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Ein Reisebericht von Britta und Markus Hachenberger
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Teil 1 New York - Shenandoah - Niagara - Algonquin - Forillon
Teil 2
Kouchibouguac - Acadia - Chicago - Memphis - M. Cave
Teil 3
G. Smoky Mts. - Cumberland I. - Disney World - Florida Keys
 Teil 4
 Gulf Island - New Orleans - Big Bend - Carlsbad C. - White Sand
 Teil 5
 Chiricahua - Saguaro - Phoenix - San Diego - Highw. No.1
 Teil 6
 San Francisco - Redwood - Yosemite - Death Vegas - LA
 Teil 7
 Lake Mead - G. Canyon - Monument V. - Arches - Bryce - Zion
Teil 8
G. Teton - Yellowstone - Glacier - Waterton - Banff - Jasper
Teil 9
Edmonton - Elk I. - Riding Mt. - Fort William - Toronto
Teil 10
Epilog

 
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file:///C|/CampAmerika/bilder/sonstiges/FruehstueckBrittus.jpg
Frühstück bei den Hachenbergers


Datum
Ort
Karte
26.-31. Oktober 2000
Great Smoky Mountains NP
Karte North Carolina
03.-04. November 2000
Baker Creek SP
Karte South Carolina
07.-08. November 2000
Okefenokee Swamp
Karte Georgia
10.-12. November 2000
Cumberland Island
Karte Georgia
15.-16. November 2000
Ocala NF / Juniper Springs
Karte Florida
18. November 2000
Leesburg
Karte Florida
20.-22. November 2000
Disney World / Orlando
Karte Florida
24.-30. November 2000
Kissimmee
Karte Florida
01. Dezember 2000
Kissimmee 02
Karte Florida
03.-04. Dezember 2000
Fort de Soto Park
Karte Florida
06.-07. Dezember 2000
Hudson
Karte Florida
11.-14 Dezember 2000
Florida Keys / Long Key SP
Karte Florida

26.-31. Oktober 2000 - Great Smoky Mountains NP

Man könnte fast glauben, hier sei alles schön, nett und überhaupt das ideale Land für durchgeknallte Traveller wie wir. Es stimmt zu 99%. Das eine Prozent allerdings mussten wir heute erleben, nämlich die durchgeknallten Amerikaner. Ich weiß, ich lasse mich nicht immer sehr positiv über diese Nation aus, besonders wenn ich von ihnen als Gruppe rede. Obwohl ich einzelne Individuen oft bis in den Himmel lobe. Man muss das so verstehen: Wenn wir jemanden kennenlernen, so erweist sich die Person meistens als sehr freundlich und überaus hilfsbereit. Es sind oft angenehme Gesprächspartner und sie verfügen meistens über ein ordentliches Maß an gesundem Menschenverstand. Doch wenn man ihr Umfeld betrachtet, den Mist, den sie konsumieren und den Müll, den sie produzieren, dann glaube ich schon, dass der Amerikaner in der Gruppe entweder unter einem "Das-machen-alle-so-also-auch-ich-Syndrom" leidet, oder er kann in der Gruppe seine Persönlichkeit ausschalten und lässt  sich von Herrn Wal (-Mart) und Ronald Mc Donald sagen, was sie zur Zeit ganz toll finden.
Wenn man sich also ohne große Vorbereitung auf den Weg zu dem angeblich bestbesuchten National Park der Vereinigten Staaten aufmacht, der sich durch seinen dichten Wald, die vielen Tiere und seine (fast) unberührte Natur auszeichnet, dann erwartet man alles, nur keinen Kleinstadt-Rummel auf allen Zufahrtsstraßen des Parks. Schon Kilometer vor dem eigentlichen Parkeingang reiht sich eine Attraktion an die nächste. Da gibt es Fahrgeschäfte, Erlebnis-Center, Amusement-Parks, Souvenirläden, natürlich ein Fast-Food-Laden neben dem anderen und die Menschen drängen sich so dicht an dicht durch die Straßen, dass man das Gefühl hat, es gäbe hier alles umsonst. Wir standen im Stau, lange bevor wir in den Park fuhren, nur weil vorher ein riesiger Rummel an den Straßenrändern stattfand, der absolut keinen Bezug zu dem National Park hat. Man muss sich das so vorstellen. Papi sagt zu seinen Kinder: "Heute zeige ich Euch ein Stück unberührte Landschaft, die Tiere, die darin im Einklang mit der Natur leben... bla, bla, bla. Und davor werfen wir uns ein paar Hamburger ein, kaufen im Souvenirshop noch ein paar Plastikbären, fahren einmal mit der Achterbahn, holen uns Zuckerwatte und füttern dann wahrscheinlich damit die echten Bären in freier Natur." Anfangs dachte ich noch, die Amerikaner wissen, was sie da haben und betrachten die Nationalparks als einen Ort der Stille, der Regeneration und des Friedens (so doof es auch klingt). Doch hier im Great Smoky Mountains National Park habe ich einfach nur das Gefühl, dass der Park zur Nebensache wird, oder besser gesagt zur Alibi-Natur-Begegnungsstätte, denn ich glaube, ein nicht unwesentlicher Teil der Besucher schafft es nicht über den Rummel vor der Parkgrenzen hinaus. Nachdem wir den Eingang des Parks überquert hatten, wurde es merklich ruhiger auf der Straße. Schade, denn diese Smoky Mountains zeichnen sich durch ein einmaliges Naturphänomen aus. Naja, vielleicht sind wir noch ein paar Tage da, dann kann ich das alles noch erzählen.

Die Great Smoky Mountains...

... sind nicht nur der bestbesuchteste Nationalpark in den USA, und das mit insgesamt 10 Millionen Menschen pro Jahr (das wäre, als würden ein Achtel der Bevölkerung Deutschlands sich für einen Urlaub im Schwarzwald entscheiden) sondern die "Smokies", wie sie auch liebevoll von ihren Besuchern genannt werden, bekamen ihren Namen von der aufsteigenden Feuchtigkeit und dem Kohlenwasserstoff, den das dichte Blätterwerk des Waldes verursacht. Darunter auch Abermillionen Rhododendren, deren atmende Blätter einen leichten Dunstschleier über dem Wald bewirken. Und das hat natürlich atemberaubende Panoramablicke zur Folge. Wir haben die Massen am zweiten Tag unseres Aufenthalts im Park abgeschüttelt. Dazu genügte es, einfach einen Campingplatz am Südende des Parks zu wählen (Smokemont Campground), dort, wo sich kein Vergnügungs-Halli-Galli am Eingang des Parks befindet. Aber so sind sie nun mal die Amis. Dafür schien nun alles super zu werden. Die Ranger an der Campingplatzregistrierung waren freundlich und lustig. Der Platz, den wir uns aussuchten, war ein Traum, direkt an einem Bach gelegen. Hier wollten wir erst mal bleiben. Am selben Abend noch nahmen wir an einer Dia-Show einer Rangerin teil. Solche Veranstaltungen werden in National Parks immer wieder angeboten und sollen vor allem den ahnungslosen Amerikaner aufklären. Ich hätte nicht gedacht, wie umfangreich die Rangerarbeit sein kann und wie vielfältig. Aber was mich am meisten beeindruckt hat, ist eine sehr traurige Geschichte. Nur weil um 1900 in New York Central Park jemand einen Baum gepflanzt hat (was eigentlich sehr löblich ist), musste hier in den Smokies die American Chestnut, eine Kastanienbaumart mit einem Umfang bis zu 7 Metern, aussterben. Das hatte wiederum zur Folge, dass Tiere, die sich fast ausschließlich von dem Baum ernährt haben, ebenfalls ausgestorben sind. Der Baum im Central Park war eine Asiatische Kastanie und brachte Mehltau mit ins Land, gegen den der Baum selbst resistent war. Irgendwie gelangte eben genau dieser Mehltau in die Smokies und tötete dort den gesamten Kastanienbestand. Die American Chestnut kannte keinen Abwehrstoff gegen den winzigen Mehltau. Das ganze Ökosystem wurde damit gestört, nur weil man einen Baum tausende Meilen von seinem Heimatland entfernt pflanzte, der eigentlich nicht auf den Kontinent gehört hätte. Das ist natürlich tragisch und kann man letztendlich keinem zum Vorwurf machen. Trotzdem hat es mich über mein Verhalten in der Natur zumindest nachdenken lassen. Dieser Mehltau ist der berüchtigte Schmetterlingsschlag, der auf der anderen Seite der Erde einen Wirbelsturm zur Folge haben kann. Wir können uns noch so bemühen, die Umwelt nicht zu beeinflussen, doch alleine unsere Gegenwart hat verhängnisvolle Auswirkungen auf den gesamten Globus. Und ich armer kleiner Wurm steh hier und denk darüber nach, ob ich den Apfelkrotzen nun in den Wald werfen soll oder nicht und muss immer wieder an den Mehltau denken. Ich kann den Lauf der Dinge zwar nicht aufhalten, aber ich kann versuchen, nicht der Auslöser für ein ökologisches Desaster zu sein und nehme meinen Apfelkrotzen wieder mit nach Hause.

