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White Sands NM, New
Mexico
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21. Januar
2001 - Chiricahua NM
Abermals stehe
ich vor dem Problem, dass ich etwas in meinem Tagebuch beschreiben möchte,
was sich nur sehr schwer beschreiben lässt. Selbst die Fotos meiner
Kamera (die ich nach jedem "Trip" gleich in den Computer lade und begutachte)
sind nur minderwertige Dokumente, die dem Original kaum nahe kommen. Da
stelle ich - der eindimensionale Mensch, der ich manchmal bin - gelegentlich
fest, dass ich durchaus eine dreidimensionale Wahrnehmung habe. Sind mir
die Bilder, die mein Auge vom Chiricahua National Monument gemacht
hat, doch noch sehr lebhaft und plastisch in Erinnerung. Ich könnte
natürlich jetzt einen meiner Reiseführer zitieren oder sogar
die Werbebroschüre des Parks, das ist trotzdem nicht das, was ich
heute erlebt habe. Im Grunde Ist das Chiricahua NM eine Gebirgslandschaft,
aus der steinerne Finger herausragen. Wie Geschwüre, die wie Pilze
aus der Erde wachsen, sprießen sie scheinbar dem Sonnenlicht entgegen.
Aber erst der Panoramablick über einen ganzen Berghang mit seinen
tausend und mehr Einzelsäulen zeigt das ganze Ausmaß der natürlichen
Pracht. Wir sind den ganzen Tag gewandert - die beste Art, das Erlebnis
pur zu genießen. Ein Großteil der Wälder lag noch unter
dünnem Schnee begraben, der die Szenerie in ein Winterwunderland verwandelte.
Ein absolutes Naturerlebnis.
Der traurige
Beigeschmack ist die Geschichte des Parks und wie die Amerikaner damit
umgehen. Als ich diese Gesteinsformationen das erste Mal sah, dachte ich
unweigerlich an Indianer. Und tatsächlich haben hier von ca. 1500
bis 1886 Chiricahua Apache gelebt und lebten bis dahin im Einklang
mit sich und der Natur, bis sie von der amerikanischen Armee vertrieben
wurden. Es sollten sich Siedler hier niederlassen, was dann auch einige
wenige taten, bis das Gebiet dann 1924 zum nationalen Denkmal wurde. Diese
Abhandlung der Geschichte, von Menschenvertreibung, Kulturzerstörung
und Auslöschung einer ganzen Art, wird so selbstverständlich
erzählt, wie die Berge heute noch die Namen der großen Indianerhäuptlinge
tragen. Und Chiricahua ist ja kein Einzelfall. Überall in diesem
Land wurden die Ureinwohner vertrieben und ermordet, damit ein paar wenige
Siedler ihre Vorstellung von ihrem way of life realisieren konnten.
Und in diesem Fall gerade mal 38 Jahre lang, nachdem vorher 350 Jahre lang
Apache
Indianer
hier lebten, bis sich die amerikanische Regierung dazu entschied, das neu
"erworbene" Land nach deren Ureinwohnern zu benennen. Zu allem Überfluss
kann man heute noch das Fort Bowie
besichtigen, ein Vorposten in puncto Indianervertreibung. Bei uns in Deutschland
wäre solch eine Stätte sicherlich auch zu besichtigen. Allerdings
wäre es ein Mahnmal, eine Gedenkstätte, die daran erinnern sollte,
dass hier einmal etwas sehr Ungerechtes passiert ist. Die Amerikaner hissen
in Fort Bowie ganz selbstverständlich die amerikanische Flagge
und präsentieren das alte Fort als Meilenstein der amerikanischen
Geschichte - auf dem Weg zur vollkommenen Freiheit. Da wird dem Land eine
sehr zweifelhafte Ehre zuteil. Vielleicht bin ich in meinem Urteil auch
etwas hart, können doch die meisten Amerikaner nichts für die
Ureinwohnerpolitik ihrer Vorfahren. Doch als Deutscher hat man so seine
eigene Vorstellung von Vergangenheitsbewältigung. Nicht dass ich das
eine Übel mit dem anderen vergleichen wollte. Doch zumindest habe
ich das Gefühl, kritischer mit der Geschichte meines Landes umzugehen.
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22. Januar
2001 - Tombstone
Tombstone
heißt übersetzt "Grabstein" und ist einer der wenigen gut erhaltenen,
originalen Westerncitys der Vereinigten Staaten. Allerdings ist sie durchaus
an die moderne Zeit angepasst und die Allen Street zwischen den
auf alt gemachten Häuserblocks ist, dem Automobilverkehr entsprechend
angepasst, geteert. Doch in Tombstone erwartet einen nicht mehr
Westernflair als in der künstlichen Westernstadt Alamo Village
in Texas . Im Gegenteil. Hier spielt der Tourismus eine noch größere
Rolle und abermals werden die Helden der Stadt mit Live-Shows geehrt. Darunter
die Westernhelden Wyatt Earp und Doc Holiday. Das Städtchen,
welches gerade mal von 1880 bis 1900 richtig boomte, hat außer ein
paar Schießereien und zweifelhaften Helden nichts zu bieten. Die
Gebäude sind nicht die Originalhäuser, die Einrichtungsgegenstände
sind auf alt getrimmt. Auch wenn die monströse Theke in Big Nose
Kate's Saloon einen wahrhaft urigen Eindruck auf uns macht und die
Kerben und Löcher im Holz auf so manche Schießerei hindeuten,
bestätigt uns der Barkeeper, dass weder die Theke noch die Einrichtung
aus der Originalzeit stammen. Deshalb bleibt sie trotzdem bewundernswert
und die Atmosphäre im Saloon könnte recht authentisch sein, wenn
nicht wir und die restlichen Touristen hier rumsitzen würden und mit
offenem Mund umherschauten. Hätten die Amerikaner um 1900 schon daran
gedacht, Traditionelles zu erhalten und für nachkommende Generationen
zu bewahren, wäre der Eindruck eines Western-Disneys sicherlich geringer,
zumal 80% der Läden Schnickschnack zum Thema verkaufen (der Rest ist
Fastfood). Aber wahrscheinlich wurde Tombstone, nachdem die Einwohner
um 1900 abwanderten, von Cowboys geplündert und der Rest vergammelte
fünfzig Jahre vor sich hin. Warum auch nicht. Es ist fraglich, ob
eine Schießerei und 20 Jahre Stadtgeschichte für ein Museum
herhalten?
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24.-25. Januar
2001 - Saguaro NP
Saguaro
heißen die Kakteen dieser Region und sind für mich, wie sicherlich
für viele andere auch, das Sinnbild dieser stacheligen Pflanzen. Kandelaber-Kaktus
heißt das bis zu 18 Meter hohe Pflänzchen bei uns, obwohl er
nur hier im Süden Arizonas und im Norden Mexikos in
der Sonorawüste vorkommt. Unweigerlich muss ich an Lucky
Luke denken, der hier zuhause ist. Ich seh diesen liebenswürdigen
Zeichentrick-Cowboy genau vor mir, wie er durch steiniges Gelände
über seichte Hügel durch eine Kakteenlandschaft reitet, die so
kitschig aussieht, dass sie nur der Fantasie des zeichnenden Künstlers
entsprungen sein kann. Doch weit gefehlt. Wie überdimensionale, mehrarmige
Menschen bevölkern hier die Saguaros die Wüste. In unregelmäßigen
Abständen, doch immer in sicherer Entfernung zur nächsten, stehen
die Riesen inmitten einer von Kakteen geprägten Wüste. Sie beanspruchen
aber nicht nur den Platz, den sie einnehmen, sie sind präsent in jeder
Hinsicht. Sie gehören nicht nur hierher, sie nehmen die ganze Landschaft
in sich auf. Sie wachen quasi darüber und man spürt förmlich
ihre Anwesenheit. Kein Wunder, sind doch die meisten Exemplare wesentlich
älter als wir. So dauert es fünf Jahre, bis eine kleine Saguaro
die Größe von 2,5 cm erreicht hat. In fünfzig Jahren kann
sie schon zwei Meter groß sein und erst mit 75 Jahren bekommen sie
den ersten Seitenarm. Die grö0ten unter ihnen sind bis zu 200 Jahre
alt, 16 Meter hoch und wiegen nicht weniger als 7.500 kg. Als sich hier
dieser Kakteenbestand schon längst behauptet hatte, hat man weit und
breit noch keinen einzigen weißen Siedler gesichtet. Vielleicht verursacht
das die Bewunderung vor solch wahrhaft großer Leistung und echtem
Alter.
