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Story |
St. Lawrence Strom,
Gaspé Halbinsel, Québec
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10.-11. September
2000 - Kouchibouguac NP
Wenn man durch
ein Land wie Kanada fährt und jeder Flecken dieses Landes einem Naturschutzgebiet
ähnelt, dann kann man sich kaum vorstellen, wie hier ein echtes Naturschutzgebiet
aussieht. Die Kanadier haben wie auch die Amerikaner State Parks
bzw. State Forests oder Provincial Parks, die durchaus auch
wirtschaftlich genutzt werden, und es gibt die National Parks, die
nur als Naturpark dienen und bei denen die Natur an erster Stelle steht.
Erst dann kommt der Tourismus, der nicht unwesentlich zum Erhalt des Parks
beiträgt. Der Kouchibouguac National Park ist nicht gerade
groß, aber er zeichnet sich wie die meisten nordamerikanischen National
Parks durch eine "natürliche" Besonderheit aus. Hier ist der Küste
eine Sandbank (-Düne) vorgelagert. Dadurch entstand zwischen Düne
und Strand ein Lebensraum, den viele seltene Vogelarten ihr Zuhause nennen.
Wir standen oft am Ufer und beobachteten mit unseren Ferngläsern das
Treiben im und ums Wasser. Und nicht zuletzt ist allein der Anblick eine
Erholung für die Seele.
Wir erkundeten
den Park mal wieder zu Fuß und wir finden, es ist nach wie vor immer
noch die beste Art, seine Umgebung richtig kennenzulernen. Der Baumwuchs
hier an der Küste ist nicht ganz so hoch und unsere Wanderung war
lange nicht so beschwerlich wie vor kurzem im Algonquin Provincal Park.
Hier gibt es zum einen kaum einen Hügel und zum anderen sind die Wege
in einem sehr guten Zustand. "Über jedes Bacherl führt a Brückerl"
(sorry - ein in diesem Fall absolut zutreffendes Zitat von Stefanie
Hertel ) und kein Stein und kein Baumstamm versperren einem den bequemen
Gang. Das ist allerdings typisch für die kanadische Parkverwaltung.
Wir gingen immer am Ufer des Kouchibouguac Rivers entlang und bewunderten
oft die Werke der Biber, die hier Bäume gefällt haben, die so
groß und schwer sind, dass die Biber sie nach getaner Arbeit keinen
Zentimeter mehr bewegen konnten. Graureiher, die einfach nur im Wasser
stehen und warten, bis ihnen ein Fisch vor den Schnabel schwimmt. Und immer
wieder müssen wir einen Bogen um irgendwelche Exkremente machen, die
in verschiedenen Formen und Farben als scheinbarer Beweis für die
Existenz wilden Lebens im Park den Weg säumen. Wenn wir heimkommen,
können wir zumindest behaupten, wir hätten die Scheiße
aller erdenklichen Tiere gesehen, auch wenn wir die Produzenten nie wirklich
zu Gesicht bekamen. 18 km legten wir an diesem Tag zurück und 43/4
Std. waren wir unterwegs. Wir waren fast immer für uns, denn der Park
ist schon kurz vor seinem Winterschlaf. Apropos Winterschlaf - seit wir
Ottawa
verlassen haben und an der Küste des St. Lawrence Stroms hoch
fahren, haben wir jeden Tag Sonnenschein, angenehme 20°C und überhaupt
das ideale Wetter für Außenaktivitäten. Der Winter lässt
hier oben auch noch auf sich warten. Jede Nacht gehen die Temperaturen
zwar auf 5°C zurück und der Nachthimmel ist sternenklar, doch
tagsüber laufen wir im T-Shirt und kurzer Hose umher - wer hätte
das gedacht?
Der Kouchibouguac
National Park ist ein kleiner und feiner Nationalpark, der zwar nicht
die umwerfenden Naturschauspiele bietet, aber für eine ausgedehnte
Wanderung immer noch spektakulär genug ist.
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13. September
2000 - Prince Edward Island
Es regnet. Es
hat sich ein dichter Wolkenvorhang vor die Küste der Prince Edward
Island gehängt und der Wind scheint diesen dichten Vorhang über
die Insel treiben zu wollen. Es ist nicht kalt (17°C), aber es geht
ein starker, fast schon böiger Wind (Jana würde es lieben). Aber
es passt hier her und wir sind nicht traurig deswegen. Nicht zuletzt, weil
wir uns in unserer Kabine bei Tee und Keksen so wohl fühlen. Aber
in der Nacht dachten wir, uns würde der Wind vom Boden aufheben und
in den Atlantik wehen (was er natürlich nicht tat). Wir stehen im
Cabot
Beach Provincial Park an der Nordküste der Insel auf einem Public-Campground
fast ganz alleine. Der Platz hat Hunderte von Stellplätzen, aber nur
noch wenige Camper zieht es in die freie Natur. Wir müssen uns die
Campgrounds schon raussuchen, die noch nicht geschlossen haben. Und auch
dieser Provincal Park schließt am kommenden Wochenende seine Tore.
Hier oben im Norden hält der Sommer nur ein kurzes Gastspiel und die
Sommereinrichtungen haben längstens 5 Monate geöffnet. Uns würde
es schon einmal interessieren, wie es hier im Winter aussieht, doch so
groß ist der Reiz auch wieder nicht, sich die Füße abfrieren
zu lassen. Die Insel selbst gleicht der Pfalz in Deutschland. Hier
wird hauptsächlich Ackerbau in Form von Kartoffelanbau betrieben.
Deshalb wunderte es uns auch nicht, dass die erste Fabrik, die wir zu Gesicht
bekamen, eine Pommes-Fabrik der Firma Mc Cain war. Ansonsten ist
die Insel zwar mit einer schönen Steilküste ausgestattet, doch
landschaftlich hat sie nicht viel zu bieten. Unsere geliebte Pfalz
braucht sich weder bezüglich der Landschaft noch ihrer Kartoffeln
wegen zu verstecken - im Gegenteil, wer wie ich ein Fan von Funny Chips
Frisch ist, der weiß, dass diese aus pfälzischen Kartoffeln
gemacht werden und die sind ja wohl unschlagbar. Aber das nur am Rande.
Als wir schon
auf dem besten Weg waren, uns für die kommende Nacht zu richten und
wir schon in der Koje lagen, spazierte plötzlich eine Katze an unserem
Fahrzeug vorbei, im Schlepptau einen Fuchs, der der Katze ganz offensichtlich
den Hof machte. Der Fuchs machte gar kein Hehl daraus, dass er sich in
die Dame fremder Rasse verliebt hatte und warf sich immer wieder in dramatischen
Szenen vor der Katze auf den Boden, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Er zeigte sich von seiner schönsten Seite und warb um die Gunst der
Katze. Sie wehrte ihn allerdings bei jeder Annäherung energisch ab
und führte den liebestollen Fuchs geradewegs unter unser Schlafzimmerfenster.