Wir waren auf zwei Wandertouren hier in den Smokies und an einem Tag stellten wir uns sogar den Wecker, um früh auf dem Clingmans Dome zu sein, dem höchsten Berg in den Smokies. Von dort oben konnten wir auch ein Stück auf dem Appalachian Trail laufen, der von Maine bis Georgia entlang der Appalachian Mountains verläuft und insgesamt 2155 Meilen lang ist. Wir liefen gerade mal 11 Meilen davon, doch es ist ein gutes Gefühl, diesen Pfad zu wandern. Wenn ich mir vorstelle, dass es Menschen gibt, die diesen Pfad schon an einem Stück marschiert sind, dann stockt mir der Atem. Was für ein Gefühl muss das sein, nach solch einer Strecke, nach zahllosen Orten, Kreuzungen, Panoramablicken, Begegnungen, schweren wie leichten Stunden, nach solch einem Erlebnis an einem Punkt anzukommen, der das Ende des Weges verheißt? Was für ein Ziel ist das? Hat das in dieser Welt überhaupt eine Bedeutung? Heute, wo ich den Weg selbst gehe und mir einbilde, ich könnte die Erschütterung der vielen Fußtritte spüren, die sich auf dem Pfad bewegen, heute erscheint mir solch ein Ziel sinnvoller als Geld anzusparen, Karriere zu machen oder sogar berühmt zu sein (wobei man bei der Bewältigung des Appalachian Trails schon ein bisschen berühmt ist). Warum das so ist, weiß ich selbst nicht genau. Vielleicht liegt es daran, dass man dann wirklich das Gefühl hat, etwas Besonderes geleistet zu haben. Hier muss ich auf ein sehr unterhaltsames Buch von Bill Bryson hinweisen: Picknick mit Bären, erschienen im Goldmann-Verlag. ISBN 3-442-44395-4.
Dort oben saßen wir auf einem Baumstumpf und machten gerade Rast, als uns Beiden die unglaubliche Stille auffiel. Es war alles ganz normal, nur dass man nicht das leiseste Geräusch hörte. Wenn nicht gerade ein leichter Wind durch die Blätter rauschte oder eine Fliege vorbeisurrte, war absolut nichts zu hören. Das war ganz komisch und machte uns bewusst, dass man das nur ganz selten erlebt. Auch Ohrstopfen sind da etwas Anderes. Die beeinflussen die Wahrnehmung. Doch wenn man im wahrsten Sinne des Wortes alle Sinne beieinander hat und trotzdem nichts hört, dann kommt das einer Sinnestäuschung gleich.
Die Smokies sind schon ein tolles Gebirge. Wenn man den tausenden Menschen, die sich auf der Newfound Gap Road durch den Park schlängeln, aus dem Weg geht - und das macht man am besten, indem man die Straße verlässt und wandert - dann ist der Great Smoky Mountains National Park wirklich ein sehenswerter Ort.

bilder/greatsmokymountains/ClingmansDomeMorgensNebelimTal02.jpg
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Zum Reiseverlauf 26. Oktober 2000
26. Oktober 2000
Karte North Carolina
Karte North Carolina
Fotoalbum North Carolina
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03.-04. November 2000 - Baker Creek SP

South Carolina. Das Land ist hügelig und spärlich bewaldet, aber die Bäume sind von hohem Wuchs. Eingezäunte Weiden säumen den Straßenrand, nur von den Holzhäusern der Ranger unterbrochen. Es ähnelt ein bisschen der Atlantikküste in Süd-Frankreich. Die Städte, durch die wir fahren, scheinen nicht ganz so charakterlos zu sein. Es gibt sogar Bürgersteige. Das erste Mal verspüre ich einen Hauch vom Süden.
Wir sitzen auf unseren Campingstühlen am Little River oder auch Baker Creek, wie hier der künstlich gestaute Savannah River genannt wird, und genießen in Badehose und Bikini die Novembersonne. Bei 27°C lässt es sich gut aushalten, nicht zu warm und trotzdem heiß genug, um das Gefühl von Strandurlaub aufkommen zu lassen. Die schönen, aber kurzen Tage sind pure Erholung. Der See ist wie die Straßen, gefüllt mit potenzstrotzenden männlichen Amerikanern, die ihre bis zu 300 PS starken Boote über den See jagen. Die Boote sind eigentlich Fischerboote. Das sieht man an den beiden Hochsitzen, die ein Auswerfen der Angel erleichtern. Doch mir kommt es so vor, dass Fischen nur das Mittel zum Zweck ist, nämlich mit 75 km/h über die Wasseroberfläche zu schießen. Ich habe übrigens bis heute noch keinen Angler gesehen, der einen Fisch aus dem Wasser geholt hat und ich saß schon oft und lange an einem See und habe die Angler beobachtet. Die Sonne taucht so langsam im Abenddunst unter und kratzt fast schon die Baumwipfel auf der gegenüberliegenden Uferseite. Es ist immer noch angenehm warm und wenn nicht gerade ein Boot vorbeirauscht, ist es relativ ruhig. Man hört zwar den Highway auf der gegenüberliegenden Seite, doch man hört auch die Vögel zwitschern. Ein interessanter Kontrast. Und manchmal springt ein Fisch aus dem Wasser heraus und klatscht mit einem lauten "Platsch" auf die Wasseroberfläche. Meistens sieht man allerdings nur noch die Wasserzirkel, die sich langsam auf der glatten Oberfläche des Sees verlieren. Ernie, wie wir den Erpel getauft haben, der hier seine Runden dreht, kommt von Zeit zu Zeit mal vorbei und hofft, ein Stück von unserer Mahlzeit abzubekommen. Er kommt bis 50 cm an uns heran und zeigt keinerlei Scheu. Das beweist, dass er an Menschen gewöhnt ist und sich scheinbar schon früher durch Schnorren eine ganz beträchtliche Körperfülle angeeignet hat. Das wäre ein idealer Thanksgiving-Braten!
Gerade war Daven bei uns. Ein älterer Herr in Latzhosen. Er sprach uns an und das war einer dieser Momente, auf die wir schon gewartet haben. Wir verstanden kein Wort von seinem Slang und auch nachdem er bemerkte, dass wir im reinsten Englisch antworteten, änderte sich sein breiter Dialekt nur unwesentlich. Es hielt ihn auch nicht davon ab, uns ein wenig zu unterhalten. Ich muss allerdings zugeben, dass ich nur gelegentlich ein Wort aufschnappen konnte, das mir bekannt vorkam. Unser Gespräch führte dennoch zum Austausch unserer e-Mail Adressen und er beteuerte, er würde uns kontaktieren. Das war wieder mal ein klassisches Beispiel für den freundlichen Plausch auf einem Campingplatz. Man macht sich kurz bekannt, spricht über dies und das (meistens über unseren "niedlichen" Camper) und kehrt sich mit den besten Wünschen für die weitere Reise den Rücken zu. Sehr wahrscheinlich werden wir Daven nie wieder treffen und wahrscheinlich werden wir auch keine Brieffreunde (wer weiß). Aber diese leichte, unbeschwerte Art miteinander zu kommunizieren, ein paar unwichtige und oberflächliche Gedanken auszutauschen, das wird die Welt sicher nicht vor dem Untergang bewahren, aber es macht die Sache wesentlich angenehmer. Vielleicht sollte ich meine Meinung über den Durchschnittsamerikaner doch noch mal überdenken - vielleicht sogar in einer eigenen Story.