Ein Besuch im
Desert
Museum, zwei Meilen vom Campground entfernt, rundet den Besuch im Saguaro
National Park erst richtig ab. Ein Zoo und Botanischer Garten, der
die Artenvielfalt der Sonarowüste eindrucksvoll darstellt.
Am Faszinierendsten fand ich den Käfig der Kolibris, in den
man hinein spazieren konnte. Diese Vögel sind die kleinsten ihrer
Art und doch imponieren sie mit einer einmaligen Gabe. Als wir vorsichtig
in den Käfig traten, schwirrten schon diverse kleine Flugobjekte um
uns herum. Mit schillernden Halsfarben schossen die kleinen Flugkünstler
kaum 10 cm an unseren Ohren vorbei und in atemberaubendem Tempo jagten
sie sich hinterher, als wollten sie den Menschen demonstrieren, was sie
so drauf haben. Als dann ein ganz Neugieriger gerade mal 30 cm vor unseren
Köpfen in der Luft stehen blieb, um uns aus nächster Nähe
zu begutachten, hielten wir zwangsläufig die Luft an. Abrupt nahm
der Kleine seinen Flug wieder auf, um scheinbar nur für uns zu demonstrieren,
welche Flugmanöver er noch so beherrscht. Das Traurige daran ist die
Tatsache, dass sie eingesperrt sind, damit wir dieses Erlebnis haben
können. Als wir dann schon außerhalb waren, flogen freilebende
Kolibris
um uns herum, wie um zu beweisen, dass es diese Vögel auch in freilebender
Natur gibt (auch wenn auf der Hand lag, dass sie sich durch den verzaunten
Käfig und deren Bewohner angezogen fühlten).
Die Tatsache,
dass das Thermometer hier in Arizona seit wir in die Sonorawüste
kamen
tagsüber 20 Grad Celsius erreicht, weckt unsere Frühlingsgefühle.
Man kann draußen vor dem Camper sitzen, den Blick auf die Saguaro-bewachsenen
Hänge werfen und die Gedanken ziehen lassen. Es zwitschern vereinzelt
ein paar Vögelchen und manchmal kommt eine weißgeflügelte
Taube vorbei, um nach heruntergefallenen Krümeln zu suchen. Es ist
schön hier und vielleicht stehen deshalb die riesigen Kakteen auf
diesem Stückchen Erde, deren lange Schatten sich bei untergehender
Sonne über das ganze Land erstrecken.
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27. Januar
- 07. Februar 2001 - Phoenix
Da stehen wir
nun. Das Wetter ist wieder typisch deutsch und der Ort ist so unromantisch,
dass er kaum der Erwähnung wert ist. Und wir sind absolut unmobil,
was in einem Land wie Amerika der Verdammnis gleich kommt. Nachdem unsere
Bremsen sich zu Wort oder besser zu Geräusch gemeldet haben, sind
wir wieder um eine Erfahrung reicher und um nicht unerheblich viel Geld
ärmer. Hier in den USA bekommt man jeden Service, den man sich wünschen
kann, solange man das nötige Kleingeld hat. Schon als wir einen regulären
Ölwechsel an unserem Auto vornehmen ließen, mussten wir feststellen,
dass mir jede Werkstatt garantierte, den entsprechenden Ölfilter für
das Fahrzeug im Regal stehen zu haben. Doch Gottvertrauen reicht dabei
nicht aus, solange sich das Vertrauen auf ein Computersystem stützt,
welches unser Fahrzeug leider nicht auflistet. Dann ist jeder freundliche
Werkstattleiter nur Werkzeug einer Maschinerie, die außer den einheimischen
Fahrzeugen nichts kennt, denn Autos, die hier nicht üblich sind, für
die gibt es auch keine Ersatzteile. Selbst der Misubishi-Händler
in Phoenix (unser Pick-Up ist ein L200 von Mitsubishi) lachte
unseren sehr zuvorkommenden Bremsendienst-Manager der Werkstattkette Midas
aus und wünschte diesem viel Glück bei der Beschaffung von ganz
gewöhnlichen Bremsklötzen. Und jetzt sitzen wir hier auf einem
überfüllten KOA-Campground fest, dürfen das Fahrzeug
nicht bewegen - oder zumindest nur unter der Bedingung, die Bremsen nicht
zu betätigen, was zwar funktioniert, aber zu einigen gewagten Fahrmanövern
führt - und harren der Dinge, die da über uns hereinbrechen werden.
Wir haben schon damit gerechnet, einige Dollars in unser Fahrzeug zu investieren
- was fälschlicherweise den Eindruck erwecken könnte, dass man
das Investierte irgendwann einmal doppelt heraus bekäme - doch in
einem Land, in dem die Lebenshaltungskosten im Vergleich zu deutschen Verhältnissen
derartig hoch sind, kann ein Bremsklotzwechsel durchaus ans "Eingemachte"
gehen. Es sieht fast danach aus, als bekäme man Standardreparaturen
für einen Knopf und einen Klicker. Diese werden mit Geldern, die durch
außergewöhnliche Reparaturen eingenommen werden, subventioniert.
Es sieht fast danach aus, als stehe unserem Fahrzeug eine außergewöhnliche
Reparatur bevor.
Jetzt sind wir
ein halbes Jahr in Nordamerika und uns stehen fast auf den Tag genau noch
weitere sechs Monate zur Verfügung. Was ich so empfinde bei dem Gedanken,
die Halbzeit erreicht zu haben, das habe ich in eine Story gepackt:
Aber die Geschichte
mit unseren Bremsen ist noch nicht zu Ende und entpuppte sich im nachhinein
als Lehrstück des richtigen Lebens. Wie so oft stehe ich vor der Entscheidung,
eine Wahl zu treffen, nämlich: Akzeptiere ich nun den Preis oder bemühe
ich mich um ein besseres Angebot? Nach dieser Odyssee mit den unscheinbaren
Asbest-Klötzchen - die in jedem Fahrzeug dieser Erde eingebaut sind,
und so viel verschiedene Fahrzeugtypen es gibt, so viel verschiedene Bremsklötzchen
gibt es scheinbar, vielleicht sogar noch mehr, obwohl sie alle ein und
die gleiche Aufgabe haben, nämlich: die Backen zusammenzudrücken
und damit eine möglichst hohe Reibung auf einer metallenen Scheibe
auszulösen, was zur Folge hat, dass sich die mit der Scheibe fest
verbundenen Räder ihrerseits immer langsamer drehen, bis sie zum Stehen
kommen. Diesen Vorgang nennt man "bremsen" und kann beim Autofahren zuweilen
ganz hilfreich sein. ---Wo war ich? Auf jeden Fall habe ich meine Strategie
bezüglich der Preisvergleiche grundlegend geändert und
stelle folgende Frage in den Raum: Ist es die Mühe wert, sich nach
besseren Angeboten umzuschauen, wenn man in 50% der Fälle eh damit
rechnen muss, dass die Bemühungen zu nur noch größeren
Ausgaben führen oder sogar zu verheerenden Situationen, die nur durch
den Umstand entstehen, Angebote prinzipiell als zu hoch anzusehen und davon
überzeugt zu sein, etwas Billigeres auftun zu können? Mein Bremsenerlebnis
in Phoenix belegt diese These und schildert sich wie folgt:
Als ich freitags
mit der Kabine im Huckepack beim Bremsenspezialist BreaksPlus
vorfuhr, behauptete der Manager, er hätte mit Gewissheit die Bremsbeläge
da, doch er könne mein Fahrzeug nicht mit Kabine in die Werkstatt
fahren. Außerdem hätte er heute (Freitag) zu viel zu tun, ich
solle morgen wiederkommen. (Das wäre es gewesen! Doch das schien mir
alles zu einfach) Also fragte ich auf dem Campground einen vertrauenserweckenden
"Hobbymechaniker", der auch gleich mehrere Werkstätten nannte, wovon
