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"Ein Jahr
durch Amerika", das hört sich im ersten Moment erst einmal sehr verlockend
an. Unabhängig von Kosten und Umständen, die auch das Reisen
zur Qual werden lassen können, steckt aber mehr hinter dieser Aussage
als Abenteuer und Vergnügen. Alleine die Tatsache, dass ein Jahr,
zwölf Monate, zweiundfünfzig Wochen oder nicht weniger als 365
Tage eine Zeit ist, die sich nicht mit ständigem Reisefieber ausfüllen
lässt und dass der Mensch ein Individuum ist, welches einem bestimmten
Rhythmus unterliegt, der unabhängig von Ort und Zeit, mal positiv,
mal negativ auf das Gemüt des Menschen wirkt. Gerade die Phasen, in
denen nichts von Bedeutung scheint, weder die tolle Aussicht auf hohe Berge
noch das ungewöhnlich gute Wetter, in denen der Gemütszustand
aus für mich unerklärlichen Gründen einen Tiefpunkt hat,
diese Phasen sind natürlich in gewohnter Umgebung wesentlich besser
zu ertragen. Sind das nicht die Zeiten, in denen wir uns in unseren Lieblingsraum
zurückziehen, uns eine Tasse Tee oder einen starken Kaffee kochen
und hoffen, dass diese Zeit einfach nur verstreicht? Zeiten, in denen wir
froh sind, unsere Umgebung zu kennen, unsere Lieben um uns zu wissen und
keine Herausforderungen annehmen zu müssen. Nur zu gut erinnere ich
mich daran, dass ich vor Reisebeginn immer wieder gesagt habe, dass dieses
"Jahr durch Amerika" in gewisser Weise auch Verzicht bedeutet. Dass es
eine Erfahrung sein kann, die uns lehren wird, mit "weniger" auszukommen,
weniger Zuwendung, weniger Gewohnheit, weniger Heimat, sogar weniger Abwechslung.
Denn wie sagten Andrea und Tommy sinngemäß,
die drei Jahre durch die Welt gesegelt sind: Natürlich ist jede neue
Bucht wieder ein Paradies für sich, und weiter? Auch das Reisen in
einem Camper unterliegt einer gewissen Gleichförmigkeit, auch wenn
die Plätze immer wieder neu sind und für sich auch wunderschön.
Auch der fehlende soziale Umgang und die kaum zu ersetzenden Freunde und
Eltern bedeuten ein Verzicht in ernstzunehmendem Ausmaß. Auch Heimweh
kann einem das "Jahr durch Amerika" durchaus erschweren, auch wenn das
bekannte Gefühl meist nicht so intensiv und lang anhaltend ist. Das
alles habe ich schon befürchtet, doch die Erfahrung, es wirklich auch
zu durchleben, ist wie immer sehr viel intensiver. Das alles hat auch kaum
etwas mit Amerika zu tun. Diesem Amerika werde ich bei Gelegenheit ein
besonderes Kapitel widmen, könnte ich nicht sogar ein ganzes Buch
mit meinen Eindrücken füllen.
Aber alles Negative
hat auch immer etwas Positives. So simpel dieser Spruch auch scheint, so
zutreffend ist er in unserem Fall. Mir war noch nie in meinem Leben so
klar, was mein Leben so sehr ausmacht. So blicke ich gelassen aus weiter
Entfernung zurück und stelle fest, dass mir die Dinge, die ich als
Last angesehen habe, am meisten fehlen. Anderes, was mir als unverzichtbar
erschien, vermisse ich keine Sekunde. Und Ziele, die ich als erstrebenswert
ansah, bedeuten mir in Wirklichkeit gar nichts. So habe ich jetzt nach
der Hälfte unserer Zeit das Gefühl, klarer zu sehen und empfinde
diese Erfahrung als sehr befreiend. Nun kann ich die übrige Zeit dafür
nutzen, Pläne für die Zukunft zu machen, die endlich einmal nicht
fremdgesteuert sind, die meiner Vorstellung entsprechen und nicht von Außen
beeinflusst sind.
Ich kann mich
noch gut daran erinnern, als uns nur noch ein halbes Jahr von dieser Reise
trennte. Voller Erwartung strebten wir der Zeit entgegen und in meinen
Gedanken sah ich uns oft auf verlassenen Straßen fahren und am Lagerfeuer
sitzen. Das war die Zeit der Vorfreude. Jetzt empfinde ich ebenfalls Vorfreude
auf das, was uns zuhause erwarten wird. Gibt es nicht einen Spruch, der
die Vorfreude als schönste Freude bezeichnet? Ich glaube, das trifft
voll zu.
Mit der Gewissheit,
in einem halben Jahr wieder zuhause zu sein und all die neuen Erfahrungen
umsetzen zu können, freue ich mich auch auf alles, was uns hier in
Amerika noch bevorsteht. Wahrscheinlich sehen wir in den nächsten
sechs Monaten das landschaftlich schönere Amerika. Der Kalender geht
in schnellen Schritten auf die schönste Jahreszeit zu, den Frühling.
Wir kommen immer besser mit der Sprache zurecht, haben uns an viele Gegebenheiten
gewöhnt und fühlen uns manchmal schon als Einheimische. Es gibt
noch so viel zu entdecken und zu sehen, auch wenn unsere Aufnahmefähigkeit
schon fast erschöpft ist. Aber "ein Jahr durch Amerika" ist und bleibt
ein Abenteuer und eine Herausforderung.
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