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Almond Lake, Hornell,
New York
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15. Dezember
2000 - Auf nach Westen
Der Weg ist weit.
Je nachdem, von wo man misst, können es bis zu 2.500 Meilen sein (2.678
Meilen von Miami bis San Diego). Aber wir sind guten Mutes,
wir wollen unterwegs sein, wir wollen das "weite Land" erobern. Wir lassen
den Staub des Ostens hinter uns und haben uns für die lange Fahrt
gerüstet. Raus aus dem Trubel des Ostens, raus aus den dicht bevölkerten
Gebieten, runter von den überfüllten Straßen. In unseren
Köpfen haben wir die Bilder von hohen schneebedeckten Bergen und heißen
Wüsten. Ein Land, das nur darauf gewartet hat, von uns entdeckt zu
werden. Wir freuen uns auf "Dich" - wild, wild West.
Weihnachten steht
vor der Tür und uns klingen die unerträglichen Werbeslogans aus
dem Radio in den Ohren: "Na, haben sie auch keine Ideen mehr, was sie ihren
Lieben zu Weihnachten schenken können? Wir können ihnen weiterhelfen.
Was halten sie von unserem selbstreinigendem Katzenklo? Was, sie haben
keine Katze? Kein Problem! Bei uns ist die Katze mit dabei - ALLES IN EINEM
GESCHENKPAKET. UND DAS FÜR NUR 49$!!! Ist bei Geschenköffnung
die Katze nicht ganz in den Zustand, in dem sie sein sollte (für gewöhnlich
kratzt sie und faucht, dass einem die Haare zu Berge stehen), dann erhalten
sie ein nagelneues Modell von uns innerhalb von 24 Stunden zugesandt."
Das wird ein Fest. Und wie Klein Johny wohl guckt, wenn er sein Päckchen
aufmacht und ihm eine tote Katze in den Schoß fällt? Und die
Katze erst! Und was soll das mit dem selbstreinigendem Katzenklo? Was um
Himmels willen fällt den konsumbekloppten Amis noch alles ein, um
der Welt glauben zu machen, sie bräuchte selbstreinigende Katzenklos,
furzende Babypuppen (ganz authentisch), Bierglashalter für die Dusche,
und der letzte Schrei sind Autos (ja Autos), die sie heute mit nach Hause
nehmen können, und in einen Jahr erst bezahlen müssen. Und selbst
dann können sie das Ding noch in 12 Jahren abbezahlen. Ist das nicht
eine Wucht? Mann kann seiner Frau zu Weihnachten ein Auto schenken, ohne
auch nur einen Pfennig dafür bezahlt zu haben und bis die erste Rate
fällig wird, ist man längst schon wieder geschieden. Hier wird
Massenkonsum, aber auch Massenverdummung betrieben. Und dabei entsteht
soviel Müll, dass es schon ekelhaft ist. Ganz Amerika scheint in dem
Wahn zu leben, es müsste in der Vorweihnachtszeit seine Häuschen
mit Abertausenden von Lichtchen schmücken und sie scheuen keine Kosten,
sich gegenseitig mit den bescheuertsten Motiven auszuboten. Aber nicht
nur, dass in der Welt irgendwo eine Umweltkonferenz tagt, die den nutzlosen
Energieverbrauch der Amerikaner anprangert, die ganzen Lichterketten sind
zudem noch so konzipiert, dass sie natürlich nicht mehr zurück
in den Karton passen, was unweigerlich zur Folge hat, dass man sie nach
dem Fest in den Müll schmeißt. Weihnachten in den USA ist wie
Disneyland
. Es werden Wünsche und Waren produziert, die kein Mensch braucht,
und hat man sie erst mal erfüllt oder erworben, stellt man fest, dass
es das nicht war, wonach man nicht gesucht hat und lässt sich zur
nächsten Gelegenheit noch mehr Mist andrehen. Frohes Fest.
Wir erwarten eigentlich
nicht, dass der Westen anders ist. Aber wir bekommen fast täglich
erzählt, wie eindrucksvoll das Land im Westen sei. Wir sehnen uns
nach eindrucksvollen Landschaften! Die Keys sind schön, aber
nicht umwerfend. Die Everglades (die wir genau aus folgendem Grund
gemieden haben), sind die Heimat aller Moskitos dieser Welt und die können
unheimlich nervig sein.
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18. Dezember
2000 - Manatee Springs SP
Von heute auf
morgen sind die Temperaturen um 20 Grad gefallen. Es gab ein Gewitter und
danach war es plötzlich kalt. Letzte Nacht ging das Thermometer runter
bis auf 0 Grad. Die Nacht davor hatten wir noch beide Fenster unserer Kabine
offen, um wenigstens etwas Frischluft zu bekommen - es war drückend
heiß. Aber so schnell geht das immer, sagen die Ranger. Erst kommt
der Regen, dann ist es ein paar Tage kühl und dann herrschen wieder
sommerliche Temperaturen. Naja, wir haben die Winterjacken raus geholt
und uns gut eingepackt.
Der Manatee
Springs State Park kann nicht nur mit einer wunderschönen Quelle
aufwarten, die zum Baden wegen ihrer beständigen 22 Grad geradezu
ideal ist, sie beheimatet auch einige Manatees, die wir als Seekühe
kennen. Auch diese friedlich trägen Säugetiere wissen die beständige
Temperatur der Quelle zu schätzen und aalen sich in der warmen Strömung.
Wir haben insgesamt 10 Stück gezählt. Auch ein Otter tummelte
sich am Ufer und störte sich überhaupt nicht an uns. Genüsslich
schien er sich am Grund der Quelle an seiner Lieblingskost zu laben und
wir schauten ihm dabei zu, wie er immer wieder auftauchte, um mit lauten
Schmatzgeräuschen sein Leckerchen zu verspeisen. Ein putziger Anblick.
Es soll aber schon Monate gegeben haben, da fanden sich mehr als 100 Otter
an der Quelle ein. Ein Brettersteg führt bis an denSuwannee
River und die Zypressen - mit ihren sonderbaren Wurzeln, die wieder
aus dem Erdboden herauswachsen und in penisartigen Stummeln gen Himmel
zeigen - sind Stützpunkt für hunderte Geier. Ansonsten schweben
sie in charakteristischer Art über dem Fluss (die Geier, nicht die
Zypressen) und warten darauf, dass ein Mensch eine Tüte oder sonstiges
Zeug unbeaufsichtigt liegen lässt, um es dann mit Geiergekrächze
zu erobern und sich damit aus dem Staub zu machen.
