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Das Paddel
taucht langsam und fast geräuschlos in das dunkle Wasser ein. Wenn
man einen guten Rhythmus gefunden hat, treibt es das Kanu stetig nach vorne
und erweckt den Anschein, es würde auf einer tiefschwarzen Wolke dahinschweben.
Nur der Tropfenregen der nassen Paddel, der sich regelmäßig
und fast schon monoton ins Wasser zurück ergießt, erklingt
als einziges, immer wiederkehrendes Geräusch in der ansonsten absolut
stillen Geisterlandschaft. Wie ein matter schwarzer Spiegel verläuft
der Kanal vor uns und manchmal schauen dünne Äste wie Finger
aus der Oberfläche des Wassers heraus, als wären sie Opfer einer
unaussprechlichen Macht unterhalb des Wasserspiegels. Das Wasser ist so
dunkel, dass man nicht im geringsten erahnen kann, was sich unter dem Rumpf
des Kanus aufhält, obwohl es manchmal schon direkt über den humusartigen
Grund treibt. Am Ufer stehen hohe Bäume, deren Namen uns nicht bekannt
sind. Ihre Äste hängen tief herab und bilden einen fast undurchdringlichen
Vorhang, der die Sicht auf das Ufer versperrt. Überall bedienen sich
Parasiten in Form von Lametta an der wuchernden Vegetation und hüllen
die Landschaft in eine Trauerweidenkulisse. Plötzlich stören
vor uns seichte Wellen in Form von Ringen das ruhige Wasser. Ein guter
Indikator für bösartige Kreaturen. Erst sieht man nur die Augen,
die wie aufgeklebt auf einem mit scharfen Zähnen gespicktem Maul sitzen.
Dann erhebt sich ein urzeitlicher Panzer mit Stacheln und Zacken aus dem
dunklen Nass. Die Körpergröße ist nur zu erraten. Dann
erscheinen auch die Nüstern an der Oberfläche und die Kreatur
bewegt sich langsam auf das Kanu zu. Die Situation ist bis aufs Äußerste
gespannt. Wird der Alligator uns aus dem Boot herauszerren und wie im Film
unter Wasser ziehen, bis sein Opfer erstickt? Oder wird er uns in der Luft
herumwirbeln, bis unsere Glieder der Wucht nachgeben und nur noch wie Gummi
an unserem Körper hängen? Nein, die 30 cm Körperlänge
des American Alligators reichen für solch ein Vorhaben nicht aus,
auch wenn er es gerne getan hätte. Aber seine größeren
Brüder und Schwestern am Ufer, die mit einer Körperlänge
von 1-2 Metern schon eher angsteinflößend sind, könnten
eine Gefahr darstellen. Doch sie liegen träge am Ufer herum, und wenn
sie nicht von Zeit zur Zeit blinzeln würden, wirkten sie wie die Plastikattrappen
in Disneyworld. Doch selbst bei einer Annäherung bis auf zwei Meter
verharren sie in absoluter Reglosigkeit.
Eine schmale
Abzweigung aus dem Wasserlauf eröffnet eine Prärielandschaft,
auf der trügerisches Gras wächst, als könnte man darauf
ein Haus errichten. Doch der Boden ist aufgeweicht und jeder Schritt auf
diesem Grund könnte der letzte sein, den man durch diese unwirkliche
Welt schreitet. Nur die Reiher finden hier mit ihren schlaksigen, langen
Beinen und den weit auseinander gespreizten Zehen einen Halt. Einer von
ihnen fliegt immer wieder vor uns davon, um 20 Meter weiter am Rand des
Kanals auf uns zu warten. Geräuschlos hebt er ab, lässt sich
in der leichten Brise eines warmen Südwindes mit Hilfe seiner beeindruckend
großen Spannweite in die Lüfte treiben und setzt mit unglaublicher
Leichtigkeit wieder auf. Seine Augen beobachten ständig unser Boot,
aber er lässt uns nicht näher als 10 Meter an sich ran. Doch
er wartet immer wieder, bis wir ihn fast eingeholt haben, als sollten wir
begutachten, was für ein stolzer und schöner Kerl er doch ist.
Vielleicht ist es auch nur Neugierde. Denn schließlich sind wir die
Fremden in seiner wohlbekannten Welt. Der Himmel ist blau und nur ein paar
Schleierwolken trüben den makellosen Anblick. Es ist Anfang November
und als Westeuropäer sind die fast 30 Grad für diese Jahreszeit
ungewöhnlich. Doch es ist wie Balsam für die Seele. Es ist einfach
phantastisch hier im Okefenokee Sumpf.
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