Dort beobachteten wir das Schauspiel eine ganze Weile und konnten aus zwei
Meter Entfernung sogar die Geräusche hören, die die Beiden von
sich gaben. Ein seltsames Paar. Uns hätte schon mal interessiert,
wie das Ergebnis ausgesehen hätte, wenn die Katze nicht so schüchtern
gewesen wäre.
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15.-18. September
2000 - Kejimkujik NP
Was hat uns ein
Freund (danke für den überaus bedenkenswerten Kommentar) als
e-Mail zukommen lassen: "Ihr treibt Euch ja nur in National Parks herum!"
Na, wo er recht hat, hat er recht. Aber das hat sich dann eh bald erledigt,
da es in den Oststaaten der USA. nicht mehr so viele National Parks gibt
und da führt uns demnächst unsere Reise hin. Aber deshalb schreibe
ich das nicht, sondern ich möchte auf ein Ereignis hinweisen, was
uns klar gemacht hat, dass die National Parks gut organisiert, einwandfrei
kartographiert und alles in allem der perfekte Ort sind, an dem man genau
das erleben kann, was wir uns gewünscht haben. Nämlich viel,
viel Natur, gute Wander- bzw. Kanumöglichkeiten und viel Ruhe. Aber
genau diese Vorteile eines jeden Naturparks bringen einen erheblichen Nachteil
mit sich. Das alles befindet sich meist weit hinter dem Mond oder zumindest
liegt die nächst größere Stadt mit mehr als hundert Einwohnern
nicht direkt nebenan. Nein, hier in der Umgebung gibt es genau zwei Straßen.
Eine führt von hier nach Osten an die Küste von Nova Scotia
und die andere führt entgegengesetzt an die Westküste. Zwischendrin
liegt in beiden Fällen auf einer Strecke von ca. 70 km nichts als
Wald. So, und nun kommt das, was ich Pech nenne. Kennt jemand einen Zahnarzt,
der sich mitten im Wald ansiedelt, nur um einen durchgeknallten deutschen
Touristen am Wochenende einer Zahnbehandlung zu unterziehen? Nein, wir
kennen auch keinen und haben auch keinen kennengelernt. Aber wir hätten
einen benötigt, zumindest ich hätte dringend einen gebraucht.
Als hätte der Zahn solange gewartet, bis er sich hundert Prozent sicher
war, dass im Umkreis von 100 Kilometern kein Zahnarzt anzutreffen ist.
Naja, das lief dann darauf hinaus, dass ich solange gewartet habe (und
bis dahin mindestens 5000 homöopathische Pillchen und mindestens ein
Glas amerikanische Aspirin in mich hineinschaufelte), bis die Schmerzen
nachließen. Bis jetzt bin ich mir nicht im Klaren, ob ich meine Nerven
mit einer Überdosis Medizin abgetötet habe oder mein Zahn aufgegeben
hat. Aber das wird sich sicher noch herausstellen.
Dieser kleine
Zwischenfall und die Tatsache, dass es bei unserer Ankunft im Kejimkujik
National Park wie aus Eimern goss, beeinträchtigte etwas unser
Wohlbefinden. Zudem standen wir auf einem Campground, der im dichten Wald
liegt und man an dem bisschen Licht, das durch die Baumzipfel scheint,
kaum feststellen konnte, ob es Morgen oder Abend war, insbesondere, da
es bewölkt war und eh keine Sonne schien. Tja, da sitzt man in seiner
Kabine, teilt sich mit seiner Frau 21/2 Quadratmeter und hofft
insgeheim, dass man bald wieder vor die Tür kann. Aber es kam alles
noch zu einem guten Ende. Meine Zahnschmerzen verbesserten sich auf ein
erträgliches Maß, die Sonne schien von jetzt auf gleich wieder,
als wollte sie sagen: "was habt ihr denn, ich war die ganze Zeit da" und
wir konnten dann auch wieder vor die Tür, was wir auch taten.
Der Kejimkujik
National Park ist in erster Linie ein großer See, den man mit
seinem eigenen oder einem geliehenen Kanu befahren kann. Und genau das
haben wir auch getan. Man fühlt sich wie ein Indianer, wenn man so
durch den See paddelt. Und der Witz daran ist, genauso haben sich die Indianer
wahrscheinlich hier auch fortbewegt. In dem See, der übrigens genau
wie der Park heißt, nämlich Kejimkujik Lake, befinden
sich dutzende kleiner Inseln, die ein Kanuabenteuer erst richtig spannend
machen. Wir hatten nur die Ausdauer für eine Insel, aber wenn man
mal auf einer angekommen ist und so auf den See blickt, dann wird einem
schnell klar, dass es auf den anderen Inseln auch nicht anders aussieht.
Trotzdem stellt sich ein befriedigendes Gefühl der Naturverbundenheit
ein. Hier auf einer dieser kleinen Inseln - auf der es keine Straße,
kein Haus, keinen Strom oder sonstige Zivilisationsbeweise gibt - ist man
der ursprünglichen Erde etwas näher. Hier hat sich seit Hunderten
von Jahren nichts verändert. Hier sieht es aus wie es zu Zeiten der
Indianer auch ausgesehen hat. Vielleicht war einer dieser Inseln sogar
ein heiliger Ort, auf dem die Toten begraben wurden oder bestimmte Zeremonien
abgehalten wurden. Aber obwohl es noch so aussieht, hat sich die Welt ringsherum
verändert. Schade, dass die Steine und Bäume hier nicht sprechen
können, sie hätten bestimmt etwas zu erzählen. Eine Tatsache
dürfte die meisten noch lebenden Indianer ungemein freuen: Mindestens
eine der Inseln im Kejimkujik Lake wurde nach einem berühmten
Indianer benannt. Sinnigerweise nach dem Indianer, der als erstes seine
Federn in die Ecke geschmissen hat und Farmer wurde. (Auf den ist der Rest
bestimmt eh nicht sonderbar stolz). Wie man unschwer erkennen kann, ist
selbst der Park nach einem Indianerwort benannt, dessen Bedeutung in keiner
der vielen Broschüren zur Sprache kam. Die hier lebenden Weißen
wissen es sicherlich selbst nicht und können das Wort ebenso wenig
aussprechen, wie wir es können und nennen ihn kurzerhand "Kei-jim".