Wir waren auch
endlich mal wieder wandern. Florida ist nicht gerade das, was man
das Dorado der Wanderer nennt. Aber hier im Norden findet sich schon eher
mal ein Park, der mit Rundwanderwegen aufwarten kann, die länger als
eine halbe Meile sind. Es war geradezu eine Wohltat, in kalter, klarer
Luft einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Die State Parks sind einfach
eine Oase für Freizeitaktivitäten. Und überhaupt - es wird
Zeit, dass diese ihre eigene Story bekommen.
kasxn
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21. Dezember
2000 - Gulf Island NS
Jim ist
ein sogenannter "Vet", ein Veteran der Air Force . Er spricht uns
auf dem Campingplatz an, um uns eigentlich nur mitzuteilen, dass es die
nächste Nacht wieder empfindlich kalt werden kann. Darüber kommt
man ins Gespräch und ehe man sich versieht, steht man eine halbe Stunde
da und quatscht über Gott und die Welt. So ist das fast immer, auch
wenn die Gespräche meist an der Oberfläche bleiben und nichts
Tiefgründiges hervorbringen, so kommt es dennoch vor, dass man manchmal
tiefer in die Seele seines Gegenüber blicken kann, als man beabsichtigt
hat. Jim hat eine Sprachstörung, drückt sich dennoch verständlich
aus. Sein Blick klebt an unseren Lippen, denn er hört auch nicht mehr
gut. Er hatte zwei Herzinfarkte und ist gerade mal 51 Jahre alt. Er lebt
alleine wie so viele Veteranen und verbringt jedes Jahr ganz alleine in
einem Wohnwagen die Weihnachtszeit und den Neujahrstag hier an der Gulf
Island National Seashore. Aus seiner Stimme klingt die Traurigkeit
eines enttäuschten Menschen. Enttäuscht von seiner Regierung,
für die er in zwei Kriegen gekämpft hat. Er war im Vietnam- und
im Golfkrieg und wurde insgesamt vier Mal verletzt. Er flog Hubschrauber
und war durch und durch Soldat - bis sein Herz nicht mehr mitgemacht hat.
Er drückt immer noch sein Unverständnis darüber aus, in
dem er erklärt, dass alle in seiner Familie gesund sind und niemand
Probleme mit dem Herzen habe. Aber daran sei jetzt auch nichts mehr zu
ändern. Doch die Regierung habe ihn maßlos enttäuscht.
Er habe sein Leben für dieses Land riskiert und nun hat es ihn eben
erwischt. Doch die Regierung verweigert ihm seine hundertprozentige Invalidenrente.
Er bekommt nur 20 Prozent. Zwanzig Prozent - zu viel zum Sterben, zu wenig
zum Leben. Er ist verbittert, krank und schimpft über das Amerika,
das ihn so betrogen hat. Mir ist so, als habe ich die Geschichte schon
so oft gehört und frage mich, ob wirklich etwas dran ist, dass die
amerikanische Regierung ihre Soldaten erst in die Lüfte hebt, belobigt
und auszeichnet, bis sie ihren Dienst getan haben und zu nichts mehr nütze
sind, und dann fallen lässt wie die viel zitierte "heiße Kartoffel"?!
Ich weiß
es nicht. Aber irgendwie passt es zu dem, was ich vielleicht zwei Stunden
vorher gedacht habe, als ich am Strand eine alte Getränkedose fand.
Eigentlich erregt so etwas nicht meine Aufmerksamkeit, doch diese Dose
hatte etwas Besonderes. Sie musste etliche Jahre alt sein, da sie aus stabilem
Blech war, wie es schon lange nicht mehr für solche Behältnisse
benutzt wird. Der Rost hatte der Dose kräftig zugesetzt und ganz akkurat
war sie an einem Ende zusammengefaltet. Doch man konnte an einer Seite
gerade noch erkennen, dass es sich um eine Coca-Cola Dose handelte.
Man konnte die Schrift nicht mehr richtig lesen, doch die verschlungenen
Schriftzeichen sind dermaßen mit dem Produkt verbunden, dass es nicht
viel Assoziationstalent bedurfte, den Zusammenhang zu Coca-Cola
herzustellen. Irgendwann einmal in grauer Vorzeit wurde die Dose hergestellt,
um den süßen Saft zu konservieren und für den Moment aufzubewahren,
indem ein Amerikaner durstig wird. Sie diente einzig und allein diesem
Zweck und wurde aus starkem Blech erbaut, damit sie, egal, wie lange sie
ihren Inhalt auch beherbergen möge, zum richtigen Zeitpunkt die erfrischende
Flüssigkeit preis geben würde. Als dieser Moment dann vorüber
war (was in seltenen Fällen länger als fünf Minuten dauert),
wurde die Dose einfach weggeworfen. Sie hatte ihre Bestimmung, und als
sie ausgedient hatte, wurde sie einfach fallen gelassen. Trotzdem existiert
sie weiter und liegt vielleicht schon seit Jahren am Strand von Gulf
Island - aber niemand interessiert sich dafür. Jetzt ist sie nur
noch Müll.
Diese, wie Jims
Geschichte hat etwas amerikanisches und absolut nichts mit dem viel besagtem
"amerikanischen Traum" zu tun - eher schon Alptraum.
Die Gulf Islands,
die sich auf einer Strecke von 120 Meilen vor der Küste Nordwest-Floridas
und Mississippis erstrecken, bilden eine natürliche Pufferzone
zwischen dem Golf von Mexiko und dem Festland. Früher als strategische
Stützpunkte des Militärs genutzt, bieten sie heute eher den Naturliebhabern
eine Möglichkeit, auf Erkundungen zu gehen. Zwar kann man noch die
alten Fort-Anlagen in Augenschein nehmen (hier: Fort Pickens), doch
ist die Geschichte eines Forts bekanntlich nicht sonderbar interessant,
wenn es noch nicht einmal einen Angriff über sich ergehen lassen musste.
