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Frühstück
bei den Hachenbergers
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26.-31. Oktober
2000 - Great Smoky Mountains NP
Man könnte
fast glauben, hier sei alles schön, nett und überhaupt das ideale
Land für durchgeknallte Traveller wie wir. Es stimmt zu 99%. Das eine
Prozent allerdings mussten wir heute erleben, nämlich die durchgeknallten
Amerikaner. Ich weiß, ich lasse mich nicht immer sehr positiv über
diese Nation aus, besonders wenn ich von ihnen als Gruppe rede. Obwohl
ich einzelne Individuen oft bis in den Himmel lobe. Man muss das so verstehen:
Wenn wir jemanden kennenlernen, so erweist sich die Person meistens als
sehr freundlich und überaus hilfsbereit. Es sind oft angenehme Gesprächspartner
und sie verfügen meistens über ein ordentliches Maß an
gesundem Menschenverstand. Doch wenn man ihr Umfeld betrachtet, den Mist,
den sie konsumieren und den Müll, den sie produzieren, dann glaube
ich schon, dass der Amerikaner in der Gruppe entweder unter einem "Das-machen-alle-so-also-auch-ich-Syndrom"
leidet, oder er kann in der Gruppe seine Persönlichkeit ausschalten
und lässt sich von Herrn Wal (-Mart) und Ronald Mc
Donald sagen, was sie zur Zeit ganz toll finden.
Wenn man sich
also ohne große Vorbereitung auf den Weg zu dem angeblich bestbesuchten
National Park der Vereinigten Staaten aufmacht, der sich durch seinen dichten
Wald, die vielen Tiere und seine (fast) unberührte Natur auszeichnet,
dann erwartet man alles, nur keinen Kleinstadt-Rummel auf allen Zufahrtsstraßen
des Parks. Schon Kilometer vor dem eigentlichen Parkeingang reiht sich
eine Attraktion an die nächste. Da gibt es Fahrgeschäfte, Erlebnis-Center,
Amusement-Parks, Souvenirläden, natürlich ein Fast-Food-Laden
neben dem anderen und die Menschen drängen sich so dicht an dicht
durch die Straßen, dass man das Gefühl hat, es gäbe hier
alles umsonst. Wir standen im Stau, lange bevor wir in den Park fuhren,
nur weil vorher ein riesiger Rummel an den Straßenrändern stattfand,
der absolut keinen Bezug zu dem National Park hat. Man muss sich das so
vorstellen. Papi sagt zu seinen Kinder: "Heute zeige ich Euch ein Stück
unberührte Landschaft, die Tiere, die darin im Einklang mit der Natur
leben... bla, bla, bla. Und davor werfen wir uns ein paar Hamburger ein,
kaufen im Souvenirshop noch ein paar Plastikbären, fahren einmal mit
der Achterbahn, holen uns Zuckerwatte und füttern dann wahrscheinlich
damit die echten Bären in freier Natur." Anfangs dachte ich noch,
die Amerikaner wissen, was sie da haben und betrachten die Nationalparks
als einen Ort der Stille, der Regeneration und des Friedens (so doof es
auch klingt). Doch hier im Great Smoky Mountains National Park habe
ich einfach nur das Gefühl, dass der Park zur Nebensache wird, oder
besser gesagt zur Alibi-Natur-Begegnungsstätte, denn ich glaube, ein
nicht unwesentlicher Teil der Besucher schafft es nicht über den Rummel
vor der Parkgrenzen hinaus. Nachdem wir den Eingang des Parks überquert
hatten, wurde es merklich ruhiger auf der Straße. Schade, denn diese
Smoky
Mountains zeichnen sich durch ein einmaliges Naturphänomen aus.
Naja, vielleicht sind wir noch ein paar Tage da, dann kann ich das alles
noch erzählen.
Die Great Smoky
Mountains...
... sind nicht
nur der bestbesuchteste Nationalpark in den USA, und das mit insgesamt
10 Millionen Menschen pro Jahr (das wäre, als würden ein Achtel
der Bevölkerung Deutschlands sich für einen Urlaub im Schwarzwald
entscheiden) sondern die "Smokies", wie sie auch liebevoll von ihren
Besuchern genannt werden, bekamen ihren Namen von der aufsteigenden Feuchtigkeit
und dem Kohlenwasserstoff, den das dichte Blätterwerk des Waldes verursacht.
Darunter auch Abermillionen Rhododendren, deren atmende Blätter einen
leichten Dunstschleier über dem Wald bewirken. Und das hat natürlich
atemberaubende Panoramablicke zur Folge. Wir haben die Massen am zweiten
Tag unseres Aufenthalts im Park abgeschüttelt. Dazu genügte es,
einfach einen Campingplatz am Südende des Parks zu wählen (Smokemont
Campground), dort, wo sich kein Vergnügungs-Halli-Galli am Eingang
des Parks befindet. Aber so sind sie nun mal die Amis. Dafür schien
nun alles super zu werden. Die Ranger an der Campingplatzregistrierung
waren freundlich und lustig. Der Platz, den wir uns aussuchten, war ein
Traum, direkt an einem Bach gelegen. Hier wollten wir erst mal bleiben.
Am selben Abend noch nahmen wir an einer Dia-Show einer Rangerin teil.
Solche Veranstaltungen werden in National Parks immer wieder angeboten
und sollen vor allem den ahnungslosen Amerikaner aufklären. Ich hätte
nicht gedacht, wie umfangreich die Rangerarbeit sein kann und wie vielfältig.
Aber was mich am meisten beeindruckt hat, ist eine sehr traurige Geschichte.
Nur weil um 1900 in New York Central Park jemand einen Baum gepflanzt
hat (was eigentlich sehr löblich ist), musste hier in den Smokies
die
American Chestnut, eine Kastanienbaumart mit einem Umfang bis zu 7
Metern, aussterben. Das hatte wiederum zur Folge, dass Tiere, die sich
fast ausschließlich von dem Baum ernährt haben, ebenfalls ausgestorben
sind. Der Baum im Central Park war eine Asiatische Kastanie und
brachte Mehltau mit ins Land, gegen den der Baum selbst resistent war.
Irgendwie gelangte eben genau dieser Mehltau in die Smokies und
tötete dort den gesamten Kastanienbestand. Die American Chestnut
kannte
keinen Abwehrstoff gegen den winzigen Mehltau. Das ganze Ökosystem
wurde damit gestört, nur weil man einen Baum tausende Meilen von seinem
Heimatland entfernt pflanzte, der eigentlich nicht auf den Kontinent gehört
hätte. Das ist natürlich tragisch und kann man letztendlich keinem
zum Vorwurf machen. Trotzdem hat es mich über mein Verhalten in der
Natur zumindest nachdenken lassen. Dieser Mehltau ist der berüchtigte
Schmetterlingsschlag, der auf der anderen Seite der Erde einen Wirbelsturm
zur Folge haben kann. Wir können uns noch so bemühen, die Umwelt
nicht zu beeinflussen, doch alleine unsere Gegenwart hat verhängnisvolle
Auswirkungen auf den gesamten Globus. Und ich armer kleiner Wurm steh hier
und denk darüber nach, ob ich den Apfelkrotzen nun in den Wald werfen
soll oder nicht und muss immer wieder an den Mehltau denken. Ich kann den
Lauf der Dinge zwar nicht aufhalten, aber ich kann versuchen, nicht der
Auslöser für ein ökologisches Desaster zu sein und nehme
meinen Apfelkrotzen wieder mit nach Hause.