sich eine besonders professionell anhörte: "Midas inserierte
letzte Woche mit einem Angebot für 69$ pro Achse." Na, wenn das nicht
ein Schnäppchen ist?! Doch als erfahrener Auf-das-falsche-Pferd-setzer
wartete ich mit meiner Entscheidung bis zum Samstagmorgen. Doch dann schien
mir das Angebot von Midas einfach das beste zu sein. Dort
wurde mein Fahrzeug auseinandergenommen und der überaus freundliche
Manager Mark bestätigte mir, dass er solche Bremsbacken in
seinem Leben noch nie gesehen habe und dass es kaum möglich wäre,
am Wochenende die Teile woanders aufzutreiben. Ich solle mich am Montag
noch mal bei ihm melden. Während er am Montag mit Gott und der Welt
telefonierte und zu verschiedenen Tageszeiten verschiedene Fahrgestell-,
Chassis- und Motornummern telefonisch bei mir abfragte - wobei ich in regelmäßigen
Abständen bei ihm anrufen musste - versuchte ich die originalen
Bremsbeläge beim heimischen Mitsubishi -Händler in Deutschland
bereitlegen zu lassen. Ich rechnete schon nicht mehr mit einer positiven
Benachrichtigung. Zwischendurch rief ich persönlich die Mitsubishi
-Werkstatt in Phoenix an, um festzustellen, dass auch dort die Ersatzteilmitarbeiter
nicht über den Rand ihrer Computer hinausschauen können. Wenn
ich kein Fahrzeug fahre, das in Amerika gelistet ist, kann man mir auch
die Bremsbacken nicht besorgen. Nachdem mir Mark von Midas
auch eine Absage erteilte, bestellte ich am Dienstag bei Mitsubishi
in Deutschland Bremsbacken per UPS-Express. Dass die Fracht 1,5
mal so teuer war wie die hundertmarksteuren Bremsbacken machte mich auch
nicht mehr nervös. Am Freitag nachmittag kam das Päckchen dann
an und für einen kurzen Moment dachte ich, die Welt wäre wieder
in Ordnung. Diesmal fiel meine Wahl erst auf Wal-Mart, doch die
machen nur Reifen und Ölwechsel. Dann fuhr ich in eine private Auto-Werkstatt,
doch die wollten meine selbst mitgebrachten Teile nicht einbauen, da sie
dafür keine Garantie übernehmen konnten. Dass ich Original-Ersatzteile
in der Hand hielt, interessierte nicht. In meiner Verzweiflung fuhr ich
zum aller ersten Laden BreaksPlus, die vor Arbeit kaum wussten,
wo ihnen der Kopf stand und sie könnten meine Bremsen nur ungern (wegen
der eigenen Teile) am darauffolgenden Samstag machen, wenn ich noch vor
8 Uhr in der Frühe da wäre. Also fuhr ich wieder bei Mark
(Midas ) vor, aber auch dort platzte die Werkstatt aus allen Nähten.
Auch er konnte mich nur bis zum Samstag vertrösten. Doch hier gab
es noch etwas zu bedenken. Mark wollte 180$ für das Wechseln
der Bremsbacken und BreaksPlus nur 80$. Nun stand ich wieder vor
der Entscheidung: Geld oder Vertrauen. Auch diesmal entschied ich mich
für das Geld und lag damit das erste Mal seit einer Woche richtig.
Mein Mitsubishi L200 wurde bei BreaksPlus innerhalb drei
Stunden abgefertigt. Er bekam neue Bremsbeläge, die bei BreaksPlus
vorrätig im Regal lagen, weil meine Bremsbacken - die Original-Ersatzteile
aus Deutschland, die für viel Geld einmal über den großen
Teisch geflogen wurden - NICHT PASSTEN! Sie waren schlicht und einfach
zu klein. Der Vergleich mit den alten Backen war selbst mir Anti-Schrauber
möglich. Die Reparatur kostete (wegen der Bremsbacken von BreaksPlus)
letztendlich 110$, doch ansonsten läuft die Karre wieder wie geschmiert
und bremst wie am ersten Tag.
Was habe ich
jetzt daraus gelernt? An einem anderen Tag in meinem Leben wäre ich
vielleicht direkt zu BreaksPlus gefahren und hätte mir viel
Ärger und Geld sparen können. Doch das war eben einer der
50%-Tage an denen man sich einfach nach etwas günstigerem umschaut
und letztendlich ein vielfaches davon bezahlt, von der Mühe und der
Zeit ganz abgesehen. Meine Überlegung geht nun soweit, dass man ungeachtet
der Kosten prinzipiell immer die erste Möglichkeit in Betracht ziehen
sollte. Immer das Nächstbeste wählt und keine grossen Preisvergleiche
anstellt. Auch wenn man zu 50 prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht das
günstigste Angebot erhält, nicht den kürzesten Weg fährt
oder einfach nur aufs falsche Pferd setzt, so kann man doch davon ausgehen,
dass man mit hundertprozentiger Gewissheit sich immer die geringste Mühe
macht. Und das kann auf die Dauer echt gesundheitsfördernd sein. Wenn
unterm Strich eh das gleiche raus kommt, dann kann ich meine Nerven schonen.
Die Rechnung
könnte aufgehen, wenn da nicht die Zufälle wären die das
Leben ausmachen. Aufgrund der Tatsache, dass wir einen Zwangsaufenthalt
von über einer Woche auf dem KOA-Campground hatten, lernten wir Michael
kennen, ein Rad-Semi-Profi, der sich wegen der besseren Trainingsbedingungen
in Phoenix aufhält. Für uns war es eine grosse Freude
mit ihm zwei Tage rumzuziehen, da er seit langem der erste Nicht-Rentner
ist, der mit uns in Kontakt kam. Er zeigte uns seine Lieblingsbar, sein
Lieblingswanderweg und wir hatten alles in allem eine tolle Zeit mit ihm.
Sein Hund Charlie war obendrein ein ganz lieber Gefährte den
wir beinahe behalten hätten. Aber in erster Linie genossen wir die
Unterhaltung mit einem anderen Menschen, der sich nicht von Fast-Food ernährt,
der keinen Potenzwagen fährt und obendrein noch ein sehr angenehme
Erscheinung ist. Das alles hätten wir nicht erlebt, wenn wir gleich
zu BreaksPlus gefahren wären. Vielleicht sollte alles so kommen?
Jetzt stehen
wir schon fast zwei Wochen in Mesa bei Phoenix auf dem
KOA-Campground. Unsere Bremsen sind endlich gemacht und jetzt warten wir
nur noch auf diverse Päckchen aus Deutschland. Einerseits würden
wir gerne weiterkommen, andererseits haben wir hier momentan alles, was
das Herz begehrt. Das Wetter ist spitze und lässt richtige Frühlingsgefühle
aufkommen. Britta verbringt viel Zeit am Pool und der Whirlpool
ersetzt für sie den Saunabesuch. Abends sitzen wir oft lange
draußen und zelebrieren für dieses Jahr die ersten BBQ's. Also,
es ist nicht zu hart, hier auf ein paar Päckchen aus Deutschland zu
warten. Wir machen halt mal Urlaub vom Reisen. Es sei uns gegönnt.
Unter anderem ist meine digitale Kamera kaputt gegangen. Da stellte sich
mir seit langem mal wieder die Frage, ob ich die Pflege der Homepage von
den USA aus aufrecht erhalten kann. Eine neue brauchbare digitale Kamera
kostet auch im Land der unbezahlbaren Möglichkeiten ihre 700.-DM,
nicht gerade wenig um seinen Lieben zuhause ein paar Eindrücke zu
verschaffen. Von Anfang an habe ich das Ausmaß dieser Homepage unterschätzt
und die Pflege erweist sich nicht immer als einfach. So ist die Anzahl
der einzelnen Dateien auf ein erschreckendes Maß angewachsen, deren
Verwaltung ohne entsprechende Verzeichnisse kaum noch möglich ist.