Die Indianer bilden hier wieder einmal den rettenden Anker, denn sie wurden
als Zwangsarbeiter (interessantes Thema) zu niederen Arbeiten rangezogen.
Einige davon waren von solch starker Persönlichkeit, dass sie enormen
Einfluss gewannen und deren Abbild heute noch auf Postkarten gedruckt wird.
Aber auch das ist immer wieder das gleiche Lied, denn schließlich
und letztendlich können sich die Indianer bis heute nichts dafür
kaufen.
Die Gulf Island
National Seashore ist ihrem Ruf allerdings voll gerecht geworden. So
gibt es hier wirklich die schönsten Strände und ein zauberhaft
sauberes Wasser. Überrascht hat uns eigentlich nur ein Biber. Als
Britta das Duschhaus des Campgrounds aufsuchen wollte, saß im Gebüsch
ein Biber von stattlicher Größe und aß genüsslich
an einem Zweig. Der Kerl hatte dermaßen die Ruhe weg, dass wir bis
auf einen Meter an ihn heran konnten, bevor er von uns Notiz nahm. Dieser
Kerl wollte sicher Schluss machen mit dem Gerücht, zu der scheuesten
Tiergattung überhaupt zu gehören. Es hätte nicht viel gefehlt
und wir hätten ihn streicheln können - einen Biber!
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22.-24. Dezember
2000 - New Orleans
Wir hätten
nicht gedacht, dass wir mal Weihnachten ohne unsere Familien feiern würden.
Eine plötzlich eintretende Sehnsucht vor Weihnachten bewirkte fast,
dass wir unseren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten unterbrochen hätten
und nach Deutschland geflogen wären. Doch es kam anders und wir verbrachten
den Heiligabend in New Orleans. In Anbetracht der Tatsache, dass
amerikanische Städte nicht gerade vor Charme strotzen, war New
Orleans die beste Alternative, das Fest gebührend zu begehen.
Wir ließen uns viel Zeit und freuten uns auf die Creole- und Cajunküche.
Und im Zentrum des French Quarters, in der Bourbonstreet
, ließen wir uns dann auch erst mal an Heiligabend die Traditionsgerichte
der Einheimischen schmecken. Gumbo, Jambalaya und Catfish
heißen die Gerichte, und wenn ganz Amerika so kochen würde,
dann wäre es auch bezüglich der Gaumenfreuden ein echtes Traumland.
Das French Quarter ist ein Juwel unter den amerikanischen Innenstädten.
Die typisch flachen, spanischen Häuserblöcke passen eigentlich
gar nicht nach Amerika. Man hat eher das Gefühl, man befindet sich
in Südfrankreich oder in Italien. Das Leben auf den Straßen
pulsiert, auch wenn viel für die Touristen inszeniert wird. Doch auch
außerhalb des French Quarters zeigt sich New Orleans teilweise
von sehr attraktiver Seite. So sind die alten Cable-Cars (Straßenbahnen
der ersten Stunde) ein unbedingtes Muss, zudem sie über die St.
Charles Ave. an unzähligen Villen vorbei fahren, die einen erahnen
lassen, dass in Louisiana vor dem Bürgerkrieg die meisten Millionäre
gewohnt haben. Ein Café an der Ecke lockt mit Jazzmusik, auf der
anderen Straßenseite stehen drei Männer, die in eher gruseligen
Tönen, "There is a house in New Orleans" anstimmen. Wir wollten auch
noch die "Bonfire" am Mississippi sehen, aber wie wir erst später
erfuhren, hätten wir dazu eine Bootsfahrt auf einem der Schaufelraddampfer
buchen müssen. Tja, vielleicht das nächste Mal. Alles in allem
waren wir froh, an Heiligabend in New Orleans geblieben zu sein,
auch wenn wir zumindest in Gedanken so manch Augenblick zu Hause bei unseren
Lieben waren.
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27. Dezember
2000 - San Antonio
Carol und
Arne
haben
uns den Tip gegeben, unbedingt in San Antonio einen Spaziergang
am San Antonio River zu unternehmen. Sie ließen uns aber eigentlich
im unklaren darüber, was uns dort wirklich erwartet. In der Innenstadt
wurde der ursprünglich gerade verlaufende San Antonio River
umgeleitet, um eine Schleife zu bilden, an deren Ufer dutzende Cafés
und Restaurants entstanden. Der enge, künstlich angelegte Kanal ist
an beiden Uferseiten zu begehen und wunderschöne Pflanzen säumen
den Rand des Wassers. Der Verkehr verläuft einen Stock darüber
und ist kaum zu registrieren. Eine wirklich gelungene Städteverschönerung.
Aber San Antonio
hat auch ein Kulturerbe, das man selbstverständlich nicht verpassen
darf. THE ALAMO. So bauten im 18. Jahrhundert
die Spanier eine Mission auf dem heutigen Boden der Stadt, die im Laufe
der Jahre unterschiedliche Bedeutungen bekam. Im Jahre 1835 nisteten sich
freiheitsliebende Texaner dort ein, um für die Unabhängigkeit
von Texas zu kämpfen, und das auf mexikanischem Grund und Boden.
Das gefiel den Mexikanern nicht und so brachten sie 189 Amerikaner (eigentlich
mehr Europäer) ums Leben und machten in der Geschichte des Amerikanisch-Mexikanischen
Krieges einen ihrer wenigen Punkte. Natürlich werden die Getöteten
heute als Helden gefeiert und die Mexikaner als barbarische Mörder
dargestellt. Der Patriotismus dieses Volkes lässt wieder einmal grüßen.
Das Gelände, das an originaler Stelle wiederhergestellt wurde, zeugt
von einem Stück Geschichte, das aber nach Belieben manipuliert wird.
So wird in einem Film im IMAX-Format der passende "Streifen" dazu
gezeigt: Alamo - The price of Freedom. Wieder einmal sind die Anderen
die Bösen und die tausend jungen Menschen, die sich den Film anschauen,
bekommen in herzzerreißender Weise geschildert, wie ihre Helden von
damals für die Freiheit gestorben sind. Dass die Texaner ihre Freiheit
auf mexikanischem Gebiet verteidigt haben, das wird natürlich nicht
erwähnt. Zuguterletzt sterben alle den Heldentod und der Besucher
kann mit gestählter Brust aus dem Kino treten und sich auf den nächsten
Konflikt in der Welt freuen, bei dem es gilt, die Ehre Amerikas zu verteidigen.