Aber ganz scheinheilig betreibt der "Weiße Mann" Aufklärung
und steht zu seinem Land und dessen indianischen Ursprung, indem jeder
Park und jeder zweite Wanderweg einen indianischen Namen erhält (den
er vor der Besiedlung durch Europäer bestimmt auch schon hatte), während
die Ureinwohner in entlegenen Reservaten nur noch von ihren Urgroßvätern
wissen, dass sie hier mal im Kanu über den Kejimkujik Lake gefahren
sind.
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19.-23. September
2000 - Acadia NP
So langsam haben
wir den normalen Wahnsinn überschritten. Selbst wenn man ziemlich
lange Urlaub hat, würde spätestens jetzt jeder normal sterbliche
Urlauber wieder im Flieger Richtung Europa sitzen, würde sich auf
sein Zuhause freuen und insgeheim Pläne für die kommenden Wochen
schmieden. Nach über 6 Wochen kehrt bei uns so was wie Alltag ein.
Kein Arbeitsalltag, aber dennoch eine gewisse Abfolge von Ritualien, die
zu unserem täglichen Dasein gehören. So stehen wir morgens früh
auf (zwischen 6 und 8 Uhr) und genießen in aller Ruhe einen frisch
aufgebrühten Kaffee, fünf sechstel Normalkaffee, ein sechstel
Vanillekaffee und eine Prise Kakao. Manchmal machen wir Eier, aber meistens
begnügen wir uns mit unserem selbst- und meistens frischgebackenem
Brot, Marmelade und diversem Käse. Für jeden fallen zwei Tassen
des gut schmeckenden Kaffees ab und manchmal hören wir auch Deutsche
Welle. Der kleine Weltempfänger gibt sich die größte
Mühe, uns das Neueste aus Deutschland zu übermitteln, mal recht
gut und verständlich, dann mal wieder eher verrauscht und durchweg
mit Aussetzern. Aber wir sind eigentlich immer auf dem neuesten Stand und
das Wesentliche bekommen wir mit (Mittlerweile ist uns bewusst, dass man
die wichtigsten Weltneuigkeiten in zwei Minuten mitteilen kann). Wer sich
jetzt wundert, warum wir so früh aufstehen, dem kann ich nur sagen,
dass wir auch früh ins Bett gehen, nämlich selten später
als 22 Uhr und das ergeben mindestens acht Stunden Schlaf, die wir in Deutschland
selten hatten. Danach kommt es auf unsere Tagesplanung an, aber spätestens
um 10 Uhr sind wir entweder auf der Straße oder mitten in der Natur.
Und
das sind wir auch jetzt wieder, im Acadia National Park. Und bevor
es jemand fragt, sag' ich es euch gleich: Nein, es wird nicht langweilig.
Ich gebe zwar zu, dass man sich auch an Naturwunder oder ähnliches
gewöhnen kann, aber das ändert nichts an der Tatsache,
dass es trotzdem sehr erholsam ist. Mehr sogar noch. Es ist jedesmal wieder
ein unvergleichliches Erlebnis, wenn man auf einem Bergrücken steht
und die weichen Hügelketten der Mount Desert Island im Atlantik
versinken sieht. Die Sonne spiegelt sich im Meer und die zerklüfteten
Felsformationen der von Gletschern geformten Inseln ragen durch den halbwüchsigen
Baumbestand. Skurrile Gebilde, die sich gegen Wind und Wetter einen Stand
auf schroffem Fels geschaffen haben. Manchmal steht nur noch ein Stamm,
der seine vertrockneten und knochigen Äste in alle Himmelsrichtungen
spreizt, als wolle er aus der Luft neue Lebensenergie ziehen. Das Blau
des Himmels hebt sich vom Grau des Atlantiks ab und erweist sich als kontrastreicher
Hintergrund für die nicht wenigen kleinen weißen Wolken. Ein
kräftiger Wind fegt über den Bergkamm und laut knatternde Grillen
machen lautstark auf sich aufmerksam. Nein, das kann nicht langweilig werden,
zumal es immer etwas anders ist.
Am
ersten Tag unseres Aufenthalts hier im Acadia NP war es so neblig,
dass man kaum etwas von seiner Umgebung gesehen hat. Wir fuhren mit
dem Auto die Park-Loop-Road,
die sich bei dem Wetter als nicht sehr
attraktiv erwies und um uns mal die Füße zu vertreten, gingen
wir zum Bubble Rock. Wir wissen bis
heute nicht, was der Bubble Rock ist, da wir kaum die Hand vor Augen
gesehen haben, aber es war ein schöner Rundgang. Am darauffolgenden
Tag bestiegen wir den höchsten Berg dieser Küstenregion (448
m), den Mount Cadillac. Genau
dieser insgesamt 13 km lange Wanderpfad war bislang einer der Highlights
unserer bisherigen Wandertouren. Ein tolles Erlebnis.
Abends
sitzen wir oft am Feuer und versuchen uns an das bisher Erlebte zurück
zu erinnern. Nach nicht mal sieben Wochen ist es schon nicht mehr ganz
so einfach, die gesehenen Orte in richtiger Reihenfolge aneinander
zu reihen. Man gewinnt so viele Eindrücke, man sieht so viel und man
kann nur einen Bruchteil davon festhalten. Ich weiß jetzt schon nicht
mehr, wie ich das überhaupt alles "speichern" soll.
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24.-27. September
2000 - Der Trek nach Chicago
Der Trek nach
Chicago!
Wobei "Trek" eigentlich übersetzt "beschwerlicher Fußweg" bedeutet.
Das kann man sich gar nicht vorstellen, dass in diesem Land vor gar nicht
mal allzu langer Zeit die Menschen wirklich zu Fuß von Ost nach West
gegangen bzw. geritten sind. Wir sind ja schon viele Tage unterwegs und
erfreuen uns eines sehr komfortablen Fortbewegungsmittels. Wie lange müssen
damals wohl die europäischen Auswanderer in diesem schier endlosen
Land unterwegs gewesen sein, um eine ferne Stadt wie Chicago zu
erreichen? Doch ein bisschen können wir nachempfinden, was die ersten
Amerikaner wohl gedacht haben müssen. Die Größe des Landes
(und wir haben den Westen noch nicht gesehen) und die scheinbar endlose
Weite sind sehr beeindruckend. Wenn man mal durch New Hampshire, Vermont
und
New
York und demnächst auch Ohio und
Indiana gefahren
ist, dann weiß man, welchen Rohstoffmangel dieses Land bestimmt nicht
erleiden wird, auch wenn das die Naturschützer nicht gerne hören
werden. Holz wird in diesem Land wohl kaum Mangelware werden. Wir fahren
Stunden nur durch Waldgebiet. Eine Hügellandschaft wie unser geliebter
Schwarzwald, allerdings 20 mal so groß. Und nicht dass hier überall
auf den Hügeln kleine Orte oder auch nur kleine Häuschen stehen.