Wir waren auf
zwei Wandertouren hier in den Smokies und an einem Tag stellten
wir uns sogar den Wecker, um früh auf dem
Clingmans Dome zu sein, dem höchsten Berg in den Smokies. Von
dort oben konnten wir auch ein Stück auf dem Appalachian Trail
laufen,
der von Maine bis Georgia entlang der Appalachian
Mountains verläuft und insgesamt 2155 Meilen lang ist. Wir liefen
gerade mal 11 Meilen davon, doch es ist ein gutes Gefühl, diesen Pfad
zu wandern. Wenn ich mir vorstelle, dass es Menschen gibt, die diesen Pfad
schon an einem Stück marschiert sind, dann stockt mir der Atem. Was
für ein Gefühl muss das sein, nach solch einer Strecke, nach
zahllosen Orten, Kreuzungen, Panoramablicken, Begegnungen, schweren wie
leichten Stunden, nach solch einem Erlebnis an einem Punkt anzukommen,
der das Ende des Weges verheißt? Was für ein Ziel ist das? Hat
das in dieser Welt überhaupt eine Bedeutung? Heute, wo ich den Weg
selbst gehe und mir einbilde, ich könnte die Erschütterung der
vielen Fußtritte spüren, die sich auf dem Pfad bewegen, heute
erscheint mir solch ein Ziel sinnvoller als Geld anzusparen, Karriere zu
machen oder sogar berühmt zu sein (wobei man bei der Bewältigung
des Appalachian Trails schon ein bisschen berühmt ist). Warum
das so ist, weiß ich selbst nicht genau. Vielleicht liegt es daran,
dass man dann wirklich das Gefühl hat, etwas Besonderes geleistet
zu haben. Hier muss ich auf ein sehr unterhaltsames Buch von Bill Bryson
hinweisen: Picknick mit Bären, erschienen im Goldmann-Verlag.
ISBN 3-442-44395-4.
Dort oben saßen
wir auf einem Baumstumpf und machten gerade Rast, als uns Beiden die unglaubliche
Stille auffiel. Es war alles ganz normal, nur dass man nicht das leiseste
Geräusch hörte. Wenn nicht gerade ein leichter Wind durch die
Blätter rauschte oder eine Fliege vorbeisurrte, war absolut nichts
zu hören. Das war ganz komisch und machte uns bewusst, dass man das
nur ganz selten erlebt. Auch Ohrstopfen sind da etwas Anderes. Die beeinflussen
die Wahrnehmung. Doch wenn man im wahrsten Sinne des Wortes alle Sinne
beieinander hat und trotzdem nichts hört, dann kommt das einer Sinnestäuschung
gleich.
Die Smokies
sind schon ein tolles Gebirge. Wenn man den tausenden Menschen, die sich
auf der Newfound Gap Road durch den Park schlängeln, aus dem
Weg geht - und das macht man am besten, indem man die Straße verlässt
und wandert - dann ist der Great Smoky Mountains National Park wirklich
ein sehenswerter Ort.
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03.-04. November
2000 - Baker Creek SP
South Carolina.
Das Land ist hügelig und spärlich bewaldet, aber die Bäume
sind von hohem Wuchs. Eingezäunte Weiden säumen den Straßenrand,
nur von den Holzhäusern der Ranger unterbrochen. Es ähnelt ein
bisschen der Atlantikküste in Süd-Frankreich. Die Städte,
durch die wir fahren, scheinen nicht ganz so charakterlos zu sein. Es gibt
sogar Bürgersteige. Das erste Mal verspüre ich einen Hauch vom
Süden.
Wir sitzen auf
unseren Campingstühlen am Little River oder auch Baker Creek,
wie hier der künstlich gestaute Savannah River genannt wird,
und genießen in Badehose und Bikini die Novembersonne. Bei 27°C
lässt es sich gut aushalten, nicht zu warm und trotzdem heiß
genug, um das Gefühl von Strandurlaub aufkommen zu lassen. Die schönen,
aber kurzen Tage sind pure Erholung. Der See ist wie die Straßen,
gefüllt mit potenzstrotzenden männlichen Amerikanern, die ihre
bis zu 300 PS starken Boote über den See jagen. Die Boote sind eigentlich
Fischerboote. Das sieht man an den beiden Hochsitzen, die ein Auswerfen
der Angel erleichtern. Doch mir kommt es so vor, dass Fischen nur das Mittel
zum Zweck ist, nämlich mit 75 km/h über die Wasseroberfläche
zu schießen. Ich habe übrigens bis heute noch keinen Angler
gesehen, der einen Fisch aus dem Wasser geholt hat und ich saß schon
oft und lange an einem See und habe die Angler beobachtet. Die Sonne taucht
so langsam im Abenddunst unter und kratzt fast schon die Baumwipfel auf
der gegenüberliegenden Uferseite. Es ist immer noch angenehm warm
und wenn nicht gerade ein Boot vorbeirauscht, ist es relativ ruhig. Man
hört zwar den Highway auf der gegenüberliegenden Seite, doch
man hört auch die Vögel zwitschern. Ein interessanter Kontrast.
Und manchmal springt ein Fisch aus dem Wasser heraus und klatscht mit einem
lauten "Platsch" auf die Wasseroberfläche. Meistens sieht man allerdings
nur noch die Wasserzirkel, die sich langsam auf der glatten Oberfläche
des Sees verlieren. Ernie, wie wir den Erpel getauft haben, der
hier seine Runden dreht, kommt von Zeit zu Zeit mal vorbei und hofft, ein
Stück von unserer Mahlzeit abzubekommen. Er kommt bis 50 cm an uns
heran und zeigt keinerlei Scheu. Das beweist, dass er an Menschen gewöhnt
ist und sich scheinbar schon früher durch Schnorren eine ganz beträchtliche
Körperfülle angeeignet hat. Das wäre ein idealer Thanksgiving-Braten!
Gerade war Daven
bei uns. Ein älterer Herr in Latzhosen. Er sprach uns an und das war
einer dieser Momente, auf die wir schon gewartet haben. Wir verstanden
kein Wort von seinem Slang und auch nachdem er bemerkte, dass wir
im reinsten Englisch antworteten, änderte sich sein breiter Dialekt
nur unwesentlich. Es hielt ihn auch nicht davon ab, uns ein wenig zu unterhalten.
Ich muss allerdings zugeben, dass ich nur gelegentlich ein Wort aufschnappen
konnte, das mir bekannt vorkam. Unser Gespräch führte dennoch
zum Austausch unserer e-Mail Adressen und er beteuerte, er würde uns
kontaktieren. Das war wieder mal ein klassisches Beispiel für den
freundlichen Plausch auf einem Campingplatz. Man macht sich kurz bekannt,
spricht über dies und das (meistens über unseren "niedlichen"
Camper) und kehrt sich mit den besten Wünschen für die weitere
Reise den Rücken zu. Sehr wahrscheinlich werden wir Daven nie
wieder treffen und wahrscheinlich werden wir auch keine Brieffreunde (wer
weiß). Aber diese leichte, unbeschwerte Art miteinander zu kommunizieren,
ein paar unwichtige und oberflächliche Gedanken auszutauschen, das
wird die Welt sicher nicht vor dem Untergang bewahren, aber es macht die
Sache wesentlich angenehmer. Vielleicht sollte ich meine Meinung über
den Durchschnittsamerikaner doch noch mal überdenken - vielleicht
sogar in einer eigenen Story.
s,.dcm
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07.-08. November
2000 - Okefenokee Swamp
Mein liebes Tagebuch:
Bislang dachte ich, wir würden von der schweren See mit all ihren
hohen Wellen und den überaus tiefen Tälern verschont bleiben,
doch gerade in diesen Tagen durchfuhren wir eines der tiefsten Wellentäler
des Beziehungsmeeres und es traf uns hart und unerwartet. Nicht, dass ich
damit gerechnet hätte, wir blieben davon verschont, doch mir war nicht
bewusst, wie schwierig sich die Abreaktion und der Wutausbruch gestalten,
wenn man nur seinen Partner als Ansprechpartner hat, und gerade der ist
ja der Auslöser der Misere, oder zumindest glaubt man, er wäre
es. Die Tür zuknallen, ein Bier trinken gehen, einen Freund anrufen
und ihm sein Leid klagen, oder einfach nur bei einem Freund Ablenkung suchen,
bis man feststellt, es war alles gar nicht so schlimm. Das alles geht hier
in der "Wildnis" nicht, obwohl es genau das ist, was man manchmal dringend
bräuchte. Ich gehöre auch nicht zu den Menschen, die von sich
glaubten, sie wären Einsiedler und bräuchten niemanden um sich
herum. Aber wie wichtig der soziale Kontakt zu anderen ist, erfuhr ich
erst, als ich nicht die Möglichkeit hatte, davon Gebrauch zu machen.
Meiner Frau erging es sicherlich nicht anders, aber schließlich schreibe
ich
das Tagebuch, also darf ich auch ein bisschen rumjammern.