Jeder wird dieser Gehirnwäsche unterzogen und ich bin davon überzeugt,
dass die meisten Amis daran glauben.
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28. Dezember
2000 - Alamo Village
1957 starteten
in der Abgeschiedenheit der texanischen Prärie die Arbeiten für
eine Filmstadt, nämlich Alamo Village. Dort wurden bislang
5 dutzend Filme gedreht, wovon der berühmteste The Alamo ist,
ein John Wayne Kassenschlager. Und noch heute ist die Filmstadt
die übliche Drehstätte für Western und Dokumentationsfilme
jeglicher Art. Die Kulissenstadt ist ein echtes Highlight unter den unechten
Städten. Der Westernzeit nachempfundene Häuser und allerlei Schnick-Schnack
können sich sehen lassen. Und die Tatsache, dass alle großen
Schauspieler der guten alten Zeit (John Wayne, Charleton Heston, Dean
Martin, Raquel Welch, James Stewart uvm.) sich hier rumtrieben, verleiht
der Stätte einen Hauch von Hollywood. Fassungslos stand ich
vor den ca. zwanzig Pferdekutschen, die aussahen, als hätte sie jemand
aus dem Jenseits an diesen Platz gezaubert. Und das erste Mal sah ich einen
echten, original nachempfundenen Planwagen. Aber auch sonst hatte die künstliche
Stadt einiges zu bieten und die Atmosphäre eines Filmsets war fast
zu greifen. Ein Museum kann mit schönen Erinnerungsstücken glänzen
und der nachempfundene Saloon kommt einem echten wohl ziemlich nahe. Nur
die Cantina war ein echter Reinfall. Sie erreichte alle Negativpunkte,
die man so erreichen kann. Das Essen war kalt, schlecht gewürzt, hat
lange gedauert, unverhältnismäßig viel gekostet und es
waren - gerade mal dreißig Meilen von der mexikanischen Grenze entfernt
- keine Bohnen im Chili. Aber ansonsten war Alamo Village
ein Volltreffer.
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31. Dezember
2000 - Die Zeit zwischen 2000 und 2001
Wir befinden uns
im luftleeren Raum. Als anständige Deutsche haben wir den Jahreswechsel
mit all unseren Stammesbrüdern zuhause gefeiert, nämlich um Null
Uhr Mitteleuropäischer Zeit. Allerdings war es bei uns im Süden
von Texas erst 17:00 Uhr. Das hat uns aber nicht gestört, zumal
wir mit großer Wahrscheinlichkeit den amerikanischen Übergang
ins Jahr 2001 verschlafen werden. Aber die Vorstellung ist schon seltsam.
Gefühlsmäßig haben wir den Schritt ins neue Jahr schon
getan, haben uns mit Sekt zugeprostet und uns die üblichen Ziele für
das neue Jahr vorgenommen. Wir haben zurückgeblickt und zumindest
formal mit dem alten Jahr abgeschlossen, so wie Millionen anderer Europäer
auch. Jetzt ist es drei Uhr dreißig in der Früh und sicherlich
sind auch die letzten Partygäste auf dem Weg nach Hause. Doch hier
in Texas ist es erst halb neun und das Jahr 2000 ist noch in vollem
Gange. Hier tobt gerade ein Sturm über den Campingplatz, dass man
das Gefühl hat, das Jahr soll mit aller Kraft von diesem Planeten
geweht werden. Und momentan denkt noch keiner daran, eine Rakete zu zünden.
Wahrscheinlich passiert hier um 0:00 Uhr Central Time überhaupt
gar nichts. Aber was ist mit uns? Wir haben das alte Jahr doch schon längst
begraben und das neue lässt noch auf sich warten. Wir befinden uns
in einem zeitlosen Fenster, das weder zum Jahr 2000 noch zum Jahr 2001
gehört. Und dieses Fenster ist genau sieben Stunden lang. Ich hätte
nicht gedacht, dass ich das mal erleben darf. Wenn ich jetzt eine Bank
überfalle, kann mir niemand etwas nachweisen, denn niemand kann genau
sagen, wann es geschehen ist. Ich kann Dinge tun, die niemals irgendwo
dokumentiert werden können, da niemand genau weiß, wann sie
geschehen sind. Vielleicht ist es ja sogar so, dass sich nach den sieben
Stunden niemand mehr an die Geschehnisse während dieser Zeit erinnern
kann. Und vielleicht kann sogar ich mich nicht mehr daran erinnern, was
passiert ist und diese Zeilen sind spätestens um 0:00 Uhr für
alle Zeiten verschwunden? Wir werden es sehen.
Letztendlich
spielt es keine große Rolle, wann man sich von dem alten Jahr verabschiedet.
Hauptsache, man tut es. Die Einhaltung genauer Fahrpläne für
Dinge, die man in seinem Leben tun sollte, ist nicht erforderlich. Irgendwann
ist die Zeit gekommen, um sich zu verabschieden und wer sollte da behaupten,
es sei zu früh oder zu spät. Da kommt es auf Stunden oder sogar
Tage gar nicht an. Entscheidend ist das "wie" und nicht das "wann".
Wir haben die
Sektflasche getrunken, draußen ist es ungemütlich stürmisch
und dunkel, dass wohl niemand mehr daran denkt, raus zu gehen, und wahrscheinlich
gehen wir auch bald zu Bett. Ich bin voller Erwartung für das neue
Jahr und ich freue mich auf all die neuen Dinge, die auf mich hereinstürzen
werden. Entscheidend für mich ist, dass sie passieren, nicht wann
sie passieren.
