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Half Dome, Yosemite
NP, California
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13.-16. April
2001 - Lake Mead NRA
Jeden Abend, wenn
wir bei Sonnenuntergang vor unserem Camper sitzen und auf den Lake Mead
blicken, und die gegenüberliegenden Berge greifbar nahe wirken, als
hätte man plötzlich ein Fernglas vor den Augen, dann wissen wir,
was die Amerikaner von ihrem Land haben. Jeden Morgen, wenn die Camper
und Zelter sich aus ihren provisorischen Häusern schälen und
sie vor diesem ruhigen glatten See stehen, ein Feuer entfachen und darauf
ihr Frühstück zubereiten, wissen wir, dass die Amerikaner geborene
Pioniere sind, denen der Freiheitsdrang im Blut liegt. Über Ostern
ist hier der Stellplatz am Lake Mead relativ voll geworden,
das heißt voll nach amerikanischen Verhältnissen. Im Umkreis
von 150 Metern steht kein weiteres Campmobil oder Zelt. Hier gibt es ja
auch keine abgegrenzten Plätze, hier sucht sich jeder selbst einen
flachen Stellplatz für sein Zelt oder Camper. Hier werden vierrädrige
Motorräder ORV's (Off-Road-Vehicles) oder auch ATVs (All-Terrain Vehicles)
von den Ladenpritschen der Pick-Ups gerollt, mit denen dann in den umliegenden
Hügeln die Hasen in ihre Löcher getrieben werden. Sie lassen
ihre Boote zu Wasser, mit denen sie über die endlose Fläche des
gestauten Colorado brausen. Auf jeden Fall sind sie draußen,
wann immer es der Terminkalender zulässt, deshalb habe ich dem Thema
eine eigene Story gewidmet:
Wir genießen
die sommerlichen Tage in vollen Zügen. Wir betreiben Müßiggang
in Perfektion. Wir bestreiten den Tag mit Dingen, die zu nichts nutze sind,
die keine Ergebnisse hervorbringen und sicherlich auch kaum erwähnenswert
sind. Hier in Nevada am Lake Mead ist mir wieder mal besonders
bewusst, warum wir diese Reise gemacht haben. Hier spielt weder Zeit noch
Ort eine wesentliche Rolle. Hier lassen wir unsere Gedanken ziehen, in
denen ein Luftschloss neben das andere gebaut wird, hier wird geträumt
und in Erinnerungen gegraben, hier wird beobachtet, wie die Motorboote
auf dem See vorbeifahren, wie unsere Campingnachbarn versuchen, ihren Kindern
beizubringen, dass sie nicht ihren Müll in den unschuldigen Creosotbusch
werfen sollen, hier beobachten wir, wie sich eine Menschenschlange vor
dem einzigen Plumpsklo bildet, wie ein Kind seine ersten Angelversuche
macht und sich dabei halb den Arm ausrenkt, hier wird gegessen, getrunken
und lange geschlafen, mehr nicht! Und doch ist es ein ganz besonderes Erlebnis
in unserem Leben. Viel zu selten hatten wir zuhause die Zeit, Zeit
einfach verstreichen zu lassen. Ungenutzter Raum, der einfach mit den unwesentlichen
Dingen gefüllt ist, die nun mal in einer ungeplanten Zeit passieren.
Und oft sind diese Geschehnisse weitaus spannender als alles, womit wir
sonst Zeit verschwenden. Wir sind ruhelos, terminsüchtig und unausgeglichen.
Und wir haben ständig Angst etwas zu verpassen. Hier geschieht nichts
und deshalb kann man auch nichts verpassen. Und wir können uns wirklich
kaum noch daran erinnern, wie es sich anhört, wenn ein Telefon oder
ein Wecker klingelt...
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17.-18. April
2001 - Valley Of Fire SP
..und um es nicht
zu vergessen, wie sich das anfühlt, wenn man morgens gegen 5 Uhr dreißig
von einem Wecker aus dem Schlaf gerissen wird, haben wir hier im Valley
of Fire State Park ein Exempel statuiert und sind noch vor dem Sonnenaufgang
aus den Federn gesprungen (naja, gesprungen sind wir nicht gerade). Aber
uns erwartete nicht die allmorgendliche Pflicht des Arbeitens, sondern
der bemerkenswerte Beginn eines neuen Tages, so rein und jungfräulich,
wie ein Tag nur sein kann. Diese kurzen Minuten, kurz bevor die Sonne am
Horizont kratzt, und die Zeit am Abend, wenige Minuten, nachdem die Sonne
den Himmel verlassen hat, das sind die schönsten Momente am Tag. In
diesen kurzen Zeitspannen liegt die ganze Welt zwischen Licht und Schatten,
als könne sie sich nicht entscheiden, wem sie nun freundlicher gesonnen
ist, dem Tag oder der Nacht. Die Atmosphäre ist friedlich, fast schon
bezaubernd. Und die Farben sind ganz besonders intensiv und jedes Element
scheint aus eigener Kraft zu leuchten. Und genau das sind auch die Momente,
in denen ich gerne die Zeit anhalten oder die Erddrehung aussetzen würde.
Und wie oft wende ich all meine mentale Energie auf, um den Lauf der Dinge
zu ändern und in dem Augenblick zu verharren und die ganze Welt zum
Stillstand zu zwingen. Doch wie immer bin ich zum Scheitern verurteilt,
dreht sich die Erde unaufhörlich weiter um sich selbst und bewirkt
somit den Kreislauf unseres Lebens. So erbarmungslos schreiten die Nacht
oder der Morgen voran, dass man sich der Natur gegenüber völlig
ausgeliefert vorkommt (was man ja auch ist). Und geschlagen akzeptiere
ich die Tatsache, dass ich wahrscheinlich auch morgen nichts daran ändern
werde. Wer weiß, vielleicht klappt es ja irgendwann einmal.
Was das Valley
of Fire so außergewöhnlich macht, sind seine roten Sandsteinformationen,
die in Jahrmillionen zu den kuriosesten Gebilden geformt wurden. Zerklüftete
Felsen, deren Umrisse gerade im Zwielicht des Morgens die außergewöhnlichsten
Phantasiegebilde hervorbringen. Aber nicht genug dieser Tatsache, leuchten
sie auch noch in einem so intensiven Rot, dass man nur schwerlich daran
zweifelt, dass hier jemand mit dem Farbeimer nachgeholfen hat. Wie fast
immer sind die Hauptbaumeister Wind und Wasser. Doch auch hierbei fällt
es schwer, keinen Steinmetz oder Bildhauer hinter den fast schon kunstvollen
Skulpturen zu vermuten. Die Kanten der Felsen sind oft so akkurat gerade
abgeschliffen, dass man ein Winkeldreieck anlegen könnte. Dann sieht
man wiederrum hunderte kreisrunde Aushöhlungen in der Wand, als hätte
jemand seine Faust immer wieder in den noch weichen Sandstein gedrückt
und somit seine Zeichen für ewig im Stein hinterlassen. So ähnlich
taten es hier auch die Anasazi Indianer vor mehr als tausend Jahren,
deren Felszeichnungen hier auf vielen Felsen bewundert werden können.
Sie waren sicherlich auch begeistert von den abertausenden Höhlen,
von der Größe eines Stecknadelkopfes bis hin zur ausgewachsenen
Bärenhöhle mit Einliegerwohnung. Ein Paradies für wohnungssuchende
Tiere aller Art. Wir sahen Streifenhörnchen, Eidechsen, kleinere Raubvögel
wie Habicht und Bussard, aber auch Ameisen, Fledermäuse und den allgegenwärtigen
Coyoten. Doch am meisten haben uns die "Sound-Mücken" begeistert.
Eigentlich waren die ja am Lake Mead, doch da ich es nun gerade
von Tieren habe: Dort erschienen jeden Abend abertausende Mücken,
deren Existenz uns recht fragwürdig erschien, da sie noch nicht mal
mit einem blutsaugendem Rüssel ausgestattet waren, mit dem sie uns
das Leben möglichst unangenehm machen konnten. Sie flogen einfach
nur so in der Luft herum und bildeten mit den Trilliarden anderer kleiner
Flugopjekte eine regelrechte Wolke. Eigentlich pendelten sie nur um ihren
eigenen Mittelpunkt herum, also faul waren sie auch noch, doch in der Menge
wirkte das ausgesprochen chaotisch. Doch wenn man nun den kleinsten Laut
von sich gab, reagierte die "Wolke", indem sie sich ruckartig um zwanzig
Zentimeter vom bisherigen Wolkenmittelpunkt entfernte und jedes einzelne
Individuum zudem noch seine eigene Position mit einigen Extraflügelschlägen
veränderte, wobei für einen kurzen Moment der Eindruck entstand,
sie wüssten alle nicht mehr so recht, wo es lang geht. Dabei erzeugten
sie ein helles Sirren, welches durch die gleichzeitige Schuberhöhung
Milliarden kleiner Mückenflügel entstand. Und das taten sie bei
jeder
gesprochener Silbe, bei jedem "ha" oder "ho". Und wenn man das Vater
Unser rückwärts auf die Melodie von Stayin' alive
sang, die Mücken sirrten im gleichen Rhythmus der Sprache und hüpften
so im Dämmerlicht herum, während Britta und ich die absonderlichsten
Laute fabrizierten. Manchmal frage ich mich wirklich, ob unsere Isolation
und Verbannung in die Zweisamkeit irgendwelche Schäden nach sich ziehen
werden oder ob wir noch ganz bei Trost sind. Doch eins steht fest: Mücken,
die auf die menschliche Sprache reagieren, sind ganz gewiss nicht mehr
zu retten.
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19.-20. April
2001 - Las Vegas No.2
Liebes Tagebuch.
Es ist nicht so, dass uns Las Vegas nicht gefällt, nein, es
ist wunderschön, die Metropole der Spielsüchtigen und Drogenabhängigen.
