegung zu verschaffen und gleichzeitig diese phänomenale Natur zu erleben. Wenn man das dann noch in solch einer Umgebung tun kann, wo einem kleine Eidechsen über die Füße laufen, manchmal eine Schlange über den Weg zischelt, jetzt im Frühling die Kakteen in den schönsten Farben blühen, die Wildblumen so aromatisch duften und jeden Tag die Sonne scheint, dann spielt es wirklich keine Rolle mehr, dass sich die National Parks hier im Süden Utahs ähneln, denn sie sind alle wunderschön. Und so viel Zeit kann ein einzelner Mensch gar nicht haben, dass ihm beim Erkunden der vielen hundert Kilometer Wanderwege irgendwann einmal langweilig wird.

bilder/coloradoplateau/CapitolReefNPWaterpocketFold.jpg
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10. Mai 2001
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13.-14. Mai 2001 - Bryce Canyon NP

Im Bryce Canyon hat sich die Natur selbst übertrumpft. Eine bizarre Märchenlandschaft wie aus einer anderen Welt wurde hier aus den Klippen der Pink Cliffs herausgeschält. Wie Zinnsoldaten stehen die sogenannten "Hoodoos" mal in Gruppen, mal in Reihe unterhalb des Klippenrandes zusammen, als hätte jemand zum Appell geblasen. Sie gleichen sich scheinbar wie ein Ei dem anderen, aber aus der Nähe ist jeder Hoodoo einmalig.  Es sind steinerne Säulen, von Wind und Wasser zu freistehenden Naturdenkmälern geformt. Es sind Dächer, abertausende Dächer von spitzen Türmen einer Phantasiestadt, die ihr Geheimnis zwischen den Reihen der haushohen Säulen verbergen. Oder es ist die von einer Hexe versteinerte Armee einer vergangenen Zeit. Es regt die Phantasie an und ein Gang durch die Landschaft dieser sonderbaren Gebilde ist wie ein unterhaltsamer Nachmittagsspaziergang  mit Aussichten auf die wohl verrückteste und zugleich eine der atemberaubendsten  Landschaftsform, die es in Nordamerika zu besichtigen gibt. Die rosé-roten  und weißen Steintürme stehen zu Tausenden am Hang des Canyons und erzählen ebenso viele Geschichten. Unsere Wanderungen unter dem Canyonrand könnte man mehr als Fotoausflug oder Stop'n Go-Wanderung bezeichnen, da wir uns immer wieder die Köpfe verdrehten, um die merkwürdigen Formen zu bewundern. Und dann waren da noch die niedlichen Streifenhörnchen, die uns förmlich um etwas Fressbares anflehten und dabei die aberwitzigsten Positionen annahmen. Man hatte fast das Gefühl, sie würden absichtlich  für ein Foto vor gutem Hintergrund posieren, damit sie sich das Leckerchen  regelrecht verdient hätten. Eines der Tierchen stieg sogar auf meine  Hand, um sich auch wirklich davon zu vergewissern, dass ich in ihr nichts Fressbares hielt. Doch die unnatürliche Zutraulichkeit der Nager lässt die Fütterung durch Menschen nicht nur vermuten, sondern liegt klar auf der Hand. Zu viele Menschen strömen alltäglich über die Wege des National Parks, zu viele faszinierte Urlauber richten ihre Kameras auf die süßen Tierchen, als dass man nicht ahnen könnte, dass bei so manch einer Brotzeit ein Häppchen für die Kleinen abfällt. Das die Chipmunks während der Sommermonate ihre Gewohnheiten ändern und vornehmlich von den Fütterungen der Zweibeiner leben, scheint ja auch nicht so dramatisch zu sein. Doch das halbe Jahr herrscht hier oberhalb von 2500 Metern strenger Winter, in dem sich nur wenige Urlauber in den Bryce Canyon verlaufen. Dann sind die Streifenhörnchen abhängig von ihren Reserven, die sie während des Sommers angelegt haben, wenn sie das nicht wegen der geänderten Gewohnheiten vergessen haben. Das bezieht sich aber nicht nur auf die niedlichen Nagetiere, sondern auf alle Tiere und Pflanzen innerhalb der National Parks. Wenn sich jährlich 1,5 Millionen Menschen durch den Bryce Canyon schieben und nur gelegentlich der ein oder andere Spaziergänger sich neben den markierten Pfaden bewegt und dabei ein paar winzig kleine Pflänzchen platt macht, dann kann das auf die Dauer zu irreparablen Schäden an der Vegatation führen. Man hat eben keine Vorstellung von dem Ausmaß an Zerstörung, das so viele, nette Urlauber verursachen, auch wenn ihnen das im Grunde absolut fern liegt. Doch der persönliche Wert eines Augenblicks liegt wie immer sehr viel näher. Das Foto von der Stelle unter dem Baum. Das kleine Stück Kuchen für das niedliche Streifenhörnchen. Nur das eine Mal. Sieht doch niemand. Das gibt so ein tolles Foto. Das Tierchen hat doch so einen Hunger. HAT ES NICHT! Aber wir werden es nie lernen und später mal unseren Enkeln erzählen: "Zu meiner Zeit gab es da noch Streifenhörnchen im Bryce Canyon, jetzt sind die alle weg und keiner weiß warum".

bilder/coloradoplateau/BryceCanyonNPFariylandLoopPanorama.jpg
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12. Mai 2001
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16.-17. Mai 2001 - Zion NP