Ich möchte nur soviel anmerken: Die Pflege dieser Homepage hängt
von so vielen Faktoren ab, dass es als Reisender ohne festen Telefonanschluss
manchmal nicht ganz einfach ist, eine einigermaßen ordentliche Präsentation
zu realisieren. So durfte ich innerhalb dieses ersten halben Jahres einmal
den Homepage-Anbieter komplett wechseln, hatte des öfteren Schwierigkeiten
mit der Einwahl bei T-Online, die mich vor kurzen wegen fehlender
Kundendaten vollständig rausgeworfen haben, und musste einmal meine
ganze Datei-Struktur komplett überarbeiten. Und das alles zwischen
National-Parks und diversen Campingground-Offices, wo ich nicht selten
zwischen Kühltruhen und Verkaufsregalen sitze und verzweifelt versuche,
in einer 500 Seelengemeinde Anschluss an das World-Wide-Web zu bekommen.
Aber das sind nur einige der bisher aufgetretenen Probleme. Aber wie man
sehen kann, habe ich mich dafür entschieden, auch weiterhin den Kontakt
zur Heimat über diese Homepage aufrecht zu erhalten. Doch ich hoffe,
man hat Nachsicht mit mir, wenn sich mal wieder für kurze Zeit keine
Bilder aufbauen und das letzte Update auf sich warten lässt.
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11.-12. Februar
2001 - Joshua Tree NP
Zum wiederholten
Male öffnen wir morgens die Jalousien unserer Fenster und blicken
hinaus in eine kuriose Landschaft, in der die Natur scheinbar diverse Feldversuche
gestartet hat. Zurückgeblieben sind runde Gesteinshaufen, die anscheinend
willkürlich übereinandergehäuft wurden und die wie das Überbleibsel
eines Riesenbabys aussehen, das die Steine erst mühevoll übereinandergestapelt
hat, um sie danach mit einem Streich umzuhauen. Und nun liegen sie da und
sind für die internationale Klettergemeinde eine, im wahrsten Sinne
des Wortes, "Hochburg" der Freeclimbing-Szene. Aber nicht genug dieser
verrückten Gesteinsanordnungen platzierte die Natur mitten hinein
diese hochgewachsenen Kakteen, die eher wie vielästige Palmen aussehen
und eine Größe von 10 Metern erreichen können. Als würden
sie ihre Arme dem Himmel entgegen strecken und Gott anflehen. Die Mormonen
fühlten sich an den Propheten Joshua erinnert, wie er seine
Arme flehend zum Himmel reckt. Daher stammt der Name Joshua Tree.
Der gleichnamige Joshua Tree National Park ist ein Mischung aus
Felsenmeer und botanischem Garten. Zwischen runden Felsbrocken - die vom
Wasser ausgewaschene Hohlräume aufweisen und durch Erosion in die
aberwitzigsten Figuren verwandelt wurden - wachsen die unterschiedlichsten
Kakteenarten, die sich in atemberaubender Höhe scheinbar am Fels festgesaugt
haben. Wie hingeworfene Würfel liegen kleinere Felsbrocken herum,
die den Kleinstlebewesen wie Spinnen und Käfern einen geeigneten Unterschlupf
bieten. Leider hat sich alles tierische Leben schon längst aus dem
Staub gemacht, bevor wir auch nur dessen Schatten zu Gesicht bekommen.
Aber oft stoßen wir auf die Exkremente der verschiedensten Arten
und deren "Häufigkeit" (welch zutreffende Doppeldeutigkeit)
lässt trotz der scheinbar lebensunfreundlichen Wüste auf
reges Leben schließen. Dazu gehört auch die Tarantula
Spinne, die entgegen der weitläufigen Meinung kein sehr wirkungsvolles
Gift in Bezug auf Menschen in sich trägt. Der Biss dieser haarigen
Zeitgenossen ist zwar schmerzlich, aber alles andere als tödlich.
Aber allein die Tatsache, dass diese Spinnenart hier lebt, und das Aussehen
einer solchen Spinne genügen, um die härtesten Abenteurer in
die Knie zu zwingen, führt einen zur äußersten Vorsicht
beim Durchschreiten von steinigem Gelände und hält einen Jeden
davon ab, kleinere Steine einfach so mal herumzudrehen, um zu sehen, welcher
Artgenosse darunter sein Leben fristet. Dass hier auf den Campingplätzen
die Koyoten nach Fressbarem Ausschau halten und fast an die Tür klopfen,
um zu fragen, ob von der letzten Mahlzeit noch etwas übrig geblieben
ist, daran gewöhnt man sich als Mitteleuropäer nur schwerlich.
Gehören diese wolfsähnlichen Gesellen doch ebenso zur Mojave-Wüste
wie die Tarantula Spinne. Aber unbestrittener Star dieser Region
ist und bleibt der Joshua Tree. Er gehört in diese Landschaft
wie auch der Kreosotbusch , der eine ganz ausgeprägte Lebensstrategie
verfolgt. Er reproduziert sich kontinuierlich selbst, sodass ein genetisch
absolut identischer Busch entsteht. Ein bei Yuma entdecktes Exemplar
konnte auf ein Alter von sage und schreibe 18.000 Jahren bestimmt werden,
was bedeutet, dass dieser Zeitgenosse nach der letzten Eiszeit gekeimt
haben muss. Bei solch ehrfürchtigem Alter stellt man unweigerlich
fest, wie minderbemittelt der Mensch mit seinen durchschnittlich 74-80
Lebensjahren doch ist. Wie kommen wir diesem Busch wohl vor, hat er doch
die Entwicklungsgeschichte des Menschen über einen sehr großen
Zeitraum (persönlich) miterlebt, Tausende an ihm vorbeigehen sehen,
mal gebeugt, mal mehr aufrechtgehend, mal unbekleidet, mal uniformiert
bis maskiert, mal zu Pferd, mal motorisiert. Und wir maßen uns an,
die Welt zu regieren? In Wirklichkeit werden wir von den Ameisen regiert,
die uns zumindest zahlen- und gewichtsmäßig überlegen sind
(das ist kein Witz - die Masse aller auf der Erde lebenden Ameisen übersteigt
die Masse aller Menschen um ein Vielfaches) oder von den Kreosotbüschen
, denen wir wie Eintagsfliegen vorkommen müssen - unbeholfen
und kurzlebig. Vielleicht glaubt eine Eintagsfliege oder eine Stechmücke
auch, sie würde uns Menschen beherrschen, nur weil sie mit einem Stich
unser Leben zumindest kurzfristig zur Qual werden lassen kann. Doch wir
erfreuen uns nach dem Ableben einer uns quälenden Stechmücke
noch viele Jahre weiterer Lagerfeuer und Grillabende und ein Aussterben
der Stechmücke würden wir wahrscheinlich als Meilenstein der
Evolutionsgeschichte feiern. Vielleicht erfreut sich der Kreosotbusch
nach unserem Ableben auch noch lange seiner Existenz, auch wenn wir ihm
zu unserer Lebzeit mit unseren Autos und Straßen ganz schön
zugesetzt haben?