Der Amerikaner - Wesen vom anderen Stern
s,.dcm

bilder/carolinageorgia/BakerCreekSPCG03.jpg
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Zum Reiseverlauf 02. November 2000
02. November 2000
Karte South Carolina
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07.-08. November 2000 - Okefenokee Swamp

Mein liebes Tagebuch: Bislang dachte ich, wir würden von der schweren See mit all ihren hohen Wellen und den überaus tiefen Tälern verschont bleiben, doch gerade in diesen Tagen durchfuhren wir eines der tiefsten Wellentäler des Beziehungsmeeres und es traf uns hart und unerwartet. Nicht, dass ich damit gerechnet hätte, wir blieben davon verschont, doch mir war nicht bewusst, wie schwierig sich die Abreaktion und der Wutausbruch gestalten, wenn man nur seinen Partner als Ansprechpartner hat, und gerade der ist ja der Auslöser der Misere, oder zumindest glaubt man, er wäre es. Die Tür zuknallen, ein Bier trinken gehen, einen Freund anrufen und ihm sein Leid klagen, oder einfach nur bei einem Freund Ablenkung suchen, bis man feststellt, es war alles gar nicht so schlimm. Das alles geht hier in der "Wildnis" nicht, obwohl es genau das ist, was man manchmal dringend bräuchte. Ich gehöre auch nicht zu den Menschen, die von sich glaubten, sie wären Einsiedler und bräuchten niemanden um sich herum. Aber wie wichtig der soziale Kontakt zu anderen ist, erfuhr ich erst, als ich nicht die Möglichkeit hatte, davon Gebrauch zu machen. Meiner Frau erging es sicherlich nicht anders, aber schließlich schreibe ich das Tagebuch, also darf ich auch ein bisschen rumjammern. Britta und ich verstehen uns super, auch wenn wir uns manche Abende nicht viel zu sagen haben. Dafür (meistens nach ein paar Bier oder einer Flasche Wein) quatschen wir uns manchmal die Ohren voll, ohne dass wir das Gefühl haben, wir unterhielten uns immer über das Gleiche. Man muss sich das mal vorstellen: Wir verbringen täglich 24 Stunden miteinander, da kommt es schon mal vor, dass man aneinander gerät. Meistens handelt es sich um Lappalien, die schnell wieder vergessen sind. Doch wenn es mal so richtig knallt, dann fehlt uns der Bruder, die Schwester, die Eltern, der Freund, die Freundin, der Kollege, die Kollegin oder irgendjemand, mit dem man einfach nur erzählen kann, ohne dass man irgendwelche Gesellschaftsregeln einhalten muss. Klar, ich kann auch zu unserem Campingnachbarn gehen, doch erstens ist er mit großer Wahrscheinlichkeit Amerikaner, der auch von seinem besten Freund nichts Unangenehmes hören möchte (böse, böse), und zweitens ist er kein Vertrauter, was bedeutet, ich muss von vorne anfangen und das kostet viel Zeit und Geduld. Nein, es muss jemand sein, mit dem man plaudern kann, einfach so, und es muss noch nicht mal über ein akutes Problem sein. Das ist das, was uns fehlt. Ich kann mich an die vielen Abende zu Hause erinnern, an denen man niemanden sehen wollte, einfach abspannen wollte, nichts mehr sagen wollte. Die Kontakte, die man hat, müssen gepflegt werden. Nicht oft, aber man sollte die Seinen manchmal daran erinnern, dass man auch mal unverhoffter Dinge vor der Tür stehen könnte. Heute würden wir gerne alle unsere Freunde, Bekannten, Verwandten und Kollegen einladen zu uns ans Lagerfeuer, mit Ihnen quatschen und dummes Zeug erzählen, ein paar Bier kippen, ein paar Steaks grillen und uns freuen, dass sie da sind. Leider sind wir auch heute wieder alleine. Wir schaffen das schon, genauso wie wir uns auch ohne fremde Hilfe wieder zusammengerauft haben, und glaubt mir, darin liegt auch ein ganz besonderer Reiz, von dem ich vielleicht ein andermal erzähle. Aber all ihr Zuhause, die ihr Euch angesprochen fühlt, fühlt Euch gegrüßt und seid Euch gewiss, dass wir uns sehr auf Euch freuen.

Der Okefenokee Swump ist ein Naturschutzgebiet der Vereinigten Staaten, das kaum Erwähnung in den Reiseführern findet. Vielleicht ist es zu weit ab von den üblichen Touristenrouten. Aber es ist ein sehr lohnenswerter Besuch, den wir nicht so schnell vergessen werden. Die Landschaft ist absolut einmalig und selbst die Everglades sind mit dem Okefenokee Sumpf nicht zu vergleichen. Eine sinnvolle Besichtigung dieser märchenhaften Landschaft ist nur per Motorboot oder Kanu möglich, wobei letzteres wohl das größere Erlebnis ist. Dann geht es durch wilde ungestörte Natur, die so manche Überraschung parat hat. Mehr erfährt man auch in dieser Story.

Eine Kanufahrt durch den Okefenokee Sumpf

Doch wieder einmal erweist sich der Campingplatz selbst als Urlaubsparadies erster Klasse. Steve und Jo Knights Pastimes Campground am Osteingang des Parks ist nämlich eine ganz besondere Anlaufstelle. Der Platz ist nicht nur nächstgelegen, sondern auch ein geeigneter Ort, um unter einem Blätterdach und in fast tropischer Atmosphäre auszuspannen und sich von den Strapazen der Kanutour zu erholen. Hey Steve, we hope you like our comments to your campground?! And don't forget - practise your german. Und nicht zuletzt sind die Campingplatzbetreiber wieder mal ein gutes Beispiel für die allgegenwärtige Freundlichkeit der Amerikaner. Steve und Jo zeichnen sich zudem noch dadurch aus, dass sie ganz normal freundliche Amerikaner sind.

bilder/carolinageorgia/OkefenokeeCanoeZur04.jpg
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Zum Reiseverlauf 05.-06. November 2000
05.-06. November 2000
Karte Georgia
Karte Georgia
Fotoalbum Georgia
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10.-12. November 2000 - Cumberland Island NS

Vielleicht sind es 100 Leute, darunter mindestens 30 Kinder, die sich am Visitor Center des Cumberland Island National Seashore eingefunden haben. Geduldig warten sie alle auf die Abfahrt der Fähre, die die einzige Verbindung zwischen Festland und Insel ist. Darüber wird auch die Besucherzahl kontrolliert, denn es werden nur wenige Besucher täglich zugelassen, obwohl die Insel ganz beträchtliche Ausmaße hat. Die Fahrt dauert 45 Minuten und der kühle Fahrtwind lässt einen schön frösteln, obwohl den Himmel kein Wölkchen trübt. Durch die mit Gras bewachsenen kleineren Inseln vor der Küste Georgias schlängelt sich das Boot und hinterlässt relativ kleine Wellen. Plötzlich fliegen zwei Pelikane zehn Meter am Deck vorbei und wir werden uns wieder einmal bewusst, dass wir uns doch schon recht weit südlich befinden. Das Dock an der ersten Station der Insel verheißt schon exotische Atmosphäre. Ein weißer Pavillon steht am Ende des Stegs und dahinter wachsen hohe Palmen, die sich leicht im Wind wiegen. Cumberland Island, eine Oase im Atlantik. Die hier wachsenden Eichen - eine Hartholzart, die schon in früheren Zeiten für den Schiffsbau verwandt wurde - prägen das Inselbild. Sie wachsen in schlangenförmigen Gebilden gen Himmel und skurrile Astwindungen geben dem Wald eher das Aussehen eines Jungles. Auch hier hängt wie Lametta ein Kraut an den Ästen, das einen tristen Eindruck erweckt und den Wald irgendwie in eine traurige Stimmung versetzt. Das Palmetto, das mit großen grünen Blättern den ganzen Waldboden für sich beansprucht, verstärkt nur das Gefühl, man befände sich in einer subtropischen Region. Mitten im Wald stehen plötzlich ein dutzend Pferde. Sie leben hier auf sich alleine gestellt. Niemand füttert sie und sie werden auch nicht anderweitig versorgt. Es sind die "Wildpferde" von Cumberland Island , die früher einmal von den Inselbewohnern auf die Insel gebracht wurden. Die Bewohner sind schon lange nicht mehr da; Die Pferde hingegen ziehen immer noch ihre Runden und haben ihr eigenes kleines Paradies zurück erobert. An der Ostseite des Waldes erscheinen plötzlich weiße Berge, Dünen aus feinem weißen Sand. Das Durchqueren ist erschwerlich, aber dahinter erscheint der große Atlantik, nur getrennt durch einen ewig langen und etwa 150 Meter breiten Strand. Die Sonne steht am Himmel, vor der Küste durchkämmen Fischerboote das Wasser und weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Wir haben mindestens fünf Kilometer Strand für uns alleine und das wissen wir natürlich zu nutzen. Das Wasser ist sauber und hat für uns Nordeuropäer genau die richtige Temperatur. Die Tatsache, dass sich auch Haie im Wasser aufhalten können, kann uns nicht vom Badespass abhalten. Es ist einfach paradiesisch und hat was von "Blaue Lagune". Wir verbringen einen halben Tag am Strand und genießen in vollen Zügen die auf der Haut brennende Sonne. Wir beobachten die Fischerboote, denen Delphine voran schwimmen, oder die Pelikane, die im Sturzflug in die Wasseroberfläche eintauchen, um so ihre Beute zu überraschen. Am Strand tummeln sich Möwen und andere Vögel, in den kleineren Pfützen findet man Krebse und kleine Fische. Wir sammeln Muscheln und Krebspanzer, wovon einige bedenklich groß sind - den lebenden Exemplaren möchten wir nicht im Wasser begegnen. Dieses Stranderlebnis kam absolut unverhofft und war vielleicht auch genau deshalb ein ganz besonderes Erlebnis.
In früheren Zeiten teilten sich einige wenige Reiche die Insel, um ihre Sommervillen darauf zu errichten. Am südlichen Ende von Cumberland Island steht noch heute die Ruine Dungeness, ein recht beachtliches 40-Zimmer Haus, deren Besitzer nur relativ kurze Zeit ihre Gäste dort empfingen. Das Haus ist verfallen, das Grundstück haben längst die Pferde in Beschlag genommen. Daran sieht man, wie vergänglich doch alles ist und hauptsächlich jenes, was der Mensch errichten ließ. Selbst das schönste Haus ist irgendwann einmal nur noch Schutt und Asche, während die Pferde in den Vorgarten scheißen und der Strauch sich langsam aber stetig über die Veranda ausbreitet. In hundert Jahren kann man nur noch erahnen, dass hier einmal Menschen gewohnt haben, während die Pferde munter scheißen und der Strauch zum stattlichen Baum herangewachsen ist.