Nichts als grüner - manchmal durch Fortschreiten der herbstlichen
Jahrzeit - schon recht bunter Wald. Wir kommen uns also schon ein bisschen
vor wie die ersten Pioniere.
Eigentlich
wollten wir es vermeiden, durch das Land zu hetzen und ganze Staaten zu
überspringen, doch mein Bruder und seine Zukünftige haben sich
in Chicago für Ende des Monats angemeldet, das möchten
wir natürlich nicht verpassen. Also machten wir genau das, was abertausende
Amerikaner jedes Jahr aufs neue tun. Sie reisen Hunderte von Kilometern,
um ein paar schöne Tage bei ihren Verwandten in einem anderen amerikanischen
Staat zu verbringen. Oft fahren sie die gesamten 4500 km von der Ost- zur
Westküste, nur um ihren Kindern den Pazifik zu zeigen. Eine Woche
hin, zwei Tage Aufenthalt und eine Woche zurück. Das kann sich Unsereins
kaum vorstellen. Da auf solch einer Tour nicht viel passiert, plaudere
ich gerne mal ein wenig aus dem Nähkästchen.
kjsd
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29. September
- 07. Oktober 2000 - Chicago
Unsere Ankunft
in der Metropole Chicago gestaltete sich eher unspektakulär.
Nach größeren Umwegen fanden wir auch die W. Nelson Street
. Eigentlich findet man Straßen in Amerika leichter als in Deutschland.
Schließlich heißt hier die Clark Street auch noch 20
Meilen weiter südlich Clark Street und hat dabei mit großer
Wahrscheinlichkeit nicht mal ansatzweise eine Kurve gemacht. Das
erleichtert die Orientierung ungemein. Auch die W. Nelson Street
geht durch die halbe Nordstadt. Doch ausgerechnet diese Straße ist
zeitweise unterbrochen. Jetzt finde mal die Hausnummer 1330 auf einer Straße,
die 20 Meilen lang nur in eine Richtung zu durchfahren ist, die Richtung
aber von Unterbrechung zu Unterbrechung wechselt. Nicht ganz einfach. Dafür
bekamen wir direkt vor der Haustür einen Parkplatz, was in Chicago
einem Lottogewinn gleich kommt. Aber leider war niemand zu Hause. Oh, doch
- meine Groß-Cousine Brittany, die Tochter von Heidi.
Anfangs wie ein Engel und sehr zuvorkommend, erwies sie sich später
als Jungen- und Männerhasserin und sprach mich nur noch in äußersten
Notfällen an. Deshalb hätte ich sie fast unterschlagen, doch
sie ist ein ganz nettes und aufgeschlossenes Persönchen.
Man darf natürlich
auch in Chicago nicht vor einem Haus in der Nordstadt campen. Da
ja mein Bruder mit seiner Freundin Andrea einen Tag zuvor bei meiner
Tante eingezogen waren, gab es für uns keine Übernachtungsmöglichkeit
mehr im Haus. Das machte uns allerdings nichts aus. Im Gegenteil, wir schlafen
nirgends so gut wie in unserem eigenen Bett. Doch die Chicago-Police
hat was dagegen und manche liebe Nachbarn auch. So hat es keine Stunde
gedauert, bis die erste Streife an unserem Camper vorbei fuhr und das Nummernschild
inspizierte. Der zufällig zum gleichen Zeitpunkt ankommende Freund
von Heidi, Ruan, stellte sich als Helfer für ausländische
Nummernschilder zur Verfügung und der Police blieb nichts weiter
übrig, als ihre Kurven zu drehen.
Der Empfang am
Abend war einfach überwältigend. Fast die ganze Familie erschien
noch am gleichen Tag und alle freuten sich auf unseren Aufenthalt. Meine
Tante (Marga) hat sieben Kinder und neun Enkelkinder. Davon wohnen
die meisten in Chicago und Umgebung. Das war ein Fest.
Nach
den fast zwei Monaten, die Britta und ich alleine verbracht haben,
war diese Konfrontation ein Freudenfest. Endlich mal nach Lust und Laune
Quatschen, auch wenn uns das Amerikanisch noch nicht so flüssig über
die Lippen geht. Auch Bernd und Andrea, die auch wegen uns
10 Tage nach Chicago gekommen sind, erwiesen sich als geduldige
Zuhörer. Endlich mal jemand, der unsere Sprache spricht. Aber meine
Tante ist auch froh, dass sie endlich mal wieder ihre Muttersprache sprechen
kann. Ich frag mich, warum wir früher nie auf die Idee gekommen sind,
hierher zu fliegen?!
Die
Straßen hier und die Häuser sehen so anders aus. Die Gebäude
hier in den Außenbezirken sind nicht sehr hoch. In den Wohnstraßen
steht ein Haus neben dem anderen, aber deren Außenwände berühren
sich nicht. In den Zwischenräumen gelangt man in die Gärten,
die je nach Anwesen aus Wiese, Garage oder einem weiteren Haus bestehen.
Kein Haus sieht aus wie das andere. Das ergibt ein außergewöhnlich
schönes Straßenbild. Reihenhäuser sieht man hier keine.
In den Geschäftsstraßen reiht sich ein Laden an den nächsten
und nicht selten haben sie 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche geöffnet.
Selbst im überdimensionalen Jewel, einem Einkaufsmarkt der
Superlative, kann man Tag und Nacht einkaufen. Die Versuchung war groß,
nachts um drei eine Dose Bohnen zu kaufen. Aber wie die Meisten auf diesem
Planet schliefen wir meist um diese Zeit.