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15. Februar
2001 - San Diego
Ein großer
Tag sollte gebührend gefeiert werden. Wir entschlossen uns, Brittas
Geburtstag in San Diego zu verbringen und ein bisschen Geld unter
die Leute zu bringen...nachdem wir uns ebenso entschieden hatten, weiterhin
illegal in den USA zu sein, da die Verlängerung unserer Aufenthaltsgenehmigung
sich so langsam als Farce abzeichnete. Als Durchschnittseuropäer und
zudem geldbringender Tourist sollte man eigentlich glauben, dass wir für
dieses Amerika keine Bedrohung darstellen. Doch die Art, wie die Grenzbeamtin
die Worte "you are illegal" aussprach, hinterließ bei uns den Eindruck,
wir hätten uns mit Ablauf unseres Departure Records höchstgradig
strafbar gemacht und wahrscheinlich ist es auch so. Aber ob wir eine neue
Aufenthaltsgenehmigung erhalten würden, wenn wir die mexikanische
Grenze überqueren und wieder einreisen, konnte uns niemand wirklich
garantieren, auch wenn das recht wahrscheinlich wäre. Letztendlich
will wohl niemand so richtig die Verantwortung übernehmen für
eine Sache, die zumindest in unserem Fall so eindeutig ist wie ein Glatzköpfiger
mit tätowiertem Hakenkreuz auf der Schulter. Aber die Amerikaner gehen
prinzipiell davon aus, dass jeder Ausländer eine potentielle
Gefahr darstellt, während sich im Land die einheimischen Jugendlichen
gegenseitig abknallen. Wir wurden zum Immigration-Center in Downtown San
Diego geschickt, wo uns sicherlich - nach diversen Tadeln und Strafgebühren
für Überschreitung der amerikanischen Regeln und Gesetze - eine
Verlängerung unserer Aufenthaltsgenehmigung ausgehändigt worden
wäre. Wir beschlossen kurzerhand, illegal zu bleiben und werden uns
im unwahrscheinlichen Falle einer Kontrolle als dumme Deutsche darstellen
(was uns nicht schwer fällt) und so tun, als wüssten wir von
nix. Schließlich haben wir ja ein Zehnjahresvisum und das haben wir
ja auch erst bekommen, nachdem wir bewiesen haben, dass wir nicht drogenabhängig
sind, den demokratischen Grundgedanken in unserem Denken tief verankert
haben und keine terroristische Vergangenheit vorweisen konnten. Und wenn
uns ein übereifriger Beamter aus Prinzip ausweisen sollte, bekommt
er eben unseren Camper hingestellt mit Beigabe der Adresse unserer Transportagentur
in Baltimore, Maryland. Dort solle er dann das Fahrzeug hinbringen,
denn von dort wird es nämlich verschifft. Wahrscheinlich machen aber
alle Beamten wie schon seit Anbeginn unserer Reise einen großen Bogen
um uns, da sie befürchten, wir sprechen keinen Brocken Englisch (was
wir dann natürlich auch nicht tun). Unsere überaus gesetzwidrige
Handlung hielt uns dennoch nicht davon ab, einen ausgesprochen genialen
Tag in San Diego zu verbringen.
Die Stadt
ist mit mexikanisch ausschauenden Menschen nur so gefüllt, auch wenn
sie fast ausschließlich im dienstleistenden Gewerbe und somit in
den Billigjobs zu finden sind. Wir verbrachten erst ein paar Stunden im
Seaport
Village, einer kleinen Einkaufs- und Touristenstadt direkt am Hafen,
mit kleinen Holzhäuschen und angenehmem Ambiente zum Geldausgeben.
Eine durchaus gelungene Uferattraktion. Danach steuerten wir auf
die Hortonplaza zu, eine Einkaufs-Mall im mexikanischem Stil.
Die Architektur ist außergewöhnlich verwinkelt und untypisch
für die sonst so protzig daherkommenden Einkaufstempel. Bunte Wandfarben
beleben den nach oben offenen Innenhof, der eher an einen Marktplatz als
an ein Einkaufszentrum erinnert. Danach fuhren wir in den Balboa Park
, der ebenfalls mit wunderschönen Gebäuden des vergangenen Jahrhunderts
aufwarten kann. Die ehemals spanische Herrschaft ist an der Ausschmückung
der Fassaden zu erkennen. Viele Stuckarbeiten und haushohe Palmen werten
den Balboa Park auf. Und rundherum dichtes Grün. Danach dürstete
es uns so sehr nach einem Bier, dass wir an der ersten Kneipe, in deren
Nähe wir einen Parkplatz ergattern konnten, halt machten und uns ein
wenig von dem Gerstensaft genehmigten. Dass es sich hierbei um das Hard-Rock-Cafe
handelte, war uns nur recht. Geschlagene zwei Stunden starrten wir auf
die flimmernden Monitore und sahen uns ein Musikvideo nach dem anderen
an, tranken dabei Bier und aßen Natchos. Ansonsten ist das berühmt
berüchtigte Gaslamp Quarter, in dem sich auch besagtes
Musik-Cafe befindet, angereichert mit unzähligen Kneipen und Restaurants
und der beste Anlaufpunkt für ausgedehnte Abendunternehmungen. Für
uns war es zumindest der gelungene Abschluss eines großen Tags.
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17.-19. Februar
2001 - Leo Carillo SP
Von wegen "it
never rains in southern California", ES SCHÜTTET! Los Angeles
ist groß. Wir waren nicht am Venice
Beach. Wir haben noch nicht mal den Hollywood-Schriftzug gesehen.
So ist es oft. Und wir waren auch nicht in den Universal Studios.
Warum? Warum hätten wir? Wir haben drei unwesentliche Tage im Leo
Carillo State Park verbracht, haben zugehört, wie der Regen auf
unseren Camper fällt und nichts weiter getan als gegessen, gelesen,
geschlafen, erzählt, am Strand spazieren gegangen, Lagerfeuer gemacht,
Bier getrunken, gegessen, gelesen, ....
Eine Reise
wie diese zeichnet sich nicht dadurch aus, dass man jeden Tag immer etwas
Neues entdeckt und erlebt und berühmte Städte und Landschaften
sieht, sondern dass man es trotz des Angebots fertig bringt, sie noch nicht
einmal zu registrieren. Mein Kopf ist voll mit Eindrücken, an denen
ich wahrscheinlich noch weitere fünf Jahre zu knabbern habe. Manchmal
kann man uns eben mitten nach Los Angeles rein stellen und wir sehen
trotzdem nicht mehr als Häuser und Straßen. Manchmal stehen
wir direkt am Strand und schauen auf den Pazifik und wir sehen nur Sand
und Wasser. Und das ist auch gut so, denn wahrscheinlich würden wir
durchdrehen, wenn wir mit Reiseführer und Karte durch dieses Land
fahren würden und uns ein Highlight nach dem nächsten reinziehen
würden. Unsere Aufnahmekapazität ist begrenzt, da muss man ab
und zu mal die Batterien neu aufladen. Manchmal braucht man eben etwas
Alltag und Routine. Tage, an denen es ruhig und gelassen zugeht.
Und dann spielt es eben auch keine Rolle, wo man sich gerade befindet.
Ob in Büttelborn, Vietnam oder Los Angeles.
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21.-22. Februar
2001 - Refugio SP
Inmitten
der kalifornischen Küstenlandschaft - die sich schon kurz hinter dem
Strand in ernstzunehmende Berge erstreckt - liegt das Städtchen Solvang
, was so unamerikanisch klingt, dass schon schnell klar ist, dass es sich
hierbei um eine Emigrantensiedlung handelt. In diesem konkreten Fall um
eine dänische. Aber nicht nur, dass unsere Nachbarn aus Nordeuropa
hier eine heimische Siedlung gegründet haben, sie haben auch eine
gebaut. In Solvang sieht es tatsächlich aus wie in Dänemark
- kleine, dicht aneinanderstehende Fachwerkhäuser. Keines gleicht
dem anderen und man kann alle Läden zu Fuß erreichen. Was uns
aber im größeren Maße interessiert hat, waren die
guten Lebensmittel wie z.B. Milka-Schokolade (2,35$ ~ 5.-DM) oder
echter rheinhessischer Wein für unerschwingliche 18$. Aber auch der
Krimskrams, den es sonst so zu kaufen gab, war einfach von anderer Qualität.
Wir haben es uns nicht nehmen lassen, in einem richtigen Café einen
Kaffee aus einer Tasse echten Porzellans inklusive Untertasse zu trinken
und dazu ein dänisches Blätterteig-Teilchen zu essen. Das
war wie daheim. Die Gegend rund um Solvang ist hügelig und
grün. Auf manchen Hügeln weiden Kühe, die meisten Hänge
werden aber mit Wein bebaut. Dahinter erheben sich die Gipfel der
Sierra Madre Mountains .
Wir verbringen
eine schöne Zeit hier im Refugio State Park und manchmal müssen
auch wir uns die Bilder anschauen, um zu realisieren, wo wir momentan sind
und was wir so machen - morgens nach dem Frühstück einen Spaziergang
am Ufer, dann am Strand sitzen und ein Buch lesen, der Brandung zuschauen,
wie sie an den Strand schlägt, die Möwen beobachten, dann den
Grill anwerfen und das Essen vorbereiten, danach die Füße ausstrecken
und in der Sonne etwas dösen, usw...