bilder/carolinageorgia/CumberlandBeachBrittus.jpg
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Zum Tagebuch 09. November 2000
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15.-16. November 2000 - Ocala NF, Juniper Springs

Voller Erwartung waren wir, als wir den fast schon paradiesischen Campground befuhren. Der Platz hier ist wie eine Oase und wenn ich mir bislang beim Lesen exotischer  Geschichten eine Oase vorgestellt habe, so schaute sie in etwa wie die Recreation Area der Juniper Springs aus. Großzügige Plätze mit Feuerstelle und extra Grill. Der obligatorische Tisch und ein 2 Meter hoher Holzpfahl mit Vorrichtung zum Aufhängen einer Öllampe. Rundherum  das allgegenwärtige Palmetto und die Palmen, deren Anzahl seit der Überquerung der Staatsgrenze nach Florida erheblich zugenommen hat. Ganz Florida , im besonderen der Ocala National Park, können mit einer ganzen Menge Quellen aufwarten. Irrtümlicherweise dachten wir, es müssten heiße Quellen sein, doch weit gefehlt. Das Wasser, das hier aus dem Erdboden heraus kommt, ist zwar mit seinen ganzjährigen 20°C nicht gerade kalt, aber heiß ist es auch nicht. Trotzdem ist es eine willkommene Abwechslung, in dem klaren Wasser dieser Quelle ein Bad zu nehmen. Wir sind zwar die Einzigen, die es bei den "frostigen" Temperaturen (20°C im Schatten) wagen, ins kühle Nass zu gehen, doch so haben wir den ca. 100 Meter weit entfernten Ursprung des Juniper Creek  für uns alleine. Aber die absolute Krönung unseres Aufenthalts bei den Juniper Springs war die fünfstündige Kanutour auf dem Juniper Creek . Man lässt das Kanu kurz hinter dem Ursprung ins Wasser und das klare, durchsichtige Nass, der feine weiße Sand am Grund und die dichte Vegetation geben einem das Gefühl, im Dschungel unterwegs zu sein. Die Tierwelt tut ihresgleichen dazu. Wir sehen Otter (worauf ich besonders stolz bin), Wasserschildkröten, Alligatoren, Weißwedelhirsche (die 5 Meter vor unserem Kanu den Wasserlauf überqueren, ohne sich von uns gestört zu fühlen), verschiedene Wasservögel und Hunderte von Eichhörnchen. Die Fahrt ist nicht ganz einfach gewesen. An einer Stelle mussten wir sogar das Kanu über einen im Bach liegenden Baumstamm heben. Das war ein mittelschwerer Balanceakt und hätte beinahe mein unfreiwilliges Baden bedeutet (in einem Gewässer, in dem sich überall Alligatoren aufhalten können, nicht ganz ungefährlich). Auch die Strömung ist nicht zu unterschätzen. Nach 7 Meilen unberührter Natur gelangt man an eine Anlegestelle, von der ein Shuttlebus alle halbe Stunde zurück zum Campground fährt. An landschaftlicher Abwechslung und  Naturerlebnis ist diese Kanutour wohl kaum noch zu überbieten. Manchmal war es so still, dass Britta und ich nur im Flüsterton miteinander redeten, um diese Stille nicht zu zerreißen. Diese Tour ist ein absolutes Muss, wenn man sich auch nur in der Nähe von Juniper Springs aufhält.
           Auf dem Campground erlebten wir auch die Invasion der Waschbären. Nichtsahnend bereiteten wir in der Abenddämmerung unser Grillfleisch und einen Salat vor. Als es schon dunkel war und wir unter unserer Öllampe das Abendmahl  (kleiner Gag am Rande) zu uns nahmen, hörte Britta ein seltsames  Knurren von der Seite. Die Taschenlampe brachte zwei Racoons (Waschbären)  zum Vorschein, die sich nur noch in einem Meter Abstand zu unserem Tisch befanden. Waschbären sind normaler weise nicht so menschenfreundlich und im Grunde ihres Wesens wild. Nur das Füttern dieser Tiere bringt solch ein Verhalten hervor und kann für den Menschen nicht ganz ungefährlich sein. Ein aggressiver Waschbär, der seine gewohnte Fütterung einfordert, kann blutige Biss- und Kratzwunden hinterlassen. Geschieht das, wird das Tier (und vielleicht sogar seine ganze Familie) abgeschossen oder vergiftet, nur weil es so goldig aussieht, wenn man dem Waschbären ein Stück Apfel hinhält und er es dann in Bärenmanier verputzt. Hier in Amerika geht ein Wahlspruch durch die Reihen, den man immer wieder lesen kann: (Übersetzt) "Ein gefüttertes Tier ist ein totes Tier!" Wir hatten alle Hände voll damit zu tun, die kleinen Vierbeiner von unserem Tisch fern zu halten und nur die Kabine schien der letzte Zufluchtsort zu sein. Wir überließen ihnen zwar das Feld, aber kein Krümelchen zum Fressen. Als sie das einsehen mussten, ließen sie uns auch in Ruhe.