Das Mekka des Überflusses und der Verschwendung. Hier wird täglich
so viel Toilettenpapier den Ausguss hinunter gespült wie im restlichen
Nevada
das ganze Jahr über. Hier werden soviele Essen hergestellt, dass bei
einer eintägigen Nulldiät aller Las Vegas Besucher die
übrig gebliebenen Mahlzeiten reichen würden, um ganz Äthiopien
für eine Woche durchzufüttern. Hier wird soviel Energie für
unnütze Blinklichter und Leuchtreklamen aufgewendet, dass eine Stadt
in der Größe von Wiesbaden ihren ganzen Strombedarf damit
decken könnte. Ich meine, Las Vegas ist eine Wucht, doch nicht
für einen Aufenthalt von zwei Wochen. Da muss man ja zwangsweise die
Augen öffnen und die ganzen armen Seelen bemerken, die am Hungertuch
nagen, nur weil sie jeden Quarter in die Spielautomaten werfen.
Da fällt einem plötzlich auf, dass außerhalb des Strips
die Welt ganz und gar nicht mehr glänzt und dort auch keine Leuchtreklamen
mehr über die Abgerissenheit der Gegend hinwegtäuschen. Und vor
allem kann ich das Gedudel der Automaten nicht mehr hören, bin völlig
reizüberflutet und kann auch keine halbnackten Bedienungen mehr sehen,
wobei das noch das geringste Übel ist.
Wir kamen eigentlich
nur wieder nach Las Vegas zurück, um die bestellten Teile für
unser notleidendes Fahrzeug abzuholen und die Reparatur in Auftrag zu geben.
Doch da es vom Lake Mead nach Vegas nur wenige Kilometer
sind, beschlossen wir uns Zeit zu lassen und in aller Ruhe die Gegend zu
erkunden. Wir fuhren also den Northshore
Scenic Drive am Lake Mead entlang und waren so verblüfft,
wie man nur sein kann, wenn man nichts als trockene Wüste erwartet
und genau das auch bekommt. Doch dass dieser Teil der Mojave Wüste
so abwechslungsreich, so eindrucksvoll und imposant sein kann, das haben
wir nicht erwartet. Der nordwestliche Teil der Lake Mead National Recreation
Area kann fast mit dem Death Valley mithalten. Es fehlen die
hohen Berge drum herum und die Weite des Valleys, doch die Szenerien sind
durchaus vergleichbar. Und dann wird einem auch klar, was in 90% aller
Wüsten so los ist - nämlich nichts. Hätten sie hier nicht
den Colorado gestaut und ein Wassersportparadies daraus gemacht,
dann würde sich hier noch nicht mal der wildeste Cowboy blicken lassen.
Hier gibt es nämlich außer Sand, Stein und karger Landschaft
nichts. Doch man kann es kaum glauben, auch das hat seine ganz besonderen
Reize. Wir fahren gemütlich auch noch den Lakeshore
Scenic Drive bis nach Boulder Beach, um dort fernmündlich
die gute Nachricht zu erhalten, dass unsere Ersatzteile schon nach zwei
Tagen in der Werkstatt angekommen sind. Und dies möchte ich zum Anlass
nehmen, um einer Firma meine ganz persönliche Hochachtung auszudrücken.
UPS
( United Parcel Service) ist mit Abstand der Favorit, wenn es um
Eilsendungen geht. Es ist mir zwar nach wie vor ein Rätsel, wie die
Leute von UPS das logistisch hinkriegen, doch in meinen Augen verdient
nur der Erfinder des Telefons noch mehr Respekt (ich glaube, das war so
ein Typ namens Edison). Und eins kann ich zu 100% bezeugen: Auch
FED-EX
mag eine tolle Firma sein, mit netten Angestellten und tollen Kleinlastern.
Doch egal, auf welcher abgelegenen Strecke wir uns auch gerade befinden,
in welchem Kaff wir gerade um die Kurve biegen oder auf welcher Piste wir
uns verfahren haben; Gerade an abgelegenen Orten ist es mit großer
Gewissheit ein brauner Kleintransporter der Firma
UPS, der uns überholt
oder entgegenkommt. Und das ist kein Witz. Doch leider können nicht
alle amerikanischen Firmen mit solch einer Erfolgsstory aufwarten. Zum
Beispiel die Mitsubishi Werkstatt hier in Las Vegas könnte
von UPS noch ein paar Nachhilfestunden gebrauchen, wobei Fidel
der Assisant Parts Manager eine sehr angenehme Ausnahme ist. Der
nette junge Mann hat es durchaus fertiggebracht, mir die Explosionszeichnung
meines Motors zu besorgen (die er wahrscheinlich dem japanischen Explosionszeichnungszeichner
in Jakazuki abspenstig gemacht hat), anhand der wir die defekten
Teile lokalisierten, sie mit meiner digitalen Kamera (auch japanisch) fotografierten
und zusammen mit einer Kopie der Zeichnung an unser Autohaus zuhause mailen
konnten (mit meinem japanischem Notebook). Und hier tritt das erste Mal
unser Kontaktmann in Deutschland ins Rampenlicht, dessen Namen und Firma
hier auch Erwähnung finden sollen, da er sich durch unbürokratisches
Handeln diese Ehre verdient hat. Herr Jatrakis vom Autohaus Hegner
in Mainz würde uns wahrscheinlich auf gut Glauben einen kompletten
Leihwagen per Rechnung in die USA schicken. Dabei war mein Wagen nur einmal
zum Ölwechsel dort auf der Rampe und meine Schwiegereltern, die ich
als Rechnungsadressaten angab (was ich nebenbei bei jeder Gelegenheit tue),
wissen noch nicht mal wie man Mitsubishi schreibt, geschweige denn
ausspricht. Also, das nenne ich Service, und UPS und Autohaus
Hegner sind ein gutes Team, was ich nur weiterempfehlen kann. Doch
wo war ich...
...ach ja. Fidel,
der nette Assistant Parts Manager (in Deutschland wäre er wahrscheinlich
nur Ersatzteilbeschaffer), konnte uns an dem Tag der Ersatzteillieferung
keinen Termin mehr in der Werkstatt besorgen, da (sinnigerweise) zwei von
insgesamt vier Mechanikern in Schulung weilten und die übrig gebliebenen
Zwei die Arbeit von insgesamt Vier machen mussten. Soweit hatte ich das
verstanden. Also riet er mir, am kommenden Morgen mein Fahrzeug in der
Werkstatt abzuliefern. Übrigens ist das nichts außergewöhnliches.
Im Gegensatz zu deutschen Werkstätten - bei denen man ein halbes Jahr
im voraus einen Termin machen muss, um so anspruchsvolle Werkstattarbeiten
wie das Messen des Reifendrucks erledigt zu bekommen - ist es hier in den
USA durchaus üblich, dass man sein Fahrzeug unangemeldet vorfährt
und dann in einem Aufenthaltsraum, mit kostenlosem Kaffee und ewiger Fernsehberieselung,
auf die Fertigstellung seines Wagens wartet. Je nach Aufwand kann das natürlich
zwischen zwei Stunden und zehn Tagen dauern. Doch es ist zumindest möglich.
Wir hatten zumindest noch den ganzen Tag Zeit, um uns die wenigen Sehenswürdigkeiten
um Las Vegas herum anzuschauen, was wir dann auch taten. Wir lungerten
an der Boulder Beach herum und mussten feststellen, dass wir dort
noch nicht mal den großen Zeh ins Wasser strecken würden, drückten
uns im Visitor Center der Lake Mead Recreation Area herum,
sahen uns den obligatorischen Film an und kauften Postkarten, fuhren dann
zum berühmten Hoover Dam, dessen Ruf schon weit vorauseilt.
Da er aber außer viel Beton und einenm vorauseilenden Ruf nicht viel
zu bieten hat und obendrein nur deshalb gut besucht ist, weil es sonst
nichts Sehenswertes in unmittelbarer Nähe zu Las Vegas gibt
und die ganzen Busunternehmen ja irgend einen Mist anbieten müssen,
hielten wir wieder auf Las Vegas zu. Besser gesagt, auf Henderson.
Und hier in der Wildnis der Massenabfertigung, im Drunter und Drüber
des exzessiven Geldrauschs, hier gibt es einen altbekannten Hafen, dessen
Existenz alleine ein Ruhepol zum übrigen Chaos bildet. Dort weiß
man, was man hat und bekommt. Hier steht ein Wal-Mart Supercenter.
Vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet und absolut camperfreundlich.