Britta
und ich verstehen uns super, auch wenn wir uns manche Abende nicht viel
zu sagen haben. Dafür (meistens nach ein paar Bier oder einer Flasche
Wein) quatschen wir uns manchmal die Ohren voll, ohne dass wir das Gefühl
haben, wir unterhielten uns immer über das Gleiche. Man muss sich
das mal vorstellen: Wir verbringen täglich 24 Stunden miteinander,
da kommt es schon mal vor, dass man aneinander gerät. Meistens handelt
es sich um Lappalien, die schnell wieder vergessen sind. Doch wenn es mal
so richtig knallt, dann fehlt uns der Bruder, die Schwester, die Eltern,
der Freund, die Freundin, der Kollege, die Kollegin oder irgendjemand,
mit dem man einfach nur erzählen kann, ohne dass man irgendwelche
Gesellschaftsregeln einhalten muss. Klar, ich kann auch zu unserem Campingnachbarn
gehen, doch erstens ist er mit großer Wahrscheinlichkeit Amerikaner,
der auch von seinem besten Freund nichts Unangenehmes hören möchte
(böse, böse), und zweitens ist er kein Vertrauter, was bedeutet,
ich muss von vorne anfangen und das kostet viel Zeit und Geduld. Nein,
es muss jemand sein, mit dem man plaudern kann, einfach so, und es muss
noch nicht mal über ein akutes Problem sein. Das ist das, was uns
fehlt. Ich kann mich an die vielen Abende zu Hause erinnern, an denen man
niemanden sehen wollte, einfach abspannen wollte, nichts mehr sagen wollte.
Die Kontakte, die man hat, müssen gepflegt werden. Nicht oft, aber
man sollte die Seinen manchmal daran erinnern, dass man auch mal unverhoffter
Dinge vor der Tür stehen könnte. Heute würden wir gerne
alle unsere Freunde, Bekannten, Verwandten und Kollegen einladen zu uns
ans Lagerfeuer, mit Ihnen quatschen und dummes Zeug erzählen, ein
paar Bier kippen, ein paar Steaks grillen und uns freuen, dass sie da sind.
Leider sind wir auch heute wieder alleine. Wir schaffen das schon, genauso
wie wir uns auch ohne fremde Hilfe wieder zusammengerauft haben, und glaubt
mir, darin liegt auch ein ganz besonderer Reiz, von dem ich vielleicht
ein andermal erzähle. Aber all ihr Zuhause, die ihr Euch angesprochen
fühlt, fühlt Euch gegrüßt und seid Euch gewiss, dass
wir uns sehr auf Euch freuen.
Der Okefenokee
Swump ist ein Naturschutzgebiet der Vereinigten Staaten, das kaum Erwähnung
in den Reiseführern findet. Vielleicht ist es zu weit ab von den üblichen
Touristenrouten. Aber es ist ein sehr lohnenswerter Besuch, den wir nicht
so schnell vergessen werden. Die Landschaft ist absolut einmalig und selbst
die Everglades sind mit dem Okefenokee Sumpf nicht zu vergleichen.
Eine sinnvolle Besichtigung dieser märchenhaften Landschaft ist nur
per Motorboot oder Kanu möglich, wobei letzteres wohl das größere
Erlebnis ist. Dann geht es durch wilde ungestörte Natur, die so manche
Überraschung parat hat. Mehr erfährt man auch in dieser Story.
Doch wieder einmal
erweist sich der Campingplatz selbst als Urlaubsparadies erster Klasse.
Steve
und Jo Knights Pastimes Campground am Osteingang des Parks ist nämlich
eine ganz besondere Anlaufstelle. Der Platz ist nicht nur nächstgelegen,
sondern auch ein geeigneter Ort, um unter einem Blätterdach und in
fast tropischer Atmosphäre auszuspannen und sich von den Strapazen
der Kanutour zu erholen. Hey Steve, we hope you like our comments
to your campground?! And don't forget - practise your german. Und nicht
zuletzt sind die Campingplatzbetreiber wieder mal ein gutes Beispiel für
die allgegenwärtige Freundlichkeit der Amerikaner. Steve und
Jo
zeichnen sich zudem noch dadurch aus, dass sie ganz normal freundliche
Amerikaner sind.
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10.-12. November
2000 - Cumberland Island NS
Vielleicht sind
es 100 Leute, darunter mindestens 30 Kinder, die sich am Visitor Center
des Cumberland Island National Seashore eingefunden haben. Geduldig
warten sie alle auf die Abfahrt der Fähre, die die einzige Verbindung
zwischen Festland und Insel ist. Darüber wird auch die Besucherzahl
kontrolliert, denn es werden nur wenige Besucher täglich zugelassen,
obwohl die Insel ganz beträchtliche Ausmaße hat. Die Fahrt dauert
45 Minuten und der kühle Fahrtwind lässt einen schön frösteln,
obwohl den Himmel kein Wölkchen trübt. Durch die mit Gras bewachsenen
kleineren Inseln vor der Küste Georgias schlängelt sich
das Boot und hinterlässt relativ kleine Wellen. Plötzlich fliegen
zwei Pelikane zehn Meter am Deck vorbei und wir werden uns wieder einmal
bewusst, dass wir uns doch schon recht weit südlich befinden. Das
Dock an der ersten Station der Insel verheißt schon exotische Atmosphäre.
Ein weißer Pavillon steht am Ende des Stegs und dahinter wachsen
hohe Palmen, die sich leicht im Wind wiegen. Cumberland Island,
eine Oase im Atlantik. Die hier wachsenden Eichen - eine Hartholzart, die
schon in früheren Zeiten für den Schiffsbau verwandt wurde -
prägen das Inselbild. Sie wachsen in schlangenförmigen Gebilden
gen Himmel und skurrile Astwindungen geben dem Wald eher das Aussehen eines
Jungles. Auch hier hängt wie Lametta ein Kraut an den Ästen,
das einen tristen Eindruck erweckt und den Wald irgendwie in eine traurige
Stimmung versetzt. Das Palmetto, das mit großen grünen Blättern
den ganzen Waldboden für sich beansprucht, verstärkt nur das
Gefühl, man befände sich in einer subtropischen Region. Mitten
im Wald stehen plötzlich ein dutzend Pferde. Sie leben hier auf sich
alleine gestellt. Niemand füttert sie und sie werden auch nicht anderweitig
versorgt. Es sind die "Wildpferde" von Cumberland Island , die früher
einmal von den Inselbewohnern auf die Insel gebracht wurden. Die Bewohner
sind schon lange nicht mehr da; Die Pferde hingegen ziehen immer noch ihre
Runden und haben ihr eigenes kleines Paradies zurück erobert. An der
Ostseite des Waldes erscheinen plötzlich weiße Berge, Dünen
aus feinem weißen Sand. Das Durchqueren ist erschwerlich, aber dahinter
erscheint der große Atlantik, nur getrennt durch einen ewig langen
und etwa 150 Meter breiten Strand. Die Sonne steht am Himmel, vor der Küste
durchkämmen Fischerboote das Wasser und weit und breit ist keine Menschenseele
zu sehen. Wir haben mindestens fünf Kilometer Strand für uns
alleine und das wissen wir natürlich zu nutzen. Das Wasser ist sauber
und hat für uns Nordeuropäer genau die richtige Temperatur. Die
Tatsache, dass sich auch Haie im Wasser aufhalten können, kann uns
nicht vom Badespass abhalten. Es ist einfach paradiesisch und hat was von
"Blaue Lagune". Wir verbringen einen halben Tag am Strand und genießen
in vollen Zügen die auf der Haut brennende Sonne. Wir beobachten die
Fischerboote, denen Delphine voran schwimmen, oder die Pelikane, die im
Sturzflug in die Wasseroberfläche eintauchen, um so ihre Beute zu
überraschen. Am Strand tummeln sich Möwen und andere Vögel,
in den kleineren Pfützen findet man Krebse und kleine Fische. Wir
sammeln Muscheln und Krebspanzer, wovon einige bedenklich groß sind
- den lebenden Exemplaren möchten wir nicht im Wasser begegnen. Dieses
Stranderlebnis kam absolut unverhofft und war vielleicht auch genau deshalb
ein ganz besonderes Erlebnis.