Zion Canyon ist wohl die Oase unter den Utah-Parks. Die Hauptattraktion  ist zwar gleichsam ein von Wasser ausgewaschener Canyon, doch hier hat es auch eine ausgesprochen üppige Vegetation und das ist wie immer eine Wohltat für die Seele. Der Campground liegt direkt am Virgin River , der in 13 Millionen Jahren den Zion Canyon geschnitten hat und dabei ein wunderschönes, fruchtbares Tal schuf. Aber auch dutzende kleinerer Canyons gibt es zu bewundern, die von Wasser geformt wurden, welches sich spiralförmig in den butterweichen Sandstein grub und dabei kunstvolle Erdspalten schuf, in die kaum ein Lichtstrahl eindringt. Von Zeit zu Zeit zischen Kolibris über die grünen Wiesen und bleiben ganz abrupt vor meiner Nase in der Luft stehen, um mich zu begutachten. Das sind ganz enorme kleine Flugkünstler. Einen ganz ausgeprägten Spaß am Fliegen haben aber auch die Schwalben. Als wir hier im Zion National Park mal wieder die Hänge erklommen, um von den oberen Rändern des Canyons einen besseren Blick ins Tal zu ergattern, demonstrierten dort oben wieder etliche Schwalben, dass sie kolossalen Spaß am Fliegen haben. Mit einem ordentlichen Luftzug zischen sie für gewöhnlich an Canyonrändern entlang, nur wenige Meter an unseren Köpfen vorbei, den natürlichen Aufwind ausnutzend. In halsbrecherischer Art stürzen sich gleich mehrere Exemplare in das Bodenlose, um mit wahnsinniger Geschwindigkeit die Bergwand wieder emporzuflitzen. Das ganze Schauspiel findet vor dem Hintergrund der Berggipfel des Zion Canyons statt. Ein wunderschöner Zeitvertreib. Es hat mich auch kaum noch gewundert, dass Rehe über unseren Campingplatz spazierten, die bis auf wenige Meter an unseren Camper herankamen und genüsslich das schmackhafte Gras fraßen. Wir konnten die Szene ebenso genüsslich aus unserem Camper beobachten. Es ist wie immer die Gesamtheit der Erlebnisse und der Erfahrungen, die das Urteil über einen Park beeinflussen. So trafen wir schon im Bryce Canyon National Park Schweizer in unserem Alter, die wir hier in Zion wieder trafen. Wir saßen jeden Abend beisammen und hatte eine ausgesprochen schöne Zeit. Sandra und Reto wohnen und arbeiten für vier Jahre mit ihrem Sohn Joel in Alabama und haben so ihre eigenen Erfahrungen mit Amerika gemacht. Welchen Schwierigkeiten man entgegen sieht, wenn man hier ein Auto oder gar ein Haus kauft, können wir jetzt gut abschätzen. Doch auch aus den Worten von Reto und Sandra ist klar rauszuhören, dass sie sich ein Leben darüber hinaus in den Vereinigten Staaten kaum vorstellen könnten. Es sind die Sitten und die Bräuche, die sie vermissen. Das, was die Schweiz eben ausmacht. In Alabama ist es nur heiß und feucht und ansonsten gäbe es dort nichts zu sehen. Tja, die Europäer rücken in Amerika zusammen, um sich zu trösten und vom fernen Zuhause zu erzählen. Und an einem dieser Abende wurde mir mit erschreckender Gewissheit bewusst, dass Amerika nie mein Zuhause sein wird. Es ist und bleibt für mich immer ein Urlaubs- oder Reiseland. So beeindruckend es ist, so einmalig in seiner Beschaffenheit, so spektakulär in seinen Naturwundern, so reizvoll für den Camper, so maßgebend in vielen Dingen dieser Erde, von der Musik bis zur Politik. Ich wollte hier nicht leben, weil ich die Mentalität der Menschen nicht wirklich teile, weil ich die Politik nicht verstehe und weil mir die Wertvorstellungen absolut gegen den Strich gehen. Wenn man so tagein tagaus in Amerika unterwegs ist, fällt einem die Diskrepanz manchmal gar nicht mehr auf, und dann benötigt es eine junge Schweizer Familie, die einem wieder einmal die Augen öffnet.  Am Ende unserer Reise über das Colorado Plateau erwischt mich  wieder einmal ein bisschen die Sehnsucht nach dem, was ich nun seit 9,5 Monaten entbehren muss. Meine liebgewonnene Heimat Deutschland.
Doch wer kann es uns verübeln, dass wir hier genüsslich im Schatten der Pappeln sitzen, die ihre flauschigen Samen wie Schneeflocken in den seichten Wind entlassen, wodurch die ganze Luft von weißen Flockenschauer erfüllt  ist. Wir lauschen dem Virgin River, wie er stetig und unaufhaltsam dem Tal entgegen fließt, hören den Wind,  wie er durch das Blätterwerk der stattlichen Bäume rauscht, sehen den Kolibris zu, wie sie sich eifrig an den Blüten der Gräser nähren. Die alte Dame aus Kanada kommt herüber auf einen Plausch, wir laben uns an köstlich frischem Obst und an dem, was der Kühlschrank sonst noch so her gibt. Und wir genießen die restliche Zeit, die wir noch von Zuhause fern sind und wissen, auf was wir uns freuen dürfen.

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15. Mai 2001
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