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31. Dezember
2000 - 03. Januar 2001 - Big Bend NP
Der Big Bend
National Park ist eine für uns Europäer sehr unwirkliche
Landschaft. Große Seen, hohe Berge, Meeresküsten und Wälder
kennen wir auch aus Europa. Aber der Big Bend ist Teil der Chihuahua-Wüste
und
von der Art seiner Erscheinung ganz anders. In dieser Landschaft liegt
der sonderbare Reiz des Außergewöhnlichen, denn von echter Schönheit
würde ich hier nicht sprechen. Zum größten Teil sind die
Hügelketten karg und nur spärlich bewachsen. Trockene Bachläufe
durchziehen die Region und drohen die Wassermassen an, die bei Regen das
Land durchfurchen. Zudem ist das Wetter seit dem neuen Jahr ausgesprochen
unangenehm. Es ist viel zu kalt und den Himmel bedecken dunkle Wolken.
Es regnet zwar nicht, aber dafür stürmt es umso mehr. Kalter
Wind zieht durch jede Ritze unseres Campers, da trösten uns auch nicht
die Meldungen, dass es überall in Amerika zu kalt sein soll. Wir haben
fest mit frühlingshaften Temperaturen gerechnet, jetzt gehen wir wegen
der schlechten Witterung kaum vor die Tür. Trotzdem muss man nicht
tatenlos in seinem Häuschen sitzen. Besitzt man zufällig ein
vierradbetriebenes Fahrzeug, kann man eine Offroad-Tour durch die Wüste
wagen, die ich in einer extra Story beschreiben möchte:
Big Bend
ist wirklich sehenswert, auch wenn man sehr weit ab vom Schuss ist. So
liegt das nächste Krankenhaus 200 Kilometer weit entfernt und alleine
die Strecke zum Visitor-Center des Parks beträgt ca. 40 Kilometer.
Da fährt man nicht eben gerade mal hin, um zu fragen, wie spät
es ist - oder doch?! Aber vielleicht geht das uns Europäern auch nur
über unseren beschränkten Horizont hinaus (im wahrsten Sinne
des Wortes). Denn in der nicht vorhandenen Wüste Europas wäre
die niedrige Bevölkerungsdichte auf lange Sicht gar nicht durchsetzbar.
Und welches Interesse könnte ein Gemischtwarenhändler haben,
in einer nicht bevölkerten Region einen Laden zu betreiben?! So geht
es den amerikanischen Gemischtwarenhändlern auch, ganz zu schweigen
von den amerikanischen Ärzten. Es sei ihnen verziehen.
Wir verbringen
einen ausgesprochen ruhigen Jahreswechsel. Wir stehen unweit einem der
berühmtesten Wasserläufe der Erde, dem Rio Grande, und
verbringen den Tag mit dem Bewusstsein, fast schon in Mittelamerika zu
verweilen. Und wenn man an den Ufern des "großen" Flusses steht,
der zu dieser Zeit gerade einmal 10 Meter breit ist, und sich dann vorstellt,
man würde den Fluss und somit die Grenze zu Mexiko überqueren,
dann kommt so ein Gefühl von Abenteuer auf. Ein kurzes Bad trennt
einen von dem unbekannten und exotischen Land Mexiko. So müssen
sich schon unzählige Siedler, Cowboys und diverse Bankräuber
gefühlt haben. Wir bleiben auf der amerikanischen Seite und starten
gespannt in ein neues Jahr.
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05. - 08.
Januar 2001 - Alpine
Alpine
ist gegenüber den meisten anderen Städtchen hier im Westen von
Texas
eine lebendige Stadt, zumal sie über eine Universität verfügt,
die einen gewissen Anteil junger, unruhestiftender Menschen garantiert.
Sie besitzt ein Kino (4$ Eintritt), eine Bank, mehrere Fastfoodtempel,
ein Krankenhaus, einen fast richtig großen Supermarkt, so etwas wie
eine Einkaufsmeile, deren Geschäfte öffnen und schließen,
wie es ihnen beliebt, unabhängig davon, was die Schildchen mit den
Öffnungszeiten an den Türen aussagen, und nicht zuletzt besitzt
es ein Museum.
Trotzdem ist
Alpine
ein verschlafenes Nest und hebt sich damit von den anderen westtexanischen
Städten insofern ab, dass die anderen regelrecht tot sind. Das Land
ist so unvorstellbar groß und weit, dass sich Orte mit gerade mal
100 Einwohnern über eine riesige Fläche ausdehnen. Da stehen
verlassene Häuschen, in denen schon Jahrzehnte niemand mehr wohnt.
Davor stehen verrostete Automobile einer vergangenen Epoche und die Vegetation
holt sich mit den Jahren dieses Stückchen Land zurück. Hier wird
nichts abgerissen, weil man den Platz für nichts anderes braucht.
Das lässt viele Städte wie Geisterstädte aussehen, obwohl
sie keine sind.
West Texas
hat vor allem viel Platz und wer an die Übervölkerung Amerikas
glaubt, der soll hier in West Texas mal einen Bankautomaten suchen.
Obwohl 10 Meilen nordwestlich von Fort
Davis, welches selbst 23 Meilen nördlich Alpines liegt,
mit dem Mc Donald Observatory
ein Highlight der amerikanischen Himmelsbeobachtung zu finden ist. Auf
einer von Texas höchsten Erhebungen, den Davis Mountains,
und einer der nachweislich dunkelsten Stelle Nord-Amerikas, kann man das
drittgrößte Teleskop der Erde und den weltgrößten
Reflektorspiegel besichtigen. Das Observatorium ist im Besitz fünf
verschiedener Universitäten, darunter auch zwei deutsche. Es ist ganz
interessant, die weißen Kuppelbauten aus der Nähe zu betrachten,
auch wenn sie mich stark an die Teeny-Veranstaltung The Dome in
Deutschland erinnern. Es gibt schöne Bilder von fernen Galaxien zu
bewundern und natürlich kann man auch einen Blick auf die großen
Teleskope werfen. Hineinschauen kann man allerdings nicht, da am Ende eines
jeden Teleskops nur Computer installiert sind, die die Sternbilder in nicht
öffentlichen Kontrollräumen auf Monitore projizieren. Im Grunde
ist die Sternwarte eh nur was für Interessierte, auch wenn man
von den Gipfeln einen atemberaubenden Blick über das Land hat. Das
ist schon einen skurrile Landschaft, die von oben eigentlich nicht sehr
lebensfreundlich aussieht.