So ist es jedem Camper gestattet, auf einem Wal-Mart Parkplatz zu
übernachten (und natürlich auch einzukaufen, was man natürlich
auch tut, und somit Mister Wals Rechnung aufgeht). Hier kann man
die Toiletten benutzen und sich bei Bedarf um drei Uhr in der Frühe
noch ein paar Biere besorgen. Aber vor allem ist es kostenlos und die ganze
Nacht hindurch bewacht. Und da uns die halbe Campergemeinschaft darauf
aufmerksam gemacht hat, dass Camping auf Wal-Mart Parkplätzen
ein Muss ist, wollten wir nicht länger auf Außenseiter machen
und richteten uns auf einem durchaus behaglichen Doppelplatz mit weißen
Markierungslinien und eigenen Bäumchen ein. Aber zugegeben, der beste
Vorteil liegt darin, dass Wal-Mart sich in unmittelbarer Nähe
der Autowerkstatt befindet, was die Qualität des Marktes nicht schmälern
soll. Überhaupt ist Einkaufen in Amerika ein ganz besonderes Erlebnis,
deshalb habe ich diesem Thema eine eigene Story gewidmet:
Wir verbrachten
eine ziemlich stürmische Nacht auf einem gut bewachten Parkplatz,
standen natürlich nicht mitten in der Nacht auf, um in den Genuss
zu kommen, um drei Uhr in der Frühe eine neue Garnitur Tischsets zu
kaufen, da wir überraschenderweise schliefen, und wir wurden auch
nicht von wild umherschießenden Jugendlichen geweckt, die laut unserer
Eltern nichts anderes im Sinn haben, als deutsche Touristen auszurauben,
um sich über ihre lächerlichen Habseligkeiten herzumachen. (Der
amerikanische Durchschnittsjugendliche würde das sicher auch gerne
tun, doch wir haben ja kein Schild um den Hals hängen: "Knallt uns
ab, wir sind reiche Deutsche, haben 10.000 Dollar im Auto und absolut keine
Verwendung dafür.") Um neun Uhr standen wir auf jeden Fall in der
Werkstatt und übergaben unser Gefährt an einen Menschen, der
behauptete, er habe Arbeit für Acht, Lust wie Minus Vier, zwanzigtausend
wartende Kunden und einen Sack voller unbezahlter Rechnungen. Aber er war
trotzdem so nett, uns einen günstigen Leihwagen zu besorgen und unser
Auto auf die sechs Meter lange Warteliste zu schreiben. Damit war unser
heutiges Schicksal besiegelt. Wir erfreuten uns an einem wendigen Ford
Sonstwas und kurvten damit über den Strip, um die übrigen
Hotels zu besichtigen, die wir bei unserem ersten Besuch ausgelassen hatten.
Viel kam dabei allerdings nicht heraus. Wir haben uns erneut den Magen
an einem billigen und nur mittelmäßigen Buffet zum Bersten vollgestopft,
haben dann doch noch etliche Dollars in irgendwelche langweiligen Maschinen
geschmissen und nichts aufregendes mehr entdeckt. Tja, drei Tage Las
Vegas reichen eben, der vierte Tag ist nur schlecht für die Linie
und für den Geldbeutel. Doch als wir zurück in die Werkstatt
fuhren, mussten wir mit Entsetzen feststellen, dass wir auch noch die nächsten
drei Tage hier verbringen würden, da es die anwesenden zwei Mechaniker
nicht fertiggebracht hatten, ein ausländisches Modell zu reparieren,
da es dazu keinerlei Handbücher gab. Wahrscheinlich handelte es sich
bei den Pseudomechanikern eh um gelernte Fleischfachverkäufer (mit
denen habe ich es aber wirklich), die ihr gesammeltes Wissen aus Fachmagazinen
wie dem Playboy oder dem TV-Guide haben. Auf jeden Fall haben
wir es der lapidaren Fehleinschätzung von Larry zu verdanken,
dass wir 46 Dollar in einen Leihwagen investiert haben, der uns einzig
und allein weitere wertvolle Dollars gekostet hat, damit wir uns vor langweiligen
Spielautomaten die Augen aus dem Kopf starren und durch den regen Genuss
an überfüllten Buffets der Mitgliedschaft der Weight Watchers
um ein gutes Stück näher gekommen sind. Und das alles, weil die
Jungs von der Werkstatt nicht wissen, wie fest man die Schrauben an einem
deutsch-japanischem Mitsubishi zieht. Hätten die das nicht
vorher sagen können? Jetzt ist es Freitag und erst am Montag ist ein
Typ da, der schon mal einen deutschen Mitsubishi gesehen hat oder
zumindest von dessen Existenz auch vor unserem plötzlichen Erscheinen
gewusst hat. Ob der allerdings dann auch weiß, wie fest man die Schrauben
zu ziehen hat, das weiß nur Herr Mitsubishi persönlich,
und selbst der ist sicher in Wirklichkeit nur Fleischfachverkäufer.
Doch ich bin mir durchaus bewusst, dass ich nur zum Zweck der Selbsthilfe
mein Tagebuch mit unglaublich viel Geschwafel fülle, damit ich die
Zeit nicht damit verbringe, im Wal-Mart, in irgendwelchen Spielkasinos
oder vielleicht sogar an einem Buffet Unmengen Geld auszugeben, was ich
einfach nicht mehr besitze. Denn der Dollarkurs hat sich ja ebenfalls gegen
uns verschworen. Aber das hebe ich mir fürs nächste Mal auf.
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24.-26. April
2001 - Grand Canyon NP
Wer an den Rand
des Grand Canyon herantritt und sich das Schauspiel, oder besser
gesagt das Stilleben, vor seinen Augen in Ruhe betrachtet und dabei nicht
über den Sinn des Lebens, die Erdgeschichte im Allgemeinen und das
Universum als Ganzes sinniert, der ist entweder völlig gefühlslos,
blind oder in einem Alter zwischen 15 und 20 Jahren, wo man sich außer
für das andere Geschlecht, Rauchen und die neuesten Klamotten für
absolut gar nichts interessiert. Mir blieb zumindest erst mal die Luft
weg. Britta und ich fühlten uns plötzlich zu den absonderlichsten
mathematischen Berechnungen veranlasst (was nicht gerade unser beider Stärke
ist), nur weil uns hier ein Blick in ZWEI MILLIARDEN Jahre Erdgeschichte
ermöglicht wurde. So errechneten wir, dass wenn ein Jahr unserer
Zeitrechnung eine Sekunde in der Zeitrechnung des Canyons
wäre, der Grand Canyon trotzdem ein Alter von 63.420 Jahren
aufzuweisen hätte, während wir unser bescheidenes Lebenslicht
schon zwischen der Sekunde 70 und 80 aushauchen würden. Dagegen sind
Eintagsfliegen regelrechte Langzeitindividuen. Hier am Grand Canyon
hat man abermals das Gefühl, dass der Mensch nur eine unwesentliche
Rolle in der Erdgeschichte spielt und dass er die Erde wahrscheinlich verlassen
haben wird, ohne dass der Grand Canyon auch nur Notiz von uns genommen
hat, so wie sicherlich auch die Dinosaurier an ihm spurlos vorbeigezogen
sind. In Jahrmillionen hat sich hier das Land tausendmal verändert,
wurde zu riesigen Bergen aufgeworfen, hundertmal gefaltet und zerrissen.
Es enstanden Canyons, die durch Wasser ausgewaschen wurden und Berge, die
in Jahrmillionen komplett abgetragen und dann durch eine neue Laune der
Natur erneut aus dem Erdinneren herausgestoßen wurden. Hier verbarg
abermillionen Jahre lang ein Meer den Erdboden und Millionen Jahre später
verschloss eine dichte Eisdecke die Oberfläche. Und das kann man alles
heute noch aus dem Canyon herauslesen, weil er einen tiefen Blick in die
Erdkruste ermöglicht, der uns anderswo verwehrt bleibt. Hier wusste
ich plötzlich, dass wir, die Menschen, wie die Dinosaurier vor 150
Millionen Jahren, eines Tages diese Erde verlassen haben werden, ohne große
Spuren zu hinterlassen. Nach uns - aus welchen Gründen unserer Existenz
auch immer ein Ende gesetzt wird - dauert es vielleicht wieder 150 Millionen
Jahre, bis sich eine neue Art anmaßt, die Erde zu regieren und sich
auf jedem Kontinent breit macht. Diese finden dann die Überreste einer
längs vergangenen Epoche, in der scheinbar zweibeinige Kreaturen die
Erde bevölkerten und letztendlich aus nicht geklärten Gründen
allesamt vor die Hunde gingen. Zwischenzeitlich verschiebt die Erde Kontinente,
bebt, bricht hier und da auf, verspritzt Unmengen von Magma und schmeißt
Steine in Größe des Grand Canyons durch die Gegend. Wir
sind Nichts, und diese Erkenntnis ist nur schwer zu schlucken, schließlich
versuche ich doch mit diesem Tagebuch ein bleibendes Stück Erinnerung
zu schaffen. Doch die Erde wird es nicht lesen. (Das nächste Mal beschäftigen
wir uns mit unserem Universum. Mal sehen, welche Erkenntnis uns dann der
Selbstaufgabe oder dem Suizid näher bringt).
Der Blick in das
Tal, durch den sich der Colorado River schlängelt, ist sicherlich
mit keinem anderen Ausblick auf der ganzen Welt vergleichbar. Der Name
Grand
Canyon ist einer der unbestrittenen Wahrheiten der ansonsten übertriebenen
amerikanischen Namensgebung. Es dauert eine Weile, bis man die Größe
und Tiefe des Canyons ganz überblicken kann, auch wenn man nie das
ganze Panorama auf einmal erfasst. Die Erde ist aufgerissen und die beiden
Bruchstellen liegen ca. 10 Meilen voneinander entfernt. Der Riss gibt den
Blick auf die verschiedenen Erdschichten frei und auf die vom Wind angefressenen
Gesteinsreste, die vereinzelt im Canyon zurückgeblieben sind. Nur
langsam gewöhnt sich das Auge an die Weite, an die abertausenden Einzelheiten.
Doch das Gehirn verarbeitet diese Information nur minderwertig. Es hat
einfach noch nichts vergleichbares "gesehen". Ich muss immer wieder daran
denken. Wenn die Erde zu solchen Dingen im Stande ist, dann ist unser Tun
weniger als der Tropfen auf dem heißen Stein. Und damit beschließe
ich den Versuch, das Ausmaß eines Erlebnisses zu beschreiben, was
mir kaum möglich ist, und mache nur noch schnell ein paar Bilder,
die ebensowenig das wiedergeben, was der Grand Canyon wirklich ist.
Ein wahres Weltwunder.