In früheren
Zeiten teilten sich einige wenige Reiche die Insel, um ihre Sommervillen
darauf zu errichten. Am südlichen Ende von Cumberland Island steht
noch heute die Ruine Dungeness, ein recht beachtliches 40-Zimmer
Haus, deren Besitzer nur relativ kurze Zeit ihre Gäste dort empfingen.
Das Haus ist verfallen, das Grundstück haben längst die Pferde
in Beschlag genommen. Daran sieht man, wie vergänglich doch alles
ist und hauptsächlich jenes, was der Mensch errichten ließ.
Selbst das schönste Haus ist irgendwann einmal nur noch Schutt und
Asche, während die Pferde in den Vorgarten scheißen und der
Strauch sich langsam aber stetig über die Veranda ausbreitet. In hundert
Jahren kann man nur noch erahnen, dass hier einmal Menschen gewohnt haben,
während die Pferde munter scheißen und der Strauch zum stattlichen
Baum herangewachsen ist.
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15.-16. November
2000 - Ocala NF, Juniper Springs
Voller Erwartung
waren wir, als wir den fast schon paradiesischen Campground befuhren. Der
Platz hier ist wie eine Oase und wenn ich mir bislang beim Lesen exotischer
Geschichten eine Oase vorgestellt habe, so schaute sie in etwa wie die
Recreation
Area der Juniper Springs aus. Großzügige Plätze
mit Feuerstelle und extra Grill. Der obligatorische Tisch und ein 2 Meter
hoher Holzpfahl mit Vorrichtung zum Aufhängen einer Öllampe.
Rundherum das allgegenwärtige Palmetto und die Palmen, deren
Anzahl seit der Überquerung der Staatsgrenze nach Florida erheblich
zugenommen hat. Ganz Florida , im besonderen der Ocala National
Park, können mit einer ganzen Menge Quellen aufwarten. Irrtümlicherweise
dachten wir, es müssten heiße Quellen sein, doch weit gefehlt.
Das Wasser, das hier aus dem Erdboden heraus kommt, ist zwar mit seinen
ganzjährigen 20°C nicht gerade kalt, aber heiß ist es auch
nicht. Trotzdem ist es eine willkommene Abwechslung, in dem klaren Wasser
dieser Quelle ein Bad zu nehmen. Wir sind zwar die Einzigen, die es bei
den "frostigen" Temperaturen (20°C im Schatten) wagen, ins kühle
Nass zu gehen, doch so haben wir den ca. 100 Meter weit entfernten Ursprung
des Juniper Creek für uns alleine. Aber die absolute
Krönung unseres Aufenthalts bei den Juniper Springs war die
fünfstündige Kanutour auf dem Juniper Creek . Man lässt
das Kanu kurz hinter dem Ursprung ins Wasser und das klare, durchsichtige
Nass, der feine weiße Sand am Grund und die dichte Vegetation geben
einem das Gefühl, im Dschungel unterwegs zu sein. Die Tierwelt tut
ihresgleichen dazu. Wir sehen Otter (worauf ich besonders stolz bin), Wasserschildkröten,
Alligatoren, Weißwedelhirsche (die 5 Meter vor unserem Kanu den Wasserlauf
überqueren, ohne sich von uns gestört zu fühlen), verschiedene
Wasservögel und Hunderte von Eichhörnchen. Die Fahrt ist nicht
ganz einfach gewesen. An einer Stelle mussten wir sogar das Kanu über
einen im Bach liegenden Baumstamm heben. Das war ein mittelschwerer Balanceakt
und hätte beinahe mein unfreiwilliges Baden bedeutet (in einem Gewässer,
in dem sich überall Alligatoren aufhalten können, nicht ganz
ungefährlich). Auch die Strömung ist nicht zu unterschätzen.
Nach 7 Meilen unberührter Natur gelangt man an eine Anlegestelle,
von der ein Shuttlebus alle halbe Stunde zurück zum Campground fährt.
An landschaftlicher Abwechslung und Naturerlebnis ist diese Kanutour
wohl kaum noch zu überbieten. Manchmal war es so still, dass Britta
und ich nur im Flüsterton miteinander redeten, um diese Stille nicht
zu zerreißen. Diese Tour ist ein absolutes Muss, wenn man sich auch
nur in der Nähe von Juniper Springs aufhält.
Auf
dem Campground erlebten wir auch die Invasion der Waschbären. Nichtsahnend
bereiteten wir in der Abenddämmerung unser Grillfleisch und einen
Salat vor. Als es schon dunkel war und wir unter unserer Öllampe das
Abendmahl (kleiner Gag am Rande) zu uns nahmen, hörte Britta
ein seltsames Knurren von der Seite. Die Taschenlampe brachte zwei
Racoons (Waschbären) zum Vorschein, die sich nur noch in einem
Meter Abstand zu unserem Tisch befanden. Waschbären sind normaler
weise nicht so menschenfreundlich und im Grunde ihres Wesens wild. Nur
das Füttern dieser Tiere bringt solch ein Verhalten hervor und kann
für den Menschen nicht ganz ungefährlich sein. Ein aggressiver
Waschbär, der seine gewohnte Fütterung einfordert, kann blutige
Biss- und Kratzwunden hinterlassen. Geschieht das, wird das Tier (und vielleicht
sogar seine ganze Familie) abgeschossen oder vergiftet, nur weil es so
goldig aussieht, wenn man dem Waschbären ein Stück Apfel hinhält
und er es dann in Bärenmanier verputzt. Hier in Amerika geht ein Wahlspruch
durch die Reihen, den man immer wieder lesen kann: (Übersetzt) "Ein
gefüttertes Tier ist ein totes Tier!" Wir hatten alle Hände voll
damit zu tun, die kleinen Vierbeiner von unserem Tisch fern zu halten und
nur die Kabine schien der letzte Zufluchtsort zu sein. Wir überließen
ihnen zwar das Feld, aber kein Krümelchen zum Fressen. Als sie das
einsehen mussten, ließen sie uns auch in Ruhe.
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18. November
2000 - Leesburg
Es gibt sicherlich
tausend Orte, an denen man nicht gewesen sein muss. Leesburg
gehört mit Sicherheit dazu. Es ist direktes Einzugsgebiet von Orlando
und an den Straßenrändern häufen sich unzählige Geschäftstempel.
Man hat das Gefühl, dass Konsum das Einzige ist, was diese Gesellschaft
am Leben hält. Man kann hier in hunderten RV-Centern (RV=Recreation
Vehicle=Erholungsfahrzeug) ein Vermögen für überdimensionale
Wohnmobile ausgeben, die eine einzelne Person kaum noch im Stande ist,
zu bewegen, geschweige denn darin alle Räume zu benutzen (unter dem
Motto: "Liebling, haben wir eigentlich den Raum hinter der vierten Achse
unseres Campers vermietet oder lebt dort Oma?"). Ein Einkaufszentrum jagt
das nächste. Hier kann man 24 Stunden am Tag einkaufen gehen, ohne
auch nur ein Stück von echtem Nutzen gekauft zu haben. Wal-Mart-Supercenter
ist die Krönung allen Einkaufens. Allein der Parkplatz bedarf einer
eigenen Straßenkarte und mindestens 100.000 Beschäftigte bemühen
sich um den potentiellen Kunden. Schon am Eingang bekommt man einen Einkaufswagen
von einem freundlich lächelnden Rentner überreicht, mit den besten
Wünschen für einen gelungenen Einkaufsnachmittag. Sicherlich
lebt er von den paar Kröten, die er hier verdient und stockt damit
seine bescheidene Rente auf und hasst es, die Kunden anzulächeln.
