Tagebuch
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Als wäre
es nicht schon genug, dass ich ein Jahr unbezahlten Urlaub nehme und damit
meiner steilen Karriere als Angestellter in einer öffentlich rechtlichen
Rundfunkanstalt Einhalt geboten habe. (Ja, man hätte Großes
mit mir vorgehabt, hat es allerdings versäumt, mir dies rechtzeitig
mitzuteilen.) Nein, jetzt denke ich auch noch grundsätzlich über
mein Leben als arbeitender Mensch nach. Natürlich kann ich meinem
Cyber-Tagebuch keine Betriebsgeheimnisse anvertrauen. Es sei dazu nur folgendes
gesagt: Auch ich bin einer der Typen, die geglaubt haben, durch Engagement
und Eigeninitiative wird alles besser und heute oder morgen sogar ganz
erträglich. Mein Arbeitgeber erweist sich als einer der Vereine, der
schon seit 650 Jahren an den gleichen Betriebsstrukturen festhält,
komme wer wolle. Und diejenigen, die es in solch einem System mal geschafft
haben, in die Führungsetage zu gelangen, die werden alles Erdenkliche
tun, um nichts am Bestehenden zu ändern, schließlich hat es
sich ja bewährt und er oder sie selbst musste sich mit dem Unabänderlichen
rumschlagen, also warum sollten es andere leichter haben? Nein, ich strebe
weder einen Job in der Führungsetage an, noch wäre ich dafür
qualifiziert. Dennoch habe ich in all den Jahren, die ich jetzt für
meinen Betrieb arbeite, eine Menge geleistet und viele gute Ideen gehabt
und das Einzige, was mein absoluter Boss dazu meint, ist, dass ich froh
sein kann, einen sicheren Arbeitplatz zu haben. Klar, die Anderen haben
auch gute Arbeit geleistet, aber das ist deren Sache. Was ich eigentlich
vermisse, ist eine Perspektive und das Gefühl, etwas bewegen zu können.
Ich will natürlich auch mehr Geld verdienen, aber wer will das nicht?
Ich fühle mich absolut unterfordert. In mir steckt die Energie tausender
Wildpferde und immer wieder möchte diese ungezügelte Kraft sich
entfalten und umgesetzt werden, in Ideen und Projekte. Manchmal ist es
nur ein Hirngespinst, manchmal aber auch eine wirkliche Entdeckung. Doch
immer werde ich gebremst. Entweder von der trägen Bürokratenpolitik,
die übereiltes und zu ungestümes Handeln als Verstoß gegen
die Grundregeln vernünftigen Denkens ansieht, denn "so war das schon
immer und..." oder von unbeweglichen Köpfen, die jede Unebenheit
als Last in ihrem täglichen Arbeitsrhythmus ansehen und manchmal scheint
schon eine Bodenwelle verheerende Auswirkungen auf die Standfestigkeit
beflissener Führungskräfte zu haben. Dazu kommt noch, dass ich
zusehen darf, wie mein Job so langsam vor die Hunde geht. Das ist zwar
auch keine unabdingbare Notwendigkeit, aber ich habe es aufgegeben, den
Unsinn dieser Entwicklung zu propagieren. Jetzt müssten Ideen her,
um aus erfolgreichen Mitarbeitern erfolgreiche Wasweißichwas zu machen.
Auf jeden Fall ist es wichtig, sie bei der Stange zu halten, ihnen Mut
zu machen, ihren Vorstellungen den nötigen Respekt zu zollen. Das
hat erst mal nichts mit Geld zu tun, denn schließlich würde
niemand gerne für ein Managergehalt Schlitze in Schrauben feilen (zumindest
die meisten nicht). Aber nicht nur finanziell erweist sich mein Arbeitgeber
als absolut unflexibel, auch innovativen Ideen gegenüber kann er nichts
abgewinnen. Bevor eine Änderung im Arbeitsgefüge beschlossen
wird, muss schon feststehen, ob sie rentabel, uneingeschränkt gleichberechtigt,
sozial- wie personalpolitisch verträglich und absolut wasserdicht
ist. Erst dann könnte man solch eine Änderung in einer Probewoche
(unter Bewachung und Ausschluss der Öffentlichkeit) testen. Natürlich
nur, wenn dafür keine weiteren Mittel benötigt werden. Aber kann
mir endlich mal jemand erklären, wie ich weiterhin Willenskraft und
Tatendrang zeigen und nicht gleichgültig werden soll, wenn ich nie
die Möglichkeit erhalte, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen?
Für mich haben zumindest die ersten zwei Monate hier in Nordamerika
schon gereicht, um festzustellen, dass ich nicht als unterbeschäftigter
und unglücklich Angestellter enden will. Der Abstand zur täglichen
Arbeit hat mein Feingefühl für ihre Qualität geschärft
- hoffentlich weiß ich richtig damit umzugehen!
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