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27. April
2001 - Flagstaff
Flagstaff
ist ganz hübsch, ich meine, hübsch im Sinne von "ganz nett",
nicht aufregend, dennoch kann man dem Städtchen einen gewissen Charme
nicht absprechen. Aber das bezieht sich auch nur auf die zwei Blocks im
Stadtzentrum. Außenherum gleicht auch Flagstaff dem Einheitsbild
der amerikanischen Städte, bestehend aus unansehnlichen Baubaracken,
in denen sich entweder ein Motel, eine Fast-Food-Kette oder eine Autoreparaturwerkstatt
befindet. Und letzteres stellt auch hier in Flagstaff wieder mal
den Mittelpunkt unseres Aufenthalts dar. Denn dass wir uns vom Grand
Canyon hierher bewegt haben, verdanken wir der Tatsache, dass sich
unser Auto dafür entschieden hat, uns wieder einmal zu zeigen, wer
hier die meiste Arbeit leistet. Wir hatten den Grand Canyon noch
nicht ganz verlassen, da gab unser Kühler die ersten Rauchzeichen
von sich. Wir befanden uns zwar durchaus im Navajo Reservat, doch
die Überhitzung unseres Motors verlangte fachmännische, keinen
spirituelle Hilfe. Also versuchten wir die nächstgrößere
Stadt zu erreichen und so kamen wir nach Flagstaff, was eigentlich
nicht mehr auf unserer Route lag. Dass wir bis dahin fast so viel Wasser
schwitzten wie unser Kühler, soll kein Geheimnis bleiben. Wir pendelten
von einem Parkplatz zum nächsten und schafften die 110 km in einer
Rekordzeit von drei Stunden. Am KOA Campground Flagstaff hatten
wir abermals die Hoffnung verloren, dass wir diese Reise zu einem glücklichen
Ende bringen könnten. Da hatten wir gerade 14 Tage des Wartens in
Las
Vegas hinter uns gebracht, weil unser Fahrzeug den Kranken raushängen
ließ, und jetzt machte die Karre erneut schlapp. Wir waren kurz davor,
Herrn Mitsubishi anzurufen, um uns persönlich zu beschweren.
Doch Britta pflegt zu sagen: "Wer weiß, für was es gut
ist?" Ich weiß, für was das gut ist. Für das amerikanische
Bruttosozialprodukt. Aber bei all unserem Pech, das wir haben, passierte
immer etwas Eigenartiges, was uns glauben lässt, dass es wirklich
für alles einen Grund gibt. Denn als wir am frühen Morgen verzweifelt
versuchten, eine Werkstatt anzufahren und vor der Veterinärklinik
mit offener Motorhaube unserem Auto etwas Luft verschafften, schlich sich
ein älterer Herr an unser Fahrzeug heran und warf einen Blick in den
Motorraum. Das ist nicht selten, dass sich irgendwelche wildfremden Leute
für deine persönlichen Belange interessieren. Das macht schließlich
Amerika aus. Man kommt schon mal im Supermarkt mit einer netten Dame ins
Gespräch, mit der man sich in kürzester Zeit über ihre ganz
persönlichen Gebrechen unterhält und dabei erfährt, dass
ihre Schwiegertochter zum dritten Mal schwanger ist, obwohl ihr Sohn seit
zehn Jahren Sozialhilfe bezieht. Doch dass der nette Mann an unserer Motorhaube
ein Mechaniker von Earl's Radiator Repair (Übersetzung: Earl's
Kühler Reparatur-[Werkstatt]) war, das konnte nur ein Wink Gottes
sein. Ich frage mich tatsächlich, ob John (der Mechaniker)
nicht vielleicht seit Tagen an der Straße gegenüber der Tierklinik
wartete, bis wir Deutschen mit unserem defekten Kühler vorbei kamen.
Wahrscheinlich hatte er schon im Grand Canyon mit einem Schraubenzieher
dutzende Löscher in unseren Kühler gestochen und ist dann voraus
gefahren, um uns vor der Veterinärklinik abzufangen. Guter Trick,
doch recht unrealistisch. Dass es überhaupt noch so etwas gibt wie
eine Kühler-Reparaturwerkstatt, dass ist abermals ein amerikanisches
Beispiel von Arbeitsbeschaffung. Ich meine, welche Werkstatt repariert
in Deutschland noch Kühler? Und Earl und seine Angestellten
leben von dieser Art Reparaturen, wobei ich nicht verschweigen möchte,
dass das Auto in Amerika noch einen viel größeren Stellenwert
hat als in Deutschland und eine Kühlerreparatur mit einer Bypassoperation
gleichzusetzen ist. Trotzdem wäre bei uns eine derartige Werkstatt
schon längst bankrott oder würde Kaffee oder 26-teiliges Essgeschirr
verkaufen. Unser Kühlerinnenleben wird gerade in Phoenix komplett
nachgebaut und heute nacht per Greyhound nach Flagstaff geschickt
und schon morgen eingebaut. In Deutschland müsste ich wahrscheinlich
erst mal einen Termin für den nächsten Monat mit meiner sogenannten
Vertragswerkstatt machen, um dann beim Kostenvoranschlag zu erfahren, dass
mich die Reparatur prinzipiell erst mal 1000.- DM kostet und mindestens
fünf Tage in Anspruch nimmt, egal was dran ist. Kein Wunder, dass
wir so viele Arbeitslose haben. Wer bringt bei diesen Methoden noch sein
Auto in die Vertragswerkstatt? Wir sind zumindest sehr froh, dass uns John
über den Weg gelaufen ist (auch wenn er die Löcher selbst in
den Kühler gestochen hat) und haben so zumindest das erste Mal während
unserer Reise das Vergnügen, ein Motelzimmer zu beziehen. Und dieses
Erlebnis ist genauso unspektakulär wie man es in den amerikanischen
Filmen immer verfolgen kann. Der Bau ist flach und lang und liegt prinzipiell
neben der Hauptverkehrsstraße oder den Eisenbahnschienen, die Zimmer
liegen nebeneinander und gleichen sich wie ein Ei dem anderen, darin steht
ein Doppelbett und ein Fernseher. Alles andere ist Luxus und gehört
nicht zur Grundausstattung eines Motelzimmers. Doch dafür kostet es
auch nur wenig mehr als ein guter Campground. Wir wollen mal hoffen, dass
unser Auto uns nicht noch öfter zu Motelaufenthalten zwingt. Aber
wer weiß, für was es gut ist?
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29. April
2001 - Oak Craak Canyon, Sedona
Ich habe noch
keinen blassen Schimmer, was ich genau in mein Tagebuch schreiben soll.
Meistens habe ich ja schon tagsüber so ein paar Ideen, die ich hier
gerne verewigt sehen würde. Doch hier im Oak Creek Canyon fehlt
mir jegliche Inspiration. Ich meine, wir stehen hier mitten in einem Wald,
der dem heimischen Taunus sehr ähnelt. Wir haben nette Deutsche
kennengelernt (Klaus und Gilda) und waren ausgiebig genug
wandern. Wir schauten uns Sedona und die berühmten Red Rocks
in der Umgebung an. Abends hatten wir wie so oft ein ausgesprochen gutes
Dinner
und danach machten wir das obligatorische Lagerfeuer. Es war kein schlechter
Tag, doch wir haben durchaus schon bessere erlebt. Dabei war die Wanderung
das Highlight und die Begegnung mit Klaus und Gilda eine
Strapaze. Nicht dass sie uns unangenehm waren, nein, sie waren eine willkommene
Abwechslung und bereicherten unsere Erfahrung in puncto geduldiges Zuhören.
Naja, wenn man zwischen Berlin, dem Bayerischen Wald und
Las
Vegas hin und her pendelt, hat man natürlich viel zu erzählen.
Und dabei kann es schon mal vorkommen, dass man keine Notiz von seinem
Gesprächspartner nimmt, dem nach Stunden des Kopfnickens und des "Ja
Ja"-Sagens der Kopf vor Müdigkeit auf die Tischplatte schlägt.
Vielleicht tue ich den beiden ja auch unrecht, schließlich konnten
sie sich am nächsten Morgen noch an unsere Namen erinnern. Sicherlich
mangelt es bei ihnen wie bei uns auch nur an Sozialkontakten und man packt
die Gelegenheit beim Schopf und erklärt seinem Gegenüber (ob
er will oder nicht), was man denn die letzten dreieinhalb Jahre alles so
erlebt hat. Aber ob sie nun 1970 oder 1972 zusammen mit Karlheinz
die Interstate 15 gen Norden oder Süden gefahren sind, um an einer
Raststätte mit Telefonzelle für einen Dollar drei Minuten in
ganz Kontinental-Amerika zu telefonieren, das interessiert mich wirklich
nicht, auch wenn ich zwanzig Jahre alleine durch den südafrikanischen
Busch gewandert wäre. Britta und ich haben das Gefühl,
dass wir auf den Lieblingspfaden der Deutschen wandeln, denn ab dem Grand
Canyon hört man die abgehackten Ruflaute - "Hey, Gabi. Guck mol
wie die Kakteen so scheen bliehen" - immer öfter. Auf dem Pine
Flat Campground hier im Oak Creek Valley ist es uns doch tatsächlich
gelungen, zwischen zwei weiteren Deutschen zu stehen. Dabei ist noch nicht
einmal Urlaubszeit und die Campgrounds sind alles, nur nicht überfüllt.
Das eine Pärchen war etwa in unserem Alter und wir haben so sehnlichst
gehofft, dass sie uns vielleicht ansprechen würden, damit wir endlich
mal unseren Defizit an Sozialkontakten aufbessern konnten. Doch sie ließen
uns links liegen und wir wollten sie nicht mit unserem Bla-Bla belästigen.
Wenn ich nur drei Wochen Urlaub hätte, dann würde ich auch jedem
Deutschen aus dem Weg gehen. So habe ich mich pflichtbewusst, wie ich bin,
wie jeden Abend mit meiner lieben Frau unterhalten: "Es wird aber heute
wieder spät dunkel. Schönes Lagerfeuerchen, nicht wahr?! Ich
bin totmüde. Ich glaub, ich geh jetzt ins Bett. Gute Nacht. Gute Nacht."