Doch hier ist Wal-Mart der Boss und der Kunde der König. Überall
sieht man glücklich lächelnde Angestellte, die nichts wollen,
außer dass der Kunde zufrieden ist. Und es sind hunderte. Wenn eine
Kassiererin nichts zu kassieren hat, steht sie auf und stellt sich vor
ihre Kassenstraße. Sobald ein umherirrender Kunde mit vollgeladenem
Einkaufswagen in ihre Nähe kommt, fragt sie freundlichst, ob man seine
Einkäufe getätigt hätte und ob man bereit wäre, es
an ihrer Kasse zu bezahlen. Erst wollten wir den Versuch starten, sie zu
bitten, sie solle uns den Wagen einfach an der Kasse vorbei fahren und
uns gefälligst den Kram noch ins Auto laden, doch das schien uns dann
doch zu mutig. Man bekommt sein teuer bezahltes Zeug zwar eingepackt (in
Hunderten von Miniatur-Plastiktüten, die uns im Camper als Mülltüten
dienen und so noch einer besseren Bestimmung zugeführt werden), doch
nur in wenigen Geschäften bekommt man seinen Kram auch zum Auto transportiert
und eingeladen. Das nennt sich in diesem Land "Service" und soll die Entscheidung
für eine bestimmte Einkaufskette leichter machen. Man kauft eh nie
das ein, was man wirklich braucht und hat danach meistens einen Haufen
Kram, den man gar nicht wollte. Also kann man auch dorthin einkaufen gehen,
wo man das Zeug ins Auto geladen bekommt. Wir geben zumindest in einer
Stadt wie Leesburg immer Hunderte von Dollars aus, ohne was gekauft
zu haben. Darin liegt wohl auch der Sinn dieser nichtsagenden Zentren am
Rand einer Metropole wie Orlando. "Hast Du was von Leesburg in
Erinnerung behalten? Nein, aber es hat uns 250 Dollar gekostet."
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20.-22. November
2000 - Disney World Orlando
Wir sind in der
Regel unter uns und meistens verbringen wir unsere Zeit an Orten, an denen
nicht viele Menschen zusammen kommen. Die meiste Zeit genießen wir
die Ruhe und die Einsamkeit. Manchmal hängt uns aber gerade das zum
Hals raus. Einsamkeit ist nichts Schönes. Wir sehnen uns eh schon
nach unseren Eltern und unseren Freunden, da erscheint die Menschenschlange
an der Supermarktkasse als willkommene Abwechslung ("Oh, haben sie auch
die super saugfähigen Einwegbinden der Firma Trustme gekauft?").
Auch die schönen Campingplätze, die atemberaubende Natur und
die Lagerfeuer werden mit der Zeit langweilig. Nach einer gewissen Zeit
ist es nicht mehr aufregend, in einem fremden Land an einem fremden Ort
ein Feuer zu entfachen und sich des Seins zu freuen. Das, was man sich
zu Hause manchmal so sehnlichst wünscht, ist hier zum Alltag geworden
und wir sehnen uns nach dem, was wir sonst so jeden Tag hatten. Auch die
Arbeit fehlt uns. Ich kann es auch fast nicht glauben, aber uns fehlt die
tägliche Aufgabe. Hier brauchen wir uns außer um Essen, Trinken
und Schlafen um kaum etwas anderes zu kümmern. Da fehlt einem manchmal
schon eine Herausforderung. Florida ist zudem so flach
und zugebaut wie die spanische Mittelmeerküste. Berge, die man erklettern
könnte, sind selten und Wanderwege gibt es so gut wie nicht (Ocala
National Forest und Everglades ausgenommen). Diese Erkenntnis
ist auf nüchternen Magen schwer verdaulich. Da glaubt man, man hat
das große Los gezogen und zieht durch die große, weite Welt,
um nichts anderes als Müßiggang zu betreiben, und dann wünscht
man sich nichts sehnlichster als ein geordnetes Berufsleben. Ein bisschen
habe ich ja damit gerechnet. Man wünscht sich immer das, was man gerade
nicht hat und tut sich schwer mit seiner jetzigen Situation. Auch wenn
wir den Verzicht auf Arbeit, Familie und Geselligkeit letztendlich auch
als Herausforderung sahen, dachten wir, dass ein Kurzzeitbesuch in Disney
World nicht schaden kann. Endlich mal Menschen um uns herum, ein Hotelzimmer
mit eingebauter Dusche (vielleicht sogar Badewanne), vergnügliche
Stunden in Disney World mit Karussellfahrten und beschwingender
Disneymusik, Frühstück im Restaurant, und, und, und. Ja, es sollte
eine Auszeit aus der Auszeit werden.
Disney World
Die Mafia ist
eine Sozialeinrichtung gegenüber dem Disney-Konzern. Bei ihr
weiß man zumindest, dass man um sein Geld betrogen wird und erhält
im Gegensatz zu Disney dafür meist noch eine gewisse Leistung
(z.B. Schutz vor Räubern und anderen Erpressern). Disney ist
es gelungen, seinen Kunden weis zu machen, sie haben sich frei entschieden,
den ganzen Disneymüll zu konsumieren. Dabei ist die Abzockidee des
längst verstorbenen Erfinders, Walt Disney (Gott hab ihn selig
und verschone ihn, dort wo er ist, mit dem was er hier auf Erden anderen
zugemutet hat), schon zur professionellsten Betrügermaschinerie gereift.
Im Vordergrund stehen natürlich die vielen Charaktere, angefangen
von Mickey über Pluto und Donald zu vielen
anderen Figuren, die ich überhaupt noch nie gesehen habe. Sie kommen
in unzähligen Filmen vor und beglücken zuweilen auch mal ein
erwachsenes Herz. In der Regel zielen die Filme aber auf kleine Kinder
ab, die dann unerlässlich - haben sie denn einmal von Disney World
gehört,
und das spricht sich in dieser Medienwelt recht schnell herum - ihre
Eltern mit Bittgesuchen bombardieren, um endlich mal nach Disney World
zu
kommen. Wir haben tausende entnervter Elternteile gesehen, die im
Tumult hunderttausender Besucher ihre Kleinen in Kinderwagen durch die
Mengen schoben, immer mit der Angst, man könnte den Balg an dem nächsten,
in Kinderhöhe angebrachten Souvenirregal aus den Augen verlieren.
Diese Disney-Tage waren für uns schon anstrengend, für
Eltern muss es eine harte Probe sein, die alle Geduld und ein stabiles
Nervenkostüm abverlangt. Hier fängt der Betrug schon an, denn
der zahlungsfähige Erwachsene hat selbst kaum ein Bestimmungsrecht,
ob er Disney World nun besuchen will oder nicht. Die Kinder beeinflussen
die elterlichen Entscheidungen und deshalb vermarkten sich Zeichentrickfiguren
so unglaublich gut. Doch auch wir, die wir nicht von unseren Kindern gezwungen
wurden, an diesem Spektakel teilzunehmen, erfuhren, dass Werbung sich nur
selten mit dem beworbenem Produkt deckt. So wird in hunderten Werbebroschüren,
Radiotrailern und Fernsehspots für ein einmaliges Freizeiterlebnis
geworben, was bunt und vergnüglich daherkommt, um uns vom Alltagsstress
zu erlösen und genau das Gegenteil passiert. Aber dazu später.
Das Courtyard Marriot Hotel, welches wir aufgrund eines noch akzeptablen
Preis-Leistung-Verhältnisses auserkoren hatten (69 $), erwies sich
hierbei noch als angenehmes Kurzzeitzuhause, welches ohne großen
Pomp und wenig Disney-Kram eine recht ordentliche Leistung bietet
und über angenehme Zimmer verfügt. In unmittelbarer Nähe
zu den Hotels befindet sich das sogenannte Disney-Downtown , eine
Fußgängerzone mit hunderten Disneyshops, Fresslokalen
und diversen Theaterpalästen, in denen Vorführungen stattfinden,
die alle Eintritt kosten und deren Besuch ein unvergessliches Erlebnis
verheißen. Eine künstliche Vergnügungsinsel mit dem verführerischen
Namen Pleasure Island kostet zum Beispiel 20$ pro Nacht/pro Person
(was zum derzeitigen Kurs 46,40 DM waren) und bietet nichts weiter als
das zweifelhafte Vergnügen, in einen oder mehrere Tanztempel zu marschieren,
um dort weiter Dollars für Essen und Trinken zu lassen. O.K., Live-Bands
spielen an verschiedenen Stellen und man bekommt vielleicht ein bisschen
das Gefühl von "Highlife", aber das kostet mich in einer normalen
Stadt einen Bruchteil davon. Ansonsten hat man in Downtown Disney
tausendfach die Möglichkeit, überteuerte T-Shirts mit Disney
-Aufdruck, Schnick-Schnack, den kein Mensch braucht und unzählige
Disney-Utensilien
zu horrenden Preisen zu kaufen, oder vielleicht noch eine "Ditsch-große"
Brezel für 3$ (6,96 DM) zu essen (Salz inklusive). Da Disney
das ewig große Areal besitzt und keine Konkurrenzgeschäfte zulässt,
hat man auch keine Alternativen (zumindest nicht im direkten Umfeld). Also
kauft man die überteuerte Brezel, weil man ja Hunger hat und irgendwann
kauft man auch etwas aus dem Souvenirshop, weil es soviel davon gibt. Die
eigentlichen Parks, wovon es mittlerweile vier gibt (Magic Kingdom
[identisch zu Euro-Disney-Paris],
Epcot [was immer das auch ist],
MGM-Studios
[Abklatsch der
Universal-Studios] und Animal Kingdom [Zoo
und Fantasiezoo gemischt zu einem einzigen Erlebnisterror]), sind nur über
Kilometer lange Straßen oder Wasserwege zu erreichen, die einzig
und allein (da Eigentümer) der Disney-Konzern kontrolliert.