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23. Februar
2001 - La Purisima Mission
Eric
ist im Refugio State Park unser Nachbar und bringt morgens, bevor
er und seine Freundin den Platz verlassen, noch schnell ein paar Avocados
vorbei. So sind sie nun mal und es bestätigt sich mal wieder, dass
man unter Campern eher etwas geschenkt bekommt, als dass man am nächsten
Morgen etwas von seinem Platz vermisst. Seit 25 Jahren lebt Eric
nun in seinem Camper, obwohl er hier bei Santa Barbara einer festen
Beschäftigung nachgeht. Aber ein Haus kann und will er sich
nicht leisten und er ist halt auch lieber in der Natur, weg von den Straßen
und lauten Siedlungen der Städter. Von ihm erfahren wir auch, dass
erst seit dem 01. Januar 2001 die Preise für staatliche Campingplätze
reduziert wurden. Der Staat habe einen Überschuss und gebe ihn so
zurück an seine Bürger (und uns Illegale). Der Platz auf dem
Refugio
State Park hat noch vor drei Monaten 25$ gekostet, nun kostet er nur
noch 12$. Na, da hätten wir uns ja kaum viele Nächte in
Kalifornien
leisten können.
Ein besonderes
Erlebnis war am heutigen Tag der Besuch der La Purisima Mission.
Mit viel Mühe haben hier die Civilian Conservation Corps in
den 30er Jahren - wie fast überall im Land - die Mission wieder originalgetreu
aufgebaut, so wie sie im Jahre 1834 hundert Jahre früher verlassen
wurde. Die Anlage ist wunderschön rekonstruiert und langweilt nicht
mit ausschweifenden Erzählungen über eine durchaus normale Siedlungsgeschichte,
sondern glänzt mit der Darstellung des einfachen Lebens innerhalb
der Mission. Die Räumlichkeiten und Werkstätten zeugen noch heute
von den Herausforderungen, die durch die damaligen Bewohner jeden Tag aufs
Neue angenommen wurden. Dabei stellt sich mir immer wieder die Frage, warum
hat die christliche Kirche Unmengen von Geld und die Mühe unzähliger
Priester geopfert, um in einem fremden Land die dort lebenden Indianer
zu bekehren? War es nur im Sinne der Indianer - die durch die Mission zahlreiche
neue Erkenntnisse über die Webkunst, die Viehzucht, den Nutzpflanzenanbau,
uvm. gesammelt haben - oder verfolgte die Kirche damit nur eigene Interessen?
Vielleicht ist ein frühzeitig angemeldeter Führungsanspruch (und
natürlich die Verbreitung des einzigen Glaubens) ein Garant für
gefügige Untertanen, die ihrerseits wiederum zur Vergrößerung
der Glaubensgemeinde verhelfen, was ein nicht unwesentlicher Faktor bei
der Ausübung von Macht bedeutet. Macht gegenüber den Indianern,
aber auch gegenüber Andersgläubigen?! Fest steht, dass die Mission
nach nur 20 Jahren Betrieb wieder verlassen wurde, wahrscheinlich weil
der franziskanischen Kirche die Mittel ausgingen und weil abzusehen war,
dass die indianische Gemeinde nie einen großen Stellenwert haben
wird. Schließlich begann man schon frühzeitig mit deren Vertreibung.
Entweder man hat die Indianer vertrieben, ermordet oder bekehrt. Warum
man sie nicht so gelassen hat, wie sie waren? Warum durften sie nicht an
ihre Götter glauben? Das weiß nur der weiße Mann allein!
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24. Februar
2001 - Pismo Beach
Der ganz normale
Warnsinn macht sich breit. Seit nunmehr sieben Monaten verbringen wir jetzt
fast jede Minute miteinander. Da scheint es das Normalste auf der Welt
zu sein, dass wir uns manchmal ankreischen wie die ersten Menschen des
Planeten Erde es wahrscheinlich auch schon getan haben. Mehr so in der
Urform unserer zivilisierten Sprache, wobei die Uhhgg- und Arrghrufe
überwiegen. Und das alles wegen eines vorsätzlich ignorierten
Krümels auf der Küchenanrichte, den (wie immer) der Andere dann
mit einer übertriebenen Handbewegung wegwischen muss. Meist
endet die Tragödie mit der Feststellung, dass man keine Türen
knallen kann, weil keine vorhanden sind (außer die Eingangstür
zu unserer Luxusbehausung und die knallt einfach nicht richtig), oder dass
man nicht demonstrativ den Mantel nehmen kann und in einem Anfall letzter
ordinärer Ausrufe und wutentbrannten und übertriebenen
Fußstampfern die Behausung verlassen kann, weil man spätestens
vor dem Haus feststellen muss, dass es keinen Freund in unmittelbarer Nähe
gibt, den man mal kurz besuchen könnte und dass das doch so verlockende
Auto, mit dem man mal kurz in die nächste Kneipe oder in den Stadtpark
fahren könnte, fest mit dem Haus verbunden ist, und dass das unweigerlich
bedeuten würde, dass man den Menschen, den man zu dem Zeitpunkt gerade
auf den Mond wünscht, regelrecht hinter sich her zieht. Da fragt sich
doch ein Jeder, was passiert mit all der Energie, die einfach raus muss?
Man kann sich schlecht die ärgste Pest an den Hals wünschen und
in Tränen ausbrechen ohne irgendeinen Einrichtungsgegenstand zu zerstören
- bislang glaubte ich zumindest, dass deshalb zuhause der Schrank voller
unnützem Porzellan steht, damit man bei der entsprechenden Gelegenheit
einen Teil davon zerdeppern kann - was in unserem Fall eine Gefährdung
des gesamten Unternehmens wäre, da wir aus Platzgründen keine
"Zum-An-Die-Wand-Werfen-Tassen" dabei haben und schon gar keine freie
Fläche an der Wand. Doch die Energie muss raus, zumal ich davon überzeugt
bin, dass sie einem bestimmtem physikalischen Gesetz unterliegt, und in
unregelmässigen Abständen von alleine freigesetzt wird, ohne
dass man auch nur den Hauch eine Chance hat, sie zu unterdrücken.
Sie kommt so bestimmt wie das Amen in der Kirche und hat immer nur ein
Ziel - den Anderen zu verletzen oder zu diskreditieren.
Wenn man
dann nach sieben Monaten endlich festgestellt hat, dass es eine ausweglose
Situation ist, wenn man sich erst die schlimmsten Beschimpfungen an den
Kopf wirft und sich danach gemeinsam an den 50 x 60 cm großen
Tisch setzen muss, da es keinen Ausweg gibt, dann macht sich die überschüssige
Energie in anderen Formen bemerkbar. Besonders dramatisch wird es in sogenannten
Ausnahmesituationen. In einem Staat, in dem es - laut Touristeninformation,
hörensagen, sämtlichen populären Musikkompositionen und
nach Meinung der allgemeinen Bevölkerung - nie regnet, und sich von
morgens bis abends ein wolkenbruchartiger Regenschauer mit zugehörigen
Sturmböen ergießt, und so manch Reisender genügend Zeit
findet, einen ganzen Roman zu schreiben, in diesen Situationen ist es besonders
schlimm. Nach allgemeiner Auffassung ist es wohl ein besonderes Erlebnis,
wenn man mit seinem Camper mitten auf dem Strand in Südkalifornien
stehen kann und die Bilder machen das einen auch glauben. Doch in Wahrheit
kann man kaum einen Schritt vor die Tür machen, da der böige
Wind einem den Sand in jede Körperöffnung treibt und jede Rückkehr
mit einem kleinen Sandhügel mitten auf dem Fußboden belohnt
wird, was für Reisende ohne Kinder erst mal keine Bereicherung bedeutet.
Dann steht man also in Kalifornien mit seinem Camper am Strand und
kann trotz sicherlich einmaligem Ausblick nicht vor die Tür. Und dann
macht sich die Energie bemerkbar! Ich schäme mich nicht zuzugeben,
dass die Entladung jener Energie zuweilen komische Formen aufweisen kann.