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30. April
2001 - Monument Valley
Was kann ich dazu
sagen? Viel unternommen haben wir hier im Monument Valley sowieso
nicht. Eigentlich haben wir ausschließlich die monumentalen Sandsteinfelsen
angeschaut - und mehr braucht man auch nicht tun. Das Foto zeigt vielleicht,
welcher Anblick einen im Monument Valley erwartet, doch dort im
Tal, in dem die riesigen Felsbrocken wie Warzen auf der Landschaft stehen
und die untergehende Sonne sie noch kräftiger in ihrem Rot erstrahlen
lässt, dort scheint die Zeit angehalten, alle Mächte außer
Kraft gesetzt. Das Aussehen der Felsen verändert sich ständig
und doch sind sie so beständig und gewiss wie der Tag- und Nachtwechsel.
Der Blick wird regelrecht an das Tal gefesselt. Man könnte hier tagelang
sitzen und hinab auf die Steinriesen starren. Und das taten wir dann auch,
bis in die Nacht hinein. Und am darauffolgenden Morgen standen wir noch
vor dem Sonnenaufgang auf, um uns ein weiteres Schauspiel aus dem Repertoire
des Monument Valleys anzuschauen. Schweigend saßen wir
da und rechneten fest damit, in den nächsten Minuten erleuchtet zu
werden. Es gab auch nichts zu sagen, das muss man einfach gesehen haben.
Und damit der Worte genug.
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01.-02. Mai
2001 - Mesa Verde NP
Ein schmaler Pfad
führt die steinernen Treppen hinunter, die in mühevoller Arbeit
von den Rangern in den Fels geschlagen wurden, sonst könnte sich heute
in dieser Tour niemand die Hinterlassenschaften der Anasazi anschauen.
Der Weg macht noch einmal einen Knick und dann stehen wir vor dem Cliff
Palace, einer aus Stein gebauten Stadt unter dem Vorsprung eines Felsens.
Nicht weniger als 700 Jahre alt und unglaublich gut erhalten. Unzählige
kleine Gebäude und Räume reihen sich zu einer kleinen Stadt zusammen,
in der es sogar kleine Türme gibt. Mal sind die Bauten rund, dann
wieder rechteckig. Sie sind mit dem natürlichen Fels verknüpft,
fügen sich nahtlos in die natürliche Umgebung ein. Es ist die
Stadt der Anasazi, einer alten Indianerkultur, die hier gelebt und
gebetet hat und die um 1300 n. Chr. aus ungeklärten Gründen diese
Region verlassen hat. Der Ranger, der die Gruppe führt, lässt
uns an der Seite des Weges auf einen flachen Stein setzen und schildert
das damalige Leben. Mein Blick heftet sich auf die steinernen Mauern und
plötzlich erfüllt sich die Stadt mit Leben. Ich kann die vielen
Menschen sehen, wie sie hier Essen zubereiten, neue Mauern errichten, wie
die Kinder im Sand spielen und verwahrloste Hunde auf einen Brocken Essbares
hoffen. Die erwachsenen Männer versammeln sich in den Kivas,
Erdlöcher von immer gleicher Bauweise, deren runde Außenmauern
ein Dach aus Balken und Lehm tragen. Die Kivas sind ausgestattet
mit Feuerstelle und Frischluftkamin. Und in jeder Kiva ist ein kleines,
schüsselgroßes Loch (Sipapu ), durch das die Seele des
Gestorbenen in die Untergrundwelt, in die vierte Welt, entweichen kann.
Spiritismus spielte bei den Anansazi eine übergeordnete Rolle.
So glaubten die Anansazi - wie die meisten Indianerstämme heute
noch -, dass ein Mensch erst gestorben ist, wenn sein Körper komplett
zu Staub wurde und somit in den Kreislauf der Erde eingeht. Der Tod ist
nur der Übergang in ein anderes Stadium des Lebens. So wehren sich
die Indianer bis heute dagegen, dass Knochenreste gefundener Indianerleichen
ausgegraben und in Museen ausgestellt werden, denn man stellt nach
dem Glauben der Indianer den Körper eines noch lebenden Menschen aus.
Die Anasazi versammelten sich oft in den Kivas. Dort wurden
dann verschiedene Zeremonien abgehalten, um mit der Natur und allen Menschen
und Tieren darin im Gleichgewicht zu bleiben. Geriet etwas oder jemand
aus der Balance, wurde in der Gemeinschaft darüber beratschlagt und
eine Lösung gesucht. Eine sehr fortschrittliche Methode, um Probleme
zu lösen, wenn man bedenkt, dass sich in Europa zu der Zeit die Menschen
noch die Köpfe für einen Laib Brot eingeschlagen haben.
Wir gehen durch den Cliff Palace und werfen hier und da einen Blick
in die winzigen Räume. Auf engstem Raum lebten hier unzählige
Menschen. Sie mussten einfach gut miteinander auskommen, für Auseinandersetzungen
war nicht genug Platz (so wie bei Britta und mir in unserem
Camper). Die Wände sind akkurat gemauert und waren früher einmal
mit bunten Motiven bemalt. Leider sind diese wie fast alle schriftlichen
Zeichen und Gemälde durch Erosion zerstört worden. Das ist ein
großer Verlust für uns als Beobachter und Entdecker, denn die
Anasazi
hatten keine schriftliche Sprache. Jedes Detail der Familiengeschichte,
alles Wissenswerte über die Kultur des Stammes und deren Gebräuche
wurde mündlich an die Nachfahren weitergegeben. In tagelangen Sitzungen
saßen die sogenannten Clans beisammen und die Alten erzählten
von vergangenen Tagen oder vom Sinn und Zweck einer bestimmten Zeremonie.
Leider sind diese Geschichten mit den Anasazi verschwunden und niemand
weiß heute mehr mit Gewissheit, wie ihr Leben wirklich ausgesehen
hat. Ein hoher Verlust, wie ich glaube, hätten wir doch sicherlich
viel von den Anasazi lernen können. Sicherlich nicht, wie man
aus Metall Waffen herstellt, was mal ein vorlauter Europäer während
einer Führung bemerkte. Aber wir hätten mit Gewissheit lernen
können, wie man auf engstem Raum und unter schwierigsten Bedingungen
ein friedliches und unkriegerisches Leben führen kann, wo nicht jedes
Individuum darauf aus ist, seinen Lebensstandard zu erhöhen und unnützes
Zeug anzuhäufen, womit er sich mit der Zeit von anderen distanziert
und unabhängig macht, was ihn letztendlich in die Isolation treibt.
Mesa
Verde ist ein ganz besonderer Ort, an dem ich durch den Einblick in
eine fremde und vergangene Kultur auch viel über unser eigenes Leben
und zuguterletzt über mich selbst erfahren habe.
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04.-05. Mai
2001 - Arches NP
Wir reihen uns
schon am Eingang des Arches National Park in die Autoschlange ein,
um überhaupt erst mal hinein zu gelangen, in die verheißungsvolle
Landschaft der steinernen Rundbögen. Es ist Donnerstag und wir rechnen
uns noch Chancen auf einen freien Platz auf dem Campground aus. Aber der
hat nur 52 Stellplätze und ist oft schon morgens um neun Uhr voll
besetzt. Wir bekommen geraten, am nächsten Morgen so gegen sieben
Uhr vorbei zu schauen, um eine reelle Chance auf einen freien Platz zu
haben. Ja, ja. Sieben Uhr. Und Frühstück um fünf, oder was?
Wir verzichten gerne und beschließen außerhalb des Parks am
Colorado
River ein Plätzchen zu finden, was uns auch ohne große Mühe
gelingt. Am nächsten Morgen stellen wir uns abermals in der Autoschlange
vor den Toren des Arches National Park an. Das kann ja heiter werden.
Am Visitor Center stehen sich die Damen vor der Toilette die Füße
platt. Die Herren ringen derweil im Verkaufsraum um die besten Dokumentationen
und schönsten Postkarten, als gäbe es gleich keine mehr. Wir
beschließen, in den Park hineinzutauchen. Im Schneckentempo bewegt
sich eine Autokolonne den Berg hinauf und niemand fährt schneller
als 40 km/h, wir sind ja alle im Urlaub. Am ersten Aussichtspunkt stauen
sich schon die wartenden Autos, um einen Parkplatz zu ergattern. 15 Minuten
warten für einen kurzen Blick in den Canyon, ein Bild, "klick", und
weiter geht's, schließlich wollen ja auch noch andere parken. An
der nächsten Attraktion fahren wir vorbei, zu viele Naturbewunderer
versperren den Blick auf die eigentliche Attraktion. Ich sehe nur bunte
Jacken, weiße Waden und hunderte Menschen. Und keiner weiß
so recht, warum er sich das antut. Wir fahren weiter, kommen an den nächsten
Aussichtspunkt. Hier hält sich der Andrang in Grenzen, wir sind ja
auch schon 10 km in den Park hinein gefahren, 30 % der Besucher kommen
nicht über den Visitor Center hinaus. Der Pfad ist ausgetreten und
die wenigen Wildblumen, die am Wegesrand wachsen, sind plattgetreten. Genau
wie die Mikroorganismen auf der Oberfläche des empfindlichen Wüstenbodens.
Sie sind zu klein, um sich zur Wehr zu setzen. Man soll auf dem Weg bleiben,
um das empfindliche Wachstum nicht zu zerstören, doch die Leute denken
bei dem Foto ihres Lebens an nichts mehr, außer an den Gesichtsausdruck
des Nachbarn, wenn man ihm zuhause solch spektakuläre Bilder zeigen
kann. Die Leute blicken nur noch durch ihre Linsen und manchmal drehen
sie sich nach dem "Schuss" direkt um und würdigen das Panorama keines
Blickes mehr. Sie haben ja ihr Foto, weiter geht's zur nächsten Trophäe.