Ein Tagesticket für nur einen Park (z.B. Magic Kingdom) kostet
48,76$ (= 113,12 DM Ende Nov. 2000). Dafür haben wir die meiste Zeit:
angestanden, uns durch Tausende von Menschen gezwängt, schlechtes
Essen zu abartigen Preisen zu uns genommen, sahen uns des Konsumterrors
dieses Konzerns ausgesetzt und hatten alles, nur keine ausgelassene Freude.
Ja, wir haben es fertig gebracht, drei bis vier Fahrgeschäfte zu absolvieren.
Dafür mussten wir entweder 60-90 Minuten warten oder einen sogenannten
Fastpass
lösen, der uns berechtigte, nach zwei Stunden sinnlosem Umherlaufens,
mit einer Wartezeit von nur noch 15 Minuten, eine meist eindrucksvolle
11/2 minütige Fahrt zu erleben. Gut, in diesen 11/2
Minuten war der ganze Ärger meist vergessen, doch es ist und bleibt
eine Phrase. Man verlässt keine Achterbahn, keine Wasserbahn und nicht
das sinnloseste Fahrgeschäft, ohne danach automatisch durch ein Einkaufszentrum
zu gelangen, indem man allen erdenklichen Mist zum Thema kaufen kann. Und
irgendwann bleibt auch der härteste Anti-Disney Besucher hängen
und kauft sich ein überteuertes Irgendwas, welches er mit großer
Gewissheit nach einem Jahr von einer Ecke zu anderen gelegt hat, um dann
frustriert festzustellen, dass er es nur aufgrund des überteuerten
Preises so lange aufgehoben hat. IN DISNEY WORLD KANN MAN NICHTS ERWERBEN,
WAS MAN IRGENDWANN EINMAL GEBRAUCHEN KÖNNTE ODER WAS ANNÄHERND
KLEIDSAM IST!!! Eduard Zimmermann (Nepper Schlepper Bauernfänger)
hätte seine wahre Freude daran gehabt, den Nepp dieses Konzerns aufzudecken.
Und ich bin davon überzeugt, dass sich in Deutschland so eine Abzockerei
schnell rumsprechen würde und zumindest die täglichen Besucherzahlen
beschränkt würden.
Trotzdem
hatten wir eigentlich drei schöne Tage in Disney-World , und
das nicht zuletzt, weil es endlich mal was Anderes war. Das nächste
Mal gehe ich nach Brühl ins Phantasialand.
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24.-30. November
2000 - Kissimmee
Roger
und Ramona stammen ursprünglich aus Minnesota. Sie verbringen
jedoch seit fünf Jahren jeden Winter in Florida , nämlich
genau hier auf dem Great Oak RV Resort Campground. Sie haben hier
ein Mobilhome gekauft, das für fünf Monate ihr Zuhause ist. Sie
ist 67 und er 69 Jahre alt. Und sie sind auch mit der Grund, warum wir
uns hier an diesem Platz - an dem es keinen berauschenden Blick aufs Meer
gibt - für etwas längere Zeit niedergelassen haben. Hier leben
fast ausschließlich ältere Herrschaften und alle treffen sich
hier im Winter. Im Sommer sind sie in Minnesota, South Dakota
, Virginia , Illinouis, Canada und sogar in Deutschland
. Hier kennt sich jeder und obwohl niemand wirklich etwas Wichtiges zu
tun hat, herrscht den Tag über doch recht muntere Betriebsamkeit.
So ist hier mal ein Gartentor anzubringen, dort muss die Zufahrt ausgebessert
werden und unentwegt spielen die Leutchen irgendwelche Spiele. Bowlen,
Poker (mit Groschen), Shuffle, Würfeln, usw. aber es gibt keinen Gruppenzwang.
Viele leben in Ihren Campern, die mehr oder weniger oft bewegt werden.
An viele sind schon Vordächer und ganze Terrassen angebaut und davor
ein kleiner Garten gepflanzt (immer ohne Zaun). Andere leben in sogenannten
Mobilhomes, die aussehen wie größere Gartenhaüschen, aber
an Ausstattung keine Wünsche offen lassen. Roger und Ramona
fühlen
sich absolut wohl hier. Geht ein Nachbar (und hier ist jeder Nachbar) am
Haus vorbei, so bekommt er ein paar freundliche Worte zugeworfen oder man
macht einen kleinen Spaß. Wir sind mit Abstand die Jüngsten
hier auf dem Platz, doch wir wurden herzlich aufgenommen. Das ist ein großer
Unterschied zu deutschen Campern. Wir standen schon auf einigen Campingplätzen
in Deutschland, die überwiegend von Dauercampern genutzt werden. Unabhängig
davon, dass sich Deutsche eh gegenüber Anderen verschanzen und
einmauern, wird man meistens misstrauisch beäugt und bekommt somit
gezeigt, dass man alles, nur nicht willkommen ist. Hier kommen meistens
gleich ein paar Leute auf einen zugelaufen und fragen, wo man herkommt,
wie lange man beabsichtigt zu bleiben und wo es danach hingehen soll. Nicht
selten werden dann schon nach diesem ersten Beschnuppern die ersten Einladungen
zum Kaffee oder zum Abendessen ausgesprochen. Roger und Ramona
bat
ich um die Nutzung ihres Telefonanschlusses bezüglich meines Internet-Updates
und sie sagten nur, ich solle rüber kommen. Sie wären zwar nicht
zu Hause, aber ich solle mir nehmen, was ich brauche. Das hat nichts mit
Leichtsinn zu tun. Gastfreundschaft wird hier einfach groß geschrieben
und in einem Land, in dem alle Haustüren, Autotüren und sonstige
Barrieren immer offenstehen (Großstädte ausgenommen), klaut
niemand und nimmt keiner dem Anderen etwas weg. Im Gegenteil, es kommt
schon mal vor, dass einem der Nachbar ein paar Eier in die Küche stellt,
weil er gerade mal im Supermarkt war. Dieses Vertrauen löst etwas
aus, was auch dem bösestem Gedanken entgegenwirkt. Es setzt automatisch
die Hemmschwelle nach oben und an einen Betrug denkt keiner. Wir haben
das jetzt schon so oft erlebt, dass wir uns schon komisch vorkommen, wenn
wir bei Verlassen unserer Kabine die Tür verschließen. Es würde
niemals jemand unaufgefordert unseren Camper betreten, davon bin ich überzeugt
und genausowenig würde ich einfach in die Haustür von Roger
und Ramona spazieren. Doch die Tatsache, dass sie es mir nahegelegt
haben, hat sofort etwas Freundschaftliches ausgelöst und seit unserem
ersten Tag hier fühlen wir uns wie die wohlbehüteten Küken
im Nest unserer Zieheltern. Wir haben schon einige schöne Abende bei
Roger
und Ramona im Haus verbracht und ihre Herzlichkeit ist einfach beeindruckend.
Wir leben hier mitten in einem Camping-Altersheim und haben uns noch nirgends
so gut aufgehoben gefühlt.