Das Fort Davis
National Historic Site ist nichts anderes als ein altes Fort,
der Ursprung fast jeder amerikanischen Stadt. Es ist halt schon seit über
60 Jahren nicht mehr in Gebrauch und gehört damit zur Kulturgedänkstätte
Amerikas. Außerdem spielen Forts aufgrund ihrer militärischen
Nutzung im Land der Patrioten eine ganz besondere Rolle. Hier werden
Amerikas Stärke und Einigkeit präsentiert. Wir sind dessen
leid und lassen Fort Davis links liegen.
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10.-11. Januar
2001 - Guadalupe NP
Als hätten
wir noch nicht genug von den niedrigen Temperaturen, stürzen wir uns
dann auch noch in den nächst besten Sturm, und das auch noch mitten
in den Guadalupe Mountains. Aber alles der Reihe nach. Texas
ist eigentlich relativ flach, oder zumindest fallen die paar Erhebungen
bei der Masse an Prärie eigentlich nicht sonderlich ins Gewicht. Da
sind die Guadalupe Mountains schon eine Attraktion. Schon die Anfahrt
erweist sich als Schauspiel. Die hohen Berggipfel ragen weithin sichtbar
aus dem Boden heraus und man fährt nicht weniger als eine Stunde auf
die Guadalupes zu, ohne dass man das Gefühl hat, man käme
dem Gebirge näher. Unser Camper tut sich plötzlich schwer, die
kaum merkliche Steigung zu meistern. Nur sein Murren macht uns darauf aufmerksam,
dass wir stetig an Höhe gewinnen. Und dann steht man mit einem mal
davor.
Es ist einfach
unvorstellbar, dass diese Berge, deren höchster Gipfel derGuadalupe
Peak mit stolzen 2667 m ist, vor ca. 250 Millionen Jahren ein
Riff in einem Binnenmeer waren. Da stünde uns heute wohl das Wasser
mal mindestens bis zum Hals. Diese Tatsache und unsere unbändige Lust,
diese Berge zu besteigen, trieb uns morgens um 9:00 Uhr den Hang hinauf.
Wir stiegen den recht steilen Bear Canyon hinauf, als uns bittere
Kälte und ein stürmischer Wind entgegen pfiff. Ich habe auch
davon Bilder gemacht, doch man kann nicht gerade viel von uns erkennen.
Als es dann auch noch anfing zu schneien, glaubten wir uns im falschen
Film. Doch wir waren gut eingepackt und unsere Ausrüstung erwies sich
wieder mal als tauglich. Wir kamen sogar bis auf den 2550 m hohen Hunters
Peak . In solch einer Situation fragt man sich unweigerlich, warum
man sich so etwas antut. Man könnte doch in der geheizten Kabine sitzen
und bei einer heißen Schokolade ein gutes Buch lesen oder so. Aber
hinter der körperlichen Betätigung steckt noch das unglaubliche
Gefühl, eine Entdeckung zu machen, die Größe und Wucht
dieser Berge zu erleben, und sich selbst als kleines Etwas darin zu wissen,
und nicht zuletzt um zum wiederholten Male festzustellen, dass nichts auf
der Welt so wichtig sein kann, wenn es diese mächtigen Berge nicht
im geringsten rührt. Diese Berge, die schon Jahrmillionen Jahre unter
Wasser verbracht haben und jetzt vielleicht nur mal kurz aufgetaucht sind,
um Luft zu holen, bevor sie danach weitere 100 Millionen Jahre im Meer
versinken. Und wir? Wir glauben, wir wären wichtig? Nein, wir sind
für die Berge noch nicht mal der millionstel Teil einer Nanosekunde
(und das wäre echt wenig). Manchmal muss man eben große Berge
erklimmen, um festzustellen, wie klein man eigentlich ist. Und das muss
nicht frustrierend sein. Das kann wie ein Glücksgefühl sein und
unter Umständen entledigt man sich so seiner unbedeutenden Probleme.
Wir fanden es zumindest trotz der Kälte befreiend. Und der Abstieg
entlang des Tejas Trails war dann auch die Belohnung für die
Strapazen. Die Sonne kam immer öfter raus und tauchte das Tal vor
uns in ein gelbliches Licht. Die Steinskulpturen wurden in Szene gesetzt
und im Hintergrund tat sich das ewige Land Texas auf.
Wir hatten eigentlich
vor, nach einem Tag Strapazen in den Bergen direkt weiter zu fahren, aber
nachdem uns der Sturm die ganze Nacht wach gehalten hatte und am Morgen
die Sonne an einem strahlend blauen Himmel aufging, wollten wir dann doch
den höchsten Punkt Texas erklimmen, den Guadalupe Peak
. Wir werden für diese Entscheidung noch dankbar sein, wenn wir schon
längst wieder zuhause sind und Trübsal blasen. Die Klettertour
erwies sich als recht anstrengend, das Erlebnis als solches war ein Traum.
Die Schilderung dieser Eindrücke entzieht sich meinen Fähigkeiten,
nur das möchte ich dazu anmerken. Wir hatten das Gefühl, wir
stünden auf dem Dach der Welt. Nicht weil der Gaudalupe Peak mit
seinen 2667 Metern so unglaublich hoch ist, sondern weil der Blick von
seiner Spitze 2000 Meter tief ins Tal reicht und man hunderte Kilometer
weit blicken kann. Wir waren sechs Stunden unterwegs, wovon wir unglaublich
schöne 45 Minuten auf dem Gipfel verbracht haben. Als wir nach unserer
zweiten anstrengenden Wandertour hintereinander nach Hause kamen, hatten
wir allerdings nur noch Blicke für unsere Matratzen. Aber es ist dieses
befreiende Gefühl von körperlicher Schwäche und geistiger
Reinheit, das einen immer wieder die größten Anstrengungen vollbringen
lässt. Der Bergsteiger wird's verstehen.
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12. Januar
2001 - Carlsbad Caverns NP
Zu gerne würde
ich beschreiben, was fünfzehn Meilen südwestlich von Carlsbad
in
New
Mexico bis zu 300 Meter unter der Erde weilt, aber das scheint ein
hoffnungsloses Unterfangen zu bleiben. Dass die Natur manchmal Kapriolen
treibt, um sich richtig in Szene zu setzen, das wusste ich auch schon vorher.