Als
anständige Touristen machten wir diverse Downtown-Touren durch
die Stadt und besichtigten die wichtigsten Gebäude. Darunter
war natürlich auch der berühmte Sears-Tower
, der bis 1996 das höchste Gebäude der Welt war. Ein eindrucksvoller
Blick eröffnet sich einem, wenn man im 103. Stock auf die Windy-City
blickt. Der Lake Michigan hat eine hellblaue Farbe und erstreckt
sich entlang der Ostseite der Stadt. Es könnte auch ein Meer sein,
aber ich finde ihn eigentlich noch schöner. Eine Tour auf dem Chicago
River spiegelt den Charme dieser Stadt wieder, womit die meisten amerikanischen
Städte nicht aufwarten können. Wenn vom See die vielen Segelboote
den Chicago River hineinfahren und sich in ganz Chicago nacheinander
die Zugbrücken öffnen, von denen es mindestens 15 Stück
in unmittelbarer Innenstadtnähe gibt, dann erliegt in der ganzen Stadt
der Verkehr. Die Straßenführung ist zwar auch fast ausnahmslos
rechtwinklig, trotzdem stehen die Hochhäuser nicht so dicht beieinander,
was wesentlich mehr Licht in die Straßen hinein lässt. Hässlich
dagegen, aber einzigartig oft in Hunderten von Hollywood-Filmen festgehalten,
sind die Stelzenbauten der Hochbahn in der Innenstadt, auch Loop
genannt. Die klapprige Bahn führt durch die Straßenschluchten,
während darunter der Autoverkehr rollt und wo mindestens schon 1000
Autoverfolgungsjagden gedreht wurden. Das ist zwar nicht schön, dennoch
hat es mehr Flair als die Straßen New Yorks . Unter anderem
waren wir auch noch im Science and Industry Museum. Das erwies sich
allerdings als Lachnummer. Umgerechnet 36.-DM Eintritt incl. einer zweifelhaften
Titanic-Ausstellung,
in der man aufgeweichte Unterhemden und Bilder aus dem gleichnamigen Film
zu sehen bekam. O.K., ich hab auch ein Stück Außenfassade berühren
dürfen, doch alles andere war unheimlich aufgeputscht wie das ganze
Museum überhaupt. Hauptsache bunt und laut. 40 Minuten wartete ich
auf den Einlass in den Nachbau eines Kohlenbergwerks und musste mit Entsetzen
feststellen, dass man außer einer Kindergartenführung durch
Plastikbauten kaum was geboten bekam. Das war nicht mal 5 Minuten warten
wert. Zum Glück wurden wir freundlicherweise zu diesem Besuch von
Paps
(dem Ex-Mann meiner Tante) eingeladen. Jedem, der in Zukunft dafür
Geld bezahlen muss, empfehle ich eher eine Taxifahrt durch ganz
Chicago
.
Es
gäbe noch so viel über diese Stadt zu schreiben. Und mit
etwas Wehmut denke ich an den Tag unserer Abreise. Schließlich
haben wir hier Familie getroffen, die wir nicht allzu oft sehen.
Und das war die lange Anfahrt schon wert, auch wenn wir nicht einen Schritt
vor die Tür getan hätten. Vielleicht ergänze ich meine Eintragungen
auch noch, nachdem ich Zeit hatte, alles auf mich wirken zu lassen.
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08.-09. Oktober
2000 - Lake Clinton
Endlich
wieder on the road. Das soll unseren Aufenthalt in Chicago nicht
schmälern, es ist trotzdem ein gutes Gefühl, wieder unterwegs
zu sein. Wir hatten einfach eine tolle Zeit in Chicago und ich wollte
sie nicht missen. Doch jetzt, wo wir wieder in unserer Kabine sitzen und
uns einfach so verdammt wohl fühlen, jetzt wissen wir, was uns die
letzten zehn Tage gefehlt hat: unsere eigenen vier Wände. Wir haben
ein Plätzchen 300 km südlich von Chicago gefunden, am
Lake
Clinton, 30 Kilometer westlich von Champaign.
Hier ist das Land flach und nicht sonderbar interessant. Im Wesentlichen
wird hier Landwirtschaft betrieben und Mais ist immer noch das meist angebaute
Gemüse. Hier in der Lake Clinton Recreation Area befindet sich
ein Campground mit unzähligen Stellplätzen, doch wir sind weit
und breit die einzigen Touristen. Ansonsten stehen hier noch vereinzelt
ein paar Arbeiter, die in einem nahegelegenen Atomkraftwerk zu tun haben.
Also ein ganz ruhiges, unspektakuläres Plätzchen mitten in Illinois.
Trotzdem ist es was Besonderes. Der Himmel ist strahlend blau. Es ist relativ
kühl, vielleicht so 15°C, doch die Sonne wärmt angenehm.
Nachts gehen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt (viel zu kalt für
die Jahreszeit). Aber es schläft sich so herrlich in unserem Bett.
Wir heizen nicht mehr als auf 16°C, gerade warm genug, um nicht zu
frieren und schlafen dann 11 Stunden durch. Man sollte eigentlich meinen,
das sei etwas zu viel der Nachtruhe, doch wir empfinden die nächtlichen
Ruhepausen als eine der schönsten Beschäftigungen auf unserem
Trip. Wir lernten hier Tom kennen, der "Platzwart" oder auch "Ranger"
genannt wird, wobei er eigentlich keiner ist. Er hätte uns am liebsten
ganz Illinois persönlich gezeigt und erwies sich als angenehmer
Gesprächspartner. An dieser Stelle muss ich an meinen Vater denken,
der uns immer wieder vor den fremden Menschen gewarnt hat. Was man nicht
alles lesen, hören und sehen könnte, wie sich die Leute in Amerika
gegenseitig abknallen und ermorden. Eins steht für mich fest. Die
können sich ja gegenseitig ermorden und abmurksen, doch in aller Regel
sind die Leute hier so freundlich, dass es uns schon ganz gespenstisch
vorkommt, wenn mal einer bei einem einfachen "Hello, how you doin'?!" bleibt,
ohne ein Gespräch anzuleiern. Auch Tom ist einer der vielen
Typen, die uns mit Informationen überhäufen und uns mit allem
nötigen (und manchmal unnötigem) Material ausrüsten,
was man so in seinem Heimatstaat braucht. Zuvorkommend und freundlich sind
die Meisten hier und da fällt es einem schwer, an Kriminalität
zu denken. Aber wir bleiben aufmerksam und misstrauisch, bis wir
es leid sind, alles zu verschließen und einzupacken. Das tun wir
dann sicherlich solange, bis wir ausgeraubt oder bestohlen werden.
Jetzt
ist ein neuer Abschnitt unseres Trips angebrochen. Ab jetzt sind wir absolut
losgelöst von irgendeinem Ziel. Vorher wollten wir ja noch in den
Osten Kanadas und trotzdem zum Ende des Septembers in Chicago sein.
Das schränkte uns schon etwas ein (auch wenn es sich voll gelohnt
hat und wir trotzdem alles gesehen haben, was wir wollten). Doch ab jetzt
spielt es überhaupt keine Rolle mehr, ob wir bleiben oder weiterfahren.
In welche Richtung wir fahren und wie weit wir kommen. Niemand wartet auf
uns und wir kümmern uns um rein gar nichts. Wir wissen nicht, welcher
Tag heute ist, wieviel Uhr wir haben und auch das Datum interessiert uns
nur peripher. Wir essen, wenn wir hungrig sind und wir gehen schlafen,
wenn wir müde sind. Das ist ein sehr, sehr gutes Gefühl. Ist
das echte Freiheit?!