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01. Dezember
2000 - Kissimmee
Es ist nicht nur
die Tatsache, dass wir von den Campingplatzbesitzern eine weitere Nacht
geschenkt bekommen haben (was eine Ersparnis von ca. 45 DM bedeutete),
auch das Gefühl, einen Platz gefunden zu haben, an dem wir uns wohl
fühlten, an dem wir Kontakte zu anderen Leuten aufgebaut haben, einen
Platz, der zwar nicht sonderbar schön gelegen ist, der aber mit einem
anderen wichtigen Aspekt aufwarten konnte, der für unser Wohlbefinden
von unschätzbarem Wert war. Ich will das mal so erklären:
Am
vorletzten Abend kamen zwei ältere Herren zu unterschiedlichen
Zeitpunkten unabhängig voneinander zu unserem Camper, um uns
mitzuteilen, dass am gleichen Abend ein Space-Shuttle von Cape
Canaveral
starten würde, welches man von unserem Campground ausgezeichnet
sehen konnte. Der eine Mann - dessen Name ich leider ebenso wenig behalten
konnte wie die tausend anderen Namen der vielen Leute, die sich mir vorgestellt
haben - konnte sich nicht mehr genau an die Startzeit erinnern und
schränkte die Zeit auf etwa zehn Minuten ein. Später kam
er noch einmal vorbei, um uns die genaue Startzeit mitzuteilen: 22:06
Uhr. Aber warum hat er das gemacht? Ist ihm denn so langweilig, dass
er nicht weiß, mit was er sich beschäftigen soll und macht sich
deshalb die Mühe, für uns die exakte Startzeit für einen
Space-Shuttle-Start rauszusuchen, den wir vielleicht gar nicht sehen möchten?
Oder ist er einfach nur freundlich und bemüht sich, ein zuvorkommender
Mensch zu sein? Als ich beide Herren am Tag danach traf und ihnen mitteilen
musste, dass wir den Start verschlafen hatten, waren beide unabhängig
voneinander nicht erbost oder persönlich verletzt. Sie bedauerten
uns, dass wir das Erlebnis verpasst hatten und einer verfluchte sich sogar,
weil er nicht bei uns geklopft hatte. Und dann gingen beide dazu über,
mir einen ausführlichen Bericht über den Space-Shuttle-Start
zu liefern, und ich bin davon überzeugt, dass mir in diesem Fall die
Erzählung lieber war als das Original-Schauspiel.
Die
Leute auf dem
Great Oak RV Resort waren fast alle älteren Semesters
und konnten mit Gewissheit alle unsere Eltern sein. Den letzten Abend verbrachten
wir noch mal bei Ramona und Roger, die nicht viel Aufsehens
machten und ein paar Nachos und Soßen dazu auf den Tisch stellten.
Wir tranken Wein und hatten wirklich eine ausgezeichnete Zeit mit diesen
Leutchen. Ich glaube, wir waren einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen
Ort. Hier haben wir unsere Pflegeeltern gefunden, die uns in dieser kurzen
Zeit mit Rat und Tat zur Seite standen und uns die Sehnsucht nach unseren
eigenen Eltern etwas vergessen ließen.
Am
Tag unserer Abreise kamen noch mal der ein oder andere vorbei, um "Good-bye"
zu sagen, nicht ohne noch einen Tipp zur bevorstehenden Fahrt loszuwerden.
Mit einem weinenden Auge verließen wir das Plätzchen in Kissimmee
und unsere neuen Freunde Ramona und Roger, mit der Hoffnung,
sie irgendwann einmal wiederzusehen.
Jetzt
könnte ich mir durchaus vorstellen, im Alter auf einem Campingplatz
in Florida mit all den anderen Alten meinen Lebensabend zu genießen,
Shuffle
oder Poker zu spielen, am Pool zu liegen und ein Schwätzchen
mit einem anderen Alten zu halten.
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03.-04. Dezember
2000 - Fort de Soto Park
Ein gleißendes
Licht, wie ich es eigentlich nur aus Spanien kenne, erstickt auch
nur die geringste vorweihnachtliche Empfindung schon im Keim. Die Palmen,
die hier den Wegesrand säumen, verstärken den Eindruck von Sonne,
Strand und Sommer und zumindest letzteres trifft zumindest zum jetzigen
Zeitpunkt absolut nicht zu. Auf einer kleinen Inselgruppe, direkt vor dem
größten Ballungsgebiet an der Westküste Floridas,
erstreckt sich der Fort De Soto Park in den Golf von Mexiko,
benannt nach einem seiner spanischen Entdecker Hernando De Soto,
der hier 1539 eine seiner Expeditionen startete. Erst als der Konflikt
zwischen Kuba und den USA im Jahre 1898 zum spanisch-amerikanischen
Krieg führte, bekam die Inselgruppe, die der Tampa Bay vorgelagert
ist, eine wichtige strategische Rolle. Man erbaute darauf für
damalige Zeit schwindelerregend große Geschütze, die heute noch
zu bewundern sind. Die Festungsanlagen liegen hinter einem Schutzwall
und jedes Schiff, welches sich ungenehmigterweise derTampa Bay näherte,
bekam im wahrsten Sinne des Wortes einen vor den Bug und wusste noch nicht
mal, woher die Geschosse kamen. Das Fort verlor aber schon bald an Bedeutung
und die großen, unbeweglichen Kanonen erwiesen sich schon als nicht
mehr zeitgemäß, als der 1. Weltkrieg ausbrach. 1917 wurden die
ersten Teile der Anlage anderweitig verarbeitet. Heute ist die Inselgruppe
ein Erholungsgebiet mit eindrucksvollen Stränden und einem fast paradiesischen
Campingplatz. Pelikane kreisen am Himmel und stoßen in regelmäßigen
Abständen immer wieder in das Wasser des Golfs hinab.
Die Sonne scheint und erwärmt die Luft auf angenehme Temperaturen.
Doch auch hier ist Winter und es herrschen rauhe Winde. Die Strände
sind endlos lang und weiß. Die Körnung ist grob und wenn man
den Sand in die Hand nimmt, hat man nichts anderes als Abermillionen kleinster
Muschelteilchen in der Hand. Es sind kaum Menschen unterwegs und wir wundern
uns nicht darüber. Für die sonnenverwöhnten Floridaner herrscht
gerade tiefster Winter und nicht selten sehen wir Menschen in Winterjacken
an uns vorüber gehen. Als wir auf unserem Platz im Campground stehen,
geht schon die Sonne langsam unter. Der Himmel färbt sich erst rosa,
dann weinrot, um sich dann in ein dunkelblaues Tuch zu verwandeln, das
langsam, aber stetig den Himmel verdeckt. Der Mond steht als Sichel am
Himmel und verkündet eine kühle, sternenklare Nacht.
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06.-07. Dezember
2000 - Hudson
Christine Rendina
ist eine Freundin meiner Tante Marga aus Chicago . Sie verbringen
alljährlich eine Woche im Winter in Christines Haus in Hudson,
Florida wobei Christine aus England anreist. Es lag für
uns auf der Hand, dass wir sie dort besuchen werden, wenn wir es einrichten
konnten. Da zeigt sich mal wieder, wie einfach man seine Pläne ändern
kann, wenn man erst gar keine Pläne macht. Deshalb war für uns
von Anfang an klar, dass wir auf unserer Reise keine Route ausarbeiten
werden, die uns zu sehr in unserer Entscheidungsfreiheit eingeengt hätte.
Die Aussicht, mal wieder mit Leute zusammen zu kommen, war recht verlockend.
Peter,
Christines Ex-Mann, war auch vorort. Diese Beiden gaben ein recht amüsantes
Paar ab. Seit fünf Jahren getrennt, verwalten sie dennoch das Haus
in Florida gemeinsam, während sie ihm und er ihr
alle
Schuld des gemeinsamen Versagens in die Schuhe schiebt. Unter vier Augen
versuchen Beide ihren Stachel der gegenseitigen Hetze zu injizieren, mit
der Wirkung, dass man Beide als vom Leben enttäuschte Menschen ansieht,
die einerseits zu bedauern, anderseits selbst an ihrer Situation schuld
sind. Dann wiederum sitzen sie gemeinsam beim Abendessen und erzählen
so herzlich von vergangenen Zeiten, dass man sich zwangsläufig fragt,
warum sich die Beiden getrennt haben. Aber das möchte ich jetzt nicht
hier erörtern. Nichts desto weniger waren Beide ausgezeichnete Gastgeber
und wir sind froh, sie kennengelernt zu haben. Meine Tante Marga
war froh, uns wieder zu sehen und das beruhte ganz auf Gegenseitigkeit.