Wir suchen uns einen Wanderweg aus, um mehr vom Park zu sehen und den Leuten
aus dem Weg zu gehen. Doch auch der Wanderweg ist überfüllt.
Man kommt sich vor, als laufe man in einer Gruppe. Zu 70% der Menschen
kann man "Guten Tag" sagen. Es sind fast ausschließlich Deutsche
unterwegs, die paar Typen aus Colorado und New Mexico heben
sich nur dadurch ab, dass sie freundlich grüßen. Unsere Landleute
kriegen kaum den Mund auf, als wollten sie nicht bloßstellen, dass
sie Ausländer sind. Dabei sieht man es ihnen schon 10 Meilen gegen
den Wind an. Vielleicht schämen sie sich ja auch? Dabei können
sie alle ganz schön stolz sein, dass sie zu einem Volk gehören,
dass sich für seine weitere Umwelt interessiert und genug Geld dafür
aufbringt, fremde Länder zu bereisen. Die Japaner sind zumindest immer
zu hören, auch wenn sie ebenso wenig grüßen wie die Deutschen.
Doch den ersten Schock bekommt man, wenn man Deutsche trifft, die man schon
mal vor drei Tagen und 250 km weiter südlich in einem anderen National
Park getroffen hat. Und das passiert sogar öfters. Scheinbar befinden
wir uns auf einer sehr beliebten Touristenroute, auf der es nicht viele
Möglichkeiten gibt. Da hätten wir auch gleich einen Bus chartern
können, das wäre billiger gewesen. Doch wir stören uns nicht
weiter daran, auch wenn es das Naturerlebnis etwas schmälert. Aber
die National Parks sind halt gerade hier in Utah, wo man von einem
in den anderen fallen kann, sehr beliebt. Ich weiß nur nicht, wie
in Zukunft die Parkverwaltung die Menschenmengen davon abhalten will, ihre
Parks kaputt zu lieben?
Es bleibt trotz
allem ein Hochgenuss, den Devils Garden Trail zu bezwingen, auch
wenn sich genügend Menschen darauf breit machen. Es kann auf den Parkstraßen
noch so voll sein; Hat man mal einen Parkplatz gefunden und den Wanderpfad
eingeschlagen, trennt sich die Spreu vom Weizen, denn die meisten Parkbesucher
fahren ausschließlich die Parkstraße, während nur ein
geringer Teil die Wanderwege beschreitet. Im Arches National Park
verhält es sich zwar etwas anders, da die meisten der spektakulären
Steinbögen nur über einen Fußmarsch zu erreichen sind.
Doch man hat die Natur nicht für sich alleine gepachtet und andererseits
sind wir dann doch beruhigt, dass sich die Menschen auch noch für
etwas anderes interessieren als Fernsehen und Computer. Der Devils Garden
Trail mit dem Primitive Loop ist einer der abwechslungsreichsten
und schönsten Wanderwege, die wir bisher gelaufen sind. Gerade jetzt
im Frühling, wenn die vielen Wildblumen blühen, ist der
Anblick des Rundbogenlandes eine Augenweide. Der fast orange Sandstein,
der in den verrücktesten Formen und Verformungen im Licht der
Sonne regelrecht leuchtet. Die saftig grünen Pflanzen und Bäumchen
bilden ein ausgewogenes Bild mit dem komplementärfarbenem, orangen
Sand. Und der blaue Himmel, in dem sich die tiefhängenden, weißen
Wolken türmen, ist die vollkommene Ergänzung zum absoluten Naturerlebnis.
Doch eine Steigerung erfährt das Ganze noch, wenn man sich die Szenerie
durch einen der hundert Natursteinbögen betrachten. Diese Bögen
sind abermals das Resultat von Erosion, erbaut von Wind und Wetter. Ungläubig
bestaunt man die Größe dieser Bögen, die Kuriosität
und natürliche Kunstfertigkeit, die hinter jedem einzelnen Exemplar
steckt. Doch fast unfassbar erscheint die Gestalt des Delicate Arch.
Der
riesige Rundbogen, der auf einem Hochplateau steht, weit und breit kein
anderer Fels in seiner Nähe, als hätte man ihn dort hingepflanzt.
Unter ihm erstreckt sich eine tiefe ausgewaschene Mulde in Größe
eines Fußballfeldes. Zusammen sind sie wohl wirklich eines der meist
fotografierten Objekte der Welt.
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06.-09. Mai
2001 - Canyonlands NP
Wir sitzen auf
dem porösen Sandstein und blicken hinunter zum Green River
, der noch im Morgendunst liegt und nur schemenhaft auszumachen ist. Das
letzte Licht des vollen Mondes vermischt sich mit der Tagesdämmerung.
Es entsteht eine gespenstische Stimmung, aber es hat auch etwas vollkommenes,
etwas jungfräuliches. Noch zeichnen sich die Kanten des Canyons nur
zart in dem bläulichen Licht ab. Details sind nur schwer auszumachen.
Doch das Gesamtbild ist dennoch wie eine Komposition, die die Sinne verzückt.
Der runde Mond sinkt in den Dunst des Horizonts und kommt den schneebedeckten
Bergen dort am oberen Rand des Blickfelds bedenklich nahe. Er verblasst
immer mehr, je rötlicher der Nachthimmel wird. Noch ist die Sonne
nicht zu sehen, doch ihre erbarmungslose Hitzestrahlung klettert schon
über den Rand des östlichen Horizonts hinüber. Der Green
River Canyon nimmt immer stärkere Konturen an. Jetzt dringt auch
in die letzten Ecken das erste Tageslicht und gibt damit das ganze Ausmaß
des Canyons preis. Der Mond wird immer blasser und geht langsam in die
fernen Berge über, vermischt sich mit deren verschwommenen Antlitz.
Die Abrisskante der gegenüberliegenden Tafelberge wird nun in einem
ersten sanften Orange beschienen. Die Farbe wird immer kräftiger und
der Mond immer blasser, der jetzt langsam seinen vollen Bauch hinter die
weißen Gipfel schiebt, kaum noch von ihnen zu unterscheiden. Im gleichen
Augenblick hebt sich die Sonne genau im 180 Grad Winkel zum Mond hinter
den im Schatten liegenden Hügel empor und erleuchtet die Tafelberge
nun in kräftigem Rot. Der gegenüberliegende Horizont wabert nur
noch im Dunst und die ersten Schatten ziehen sich über das langgestreckte
Tal. Die Farben kommen stärker heraus und die Kontraste werden immer
schärfer. Dem Green River und seinem Canyon wird Leben eingehaucht,
alles erwacht und bekommt Farbe. Der mächtige Schatten, der noch die
Hälfte des Tals bedeckt, zieht sich immer mehr zurück, gibt immer
mehr von der Weite des Landes frei. Gleich sieht man diesen überdimensionalen
Fußabdruck - wie der ausgefranste Canyon nun mal aussieht - in seiner
vollen Größe und der Kontrast zwischen Licht und Schatten zeigt
das ganze Ausmaß dieser gigantischen Hochebene, dieses einmalig geformten
Flußlaufs. Das Schauspiel dieses Morgens werde ich nie mehr in meinem
Leben vergessen, weil es sich tief in mein Inneres eingebrannt hat. Ich
bin voller Bewunderung.
Das, was ich
wahrscheinlich auch nicht mehr vergessen werde, sind die Folgen einer Zweitageswanderung
hinunter in den Taylor Canyon.
Als wäre ein Jahr durch Amerika nicht schon genug Abenteuer, müssen
Britta
und ich uns in unregelmäßigen Abständen beweisen, dass
wir zu mehr im Stande sind, als Bier zu trinken und ums Lagerfeuer herumzusitzen.
Also füllten wir nun zum zweiten Mal unsere Rucksäcke für
eine Mehrtageswanderung auf, wobei es jedesmal darum geht, so viel wie
möglich im Camper zu lassen und auf unnötigen Kram zu verzichten.
So ließen wir sämtliche Utensilien für die Körperpflege
zuhause und nahmen dafür einen 2,5 kg schweren Firelog mit.
Ich bin mir nicht sicher, ob es so etwas auch in Deutschland gibt, aber
wahrscheinlich nicht. Denn das Ding besteht aus 100 % Chemie und
brennt zwei bis drei Stunden wie ein echtes Lagerfeuer. Auch den Gaskocher
und das Kochgeschirr haben wir diesmal zuhause gelassen, weil wir uns für
jede Mahlzeit eine Scheibe Brot zubereitet haben (doppelt), was wir dann
schon vorher liebevoll in Zellophanfolie wickeln konnten. Wir haben ein
ganzes Brot verschnitten, belegt und verpackt. Na, wenn das nicht mal ein
Fortschritt war. Zu unserem Gepäck kamen noch das Zelt, die Schlafsäcke,
die Isoliermatten, das Handbuch: "Helfe Dir selbst, wenn Du Dich total
verlaufen hast", eine Ersatzunterhose (je eine), Seil, Rescue-Set, Karte,
Toilettenpapier, Schippe und bevor ich es vergesse - wobei, das könnte
ich nie vergessen, schließlich sind mir am ersten Tag bald die Arme
abgefallen -, 11,5 Liter Trinkwasser, verteilt auf sechs verschiedene Behältnisse.
Jetzt frage ich mich auch, warum wir ausgerechnet bei 30 Grad Celsius in
eine Gesteinswüste marschieren, wo es Lebewesen gibt (wenn es denn
welche gibt), die ihren Haushaltsbedarf an Flüssigkeit aus Käfern
und anderem Krabbelzeug gewinnen. Das würden die nicht tun, wenn es
genügend Wasser gäbe. Deshalb waren wir gezwungen, all unser
Wasser für zwei Tage mitzunehmen, und wir tranken auch den gesamten
Wasservorrat weg. Das Gewicht unserer Last machte sich schon nach den ersten
hundert Metern bemerkbar, als so langsam die Schultern schmerzten und irgendetwas
aus den unergründlichen Tiefen des Rucksacks ganz erheblich auf die
Wirbelsäule drückte. Als wir dann über einen steilen Pfad
in den oberen Canyon hinunter stiegen, hätte ich gesagt, wir schaffen
keine drei Kilometer, da wir vorher kopfüber, teils aus Schwäche,
teils aus einem Suizidgedanken heraus, die Klippen herunter gestürzt
sind. Doch mit der Zeit vergisst man die Schmerzen, man lernt sie zu ignorieren
und hat manchmal sogar ein bisschen Luft für einen Plausch über.