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13.-15. Oktober
2000 - Little Grazzy Lake
Ich weiß
gar nicht, wie wir es anstellen, dass wir immer so schöne Plätzchen
finden? Aber ich glaube fast, dass es viele schöne Plätzchen
hier gibt und deshalb die Trefferquote recht hoch ausfällt. Hier am
Little
Crassy Lake im Süden Illinois scheint die Zeit still zu
stehen, oder zumindest spielt sie nur eine untergeordnete Rolle. Eine warme
Brise aus südlicher Richtung wärmt die Luft auf 25°C auf
und selbst in der Nacht geht die Temperatur kaum zurück. Ein Klima
wie am Mittelmeer. Die hohen Bäume am Seeufer wiegen sich leicht im
Wind, der ein stetiges Rauschen aus den vom voranschreitenden Herbst gefärbten
Blättern entlockt. Die Abendsonne steht dicht über den Bäumen
des gegenüberliegenden Waldes und wirft abertausend kleine Lichtblitze
auf den vom Wind aufgewühlten See. Bald wird sie verschwunden sein,
um dem Mond - der schon seit Nächten so hell leuchtet, als wolle er
der Sonne Konkurrenz machen - den Himmel zu überlassen. Dieser verwandelt
den See in einen dunkel glänzenden Spiegel, der nun ruhig, im Rhythmus
des Windes, kleine Wellen ans Ufer treibt. Das Prasseln des Feuers und
das Zirpen der Grillen vermischen sich zu einer Melodie, die vom Wind über
den ganzen See getragen wird. Hier kann ich nachdenken. Hier habe ich Zeit
und Muße, mir mein Leben durch den Kopf gehen zu lassen. Mir Fragen
zu stellen, die ich mir noch nie gestellt habe, oder nicht getraut habe,
zu stellen. Hier habe ich Platz, um die vielen Träume zu spinnen und
so manche Ängste zu verstehen. Hier fragte ich mich auch nach dem
Sinn meines beruflichen Tuns und das habe ich in einer Story zusammengefasst.
Wir verbrachten
hier übrigens auch zwei schöne Stündchen auf einem kleinen
Motorboot, was man am Campoffice mieten kann. Leider fing es zwischendurch
mal an zu regnen, sodass wir gezwungen waren, an Land zu gehen. Unter einer
großen Eiche verlief ein Steg und von dem hatte man einen wunderschönen
Blick auf den Herbstwald.
Die letzte
Nacht war recht mild und auch sehr windig. Wir haben das Gefühl, dass
sich von gestern auf heute die Bäume ganz stark verfärbt haben.
Plötzlich entdecken wir knallbunte Flecken am Ufer des Sees, was man
so bislang in dieser Region noch nicht gesehen hat. Es wird wohl Herbst.
Das sieht so wunderschön aus. Es liegt viel mehr Laub auf den Wegen
und mancher Baum weist schon so manche kahle Stelle auf. Vielleicht ist
es immer so: Erst kommt der Herbst ganz schleichend, dann macht es
bumms und man bewegt sich in tiefen Blätterbergen, ohne vorher Kenntnis
davon genommen zu haben, dass die Blätter überhaupt welk
waren. Ich kann mich daran erinnern, dass ich im Alltagsrhythmus schon
oft den Übergang von einer in die nächste Jahreszeit verpasst
habe. Doch auch hier "draußen" erscheint mir der Übergang genauso
schnell vollzogen. Und das bewegt mich zu der Annahme, dass es eben so
ist. Irgendwann ist halt der Punkt erreicht, wo man den Herbst ganz deutlich
erkennt und man wird wohl immer sagen: "Das ging jetzt aber schnell". Ich
glaube eher, wir Menschen sind zu unsensibel als dass wir die weniger grellen
Anzeichen des Herbstes schon frühzeitig erkennen könnten. Vielleicht
will man es allerdings auch einfach nicht wahr haben und kann es einfach
nicht glauben, dass mit dem Herbst auch die kälteren Jahreszeiten
anbrechen. Ich bin mal gespannt, wie ein Winter im Süden der USA aussieht?!
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16.-18. Oktober
2000 - Graceland
Eigentlich
hatte ich schon genug Städte gesehen um zu wissen, dass auch Memphis
sich durch nichts Wesentliches von anderen abhob. Eine amerikanische Stadt
sieht aus wie die andere. Einzelne Weltmetropolen wie New York und
Chicago natürlich ausgenommen. Doch Britta legte
großen Wert darauf, Graceland zu
sehen, die ehemalige Hütte Elvis Presley's . Ich konnte dem
erst mal nichts abgewinnen, da ich mir schon vorstellen konnte, wie das
aufgezogen wurde. Überall hört man den Typen singen und man wird
an verschlissenen Socken und Unterhemden des Stars gebetsmühlenartig
vorbeigeführt. Tausende von Menschen wollen alle gleichzeitig sehen,
auf welchem Klodeckel Elvis damals gesessen hat und erhoffen sich,
klammheimlich noch unentdeckte Überreste zu sichten. Dabei kann man
davon ausgehen, dass der original Klodeckel schon längs meistbietend
versteigert wurde. Aber dazu noch später.
Wir standen
im T.O. Fuller State Park. Ein Park außerhalb der Innenstadt
und doch relativ nahe zu Graceland gelegen. Die Stellplätze
sind großzügig mit Grill, Feuerstelle, Wasser, Strom und Tisch
ausgerüstet und die Sanitäranlagen sind in vorbildlicher Verfassung.
Gleich neben dem Campground befindet sich das Chucalissa
Archaelogical Museum, welches wir am ersten Tag unseres Aufenthalts
besuchten. Chucalissa ist ein altes Indianerdorf, was nach
vielen Funden und Ausgrabungen an gleicher Stelle wieder rekonstruiert
wurde. Das Museum zeigt die Fundstücke, deren Alter auf 1000 Jahre
und älter datiert werden und beschreibt in anschaulicher Form, wie
sich die Menschen ernährt und wie sie gelebt haben. Dass Indianer
hier gelebt haben, war uns schon klar, doch wie, das erfuhren wir unter
anderem hier in Chucalissa . Wir waren die einzigen Besucher im
Museum und in dem nachgebauten Dorf, das einem Freilichtmuseum sehr nahe
kommt. Das zeigt, wie sehr sich die heutigen Einwohner für die Kultur
der Ureinwohner interessieren, nämlich so gut wie gar nicht. Im Gästebuch
des Museums finden wir fast ausschließlich Einträge ausländischer
Besucher.
Der Tag danach
war für Elvis bestimmt. Graceland wir kommen! Am
Elvis Presley Boulevard (wie sonst) erwartete uns schon der
Elivs
Presley Plaza. Alles im Zeichen des Kings. Ein Informations-,
Souvenir-, Kino- und Museumscenter der Superlative. Hier startete auch
der Tourbus ins Gelände des gegenüberliegenden Graceland,
denn unbeaufsichtigt darf man natürlich dieses Heiligtum nicht
betreten. Ich war ja auf großen Nepp eingestellt, doch ich muss zugeben,
ich war positiv überrascht. Klar, bei 700.000 Besuchern im Jahr lässt
man nicht einfach jeden durch das Haus von Elvis Presley laufen.