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13.-14. November 2000
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18. November 2000 - Leesburg

Es gibt sicherlich tausend Orte, an denen man nicht gewesen sein muss. Leesburg   gehört mit Sicherheit dazu. Es ist direktes Einzugsgebiet von Orlando  und an den Straßenrändern häufen sich unzählige Geschäftstempel.  Man hat das Gefühl, dass Konsum das Einzige ist, was diese Gesellschaft am Leben hält. Man kann hier in hunderten RV-Centern (RV=Recreation Vehicle=Erholungsfahrzeug) ein Vermögen für überdimensionale Wohnmobile ausgeben, die eine einzelne Person kaum noch im Stande ist, zu bewegen, geschweige denn darin alle Räume zu benutzen (unter dem Motto: "Liebling, haben wir eigentlich den Raum hinter der vierten Achse unseres Campers vermietet oder lebt dort Oma?"). Ein Einkaufszentrum jagt das nächste. Hier kann man 24 Stunden am Tag einkaufen gehen, ohne auch nur ein Stück von echtem Nutzen gekauft zu haben. Wal-Mart-Supercenter ist die Krönung allen Einkaufens. Allein der Parkplatz bedarf einer eigenen Straßenkarte und mindestens 100.000 Beschäftigte bemühen sich um den potentiellen Kunden. Schon am Eingang bekommt man einen Einkaufswagen von einem freundlich lächelnden Rentner überreicht, mit den besten Wünschen für einen gelungenen Einkaufsnachmittag. Sicherlich lebt er von den paar Kröten, die er hier verdient und stockt damit seine bescheidene Rente auf und hasst es, die Kunden anzulächeln. Doch hier ist Wal-Mart der Boss und der Kunde der König. Überall sieht man glücklich lächelnde Angestellte, die nichts wollen, außer dass der Kunde zufrieden ist. Und es sind hunderte. Wenn eine Kassiererin nichts zu kassieren hat, steht sie auf und stellt sich vor ihre Kassenstraße. Sobald ein umherirrender Kunde mit vollgeladenem Einkaufswagen in ihre Nähe kommt, fragt sie freundlichst, ob man seine Einkäufe getätigt hätte und ob man bereit wäre, es an ihrer Kasse zu bezahlen. Erst wollten wir den Versuch starten, sie zu bitten, sie solle uns den Wagen einfach an der Kasse vorbei fahren und uns gefälligst den Kram noch ins Auto laden, doch das schien uns dann doch zu mutig. Man bekommt sein teuer bezahltes Zeug zwar eingepackt (in Hunderten von Miniatur-Plastiktüten, die uns im Camper als Mülltüten dienen und so noch einer besseren Bestimmung zugeführt werden), doch nur in wenigen Geschäften bekommt man seinen Kram auch zum Auto transportiert und eingeladen. Das nennt sich in diesem Land "Service" und soll die Entscheidung für eine bestimmte Einkaufskette leichter machen. Man kauft eh nie das ein, was man wirklich braucht und hat danach meistens einen Haufen Kram, den man gar nicht wollte. Also kann man auch dorthin einkaufen gehen, wo man das Zeug ins Auto geladen bekommt. Wir geben zumindest in einer Stadt wie Leesburg immer Hunderte von Dollars aus, ohne was gekauft zu haben. Darin liegt wohl auch der Sinn dieser nichtsagenden Zentren am Rand einer Metropole wie Orlando. "Hast Du was von Leesburg in Erinnerung behalten? Nein, aber es hat uns 250 Dollar gekostet."

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17. November 2000
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20.-22. November 2000 - Disney World Orlando

Wir sind in der Regel unter uns und meistens verbringen wir unsere Zeit an Orten, an denen nicht viele Menschen zusammen kommen. Die meiste Zeit genießen wir die Ruhe und die Einsamkeit. Manchmal hängt uns aber gerade das zum Hals raus. Einsamkeit ist nichts Schönes. Wir sehnen uns eh schon nach unseren Eltern und unseren Freunden, da erscheint die Menschenschlange an der Supermarktkasse als willkommene Abwechslung ("Oh, haben sie auch die super saugfähigen Einwegbinden der Firma Trustme gekauft?"). Auch die schönen Campingplätze, die atemberaubende Natur und die Lagerfeuer werden mit der Zeit langweilig. Nach einer gewissen Zeit ist es nicht mehr aufregend, in einem fremden Land an einem fremden Ort ein Feuer zu entfachen und sich des Seins zu freuen. Das, was man sich zu Hause manchmal so sehnlichst wünscht, ist hier zum Alltag geworden und wir sehnen uns nach dem, was wir sonst so jeden Tag hatten. Auch die Arbeit fehlt uns. Ich kann es auch fast nicht glauben, aber uns fehlt die tägliche Aufgabe. Hier brauchen wir uns außer um Essen, Trinken und Schlafen um kaum etwas anderes zu kümmern. Da fehlt einem manchmal schon eine Herausforderung. Florida   ist zudem so flach und zugebaut wie die spanische Mittelmeerküste. Berge, die man erklettern könnte, sind selten und Wanderwege gibt es so gut wie nicht (Ocala National Forest und Everglades ausgenommen). Diese Erkenntnis ist auf nüchternen Magen schwer verdaulich. Da glaubt man, man hat das große Los gezogen und zieht durch die große, weite Welt, um nichts anderes als Müßiggang zu betreiben, und dann wünscht man sich nichts sehnlichster als ein geordnetes Berufsleben. Ein bisschen habe ich ja damit gerechnet. Man wünscht sich immer das, was man gerade nicht hat und tut sich schwer mit seiner jetzigen Situation. Auch wenn wir den Verzicht auf Arbeit, Familie und Geselligkeit letztendlich auch als Herausforderung sahen, dachten wir, dass ein Kurzzeitbesuch in Disney World nicht schaden kann. Endlich mal Menschen um uns herum, ein Hotelzimmer mit eingebauter Dusche (vielleicht sogar Badewanne), vergnügliche Stunden in Disney World mit Karussellfahrten und beschwingender Disneymusik, Frühstück im Restaurant, und, und, und. Ja, es sollte eine Auszeit aus der Auszeit werden.