Dass sie dabei allerdings eigene Welten erschaffen kann, die jeden Fantasie-Film
von Stephen Spielberg wie eine B-Klasse Inszenierung aussehen lässt,
das hätte ich im Traum nicht geglaubt. Der Carlsbad Caverns National
Park ist wohl einer der Parks, die mit einer besonderen Attraktion
aufwarten können, die ich versucht habe, in einer gesonderten Story
zu beschreiben:
Jules Verne
hätte
daran seine Freude gehabt, aber auch wir ließen uns drei Stunden
lang verzaubern. Und gerade hier in den Carlsbad Caverns
fällt
einem die unglaubliche Leistung des National Park Service
ins Auge,
der mit viel Mühe, großem Aufwand und unglaublich viel Feingefühl
die Welt, die eigentlich im Dunkeln liegt, ins richtige Licht rückt.
Es ist der Spagat zwischen Naturbelassenheit und Tourismus, der mit Hunderttausenden
von Besuchern jährlich die Höhlen durchwandert und dabei zwangsläufig
Spuren hinterlässt. Aber es sind nicht die unabsichtlichen Spuren,
die der Höhle zusetzen. Es ist Vandalismus, der am Wegesrand immer
wieder abgebrochene Steinskulpturen zurücklässt. Gebilde, die
Millionen Jahre gebraucht haben, um zu wachsen und innerhalb eines Sekundenbruchteils
zerstört werden, um zuhause eine Trophäe auszustellen, die nichts
weiter als von der Primitivität des Menschens zeugt. Leider steht
der National Park Service diesem Vorgehen hilflos gegenüber,
auch wenn am Höhleneingang ein Ranger steht, der nichts anderes macht,
als den Besuchern ins Gewissen zu reden. Letztendlich kann die Konsequenz
nur sein, dass die Höhlen für die Öffentlichkeit geschlossen
werden. Denn was der Mensch nicht zu schaffen im Stande ist, kann er dennoch
für alle Zeiten zunichte machen.
Eine Digitalkamera mit minderwertigem Blitz richtet in dunklen Höhlen
meist nicht viel aus, deshalb kann ich meine Worte nicht mit spektakulären
Fotos untermauern. Das unten anwählbare Bild soll nur ein Beispiel
für die Mannigfaltigkeit der Gebilde sein. Es darf natürlich
auch geraten werden, welchen Namen dieses Gebilde trägt?!
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13. Januar
2001 - Brantley Lake SP
Manchmal ist man
recht froh über Tage wie diese. Wir stehen mitten im Nirgendwo, im
Brantley
Lake State Park und draußen scheint die Sonne. Es ist kein Wölkchen
am Himmel, aber es geht solch ein unangenehm starker Wind, dass wir es
vorziehen, in unserer "Hütte" zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen.
Aber viel gibt es eh nicht zu sehen. Steine, Kakteen und Himmel. Ich liebe
diese Tage, an denen nicht wirklich etwas passiert, an denen ich in meinem
Buch lese, vielleicht einen meiner tausend Reiseführer studiere oder
an meiner Homepage arbeite. Tage, an denen ich mache, was ich will, meist
nichts von Bedeutung. Tage im Winter, die kurz sind und sich von einer
Mahlzeit zur nächsten hangeln. Tage, die eigentlich nichts hervorbringen
und deshalb auch kaum Erwähnung in einem Tagebuch finden sollten.
Also, ich halt mich dran.
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14.-16. Januar
2001 - White Sands NM
Wer die Filmreihe
Star
Wars kennt, der weiß auch, dass Teile davon in der Wüste
spielen. Diese Szenen wurden im White Sands National Monument gedreht,
wie tausend anderer Wüstenszenen auch. Warum sollten sich die Hollywood-Regiseure
auch in die Sahara begeben, wenn in New Mexico zwar eine
nur um Bruchteile so große, aber dennoch lupenreine Sandwüste
vorzufinden ist. Zwischen den Caballo
Mountains und den Sacramento
Mountains erstreckt sich eine weiße Sandwüste, die so gar
nicht zwischen die Gebirgsketten passt, dass es den Amerikanern durchaus
zuzutrauen gewesen wäre, sie hätten eine künstliche Wüstenlandschaft
als Naherholungsgebiet für gelangweilte Cowboys (und wenn vorhanden,
natürlich auch Indianer) entstehen lassen. Dem ist allerdings nicht
so. Die Wüste "wuchs" von ganz alleine und ist nur eins der vielen
Naturwunder, die es hier im Südwesten der USA zu sehen gibt.
Wir lassen es
uns natürlich nicht nehmen, eine Wanderung in der für uns so
fremden Umgebung zu machen, wobei die Strecke mit 7,5 km keine Höchstleistungen
von uns abverlangen sollte. Doch der Trail läuft tatsächlich
mitten durch die Dünen und das Prinzip "Ein Schritt vor und zwei zurück"
kommt nicht selten zum tragen. Obwohl es außerhalb des Gebietes nicht
sonderlich warm war, brennt die Sonne innerhalb des endlosen Sands erbarmungslos
vom Himmel und lässt uns gleich ins Schwitzen kommen. Es fällt
einem schwer, in dem losen Sand den richtigen Tritt zu finden und uns ist
schon nach wenigen hundert Metern die Anstrengung anzumerken. Erst hatte
es etwas Faszinierendes - der Sand, die sich bewegenden Dünen, die
trockene (fast sandige) Luft, die Stille und der Kontrast, der im Übergang
zwischen dem hellen Sand und dem dunkleren Himmel liegt. Als wir erschöpft
auf einer Düne unsere Wegzehrung zu uns nahmen, prasselten plötzlich,
vom Wind angetrieben, Millionen kleiner Sandkörnchen auf unsere Haut,
die sich wie Nadelstiche anfühlten und der sandige Staub wurde im
Nu in jede Körperöffnung getrieben. Mit einem Mal änderte
sich das Wetter. Es zogen vereinzelt Wolken auf und der Wind wurde immer
heftiger. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich auch meine Stimmung erheblich.