Man erhielt einen selbsterklärenden Walkman mit (in unserem Fall)
deutscher Audio-Führung. Man wurde von der gut zu verstehenden
Stimme auf der Kassette durch die Räume geführt und trotz der
vielen Menschen hatte man so das Gefühl, man wäre fast alleine.
Die Erklärungen auf dem Band waren angereichert mit original Interviews
von Elvis und seiner Frau Priscilla und immer wieder wurde
die Musik des King of Rock n' Roll eingespielt. Man konnte
sich frei im Haus bewegen, auch wenn ein bestimmter Rundgang empfohlen
wurde, man hatte aber alle Zeit der Welt. Die Möbel und die vielen
Räume, die man zu sehen bekam, waren alle original aus 1977, dem Jahr,
in dem Elvis starb. Das belegten auch unzählige Bilder und
Erklärungen. Von Nepp war überhaupt keine Rede mehr.
Unabhängig
davon, dass Elvis der modernen Musik eine unabänderliche Richtung
gegeben hat, die den Verlauf der musikalischen Entwicklung so stark beeinflusst
hat wie kaum ein zweiter auf dieser Welt und auch unabhängig davon,
dass dieser Mann trotz der Tatsache, nie ein Konzert außerhalb Nord-Amerikas
gegeben zu haben, trotzdem eine Milliarde Schallplatten verkauft hat, unabhängig
dieser bemerkenswerten Leistung übt er auch noch nach seinem Tod eine
für mich kaum zu erklärende Magie aus. Er machte den amerikanischen
Traum war und stieg vom armen Lkw-Fahrer zum Superstar auf. Dabei blieb
er nach all den Berichten trotzdem noch Familienmensch, Freund und erschien
nicht unnahbar. Trotz seines unermesslichen Reichtums vergass er nie seine
Herkunft und zeigte das durch endlose Spendenaktionen. Was mich persönlich
sehr beeindruckte - er spendete weit mehr, als er hinterließ, und
das ist kein Pappenstiel gewesen, ohne die vielen Schenkungen für
Bedürftige und Freunde, von denen niemand jemals etwas erfahren hat.
Es gibt noch hunderte Dinge, die mich stark beeindruckt haben und ich kann
jedem, der sich im Umkreis von Memphis aufhält, nur empfehlen,
Graceland
einen Besuch abzustatten. Es ist mehr als der ehemalige Wohnort eines Superstars.
Es ist der Einblick in die Welt eines musikalischen Genies, in seine privatesten
Räume, eine kleine Zeitreise und zugleich ein sehr informativer Rundgang,
vorbei an einem Meilenstein der Musikgeschichte.
Als ich dann
vor seinem Grab stand, fragte ich mich unweigerlich, warum solche Größen
immer so unerwartet aus dem Leben treten? Elvis wäre heute
65 Jahre alt und könnte sich immer noch auf Graceland erfreuen.
Gut - sein Lebenswandel war bestimmt nicht der gesündeste, aber es
ist ja auch nicht gerade eine leichte Aufgabe, King of Rock n' Roll
zu sein!
Memphis
oder das, was wir davon gesehen haben, zeigte sich nicht von seiner besten
Seite. Die Tankstellenangestellten saßen hinter Panzerglas und der
Dreck häufte sich an den Straßenrändern. Wir haben die
Innenstadt gemieden, weil der Weg dorthin schon so abschreckend war. Das
kann eine Fehleinschätzung gewesen sein, aber wir hatten eh keine
Lust auf Großstadtrummel.
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19.-20. Oktober
2000 - Land between the Lakes
Britta
und ich waren hier im Land between the Lakes wandern und mussten
mit Entsetzen feststellen, dass wir nicht mehr so fit sind wie am
Anfang unserer Tour. Drei Stunden und zehn Minuten setzten uns schon ganz
schön zu. Da muss ich an meine Mutter denken, die letzt noch am Telefon
gesagt hat: "Wir sind heute wieder 20 km gelaufen". Bei uns waren es etwas
über 12 km und die haben auch gereicht. Sollen meine Eltern doch so
weit laufen, wie sie wollen, schließlich habe ich Urlaub. Doch es
ist trotzdem ein echtes Vergnügen gewesen. Wir hatten super Wetter
und der Wald leuchtet momentan in allen Farben. Dieses Gebiet hier ist
eine gute Alternative zu den National Parks und gerade zu dieser Zeit hat
man den Wald für sich alleine.
Britta
erweist sich übrigens als ausgezeichnete Köchin und zaubert fast
jeden Abend ein anderes Gericht. Heute gab es Linseneintopf mit Kartoffeln,
Karotten und Speck. Ihr glaubt gar nicht, wie gut das geschmeckt hat und
die Nachbarn, die heute angekommen sind, haben sich noch mal mit Kentucky
Fried Chicken eingedeckt. Die haben keine Ahnung, was ihnen entgeht.
Mahlzeit!
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21.-24. Oktober
2000 - Mammoth Cave NP, Nolin Lake
Bevor ich
Gefahr laufe, was Wichtiges zu vergessen, hier unser Gruß an Dave
(David):" Falls Du überhaupt jemals auf unsere Homepage kommen
solltest, dann grüßen wir Dich recht herzlich von hier rüber."
Sie
mögen ja auch viele schlechte Eigenschaften haben, die Amis,
aber die meisten Menschen, die wir hier treffen, sind aufgeschlossen und
sehr freundlich.
Dave kam gerade mit seinem Mountainbike von einem
Fahrradrennen und war so richtig schön durchgeschwitzt. Eigentlich
wollte er heim, doch da sah er uns da stehen und sprach uns einfach an.
Wir unterhielten uns eine ganze Weile und nur die Tatsache, dass er am
anderen Morgen früh raus musste, hielt ihn ab, von Britttas (ausgezeichnetem)
Gulasch zu probieren. Ein netter Typ, dieser Dave und wenn Du diese
Zeilen liest (oder Dir sie übersetzen lässt), dann sei Dir gewiss:
Du kannst Dich immer unter unten stehender Mailadresse melden und Deinen
Besuch in Deutschland ankündigen. Du bist herzlich willkommen.