Das Haus war
eine Wucht. Mit vier Schlafzimmern, 10 Betten, einer Küche mit einer
riesigen Frühstückstheke, zwei Essecken, Fernsehzimmer,
Empfangsraum und last but not least einem 13 Meter langen Pool mit
eingebautem Wirlpool. Von vier Zimmern hat man direkten Zugang zum Pool.
Hier lässt es sich gut leben und bei Bedarf sicher auch gut sterben
(in einem der 10 Betten oder vielleicht im Wirlpool). Auf jeden Fall verbrachten
wir eine gute Zeit in diesem Haus. Christine und Peter luden
uns nach England ein (getrennt) und mit großer Wahrscheinlichkeit
werden wir die Einladung auch annehmen. Der Abschied von meiner Tante fiel
natürlich wieder einmal schwer, wobei ich irgendwie das Gefühl
habe, dass wir sie bald wieder sehen.
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11.-14. Dezember
2000 - Florida Keys
Es ist nicht wie
im Paradies, es ist das Paradies. Ich sitze in meinem Liegestuhl, die Füße
hochgelegt und das Notebook auf den Knien. Mein Blick geht hinaus auf den
Ozean, der sich ruhig und zahm vor mir ausbreitet. Ganze vier Meter trennen
mich und das endlose Nass. Der warme Südwind umweht meinen Kopf, meine
Haare, meine Ohren und die Nase, die den Duft von Meer und Salz wahrnimmt.
In unmittelbarer Nähe stehen Kokospalmen, die den Eindruck, man befände
sich im Garten Eden, nur verstärken. Pelikane lassen sich mit dem
Wind den Strand entlang treiben und spähen unentwegt ins Wasser. Dann,
absolut unvermittelt, stürzen sie sich kopfüber ins Meer und
tauchen unter, um mit ihren Schnäbeln ihre Beute festzuhalten, die
sie danach mit einem in die Luft gereckten Kopf den Hals hinunter gleiten
lassen. Auch Möwen, Strandläufer sowie Reiher tummeln sich hier
am Ufer und machen offensichtlich ganz gut Beute. Am Horizont sehe ich
ein Segelboot und ich vermute, dass die Kapitäne eine eindrucksvolle
Sicht auf die Florida Keys haben. Es ist einfach traumhaft
und für uns Europäer ist das Klima mitten im Dezember wie Balsam
für die Seele, wo wir doch wissen, dass sich unsere Lieben zu Hause
zu diesem Zeitpunkt entweder nasse Füße holen oder gar den Allerwertesten
abfrieren. Obwohl, auch hier hält das Wetter so manche Überraschung
bereit. So sind wir gestern bei sintflutartigen Regenfällen hier auf
Long
Key angekommen und es schien, als werde die Inselgruppe vor der Südküste
Floridas
von
den Wassermassen überspült und verliere sich so im Atlantischen
Ozean. Innerhalb weniger Minuten entstanden auf den Straßen ganze
Seen und die Scheibenwischer des Autos waren hoffnungslos überfordert.
Hier herrschen eben tropische Verhältnisse in Süd-Florida
, wen wundert's, dass danach wieder strahlendblauer Himmel war...
...jetzt sind
nur ein paar Stunden vergangen und soeben ereignet sich etwas Wunderschönes.
Vor einigen Minuten ging im Westen die Sonne als große orangefarbene
Scheibe unter. Wir sitzen mit unseren Stühlen gen Süden
und der Strand verläuft genau im rechten Winkel. Das Wasser vor den
Keys
wird in leichten, kleinen Wellen an den Sandstrand getragen. Als quasi
rechts von uns die untergegangene Sonne den Himmel noch in leichte Pfirsichfarben
hüllt und sich der Nachthimmel immer weiter über den westlichen
Horizont schiebt, geht mit einem mal links von uns - also genau im Osten
- der Vollmond als ebenso große Scheibe auf. Zwischen Sonnenuntergang
und Mondaufgang lagen vielleicht fünf Minuten. Der Mond ist nicht
nur genauso groß wie die Sonne, er hat sogar die gleiche Farbe, als
wolle er zeigen, dass er genauso hell und strahlend leuchten kann. Die
Szenerie ist ähnlich und doch wieder ganz anders. Die Sonne zog einen
dunklen Vorhang hinter sich her, der den Himmel verhüllte. Der Mond
erstrahlt hinter einem schwarzen Samttuch, bei dem sich die kreisrunde
Form des Mondes scharf abzeichnet. Ich frage mich, ob wir eben etwas Besonderes
erlebt haben - zu einer Zeit im Jahr, in der der Tag und die Nacht gleich
viele Stunden für sich beanspruchen. Zu einer Phase, in der der Mond
in puncto Kreis der Sonne in nichts nachsteht. An einem Abend, an dem kaum
ein Wölkchen den Himmel trübt und wir von unserem Standpunkt
freie Sicht bis zum Horizont nach Osten wie nach Westen haben - genau in
diesem Moment vollführt die Natur für uns, die wir wie Zuschauer
genau in der Mitte der Achse sitzen, ein Schauspiel, das so atemberaubend
ist, dass ich fest davon überzeugt bin, dass wir etwas ganz Besonderes
erlebt haben.
Die Art des Erlebnisses
war zumindest für uns persönlich einmalig und leider auch nur
von kurzer Dauer. So schnell war dieser Moment vorbei, so klein das Zeitfenster,
in dem es geschah, dass das Erlebte jetzt nur noch Vergangenheit ist, so
wie tausend andere Momente auch, die ich nicht in meinem Tagebuch erwähnt
habe. Übrig bleibt nur die Erinnerung und selbst die schwindet so
langsam dahin.
Jetzt sind wir
schon seit vier Monaten in unserem Camper unterwegs. Ich schreibe zwar
eifrig Tagebuch, doch nur selten lese ich ein paar Zeilen, die ich
vor kurzem selbst verfasst habe. Jeder Tag war bislang gefüllt mit
Ereignissen und doch sind es nur die Zeilen meines Tagebuches, die das
Erlebte wiederspiegeln. Mir selbst fällt sogar manchmal nicht mehr
ein, wo wir uns gestern befunden haben, und Erfahrungen, die länger
als einen Monat her sind, scheinen Jahre zurück zu liegen. Die Zeit
fliegt. Noch haben wir zwei Drittel unserer Reise vor uns, aber ich kann
den Moment fast schon greifen, wenn ich in mein Tagebuch schreiben werde:
"Jetzt haben wir nur noch ein Drittel unserer Reise übrig" und das
einzige, was wirklich gewiss ist, ist die Tatsache, dass diese Reise auch
ein Ende haben wird. Dann scheinen die endlosen Wochen der Vorbereitung
so weit entfernt. Der Zeitraum, der sich wie Kaugummi zog, als die Reise
noch in ferner Zukunft lag, ist dann nur noch einen Sekundenbruchteil in
unserer Erinnerung. Die Reise selbst ist nur noch bruchstückhaft in
unseren Köpfen und wir werden es vermutlich nicht fassen können,
wie schnell die Zeit verging.
Die Zeit ist
so bedingungslos grausam, so unaufhaltsam stetig in ihrem Fortgang, dass
man jeden einzelnen Moment auskosten sollte. Zu sehr ist man verleitet,
in der Vergangenheit oder gar in der Zukunft zu leben, sodass man vom Jetzt
rein gar nichts hat. Zu kostbar sind die Momente, in denen wir bewusst
leben, erleben - vielleicht einen Abend wie den heutigen, an den
ich mich vielleicht in drei Tagen kaum noch erinnern kann. Aber ich weiß,
dass ich ihn bewusst erlebt und in vollen Zügen genossen habe. Und
wenn ich diese Zeilen wieder einmal lesen werde, darf ich noch einmal daran
teilnehmen.
Ist ja wohl selbstverständlich,
dass neben uns auf dem Campground Elke und Wolf standen.
Zwei Amerikaner, deren Namen aber schon ganz klar erkennen lassen, dass
sie ursprünglich aus Deutschland stammen. Elke ist aus keiner
anderen Stadt als Mainz und Wolf stammt aus Bayern. Die Welt
ist und bleibt ein Dorf.
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