So sind Lachanfälle ohne ersichtlichen Grund an der Tagesordnung.
Auch das Mitsingen unerträglicher Countrymusik mit tiefgründigen
Texten wie: we stay together, you an' me forever" erweist sich immer wieder
als beliebte Energieentladung. Auch das Rumspringen auf Bett, Tisch und
Sitzbank (also in jedem denkbaren Winkel unserer Behausung) hat sich als
Kompensator durchaus bewährt. In ganz schlimmen Fällen ist das
Grimassenschneiden und das Rumschreien die einzige Möglichkeit, Dampf
abzulassen, auch wenn dann schon quasi der Notstand ausgebrochen ist. Oft
hilft dann einfach nur noch die Weiterfahrt, irgendwo hin, auch wenn
es absolut kein Ziel in unmittelbarer Nähe gibt. Aber man ist
zumindest mit etwas beschäftigt. Aber wenn dann wie heute einem die
ansteigende Flut die Weiterfahrt unmöglich macht, da das Stückchen
Strand, auf dem man steht, nur über eine Schneise zu verlassen ist,
die bei Flut unter Wasser steht, dann kann es schon mal passieren, dass
man sein Tagebuch mit unnützem Zeug vollschreibt, einfach nur
so, um beschäftigt zu sein. Sorry.
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25.-27. Februar
2001 - Montana de Oro SP
Ken ist
für ein halbes Jahr Camphost ("Platzwart") auf dem Montana de Oro
Campground und zeigte uns zu Anfang ganz stolz eine Postkarte von
Deutschen, die vor kurzem ein paar Tage auf "seinem" Campground verbracht
und ihn nach Deutschland eingeladen haben. Irgendwie kommt man mit den
Leuten immer in Kontakt und meistens ist es unsere Kabine, die die Leute
dazu veranlasst, uns anzusprechen. Uns mangelt es nie an Erstkontakten.
Zum Teil könnten wir zwar eine Audiokassette abspulen mit den Details
unserer Reise, doch sind wir immer wieder froh, wenn wir über unser
"niedliches Gefährt" mit Anderen ins Gespräch kommen. Bei Ken
war es von Anfang an anders. Er hat sich kaum für unseren Camper interessiert
und vorsichtig abgetastet, was für Typen wir sind. Unsere erste Einladung
zum Dinner hat er freundlich ausgeschlagen und sehr darauf geachtet, dass
er uns nicht belästigt (was keineswegs der Fall war). Im Gegenteil,
hatten wir doch bei Ken sofort das Gefühl, dass er mit uns
auf einer Wellenlänge liegt. Trotzdem stimmte er uns traurig. Als
ehemaliger "Truckdriver" (Lkw-Fahrer) mit Bandscheibenvorfall und zwei
Operationen ist er arbeitsunfähig und mit 44 Jahren von der Sozialhilfe
abhängig. Da kommt ein Job als Camphost wie gerufen, nicht nur weil
er beschäftigt ist und nicht das Gefühl haben muss, zu nichts
mehr nutze zu sein. Als Camphost hat man zwar keinen Verdienst, kann aber
für umsonst incl. Strom und Wasser auf dem Campingplatz stehen, und
das ist bei kalifornischen Übernachtungsbedingungen mehr als ein Segen.
Leider sind die Jobs als Camphost auf ein halbes Jahr begrenzt. Danach
macht den Job jemand anderes, wahrscheinlich ein Rentnerpärchen, die
oft auch nicht so recht wissen wohin mit ihrer vielen Freizeit. Ken
war achtzehn Jahre verheiratet und hat zwei erwachsene Buben. Er sieht
sie allerdings nicht sehr häufig, der Ältere war an Weihnachten
mal kurz zu Besuch. Er träumt von einer Reise nach Europa. Er möchte
dort zu den Wurzeln seiner Vorfahren, die aus Norwegen oder Schweden kommen.
Ganz genau scheint er es auch nicht zu wissen, aber das spielt auch keine
große Rolle. Dann möchte er unbedingt ein deutsches Mädchen
als Freundin und fragt Britta ständig, ob sie nicht eine Solo-Freundin
hätte. Er ist viel alleine und ein bisschen verwahrlost. Aber er ist
ein lieber Mensch und ein sehr angenehmer Gesprächspartner dazu. Wir
haben zwei schöne Abende miteinander verbracht, an denen er Unmengen
an Feuerholz mitbrachte (das bekommt er auch umsonst) und der Grill auf
Hochtouren lief. Als Gegenleistung bestand er darauf, dass wir zum Frühstück
in sein "Rig" (Auflieger-Wohnwagen) kommen, was wir natürlich auch
nicht ausgeschlagen haben. Ken lebt zwar an einem der schönsten
Plätze Kaliforniens und hat vielleicht trotz Sozialhilfe keinen
schlechten Lebensstandard, aber er ist sehr einsam und freut sich über
jeden Typ, der bei ihm vorbei schaut. Wie Guy, ein "Treeclimber"
(Baumkletterer), der mal kurz an unserem Platz halt macht und ein paar
Sätze mit uns wechselt. Dass er mit seinem Beruf als "Baumkletterer"
auch Geld verdient, unterstreicht er gleich, weil es sich für uns
mehr nach einem Hobby anhört. Doch seine durchtrainierte Figur und
muskelbepackten Oberarme lassen keine Zweifel zu. Guy verdient Geld
mit "Auf-Bäume-Klettern" und lehnt das Bier, was ich ihm anbiete,
ab, weil er seit 15 Jahren keinen Alkohol angerührt hat. Doch
er raucht, was sein überdimensionaler Rottweiler, der eher einem Schwarzbären
gleicht, gar nicht leiden mag. Der Hund fletscht die Zähne, als er
die Kippe angeboten bekommt - er sei Nichtraucher, sagt Guy - aber
seine übergewichtige Statur hindert ihn an jeder aggressiven und zu
eifrigen Handlung und er lässt sich lieber von allen Beteiligten an
den Ohren graulen. Aber Guy und Sir George (Hund) sind
keine allzu geselligen Menschen, sind sie doch die meiste Zeit für
sich und mehr im Wald als in der Zivilisation. Sie sind nach einer halben
Stunde wieder weg und Ken beteuert zum wiederholten Male, wir könnten
so lange bleiben, wie wir wünschten. Wir bräuchten keine Campgroundmiete
mehr zu bezahlen (in diesem Fall 10$/Nacht) und er deckt uns auch ein mit
Feuerholz. Wir beschließen noch eine Nacht zu bleiben, aber der Grund
liegt eher darin, dass wir das Gefühl haben, dass Ken eine
guter Kumpel ist, und wir alle drei ein bisschen Abwechslung in unserem
Umgang gebrauchen können. An unserem Abschiedstag musste er zu seiner
Schwester ins nahegelegene Los Osos, weil er einen Anruf der
Sozialkasse erwartete. Dabei sollte er erfahren, ob sein Fall es wert ist,
eine Invalidenrente zu beziehen. Nur dann könne er nach Deutschland
kommen und sich dort ein Mädchen suchen. Wir sind noch vor seiner
Rückkehr abgereist und hoffen, dass er bald ein paar Dollar mehr bekommt.
Das macht ihn sicher nicht weniger einsam, aber vielleicht ist es dann
besser zu ertragen.
Der Montana
de Oro State Park rangiert bei uns als absoluter Geheimtip unter
den Nicht-National-Parks. Von seiner Größe her ist er groß
genug, um locker vier Tage darin zu wandern ohne auch nur eine Wegkreuzung
zweimal zu nehmen. Und das hügelige Küstengebiet ist ein Dorado
für Wanderfreunde. Wir waren an zwei Tagen hintereinander unterwegs
und jedesmal absolut angetan von den moderaten Wanderwegen, die einem immer
wieder einen grandiosen Blick auf die Pazifikküste ermöglichten
und durch weitreichende "Wildlife"-gebiete führten. Luchs, Koyote,
Puma und etliches andere Getier tummeln sich in den niedrigen Büschen,
wir bekamen allerdings immer nur deren Exkremente zu sehen. Selbst der
Nieselregen hat uns in solch einer Umgebung nichts ausgemacht, wurden
wir doch letztendlich die ganze Zeit mit milden Temperaturen belohnt. Montana
de Oro ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Platz an der
kalifornischen Küste, den wir wiedersehen werden.