Mammoth
Cave National Park in Kentucky ist angeblich das größte
Höhlensystem der Erde und wir haben heute die Grand Avenue Tour
gemacht:
eine vierstündige, geführte Höhlentour durch einige der
ewig verzweigten Gänge 50 bis 100 Meter unter der Erde. Das Zusammenspiel
von Wasser und hauptsächlich Kalkgestein brachte diese komplexen Höhlen
zustande und die Ranger nennen die Höhlen auch "River with a Roof",
da die Höhlengänge nichts anderes waren als Flüsse unter
der Erde. In Jahrmillionen hat sich das Wasser seinen Weg durch das Gestein
gefressen und dabei kuriose Gebilde zurückgelassen. Mal ist die Höhle
eng und hoch, mal flach und breit. Von Zeit zur Zeit wandern wir Hunderte
von Metern durch eine Röhre gleichbleibender Dicke und die Vorstellung,
dass hier mal Wasser durchfloss, lässt meine Phantasie verrückte
Dinge projezieren. (z.B: ein Donnern und Grollen in der Ferne, dann ein
Rauschen und hinter der nächsten Biegung erscheint eine Wasserfront,
welche die ganze Röhre einnimmt. Wir sind dem Wasser gerade noch entkommen.)
Mammoth
Cave ist groß und umfangreich, aber nicht sonderlich spektakulär
(eigentlich gar nicht). Frozen Niagara, ein Teilbereich, in dem
das Gestein aussieht, als wäre ein Wasserfall eingefroren, war das
Highlight unserer Tour, die durchaus 2 Stunden kürzer hätte
sein können. Aber selbst in dieser "Stätte des Weltkulturerbes"
(laut Unesco ) gibt es für hungrige Höhlenentdecker einen
Schnellimbiss. Auch das ist kurios. Und dadurch wird die Tour künstlich
in die Länge gezogen. Aber alles in allem war es interessant,
obwohl ich mir wirklich gewünscht hätte, nicht mit 136 weiteren
Entdeckern durch die Höhlen geführt zu werden. Aber leider gibt
es keine individuellen Touren. Deshalb mein Tipp: In Memphis für 12$
Graceland
besuchen und keine 16$ für die 4-Stunden-Tour in
Mammoth Cave ausgeben,
sondern eine kleinere Tour machen.
Scheinbar
ist hier der Nolin Lake ein guter Ort, um Leute zu treffen. Hier
trafen wir auch Carol und Arne, zwei echte Traveller
Anfang der Fünfzig. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Beiden
sehr liebe Menschen sind, die uns viele gute Tipps gegeben haben. Aber
ihr Leben unterscheidet sich so grundlegend von unserem, dass ich das hier
näher erläutern will.
Carol
und Arne haben keine Kinder und reisen seit ihrer Jugend durch Amerika
(Mexico und Kanada mit eingeschlossen). Als ich Arne
fragte, wo er den wesentlichen Unterschied zwischen ihnen und dem normal
arbeitendem Volk sehe, meinte er nur, dass fast alle Menschen ihr Zuhause
nach dem Ort ihres Jobs auswählen. Sie hingegen hätten sich immer
einen schönen Platz zum Leben ausgesucht und dort irgendeinen Job
gemacht. Natürlich liegen die Prioritäten weit auseinander und
nicht für jeden ist das Travellerleben der Weisheit letzter Schluss.
Doch was macht Leben eigentlich aus? Berufliche Ziele zu haben und vielleicht
sogar Karriere zu machen, schien mir bislang eine durchaus rentable Möglichkeit
zu sein, ein komfortables Leben zu führen. Ist man nicht ein "armer"
Mensch, wenn man nicht frühzeitig bemüht ist, ein paar Mark auf
die Seite zu legen, um später einmal in Wohlstand (was immer das auch
heißt) zu leben? Ein kleines eigenes Haus zu besitzen, ein schönes
Auto und womöglich immer genug Geld auf dem Konto zu haben, damit
man sich bei Bedarf alles leisten kann, von dem man glaubt, dass es einen
glücklich macht? Leider trifft man allzu häufig Menschen an,
die genau das haben und trotzdem immer weiter schuften und
alles, nur nicht glücklich sind. Oft hört man dann auch, dass
sie nicht aus ihrer Haut raus können, weil sie ja so in ihren Verpflichtungen
eingespannt sind. (Auch nicht besser als ein Pferd vor dem Pflug). Ich
muss in diesem Fall meine Schwester zitieren. Jutta ist oder war
zumindest einige Jahre in Europa und auch in Afrika unterwegs
und lebte ein echtes Travellerleben. Sie gab ihre feste Anstellung auf,
jobte für weitaus weniger Geld ein paar Tage die Woche, mal hier,
mal dort, und führte alles in allem ein einfaches Leben. Will heißen,
sie hatte keinen Farbfernseher, konnte nicht oft essen gehen und machte
eher das, was wir so "kleine Sprünge" nennen würden. Mein Vater
sagte ihr dann, sie solle doch wieder einen festen Job machen, richtig
Geld verdienen, einen Bausparvertrag abschließen und einen Mann mit
ebenfalls guter beruflicher Perspektive suchen. Dann könne sie irgendwann
einmal "ein Federchen in die Luft blasen!" Meine Schwester sagte nur, das
tue sie schon heute und sie beabsichtige nicht, solange zu warten. Ich
habe ihr immer recht gegeben, doch erst heute kann ich sie richtig verstehen.
Unser Leben geht manchmal merkwürdige Wege und keiner weiß so
recht, was uns in der Zukunft erwartet. Ist es nicht zumindest bewundernswert,
wenn man heute schon einfach so durch die Welt fahren könnte, dort,
wo es einem gefällt, bleibt man ein paar Wochen stehen und verdient
sich ein Paar Mark mit Hilfsarbeiten oder so. Ein Traveller ist immer an
der frischen Luft, sucht sich die schönsten Stellen in der Natur aus
und bläst in letzter Konsequenz den Inhalt eines ganzen Kopfkissens
in die Luft.
Carol
und Arne sind nun 50 und arbeiten nach ihren Worten schon lange
nichts mehr. Er ist Zimmermann und sie ist Lehrerin. Sie haben ein Zuhause
in North Carolina, einen festen Anlaufpunkt, zu dem sie immer wieder
zurückkehren. Ansonsten sind sie oft und lange in Amerika unterwegs,
suchen sich stille Plätzchen wie den Nolin Lake State Park in
Kentucky
und erfreuen sich des Lebens. Wie meine Schwester, nur dass sie in
Frankreich eine Ruine mit ihrem Freund ( Phil) gekauft hat, die
momentan für den Wiederaufbau ziemlich viel Geld verschlingt. Aber
ich bin fest davon überzeugt, heute oder morgen sind sie, Phil
und
ihre beiden Kinder (Luie-Joe und Jake ) wieder unterwegs
in der Welt, um irgendwo an einem lauschigen Plätzchen ein Federchen
in die Luft zu blasen. Vielleicht nehmen sie uns ja mit?!
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