Kam ich mir doch plötzlich so schutzlos vor, dem Wind hilflos ausgeliefert.
Kein Windschatten und nichts, was mich vor dem in jede Ritze eindringenden
Sand hätte abschirmen können. Die Wüste hatte plötzlich
etwas Bedrohliches und ich war froh, als wir wieder am Auto ankamen.
Dort trafen wir
Andrea
und Thomas. Sie kommen ursprünglich aus Österreich, doch
eigentlich sind sie in der ganzen Welt zuhause. Jetzt fahren sie in einem
Camper durch die Staaten, nachdem sie unter anderem drei Jahre auf einem
Boot die Welt erkundet haben. Sie sind so richtig "lässig" (was aus
deren Mund so typisch breit und langgezogen wienerisch klingt, dass es
herrlich ist, ihnen zuzuhören) und wir verbringen einen lustigen und
unterhaltsamen Abend mit Spaghetti und Glühwein bei uns in der Kabine.
Eine willkommene Abwechslung bei den sonst doch manchmal sehr einsamen
Winterabenden.
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18.-19. Januar
2001 - Gila Cliff Dwellings NM
Wir haben den
Rekord aus letzter Nacht gebrochen und konnten -9 °C in der Früh
auf dem Thermometer ablesen. Ich weiß selbst, dass ich von nichts
anderem mehr schreibe, aber man muss doch zugeben, dass -9°C ziemlich
kalt ist, oder?! Nein, wir frieren nicht und bekommen auch keine Frostbeulen.
Trotzdem zwingt die Kälte einen zu besonderen Maßnahmen, die
uns für gewöhnlich eher fremd sind. So haben wir unser Bettzeug
mit den Schlafsäcken kombiniert und liegen jetzt unter einem Wust
von Decken, brauchen aber nicht zu frieren. Schließlich betreiben
wir ja die Heizung nachts nicht volle Pulle und so liegt die Innentemperatur
der Kabine auf schnuckeligen 8 Grad plus. Da macht der nächtliche
Toilettengang besondere Freude. Wir füllen abends schon den Wasserkessel,
da morgens das Wasser in den Leitungen gefroren ist. Wir haben sogar heute
morgen zusätzlich unseren Zweiflammen-Gaskocher in der Kabine auf
vollen Touren laufen lassen, sonst würden wir immer noch darauf warten,
dass die Heizung den Raum auf annehmbare 17 °C aufheizt. Wir gehen
nur in voller Montur aus dem Haus (d.h., mit langen Unterhosen, Unterhemd,
dickem Pulli, Handschuhen, Wollmütze) - was für den Großteil
der Menschheit nichts Besonderes zu sein scheint. Für unseren Lebensraum
in der Größe von 2,5 Quadratmetern, wovon 80% durch Tisch, Bett
und Sitzbank verbaut sind, gehört zum Bekleiden mit derartig vielen
Utensilien ein gewisses Organisationstalent und die Beherrschung eines
ausgeglichenen Ehepartners, wenn man die linke Socke oder die Wollmütze
sucht - und dies alles tut man nicht, bevor das Thermometer mindestens
positiven Ausschlag aufweisen kann. Das war heute nicht vor zwölf
Uhr mittags. Zu diesem Zeitpunkt machten wir uns auf zum Gila Cliff
Dwellings National Monument, einer Höhlensiedlung aus dem Jahre
1270. Teile der Höhlenbauten stammen angeblich sogar aus dem Jahr
Anno 100-400. Doch die Mogollon Indianer waren
nachweislich die letzten Einwohner der zu besichtigenden Steinhäuser
innerhalb des Höhlenkomplexes. So oder ähnlich werden wohl all
unsere Vorfahren gelebt haben, und es ist nicht uninteressant, die kleinen,
engen Behausungen zu besichtigen und die Vorstellung, dass sich hier vor
langer Zeit richtiges Gesellschaftsleben abgespielt hat, mutet keinesfalls
befremdend an. Aber es gibt eine Sache, die mir an diesem Tag besonders
in den Sinn kommt. Bei dieser unheimlichen Kälte sind wir gerade mal
fünf Stunden vor der Tür, von zwölf bis fünf - länger
würde derzeit bedeuten, dass man vor Kälte mindestens eine Zehe
und zwei Finger einbüßen müsste. (Unsere Nachbarn hier
auf dem Campground haben übrigens gezeltet. Das war bestimmt eine
vergnügliche Nacht. Sie sind allerdings heute auch abgereist. Ich
glaube, der junge Mann hatte nur noch drei Finger an einer Hand (Scherz)
Doch auch damals waren die Winter sicherlich manchmal sehr kalt. Und was
taten die Mogollon Indianer bei -9°C? Vielleicht waren sie zu
den wärmsten Stunden auf der Jagd, holten im nahegelegenen Bach etwas
Wasser oder tankten ein bisschen Sonne, bevor es die meiste Zeit des Tages
bitterlich kalt war und es sicherlich nur noch um die Feuerstelle herum
auszuhalten war. Sicher verbrachten sie viel Zeit mit Handarbeit, nähten
sich neue Kleidungsstücke oder erzählten sich die alten Geschichten
von damals. Sie konnten die langen Winterabende nicht mit Fernsehen oder
Kino überbrücken. Sie gingen nicht eben mal rüber zur nächsten
beheizten Kneipe und trafen dort ein paar Freunde. Sie saßen tagein
tagaus in ihren Höhlen und zählten sicherlich die Monde, bis
es wieder wärmer wurde.
Britta und ich
erleben in diesem Jahr den Winter auch auf besonders intensive Art. Wir
schätzen die wenigen Sonnenstunden und treffen unaufhörlich Maßnahmen
zum Schutze vor der Kälte. Wir sitzen viel in unserem kleinen Häuschen
und erzählen Geschichten von damals. Wir machen Handarbeit und schreiben
Tagebuch. Und nicht zuletzt ruhen wir uns aus, bevor der Frühling
wieder unsere ganze Energie erfordert. Jetzt könnte man glauben, wir
langweilten uns oder wir gingen uns auf die Nerven. Aber was taten dann
erst die Mogollon Indianer? Zumindest sind sie nicht wegen der kalten,
langen Winter ausgestorben.
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