Disney World

Die Mafia ist eine Sozialeinrichtung gegenüber dem Disney-Konzern. Bei ihr weiß man zumindest, dass man um sein Geld betrogen wird und erhält im Gegensatz zu Disney dafür meist noch eine gewisse Leistung  (z.B. Schutz vor Räubern und anderen Erpressern). Disney ist es gelungen, seinen Kunden weis zu machen, sie haben sich frei entschieden, den ganzen Disneymüll zu konsumieren. Dabei ist die Abzockidee des längst verstorbenen Erfinders, Walt Disney (Gott hab ihn selig und verschone ihn, dort wo er ist, mit dem was er hier auf Erden anderen zugemutet hat), schon zur professionellsten Betrügermaschinerie gereift. Im Vordergrund stehen natürlich die vielen Charaktere, angefangen von Mickey   über Pluto und Donald zu vielen anderen Figuren, die ich überhaupt noch nie gesehen habe. Sie kommen in unzähligen Filmen vor und beglücken zuweilen auch mal ein erwachsenes Herz. In der Regel zielen die Filme aber auf kleine Kinder ab, die dann unerlässlich - haben sie denn einmal von Disney World gehört, und das spricht  sich in dieser Medienwelt recht schnell herum - ihre Eltern mit Bittgesuchen bombardieren, um endlich mal nach Disney World zu kommen. Wir haben  tausende entnervter Elternteile gesehen, die im Tumult hunderttausender Besucher ihre Kleinen in Kinderwagen durch die Mengen schoben, immer mit der Angst, man könnte den Balg an dem nächsten, in Kinderhöhe angebrachten Souvenirregal aus den Augen verlieren. Diese Disney-Tage waren für uns schon anstrengend, für Eltern muss es eine harte Probe sein, die alle Geduld und ein stabiles Nervenkostüm abverlangt. Hier fängt der Betrug schon an, denn der zahlungsfähige Erwachsene hat selbst kaum ein Bestimmungsrecht, ob er Disney World nun besuchen will oder nicht. Die Kinder beeinflussen die elterlichen Entscheidungen und deshalb vermarkten sich Zeichentrickfiguren so unglaublich gut. Doch auch wir, die wir nicht von unseren Kindern gezwungen wurden, an diesem Spektakel teilzunehmen, erfuhren, dass Werbung sich nur selten mit dem beworbenem Produkt deckt. So wird in hunderten Werbebroschüren, Radiotrailern und Fernsehspots für ein einmaliges Freizeiterlebnis geworben, was bunt und vergnüglich daherkommt, um uns vom Alltagsstress zu erlösen und genau das Gegenteil passiert. Aber dazu später. Das Courtyard Marriot Hotel, welches wir aufgrund eines noch akzeptablen Preis-Leistung-Verhältnisses auserkoren hatten (69 $), erwies sich hierbei noch als angenehmes Kurzzeitzuhause, welches ohne großen Pomp und wenig Disney-Kram eine recht ordentliche Leistung bietet und über angenehme Zimmer verfügt. In unmittelbarer Nähe zu den Hotels befindet sich das sogenannte Disney-Downtown , eine Fußgängerzone mit hunderten Disneyshops, Fresslokalen und diversen Theaterpalästen, in denen Vorführungen stattfinden, die alle Eintritt kosten und deren Besuch ein unvergessliches Erlebnis verheißen. Eine künstliche Vergnügungsinsel mit dem verführerischen Namen Pleasure Island kostet zum Beispiel 20$ pro Nacht/pro Person (was zum derzeitigen Kurs 46,40 DM waren) und bietet nichts weiter als das zweifelhafte Vergnügen, in einen oder mehrere Tanztempel zu marschieren, um dort weiter Dollars für Essen und Trinken zu lassen. O.K., Live-Bands spielen an verschiedenen Stellen und man bekommt vielleicht ein bisschen das Gefühl von "Highlife", aber das kostet mich in einer normalen Stadt einen Bruchteil davon. Ansonsten hat man in Downtown Disney tausendfach die Möglichkeit, überteuerte T-Shirts mit Disney -Aufdruck, Schnick-Schnack, den kein Mensch braucht und unzählige Disney-Utensilien zu horrenden Preisen zu kaufen, oder vielleicht noch eine "Ditsch-große" Brezel für 3$ (6,96 DM) zu essen (Salz inklusive). Da Disney das ewig große Areal besitzt und keine Konkurrenzgeschäfte zulässt, hat man auch keine Alternativen (zumindest nicht im direkten Umfeld). Also kauft man die überteuerte Brezel, weil man ja Hunger hat und irgendwann kauft man auch etwas aus dem Souvenirshop, weil es soviel davon gibt. Die eigentlichen Parks, wovon es mittlerweile vier gibt (Magic Kingdom [identisch zu Euro-Disney-Paris], Epcot [was immer das auch ist], MGM-Studios [Abklatsch der Universal-Studios] und Animal Kingdom [Zoo und Fantasiezoo gemischt zu einem einzigen Erlebnisterror]), sind nur über Kilometer lange Straßen oder Wasserwege zu erreichen, die einzig und allein (da Eigentümer) der Disney-Konzern kontrolliert. Ein Tagesticket für nur einen Park (z.B. Magic Kingdom) kostet 48,76$ (= 113,12 DM Ende Nov. 2000). Dafür haben wir die meiste Zeit: angestanden, uns durch Tausende von Menschen gezwängt, schlechtes Essen zu abartigen Preisen zu uns genommen, sahen uns des Konsumterrors dieses Konzerns ausgesetzt und hatten alles, nur keine ausgelassene Freude. Ja, wir haben es fertig gebracht, drei bis vier Fahrgeschäfte zu absolvieren. Dafür mussten wir entweder 60-90 Minuten warten oder einen sogenannten Fastpass lösen, der uns berechtigte, nach zwei Stunden sinnlosem Umherlaufens, mit einer Wartezeit von nur noch 15 Minuten, eine meist eindrucksvolle 11/2 minütige Fahrt zu erleben. Gut, in diesen 11/2 Minuten war der ganze Ärger meist vergessen, doch es ist und bleibt eine Phrase. Man verlässt keine Achterbahn, keine Wasserbahn und nicht das sinnloseste Fahrgeschäft, ohne danach automatisch durch ein Einkaufszentrum zu gelangen, indem man allen erdenklichen Mist zum Thema kaufen kann. Und irgendwann bleibt auch der härteste Anti-Disney Besucher hängen und kauft sich ein überteuertes Irgendwas, welches er mit großer Gewissheit nach einem Jahr von einer Ecke zu anderen gelegt hat, um dann frustriert festzustellen, dass er es nur aufgrund des überteuerten Preises so lange aufgehoben hat. IN DISNEY WORLD KANN MAN NICHTS ERWERBEN, WAS MAN IRGENDWANN EINMAL GEBRAUCHEN KÖNNTE ODER WAS ANNÄHERND KLEIDSAM IST!!! Eduard Zimmermann (Nepper Schlepper Bauernfänger) hätte seine wahre Freude daran gehabt, den Nepp dieses Konzerns aufzudecken. Und ich bin davon überzeugt, dass sich in Deutschland so eine Abzockerei schnell rumsprechen würde und zumindest die täglichen Besucherzahlen beschränkt würden.
           Trotzdem hatten wir eigentlich drei schöne Tage in Disney-World , und das nicht zuletzt, weil es endlich mal was Anderes war. Das nächste Mal gehe ich nach Brühl ins Phantasialand.

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19. November 2000
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24.-30. November 2000 - Kissimmee

Roger   und Ramona stammen ursprünglich aus Minnesota. Sie verbringen jedoch seit fünf Jahren jeden Winter in Florida , nämlich genau hier auf dem Great Oak RV Resort Campground. Sie haben hier ein Mobilhome gekauft, das für fünf Monate ihr Zuhause ist. Sie ist 67 und er 69 Jahre alt. Und sie sind auch mit der Grund, warum wir uns hier an diesem Platz - an dem es keinen berauschenden Blick aufs Meer gibt - für etwas längere Zeit niedergelassen haben. Hier leben fast ausschließlich ältere Herrschaften und alle treffen sich hier im Winter. Im Sommer sind sie in Minnesota, South Dakota , Virginia , Illinouis, Canada und sogar in Deutschland . Hier kennt sich jeder und obwohl niemand wirklich etwas Wichtiges zu tun hat, herrscht den Tag über doch recht muntere Betriebsamkeit. So ist hier mal ein Gartentor anzubringen, dort muss die Zufahrt ausgebessert werden und unentwegt spielen die Leutchen irgendwelche Spiele. Bowlen, Poker (mit Groschen), Shuffle, Würfeln, usw. aber es gibt keinen Gruppenzwang. Viele leben in Ihren Campern, die mehr oder weniger oft bewegt werden. An viele sind schon Vordächer und ganze Terrassen angebaut und davor ein kleiner Garten gepflanzt (immer ohne Zaun). Andere leben in sogenannten Mobilhomes, die aussehen wie größere Gartenhaüschen, aber an Ausstattung keine Wünsche offen lassen. Roger und Ramona fühlen sich absolut wohl hier. Geht ein Nachbar (und hier ist jeder Nachbar) am Haus vorbei, so bekommt er ein paar freundliche Worte zugeworfen oder man macht einen kleinen Spaß. Wir sind mit Abstand die Jüngsten hier auf dem Platz, doch wir wurden herzlich aufgenommen. Das ist ein großer Unterschied zu deutschen Campern. Wir standen schon auf einigen Campingplätzen in Deutschland, die überwiegend von Dauercampern genutzt werden. Unabhängig davon, dass sich Deutsche eh gegenüber Anderen  verschanzen und einmauern, wird man meistens misstrauisch beäugt und bekommt somit gezeigt, dass man alles, nur nicht willkommen ist. Hier kommen meistens gleich ein paar Leute auf einen zugelaufen und fragen, wo man herkommt, wie lange man beabsichtigt zu bleiben und wo es danach hingehen soll. Nicht selten werden dann schon nach diesem ersten Beschnuppern die ersten Einladungen zum Kaffee oder zum Abendessen ausgesprochen. Roger und Ramona bat ich um die Nutzung ihres Telefonanschlusses bezüglich meines Internet-Updates und sie sagten nur, ich solle rüber kommen. Sie wären zwar nicht zu Hause, aber ich solle mir nehmen, was ich brauche. Das hat nichts mit Leichtsinn zu tun. Gastfreundschaft wird hier einfach groß geschrieben und in einem Land, in dem alle Haustüren, Autotüren und sonstige Barrieren immer offenstehen (Großstädte ausgenommen), klaut niemand und nimmt keiner dem Anderen etwas weg. Im Gegenteil, es kommt schon mal vor, dass einem der Nachbar ein paar Eier in die Küche stellt, weil er gerade mal im Supermarkt war. Dieses Vertrauen löst etwas aus, was auch dem bösestem Gedanken entgegenwirkt. Es setzt automatisch die Hemmschwelle nach oben und an einen Betrug denkt keiner. Wir haben das jetzt schon so oft erlebt, dass wir uns schon komisch vorkommen, wenn wir bei Verlassen unserer Kabine die Tür verschließen. Es würde niemals jemand unaufgefordert unseren Camper betreten, davon bin ich überzeugt und genausowenig würde ich einfach in die Haustür von Roger und Ramona spazieren. Doch die Tatsache, dass sie es mir nahegelegt haben, hat sofort etwas Freundschaftliches ausgelöst und seit unserem ersten Tag hier fühlen wir uns wie die wohlbehüteten Küken im Nest unserer Zieheltern. Wir haben schon einige schöne Abende bei Roger und Ramona im Haus verbracht und ihre Herzlichkeit ist einfach beeindruckend. Wir leben hier mitten in einem Camping-Altersheim und haben uns noch nirgends so gut aufgehoben gefühlt.

