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Der Tag ist
noch jung, aber dafür schon verdammt warm. 25 Grad und ich sitze in
Jogginghosen, langärmeligem T-Shirt und dicken Wollsocken am Tisch
und versuche meinen Frust auf die Tastatur zu übertragen. Eigentlich
könnte ich ganz zufrieden sein, denn trotz einer hundertprozentigen
Belagerung durch den sogenannten Provinzvogel Ontarios habe ich
recht wenige Stiche auf meinem Körper zu verzeichnen. Britta schneidet
im direkten Vergleich wesentlich schlechter ab. Sie braucht nur an Moskitos
zu denken und schon hat sie ein paar unansehnliche Flatscher an den ungewöhnlichsten
Körperpartien. Und nicht zum ersten Mal in meinem Leben bin ich froh,
keine Frau zu sein, brauche ich beim Pinkeln doch nur ein winzig kleines
Stückchen meines Körpers an die Luft zu hängen, während
Britta immer gleich den gesamten Mond aufgehen lässt. Dass es Moskitos
besonders auf die weichen Hautpartien abgesehen haben, das brauche ich
wohl kaum zu erwähnen. Aber für gewöhnlich pinkelt man nicht
nur im Freien und da sollte man glauben, innerhalb seiner vier Wände
könnte man vor den Plagegeistern sicher sein. Weit gefehlt. Ich weiß
zwar bis zu diesem Moment nicht, durch welche Ritze, durch welche hohle
Gasse sie sich in unsere heiligen Hallen hineinwagen, doch sie sind präsent,
ganze Hundertschaften. Und gerade, wenn die Sonne schon untergegangen ist
und die spärliche Beleuchtung des Campers kaum in der Lage ist, Licht
in die Sache zu bringen, dann hört man das ewige Gesumme dieser kleinen
Biester. Wie sie mit ihren langen, ekeligen Beinen versuchen, auf einem
zu landen (was man natürlich nicht sieht) und ist ihnen das schon
einmal gelungen, schieben sie fast unmerklich ihren langen Rüssel
unter die Haut und fangen an, frisches Blut zu zapfen. Alleine die Vorstellung
ist schon bestialisch. Und wenn dann im Camper ca. 30 Grad herrschen und
wir deshalb die Fenster offen lassen, damit wenigstens ein Hauch von einem
Lüftchen durch die Kabine geht, die überaus nutzlose Fliegengaze
herunterlassen, die noch nicht mal im Stande ist, eine ausgewachsene Motte
davon abzuhalten, in unsere beengte Räumlichkeit einzudringen, uns
immer wieder genötigt sehen, das Licht anzuknipsen und die Wände
mit der Taschenlampe abzusuchen, was unweigerlich zur Folge hat, dass die
Temperatur in unserem Haus bis zum Unerträglichen ansteigt und wir
uns deshalb auf das Federbett statt darunter legen, was den Moskitos wie
ein willkommenes Fressen vorkommen muss, dann kommt es schon mal vor, dass
ich Kanada und seine wunderschöne Landschaft verfluche. Man schläft
nicht ein, einerseits weil man Angst hat, in seinem eigenen Schweiß
zu ertrinken, anderseits weil man immer wieder aufschreckt, um einem dieser
summenden, mickrigen, hässlichen, absolut unnützen Quälgeister
den Gar auszumachen. Wenn sie dann schon gestochen haben und sich nur noch
ganz schwerfällig vom Fleck bewegen können und man genau weiß,
dass das Vieh sein Blut mit sich rumträgt, dann macht das Töten
besonderen Spaß. Wenn das lästige Ding an die Wand gedrückt
wird und dabei zerplatzt wie ein mit Wasser gefüllter Luftballon,
dann kann man noch mal für einen kurzen Moment Genugtuung empfinden,
bevor man resignierend feststellen muss, dass noch unzählige andere
Blutsauger an der Decke des Campers hängen und sich nach ihrer blutrünstigen
Mahlzeit ein kleines Päuschen gönnen. Ich bin verzweifelt, stehen
wir hier doch an einem der schönsten Plätze auf dieser Erde,
mit See direkt vor der Tür, unvergleichlichem Panorama auf die umliegenden
Wälder, das Lagerfeuer lodert, die Campingstühle stehen verheißungsvoll
drumherum, in der Ferne hört man die urigen Laute fremdartiger Tiere
und das allerletzte Licht des Tages spiegelt sich auf dem See wieder. Und
ich sitze in meiner vermeintlich luftdichten Kabine, schlage reihenweise
die Eindringlinge tot und frage mich, was bringt mir der See, die untergehende
Sonne, die fremdartigen Geräusche, wenn ich mich morgen schlaftrunken
ans Steuer setzen muss, weil ich in der Nacht kein Auge zugetan habe und
dann langsam aber bestimmt meinen Wagen in den Graben lenke. Die Leute
werden dann bestimmt sagen: "Aber er hat noch einmal eine wunderschöne
Nacht am Burnfield Lake verbracht, mit Blick auf die umliegenden
Wälder, bla bla bla". Von wegen. Er hat sich die Haut aufgekratzt
und sich die Nacht im wahrsten Sinne des Wortes um die Ohren geschlagen.
Scheiß auf die schöne Natur. Sobald ich meinen Kaffee ausgetrunken
habe, mache ich mich davon. Hoffentlich finden wir in der nächsten
Nacht ein bisschen Schlaf, vier Stunden würden mir schon genügen.
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