Wir liefen ein ausgetrocknetes Bachbett entlang, das uns zum Green River
führen
sollte. Ganz oben am Canyonrand ließ sich ein Steinadler durch die
Lüfte tragen und war trotz der erheblichen Entfernung gut zu erkennen.
Es war ein ergreifender Moment, als sich vor uns plötzlich das grüne
Band erstreckte, hinter dem sich ganz offensichtlich ein Gewässer
befinden musste. Wo uns doch schon seit Stunden die unbarmherzige Sonne
auf den Nacken schien. Nicht weil wir im Green River hätten
baden können, geschweige denn, das Wasser trinken konnten. Es war
lediglich ein weiterer Meilenstein auf unserer Wanderung zum Taylor
Canyon. Wir standen inmitten eines grünen Tals, eingeschlossen
von den hohen Felswänden der Tafelberge, keine Zivilisation weit und
breit. Doch wir waren kaum auf dem alten White Rim Trail unterwegs,
da kamen uns schon zwei Mountainbikefahrer entgegen. Die hatten allerdings
auch keine 25 kg auf dem Rücken und sind wahrscheinlich mit dem Auto
ins Tal gefahren, damit sie sich hier unten austoben konnten. Doch für
einen kurzen Moment hätte ich gerne mit ihnen getauscht. Wir schafften
an diesem Tag mit letzter Kraft 18 km von insgesamt 30 km und waren froh,
als wir in einem wash (Flussbett) einen Schatten spendenden Busch
fanden, der uns vor der Sonne schützte und unsere stinkenden Klamotten
dem nicht vorhandenen Lüftchen aussetzte. Wir waren fix und alle.
Doch wer schon einmal in die Wildnis gewandert ist und dort im nirgendwo
sein Zelt aufgebaut hat, zusieht, wie sich das letzte Tageslicht aus der
Welt zurückzieht und die Nacht mit ihren funkelnden Sternen ein übergroßes
Zeltdach über die Natur spannt, der weiß vermutlich, warum man
sich solchen Strapazen aussetzt. Ich bin mir bis heute noch nicht sicher.
Eigentlich sollte uns um vier Uhr morgens meine Aldi-Digitaluhr
für 14.95 DM wecken, da Vollmond war und wir der heißen Sonne
ein Schnippchen schlagen wollten und einen Teil des Weges als Nachtwanderung
deklarierten. Doch leider waren wir zu erschöpft und konnten den Wecker
nicht hören (war vielleicht besser so). So standen wir um sechs Uhr
auf (was auch noch verdammt früh war und uns den letzten vorhandenen
Willen abverlangte) und machten uns, noch bevor die ersten Sonnenstrahlen
den Canyonboden erreichten, auf den Weg. Unsere Batterien waren zu 30 %
wieder aufgeladen und die ersten 20 Meter erschienen uns spielerisch einfach.
Doch obwohl das Gewicht unserer Rucksäcke erheblich abgenommen hatte,
machten sich nun unsere Glieder bemerkbar. Die ersten Blasen wollten gepflegt
werden und die Nackenschmerzen waren fast unerträglich. Doch der Weg
war eine Augenweide. Die Morgenstunden sind die schönsten Stunden
am Tag. Und hier unten im Canyontal, wo die abertausenden Wildblumen den
letzten Morgentau aufsaugen und die winzigen Vögel die letzte Frische
des anbrechenden Tages ausnutzen, hier waren wir für uns und genossen
diese natürliche Stille. Doch als wir dann an die Canyonwand herantraten
und den Weg hinauf erblickten, da stand uns vom bloßen Hinschauen
schon der Schweiß auf der Stirn. Die Sonne brannte auf den Pfad und
machte den Gang zu einem Höllentrip. Mit den letzten Kräften
schafften wir uns den Hang hinauf und es kostete uns wirklich die letzten
Energiereserven. Nach 25 Stunden standen wir völlig erschöpft
und ausgelaugt vor unserem Camper und konnten es kaum glauben, dass wir
die Tour hinter uns hatten. Man fragt sich wirklich, warum man sich so
etwas antut und weshalb man sich diesen Strapazen aussetzt. Zum Zeitpunkt,
als ich diese Worte schreibe, sind schon wieder fast 24 Stunden nach unserer
Rückkehr aus dem Taylor Canyon vergangen. Ich habe 11 Stunden
geschlafen, die Schmerzen sind fast schon wieder verklungen, nur ein wenig
Muskelkater zeugt noch von den Anstrengungen der vorangegangenen Tage.
Doch was geblieben ist, sind die Bilder in meinen Kopf, die wunderschönen
Aussichten auf pure, unberührte Natur. Das Erlebnis reduziert sich
nun auf die schöne Dinge und obwohl es jetzt schon Geschichte ist,
erlebe ich die Tour immer wieder aufs Neue, schaue mir die Bilder an und
erfreue mich an der Tatsache, eine Herausforderung angenommen zu haben.
Das, und ein Dutzend anderer Dinge, die ich nicht erklären kann, sind
Auslöser dafür, dass wir uns wahrscheinlich immer mal wieder
den Strapazen einer Mehrtageswanderung aussetzen.
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10.-12. Mai
2001 - Capitol Reef NP
So, nun waren
wir auch mal im Capitol Reef National Park. Doch ich brauche hier
nicht zu verschweigen, dass seit dem Grand Canyon die Landschaft
zwar etwas variiert, sich allerdings im wesentlichen kaum voneinander unterscheidet.
Utah
ist nun mal "steinreich" und das kann man auch in den vielen National Parks
feststellen. Obwohl jede Region, und damit jeder Park, ein etwas abgewandeltes
Bild zu bieten hat. Doch wer sich nur mit seinem Fahrzeug auf den Hauptverkehrsstraßen
aufhält und nur von den Aussichtspunkten einen Blick in die vermeintlich
einmalige Natur wirft, der wird spätestens nach dem dritten National
Park enttäuscht sein, denn letztendlich glotzt er immer wieder auf
rötliche Felsen. Manchmal sind sie glatt und rund, dann wieder porös
und eckig. Mal stehen sie zusammen wie die Hühner auf der Stange,
mal sieht man nur Einzelgänger in einer ansonsten trostlosen Gegend.
Tja, so mag das für den ein oder anderen aussehen. Doch spätestens,
wenn man die Wanderschuhe anschnallt und den Rucksack mit Essbarem bestückt
und dann die Pfade der Nationalparks abläuft, tief hinein in die autofreien
Zonen jedes einzelnen Parks, dann unterscheiden sich alle Parks wieder
ganz enorm voneinander. Und nicht nur das. Es unterscheiden sich sogar
die Pfade voneinander und meistens sieht sogar der gleiche Pfad völlig
anders aus, wenn man ihn in entgegengesetzter Richtung wieder zurück
läuft. Das Erlebnis ist immer ein anderes und die Bilder gleichen
sich so gut wie nie. Und selbst wenn sie sich ähnlich sind und man
das Gefühl hat, man wäre schon mal da gewesen, spielt es letztendlich
keine große Rolle mehr. Denn wer draußen in den Parks zu Fuß
unterwegs ist, dem geht es nicht mehr darum, einfach nur dort gewesen zu
sein. Der Wanderer unterscheidet sich von allen Souvenirjägern, die
vor lauter Parks und Kameralinsen die Welt um sie herum gar nicht mehr
wahrnehmen. Und zuhause stellen sie erschrocken auf ihren Bildern fest:
"Huch, da war ich schon? Ist mir gar nicht aufgefallen". Wenn man zu Fuß
in den National Parks unterwegs ist, dann spielt es eigentlich keine Rolle,
ob es der Zion-, der Grand Canyon-, oder der Capitol Reef
National Park ist. Man kann eh nur einen kleinen Teil dieser riesigen
Parks entdecken und jeder kleine Teil birgt neue große Naturwunder
in sich. Man durchforstet die abgelegensten Gebiete und entdeckt immer
wieder neue Ansichten, neue Lebensformen und spektakuläre Gesteinsgebilde.
Welch Glück hat Wandern fast immer etwas mit Anstrengung zu tun, sonst
wären die Trails geradezu überlaufen. Doch wir sind oft ganz
für uns alleine oder treffen nur wenige Gleichgesinnte auf den Wegen,
auch wenn der Park ansonsten gut besucht ist. Wir wandern aber auch, weil
wir uns einfach sportlich betätigen wollen. Denn es ist für uns
eine der genialsten Arten, sich Bewegung zu verschaffen und gleichzeitig
diese phänomenale Natur zu erleben. Wenn man das dann noch in solch
einer Umgebung tun kann, wo einem kleine Eidechsen über die Füße
laufen, manchmal eine Schlange über den Weg zischelt, jetzt im Frühling
die Kakteen in den schönsten Farben blühen, die Wildblumen so
aromatisch duften und jeden Tag die Sonne scheint, dann spielt es wirklich
keine Rolle mehr, dass sich die National Parks hier im Süden Utahs
ähneln, denn sie sind alle wunderschön. Und so viel Zeit kann
ein einzelner Mensch gar nicht haben, dass ihm beim Erkunden der vielen
hundert Kilometer Wanderwege irgendwann einmal langweilig wird.