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23. November 2000
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01. Dezember 2000 - Kissimmee

Es ist nicht nur die Tatsache, dass wir von den Campingplatzbesitzern eine weitere Nacht geschenkt bekommen haben (was eine Ersparnis von ca. 45 DM bedeutete),  auch das Gefühl, einen Platz gefunden zu haben, an dem wir uns wohl fühlten, an dem wir Kontakte zu anderen Leuten aufgebaut haben, einen Platz, der zwar nicht sonderbar schön gelegen ist, der aber mit einem anderen wichtigen Aspekt aufwarten konnte, der für unser Wohlbefinden von unschätzbarem Wert war. Ich will das mal so erklären:
           Am vorletzten  Abend kamen zwei ältere Herren zu unterschiedlichen Zeitpunkten unabhängig  voneinander zu unserem Camper, um uns mitzuteilen, dass am gleichen Abend ein Space-Shuttle von Cape Canaveral starten würde, welches man von unserem Campground ausgezeichnet sehen konnte. Der eine Mann - dessen Name ich leider ebenso wenig behalten konnte wie die tausend anderen Namen der vielen Leute, die sich mir vorgestellt haben  - konnte sich nicht mehr genau an die Startzeit erinnern und schränkte  die Zeit auf etwa zehn Minuten ein. Später kam er noch einmal vorbei,  um uns die genaue Startzeit mitzuteilen: 22:06 Uhr. Aber warum hat er das  gemacht? Ist ihm denn so langweilig, dass er nicht weiß, mit was er sich beschäftigen soll und macht sich deshalb die Mühe, für uns die exakte Startzeit für einen Space-Shuttle-Start rauszusuchen, den wir vielleicht gar nicht sehen möchten? Oder ist er einfach nur freundlich und bemüht sich, ein zuvorkommender Mensch zu sein? Als ich beide Herren am Tag danach traf und ihnen mitteilen musste, dass wir den Start verschlafen hatten, waren beide unabhängig voneinander nicht erbost oder persönlich verletzt. Sie bedauerten uns, dass wir das Erlebnis verpasst hatten und einer verfluchte sich sogar, weil er nicht bei uns geklopft hatte. Und dann gingen beide dazu über, mir einen ausführlichen Bericht über den Space-Shuttle-Start zu liefern, und ich bin davon überzeugt, dass mir in diesem Fall die Erzählung lieber war als das Original-Schauspiel.
           Die Leute auf dem Great Oak RV Resort waren fast alle älteren Semesters und konnten mit Gewissheit alle unsere Eltern sein. Den letzten Abend verbrachten  wir noch mal bei Ramona und Roger, die nicht viel Aufsehens  machten und ein paar Nachos und Soßen dazu auf den Tisch stellten. Wir tranken Wein und hatten wirklich eine ausgezeichnete Zeit mit diesen Leutchen. Ich glaube, wir waren einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Hier haben wir unsere Pflegeeltern gefunden, die uns in dieser kurzen Zeit mit Rat und Tat zur Seite standen und uns die Sehnsucht nach unseren eigenen Eltern etwas vergessen ließen.
           Am Tag unserer Abreise kamen noch mal der ein oder andere vorbei, um "Good-bye" zu sagen, nicht ohne noch einen Tipp zur bevorstehenden Fahrt loszuwerden. Mit einem weinenden Auge verließen wir das Plätzchen in Kissimmee   und unsere neuen Freunde Ramona und Roger, mit der Hoffnung,  sie irgendwann einmal wiederzusehen.
           Jetzt könnte  ich mir durchaus vorstellen, im Alter auf einem Campingplatz in Florida mit all den anderen Alten meinen Lebensabend zu genießen, Shuffle oder Poker zu spielen, am Pool zu liegen und ein Schwätzchen  mit einem anderen Alten zu halten.

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03.-04. Dezember 2000 - Fort de Soto Park

Ein gleißendes Licht, wie ich es eigentlich nur aus Spanien kenne, erstickt auch nur die geringste vorweihnachtliche Empfindung schon im Keim. Die Palmen, die hier den Wegesrand säumen, verstärken den Eindruck von Sonne,  Strand und Sommer und zumindest letzteres trifft zumindest zum jetzigen Zeitpunkt absolut nicht zu. Auf einer kleinen Inselgruppe, direkt vor dem größten Ballungsgebiet an der Westküste Floridas, erstreckt sich der Fort De Soto Park in den Golf von Mexiko, benannt nach einem seiner spanischen Entdecker Hernando De Soto, der hier 1539 eine seiner Expeditionen startete. Erst als der Konflikt zwischen Kuba  und den USA im Jahre 1898 zum spanisch-amerikanischen Krieg führte, bekam die Inselgruppe, die der Tampa Bay vorgelagert ist, eine wichtige  strategische Rolle. Man erbaute darauf für damalige Zeit schwindelerregend große Geschütze, die heute noch zu bewundern sind. Die Festungsanlagen  liegen hinter einem Schutzwall und jedes Schiff, welches sich ungenehmigterweise derTampa Bay näherte, bekam im wahrsten Sinne des Wortes einen vor den Bug und wusste noch nicht mal, woher die Geschosse kamen. Das Fort verlor aber schon bald an Bedeutung und die großen, unbeweglichen Kanonen erwiesen sich schon als nicht mehr zeitgemäß, als der 1. Weltkrieg ausbrach. 1917 wurden die ersten Teile der Anlage anderweitig verarbeitet. Heute ist die Inselgruppe ein Erholungsgebiet mit eindrucksvollen Stränden und einem fast paradiesischen Campingplatz. Pelikane kreisen am Himmel und stoßen in regelmäßigen Abständen immer wieder in das Wasser des Golfs  hinab. Die Sonne scheint und erwärmt die Luft auf angenehme Temperaturen. Doch auch hier ist Winter und es herrschen rauhe Winde. Die Strände sind endlos lang und weiß. Die Körnung ist grob und wenn man den Sand in die Hand nimmt, hat man nichts anderes als Abermillionen kleinster Muschelteilchen in der Hand. Es sind kaum Menschen unterwegs und wir wundern uns nicht darüber. Für die sonnenverwöhnten Floridaner herrscht gerade tiefster Winter und nicht selten sehen wir Menschen in Winterjacken an uns vorüber gehen. Als wir auf unserem Platz im Campground stehen, geht schon die Sonne langsam unter. Der Himmel färbt sich erst rosa, dann weinrot, um sich dann in ein dunkelblaues Tuch zu verwandeln, das langsam, aber stetig den Himmel verdeckt. Der Mond steht als Sichel am Himmel und verkündet eine kühle, sternenklare Nacht.

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02. Dezember 2000
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06.-07. Dezember 2000 - Hudson

Christine Rendina ist eine Freundin meiner Tante Marga aus Chicago . Sie verbringen alljährlich eine Woche im Winter in Christines Haus in Hudson, Florida wobei Christine aus England anreist. Es lag für uns auf der Hand, dass wir sie dort besuchen werden, wenn wir es einrichten konnten. Da zeigt sich mal wieder, wie einfach man seine Pläne ändern kann, wenn man erst gar keine Pläne macht. Deshalb war für uns von Anfang an klar, dass wir auf unserer Reise keine Route ausarbeiten werden, die uns zu sehr in unserer Entscheidungsfreiheit eingeengt hätte. Die Aussicht, mal wieder mit Leute zusammen zu kommen, war recht verlockend. Peter, Christines Ex-Mann, war auch vorort. Diese Beiden gaben ein recht amüsantes Paar ab. Seit fünf Jahren getrennt, verwalten sie dennoch das Haus in Florida gemeinsam, während sie ihm und er ihr alle Schuld des gemeinsamen Versagens in die Schuhe schiebt. Unter vier Augen versuchen Beide ihren Stachel der gegenseitigen Hetze zu injizieren, mit der Wirkung, dass man Beide als vom Leben enttäuschte Menschen ansieht, die einerseits zu bedauern, anderseits selbst an ihrer Situation schuld sind. Dann wiederum sitzen sie gemeinsam beim Abendessen und erzählen so herzlich von vergangenen Zeiten, dass man sich zwangsläufig fragt, warum sich die Beiden getrennt haben. Aber das möchte ich jetzt nicht hier erörtern. Nichts desto weniger waren Beide ausgezeichnete Gastgeber und wir sind froh, sie kennengelernt zu haben. Meine Tante Marga  war froh, uns wieder zu sehen und das beruhte ganz auf Gegenseitigkeit.
Das Haus war eine Wucht. Mit vier Schlafzimmern, 10 Betten, einer Küche mit einer riesigen  Frühstückstheke, zwei Essecken, Fernsehzimmer, Empfangsraum und  last but not least einem 13 Meter langen Pool mit eingebautem Wirlpool. Von vier Zimmern hat man direkten Zugang zum Pool. Hier lässt es sich gut leben und bei Bedarf sicher auch gut sterben (in einem der 10 Betten oder vielleicht im Wirlpool). Auf jeden Fall verbrachten wir eine gute Zeit in diesem Haus. Christine und Peter luden uns nach England ein (getrennt) und mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir die Einladung auch annehmen. Der Abschied von meiner Tante fiel natürlich wieder einmal schwer, wobei ich irgendwie das Gefühl habe, dass wir sie bald wieder sehen.