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01.-02. März
2001 - San Simeon SP, Hearst Castle
William
Randolph Hearst war der Eigentümer und Erbauer eines schlossähnlichen
Palastes auf den Anhöhen der Hügel von San Simeon, den
seine Nachkommen nach dessen Ableben dem Staat Kalifornien vermacht
haben (trotz des unermesslichen Reichtums konnte es sich keiner seiner
Nachkommen leisten, das sog. Hearst Castle zu unterhalten).
Ein Komplex, der heute für die Öffentlichkeit zugänglich
ist und den es für ein paar lächerliche grüne Scheinchen
zu entdecken gilt. Egal was man davon hält, wenn sich ein Medienimperialist
- der zu seinen besten Zeiten nicht weniger als sechsundzwanzig Zeitungen
( und nicht nur eine Ausgabe, sondern den ganzen Laden), dreizehn
landesweit vertriebene Magazine und acht Radiostationen besaß
- an einem der schönsten Flecken Kaliforniens ein
Anwesen errichtet, das nichts anderes bezweckt als die Zurschaustellung
unvorstellbaren Reichtums. Doch ein Besuch des Hearst Castles ist
ein unbedingtes Muss, auch wenn man sich als Europäer dabei unter
Umständen den Frust holt. Bevor ich in Gedanken die Pfade der mit
Blattgold verzierten Fliesen entlang schreite, möchte ich noch einmal
für mich klarstellen: Ich bin ein neutraler Reisender und immer bestrebt,
mir ein unbefangenes Bild von Land und Leuten zu machen. Ich habe nichts
davon, mein Gastland und deren Bewohner zu diskreditieren. Deshalb fange
ich ausnahmsweise mit den positiven Aspekten eines unvergleichlichen Größenwahns
an. Mr. Hearst hat auf besagtem Hügel ein Anwesen errichtet,
das zumindest in den USA seinesgleichen sucht. Und auch wenn man sich die
organisierte Busfahrt auf den Palasthügel spart, wird man Zeuge einer
ausgezeichneten Demonstration in puncto Touristenabfertigung und ich meine
das in diesem Fall nicht negativ. Die Amerikaner sind einfach Könige
im Zurschaustellen. Allein der Besuch des Visitorcenters ist ein
Erlebnis. Als ordentlicher Deutscher bin ich beeindruckt von den Organisationsstrukturen,
die eine Abfertigung von mindestens 20.000 Besuchern täglich möglich
macht, ohne dass auch nur ein Besucher den Eindruck haben muss, es wäre
außer seiner Familie noch jemand Anderes an Bord. Es wird auch hier
ein Film über die Entstehung eines amerikanischen Traums im IMAX-Format
gezeigt, der diesmal sogar qualitativ gut ist und nicht mit Mittelmaß-Schauspielern
den Kinospaß verdirbt. Das können sie, die Amis. Sie inszenieren
sich, das Land und alles, was von ihnen dort hinein gepflanzt wurde in
einer unvergleichlichen Art, die mich fast vor Neid erblassen lässt
- aber auch nur fast. Aber nicht genug des Lobs. William Randolph Hearst
ist tatsächlich ein Wunder der Baukunst in Wasser, Marmor und Kacheln
gelungen, denn seine beiden Pools sind wahrhaftig der Traum eines jeden
Bademeisters. In unangefochtener Lage, mit Blick auf den Pazifik und die
umliegenden Berge, errichtete er eine Badeoase, die allein schon als Bild
süchtig macht, wobei ein Bad im Nass selbst vor Glück sicherlich
kaum zu ertragen wäre. Sein "Indoor-Pool" dagegen würde alle
römischen Architekten vor Neid erblassen lassen. Abermillionen kleiner
Kacheln wurden in Mosaikanordnung zu einer einzig glitzernden Fläche
miteinander verbunden und das durch Schächte eindringende Licht lässt
das Becken wie einen Spiegel erscheinen, der die Pracht des Raums doppelt.
Ein unglaublich schönes Schwimmbecken, das definitiv zu edel zum Baden
ist. Doch wahrscheinlich sind die beiden Pools so ungewöhnlich schön,
weil sie keiner Möbel bedurften. Denn in den einzelnen Häusern
des Anwesens ist es dem Hausherrn gelungen, seine Geschmacklosigkeit -
was die Inneneinrichtung angeht - unter Beweis zu stellen und sie zeugen
einzig und allein von seinem Reichtum. So steht außer Zweifel, dass
W.R.
Hearst ein Kunstkenner war, der es sich leisten konnte, etliche Artefakte
aus Europa einfliegen zu lassen, mit denen er dann die Räume seines
Schlosses zustellte. Doch wer die Wände seines Esszimmers bzw. Refektoriums
mit Chorstühlen des 15. Jahrhunderts aus spanischen Kirchen des Mittelalters
vollstopft und zugleich immer den Heinz-Ketchup auf dem Tisch stehen hat,
der leidet meines Erachtens wirklich an Geschmacklosigkeit, wenn es nicht
sogar als pietätlos zu bezeichnen wäre. Nicht dass ich etwas
gegen den Ketchup hätte - das ist eben ein Stück Kulturgeschichte
der Amerikaner- aber ein altertümliches Chorgestühl außerhalb
einer Kirche und noch dazu in einem Esszimmer verdirbt mir eher den Appetit
und zeugt von schlechtem Geschmack. Die ganzen von uns gesichteten Räume
litten alle unter Platznot, obwohl sie teilweise erstaunliche Ausmaße
vorzuweisen hatten. So platzierte der stolze Hausherr uralte steinerne
Kamine neben zusammengewürfelten Antiquitäten aller Epochen.
Griechische Skulpturen und Götter in Marmor auf Teakholz-Sekretären.
Schmiedeeiserne Tore vor teppichbehangenen Wänden, unzählige
Reliquien wie Kreuze, Silberschalen und sogar ganze Altäre neben Billard-
und Pokertischen. Die Zimmer platzten förmlich aus allen Nähten
und man sah den Räumen regelrecht an, dass nur geprotzt werden sollte.
Es stimmte uns recht traurig, als wir die vielen wertvollen Antiquitäten
dort stehen sahen. Jede für sich konnte sicherlich eine spannende
Geschichte aus vergangenen Epochen erzählen und fast ausnahmslos stammten
sie aus Europa. Doch hier in Mr. Hearsts Castle waren es nur Objekte,
"Stuff"(Zeug), wie er so schön selbst zu sagen pflegte, die seinen
Reichtum darstellen sollten. Ohne Feingefühl, pietät- und emotionslos
ist es Mr. Hearst gelungen, unter Beweis zu stellen, dass Geld verdirbt,
auch wenn er eigentlich ein netter Kerl gewesen sein soll und sicher Außergewöhnliches
geleistet hat. Die Tatsache, dass er auf dem Schloss ständig die Reichen
und Berühmten um sich haben wollte, unterstreicht seine Angeberei.
Die Tatsache, dass er sich einen eigenen Zoo mit exotischen Tieren zulegte,
wovon die Hälfte der Tiere aus klimatischen Gesichtspunkten absolut
nicht in die Region passten (z.B. Eisbären) und nur den Gästen
als Anschauungsobjekt dienen sollten, unterstreicht seine Verantwortungslosigkeit.
Doch es passt auch zu Amerika, dass dieser Mann und sein Anwesen als amerikanischer
Traum verkauft werden. Es ist so schön unkompliziert, dem zu
frönen und nichts in Frage zu stellen. Wird man doch mit dem Shuttlebus
bis vor die Tür gefahren (die europäischen Schlösser muss
man meistens erst mal zu Fuß erklimmen), bekommt die Geschichte in
verdaulichen Häppchen gereicht (in Europa muss man sich das Hintergrundwissen
meist selbst erarbeiten) und hat das Fast-Food-Restaurant gleich mit im
Besucherzentrum integriert (Vergleichbares gibt es in Europa überhaupt
nicht). Da geh ich doch lieber ins Kino und schau mir einen echten
Helden an, Robin Hood.
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