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13.-14. Mai
2001 - Bryce Canyon NP
Im Bryce Canyon
hat sich die Natur selbst übertrumpft. Eine bizarre Märchenlandschaft
wie aus einer anderen Welt wurde hier aus den Klippen der Pink Cliffs
herausgeschält. Wie Zinnsoldaten stehen die sogenannten "Hoodoos"
mal in Gruppen, mal in Reihe unterhalb des Klippenrandes zusammen, als
hätte jemand zum Appell geblasen. Sie gleichen sich scheinbar wie
ein Ei dem anderen, aber aus der Nähe ist jeder Hoodoo einmalig.
Es sind steinerne Säulen, von Wind und Wasser zu freistehenden Naturdenkmälern
geformt. Es sind Dächer, abertausende Dächer von spitzen Türmen
einer Phantasiestadt, die ihr Geheimnis zwischen den Reihen der haushohen
Säulen verbergen. Oder es ist die von einer Hexe versteinerte Armee
einer vergangenen Zeit. Es regt die Phantasie an und ein Gang durch die
Landschaft dieser sonderbaren Gebilde ist wie ein unterhaltsamer Nachmittagsspaziergang
mit Aussichten auf die wohl verrückteste und zugleich eine der atemberaubendsten
Landschaftsform, die es in Nordamerika zu besichtigen gibt. Die rosé-roten
und weißen Steintürme stehen zu Tausenden am Hang des Canyons
und erzählen ebenso viele Geschichten. Unsere Wanderungen unter dem
Canyonrand könnte man mehr als Fotoausflug oder Stop'n Go-Wanderung
bezeichnen, da wir uns immer wieder die Köpfe verdrehten, um die merkwürdigen
Formen zu bewundern. Und dann waren da noch die niedlichen Streifenhörnchen,
die uns förmlich um etwas Fressbares anflehten und dabei die aberwitzigsten
Positionen annahmen. Man hatte fast das Gefühl, sie würden absichtlich
für ein Foto vor gutem Hintergrund posieren, damit sie sich das Leckerchen
regelrecht verdient hätten. Eines der Tierchen stieg sogar auf meine
Hand, um sich auch wirklich davon zu vergewissern, dass ich in ihr nichts
Fressbares hielt. Doch die unnatürliche Zutraulichkeit der Nager lässt
die Fütterung durch Menschen nicht nur vermuten, sondern liegt klar
auf der Hand. Zu viele Menschen strömen alltäglich über
die Wege des National Parks, zu viele faszinierte Urlauber richten ihre
Kameras auf die süßen Tierchen, als dass man nicht ahnen könnte,
dass bei so manch einer Brotzeit ein Häppchen für die Kleinen
abfällt. Das die Chipmunks während der Sommermonate ihre
Gewohnheiten ändern und vornehmlich von den Fütterungen der Zweibeiner
leben, scheint ja auch nicht so dramatisch zu sein. Doch das halbe Jahr
herrscht hier oberhalb von 2500 Metern strenger Winter, in dem sich nur
wenige Urlauber in den Bryce Canyon verlaufen. Dann sind die Streifenhörnchen
abhängig von ihren Reserven, die sie während des Sommers angelegt
haben, wenn sie das nicht wegen der geänderten Gewohnheiten vergessen
haben. Das bezieht sich aber nicht nur auf die niedlichen Nagetiere, sondern
auf alle Tiere und Pflanzen innerhalb der National Parks. Wenn sich jährlich
1,5 Millionen Menschen durch den Bryce Canyon schieben und nur gelegentlich
der ein oder andere Spaziergänger sich neben den markierten Pfaden
bewegt und dabei ein paar winzig kleine Pflänzchen platt macht, dann
kann das auf die Dauer zu irreparablen Schäden an der Vegatation führen.
Man hat eben keine Vorstellung von dem Ausmaß an Zerstörung,
das so viele, nette Urlauber verursachen, auch wenn ihnen das im Grunde
absolut fern liegt. Doch der persönliche Wert eines Augenblicks liegt
wie immer sehr viel näher. Das Foto von der Stelle unter dem Baum.
Das kleine Stück Kuchen für das niedliche Streifenhörnchen.
Nur das eine Mal. Sieht doch niemand. Das gibt so ein tolles Foto. Das
Tierchen hat doch so einen Hunger. HAT ES NICHT! Aber wir werden es nie
lernen und später mal unseren Enkeln erzählen: "Zu meiner Zeit
gab es da noch Streifenhörnchen im Bryce Canyon, jetzt sind
die alle weg und keiner weiß warum".
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16.-17. Mai
2001 - Zion NP
Zion Canyon
ist wohl die Oase unter den Utah-Parks. Die Hauptattraktion
ist zwar gleichsam ein von Wasser ausgewaschener Canyon, doch hier hat
es auch eine ausgesprochen üppige Vegetation und das ist wie immer
eine Wohltat für die Seele. Der Campground liegt direkt am Virgin
River , der in 13 Millionen Jahren den Zion Canyon geschnitten
hat und dabei ein wunderschönes, fruchtbares Tal schuf. Aber auch
dutzende kleinerer Canyons gibt es zu bewundern, die von Wasser geformt
wurden, welches sich spiralförmig in den butterweichen Sandstein grub
und dabei kunstvolle Erdspalten schuf, in die kaum ein Lichtstrahl eindringt.
Von Zeit zu Zeit zischen Kolibris über die grünen Wiesen und
bleiben ganz abrupt vor meiner Nase in der Luft stehen, um mich zu begutachten.
Das sind ganz enorme kleine Flugkünstler. Einen ganz ausgeprägten
Spaß am Fliegen haben aber auch die Schwalben. Als wir hier im Zion
National Park mal wieder die Hänge erklommen, um von den oberen
Rändern des Canyons einen besseren Blick ins Tal zu ergattern, demonstrierten
dort oben wieder etliche Schwalben, dass sie kolossalen Spaß am Fliegen
haben. Mit einem ordentlichen Luftzug zischen sie für gewöhnlich
an Canyonrändern entlang, nur wenige Meter an unseren Köpfen
vorbei, den natürlichen Aufwind ausnutzend. In halsbrecherischer Art
stürzen sich gleich mehrere Exemplare in das Bodenlose, um mit wahnsinniger
Geschwindigkeit die Bergwand wieder emporzuflitzen. Das ganze Schauspiel
findet vor dem Hintergrund der Berggipfel des Zion Canyons statt.
Ein wunderschöner Zeitvertreib. Es hat mich auch kaum noch gewundert,
dass Rehe über unseren Campingplatz spazierten, die bis auf wenige
Meter an unseren Camper herankamen und genüsslich das schmackhafte
Gras fraßen. Wir konnten die Szene ebenso genüsslich aus unserem
Camper beobachten. Es ist wie immer die Gesamtheit der Erlebnisse und der
Erfahrungen, die das Urteil über einen Park beeinflussen. So trafen
wir schon im Bryce Canyon National Park Schweizer in unserem Alter,
die wir hier in Zion wieder trafen. Wir saßen jeden Abend
beisammen und hatte eine ausgesprochen schöne Zeit. Sandra
und Reto wohnen und arbeiten für vier Jahre mit ihrem Sohn
Joel
in Alabama und haben so ihre eigenen Erfahrungen mit Amerika gemacht.
Welchen Schwierigkeiten man entgegen sieht, wenn man hier ein Auto oder
gar ein Haus kauft, können wir jetzt gut abschätzen. Doch auch
aus den Worten von Reto und Sandra ist klar rauszuhören,
dass sie sich ein Leben darüber hinaus in den Vereinigten Staaten
kaum vorstellen könnten. Es sind die Sitten und die Bräuche,
die sie vermissen. Das, was die Schweiz eben ausmacht. In Alabama
ist es nur heiß und feucht und ansonsten gäbe es dort nichts
zu sehen. Tja, die Europäer rücken in Amerika zusammen, um sich
zu trösten und vom fernen Zuhause zu erzählen. Und an einem dieser
Abende wurde mir mit erschreckender Gewissheit bewusst, dass Amerika nie
mein Zuhause sein wird. Es ist und bleibt für mich immer ein Urlaubs-
oder Reiseland. So beeindruckend es ist, so einmalig in seiner Beschaffenheit,
so spektakulär in seinen Naturwundern, so reizvoll für den Camper,
so maßgebend in vielen Dingen dieser Erde, von der Musik bis zur
Politik. Ich wollte hier nicht leben, weil ich die Mentalität der
Menschen nicht wirklich teile, weil ich die Politik nicht verstehe und
weil mir die Wertvorstellungen absolut gegen den Strich gehen. Wenn man
so tagein tagaus in Amerika unterwegs ist, fällt einem die Diskrepanz
manchmal gar nicht mehr auf, und dann benötigt es eine junge Schweizer
Familie, die einem wieder einmal die Augen öffnet. Am Ende unserer
Reise über das Colorado Plateau erwischt mich wieder
einmal ein bisschen die Sehnsucht nach dem, was ich nun seit 9,5 Monaten
entbehren muss. Meine liebgewonnene Heimat Deutschland.
Doch wer kann
es uns verübeln, dass wir hier genüsslich im Schatten der Pappeln
sitzen, die ihre flauschigen Samen wie Schneeflocken in den seichten Wind
entlassen, wodurch die ganze Luft von weißen Flockenschauer erfüllt
ist. Wir lauschen dem Virgin River,
wie
er stetig und unaufhaltsam dem Tal entgegen fließt, hören den
Wind, wie er durch das Blätterwerk der stattlichen Bäume
rauscht, sehen den Kolibris zu, wie sie sich eifrig an den Blüten
der Gräser nähren. Die alte Dame aus Kanada kommt herüber
auf einen Plausch, wir laben uns an köstlich frischem Obst und an
dem, was der Kühlschrank sonst noch so her gibt. Und wir genießen
die restliche Zeit, die wir noch von Zuhause fern sind und wissen, auf
was wir uns freuen dürfen.
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