bilder/sonstiges/HudsonChristineHouse.jpg
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05. Dezember 2000
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11.-14. Dezember 2000 - Florida Keys

Es ist nicht wie im Paradies, es ist das Paradies. Ich sitze in meinem Liegestuhl, die Füße hochgelegt und das Notebook auf den Knien. Mein Blick geht hinaus auf den Ozean, der sich ruhig und zahm vor mir ausbreitet. Ganze vier Meter trennen mich und das endlose Nass. Der warme Südwind umweht meinen Kopf, meine Haare, meine Ohren und die Nase, die den Duft von Meer und Salz wahrnimmt. In unmittelbarer Nähe stehen Kokospalmen, die den Eindruck, man befände sich im Garten Eden, nur verstärken. Pelikane lassen sich mit dem Wind den Strand entlang treiben und spähen unentwegt ins Wasser. Dann, absolut unvermittelt, stürzen sie sich kopfüber ins Meer und tauchen unter, um mit ihren Schnäbeln ihre Beute festzuhalten, die sie danach mit einem in die Luft gereckten Kopf den Hals hinunter gleiten  lassen. Auch Möwen, Strandläufer sowie Reiher tummeln sich hier am Ufer und machen offensichtlich ganz gut Beute. Am Horizont sehe ich ein Segelboot und ich vermute, dass die Kapitäne eine eindrucksvolle Sicht auf die  Florida Keys haben. Es ist einfach traumhaft und für uns Europäer ist das Klima mitten im Dezember wie Balsam für die Seele, wo wir doch wissen, dass sich unsere Lieben zu Hause zu diesem Zeitpunkt entweder nasse Füße holen oder gar den Allerwertesten abfrieren. Obwohl, auch hier hält das Wetter so manche Überraschung bereit. So sind wir gestern bei sintflutartigen Regenfällen hier auf Long Key angekommen und es schien, als werde die Inselgruppe vor der Südküste Floridas von den Wassermassen überspült und verliere sich so im Atlantischen Ozean. Innerhalb weniger Minuten entstanden auf den Straßen ganze Seen und die Scheibenwischer des Autos waren hoffnungslos überfordert. Hier herrschen eben tropische Verhältnisse in Süd-Florida , wen wundert's, dass danach wieder strahlendblauer Himmel war...
...jetzt sind nur ein paar Stunden vergangen und soeben ereignet sich etwas Wunderschönes.  Vor einigen Minuten ging im Westen die Sonne als große orangefarbene Scheibe  unter. Wir sitzen mit unseren Stühlen gen Süden und der Strand verläuft genau im rechten Winkel. Das Wasser vor den Keys wird in leichten, kleinen Wellen an den Sandstrand getragen. Als quasi rechts von uns die untergegangene Sonne den Himmel noch in leichte Pfirsichfarben hüllt und sich der Nachthimmel immer weiter über den westlichen Horizont schiebt, geht mit einem mal links von uns - also genau im Osten - der Vollmond als ebenso große Scheibe auf. Zwischen Sonnenuntergang und Mondaufgang lagen vielleicht fünf Minuten. Der Mond ist nicht nur genauso groß wie die Sonne, er hat sogar die gleiche Farbe, als wolle er zeigen, dass er genauso hell und strahlend leuchten kann. Die Szenerie ist ähnlich und doch wieder ganz anders. Die Sonne zog einen dunklen Vorhang hinter sich her, der den Himmel verhüllte. Der Mond erstrahlt hinter einem schwarzen Samttuch, bei dem sich die kreisrunde Form des Mondes scharf abzeichnet. Ich frage mich, ob wir eben etwas Besonderes erlebt haben - zu einer Zeit im Jahr, in der der Tag und die Nacht gleich viele Stunden für sich beanspruchen. Zu einer Phase, in der der Mond in puncto Kreis der Sonne in nichts nachsteht. An einem Abend, an dem kaum  ein Wölkchen den Himmel trübt und wir von unserem Standpunkt freie Sicht bis zum Horizont nach Osten wie nach Westen haben - genau in diesem Moment vollführt die Natur für uns, die wir wie Zuschauer genau in der Mitte der Achse sitzen, ein Schauspiel, das so atemberaubend ist, dass ich fest davon überzeugt bin, dass wir etwas ganz Besonderes erlebt haben.
Die Art des Erlebnisses war zumindest für uns persönlich einmalig und leider auch nur von kurzer Dauer. So schnell war dieser Moment vorbei, so klein das Zeitfenster, in dem es geschah, dass das Erlebte jetzt nur noch Vergangenheit ist, so wie tausend andere Momente auch, die ich nicht in meinem Tagebuch erwähnt habe. Übrig bleibt nur die Erinnerung und selbst die schwindet so langsam dahin.
Jetzt sind wir schon seit vier Monaten in unserem Camper unterwegs. Ich schreibe zwar eifrig Tagebuch, doch nur selten lese ich ein paar Zeilen, die ich  vor kurzem selbst verfasst habe. Jeder Tag war bislang gefüllt mit Ereignissen und doch sind es nur die Zeilen meines Tagebuches, die das Erlebte wiederspiegeln. Mir selbst fällt sogar manchmal nicht mehr ein, wo wir uns gestern befunden haben, und Erfahrungen, die länger als einen Monat her sind, scheinen Jahre zurück zu liegen. Die Zeit fliegt. Noch haben wir zwei Drittel unserer Reise vor uns, aber ich kann den Moment fast schon greifen, wenn ich in mein Tagebuch schreiben werde: "Jetzt haben wir nur noch ein Drittel unserer Reise übrig" und das einzige, was wirklich gewiss ist, ist die Tatsache, dass diese Reise auch ein Ende haben wird. Dann scheinen die endlosen Wochen der Vorbereitung so weit entfernt. Der Zeitraum, der sich wie Kaugummi zog, als die Reise noch in ferner Zukunft lag, ist dann nur noch einen Sekundenbruchteil in unserer Erinnerung. Die Reise selbst ist nur noch bruchstückhaft in unseren Köpfen und wir werden es vermutlich nicht fassen können, wie schnell die Zeit verging.
Die Zeit ist so bedingungslos grausam, so unaufhaltsam stetig in ihrem Fortgang, dass man jeden einzelnen Moment auskosten sollte. Zu sehr ist man verleitet,  in der Vergangenheit oder gar in der Zukunft zu leben, sodass man vom Jetzt  rein gar nichts hat. Zu kostbar sind die Momente, in denen wir bewusst leben,  erleben - vielleicht einen Abend wie den heutigen, an den ich mich vielleicht in drei Tagen kaum noch erinnern kann. Aber ich weiß, dass ich ihn bewusst erlebt und in vollen Zügen genossen habe. Und wenn ich diese Zeilen wieder einmal lesen werde, darf ich noch einmal daran teilnehmen.
Ist ja wohl selbstverständlich, dass neben uns auf dem Campground Elke und Wolf standen. Zwei Amerikaner, deren Namen aber schon ganz klar erkennen lassen, dass sie ursprünglich aus Deutschland stammen. Elke ist aus keiner anderen Stadt als Mainz und Wolf stammt aus Bayern. Die Welt ist und bleibt ein Dorf.

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