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Ich habe
gewusst, dass die Deutschen ein reisefreudiges Volk sind, dass sie jedoch
in der Urlaubszeit selbst die einheimischen Urlauber zahlenmäßig
in den Schatten stellen, war mir bislang fremd. Es ist wirklich kein Scherz,
aber man hat an manchen Orten bessere Aussichten die genaue Uhrzeit zu
erfahren, wenn man den herannahenden Menschen in deutscher Sprache anspricht
statt in Englisch. Und das ist für das deutsche Volk keine Schande,
wird ihnen damit doch ein enormer Reichtum und zumindest eine gewisse Weltoffenheit
angedichtet. Dass die meisten Deutschen einen nicht unerheblichen Teil
ihres Vermögens für Urlaub statt für überdimensionale
Pick-Ups ausgeben, ist den meisten Nordamerikanern allerdings nicht geläufig.
Doch im Allgemeinen freut sich hier jeder über Deutsche, schliesslich
bringen sie gutes Geld in die Kassen und dafür wird auch schon mal
ein Warnschild in deutscher Sprache aufgehängt, wie zum Beispiel:
"futtere keine Baren". Ich empfinde zumindest einen gewissen Stolz, wenn
ich all die deutschen Urlauber auf ihren geliehenen Wohnmobilen durch die
große, nordamerikanische Welt flitzen sehe, ist das schließlich
der Beweis, dass sich die Deutschen durchaus für mehr interessieren
als für Bratwurst und den Schwarzwald und auch das haben sie zumindest
den US-Amerikanern voraus. Doch die Art, wie der Deutsche im Ausland auftritt,
ist nach wie vor steif und lässt bei vielen anderen Nationalitäten
den Schluss zu, Deutsche seien unglückliche Urlauber. So weiß
jeder deutsche Urlauber, wo welche Sehenswürdigkeit liegt, auch wenn
er sie nicht wirklich aussprechen kann, geschweige denn, es je versucht
hat, doch über die Gewohnheiten der Menschen im Land oder gar ihre
Bräuche haben sich nur die wenigsten Informiert. Wir haben hier in
Nordamerika so viele Deutsche getroffen, dass wir uns fast schon Experten
im Erkennen gleichstämmiger Artgenossen schimpfen können. Der
allgemeine Urlaubsdeutsche hebt sich in erster Linie von allen anderen
Nationalitäten dadurch ab (Japaner ausgenommen, über jene kann
man fast ein eigenes Buch schreiben), dass es ihm immer gelingt, bei einer
Begegnung den Blickkontakt zu verweigern, da ihm gerade der Schnürsenkel
aufgegangen ist, eine freilebende Ameise ins Auge gesprungen ist (nur im
übertragenden Sinn gemeint) oder er beharrlich die Steine auf dem
Weg zählt und gar nicht bemerken will, dass ihm ein anderes Wesen
entgegen kam. Klar, die Amerikaner und vielleicht auch die Kanadier sind
alle oberflächlich und meinen nichts von dem, was sie sagen. Doch
so oberflächlich sind sie auch wieder nicht, dass sie den obligatorischen
Gruß auf dem Wanderweg nicht ernst meinen. Auch die Frage nach dem
Wohlbefinden wird zu 99% mit immer gleicher Antwort positiv erwidert, doch
im Falle einer negativen Bemerkung muss man mit dem Hilfeangebot eines
jeden Nordamerikaners rechnen, denn das meinen sie wirklich ernst, auch
wenn das kein Deutscher glauben kann. Der Deutsche hingegen will selbst
auf einem belebten Wanderweg nicht erkannt werden, nicht als Wanderer und
schon gar nicht als deutscher Wanderer. Er will weiterhin in seiner Anonymität
die Sehenswürdigkeiten abklappern und möglichst nicht angesprochen
werden. Überhaupt zählt das Abklappern von Sehenswürdigkeiten
zur Hauptaufgabe eines jeden deutschen Touristen, denn das Fotoalbum muss
zumindest die Attraktionen aus dem Katalog aufweisen. Nicht selten vergisst
man dabei, sich die Attraktion mit bloßem Auge statt durch die Kameralinse
anzuschauen. Aber Hauptsache, man hat den Beweis in der Tasche, denn deutscher
Urlaub ist wie das Sammeln von Trophäen, um zuhause auch jedem sagen
zu können: "Ich war schon da". Wir haben uns manchmal den Spaß
gemacht, Deutsche im breitesten Amerikanisch anzusprechen (was jeder Amerikaner
durchschaut hätte) und sie nach ihrem Wohlbefinden zu fragen. In ganz
wenigen Fällen bekamen wir mehr als ein in den Bart genuscheltes "good"
zurück, wobei tunlichst der Blickkontakt gemieden wurde. Man hatte
zumindest immer das Gefühl, sie wollten nicht zu viel in ihrem gebrochenen
Englisch sprechen, damit sie vielleicht nicht als Ausländer erkannt
werden. Dabei erkennen wir mittlerweile einen Deutschen schon aus zehn
Meter Entfernung, so wie es den Einheimischen sicherlich auch geht. Es
ist die Art, wie sie sich kleiden (was fast immer geschmackvoller ist als
alles, was man den Nordamerikanern oder gar den Engländern zutrauen
kann) und es ist ihre allgemeine äussere Erscheinung. Die deutschen
Damen tragen die Haare kurz und warme Jäckchen, die Herren sind oft
dickbäuchig (aber nicht fett) und oben herum platt. Doch am allermeisten
verrät sie ihr Gesichtsausdruck. Sie schauen mürrisch und unzufrieden,
als hätte man sie zu ihrem Urlaub gezwungen. Sie bleiben immer unter
Ihresgleichen und begegnen niemanden mit zu viel Freundlichkeit. Man könnte
fast meinen, der deutsche Urlauber fühlt sich im Ausland nicht recht
wohl? Oder ist es ihm vielleicht unangenehm, selbst Ausländer zu sein?
Mir ging es zumindest oft so, dass ich nicht gerne als Deutscher erkannt
wurde, da ich nicht mit all den anderen in einen Topf geworfen werden wollte.
Doch auch das war ein Fehler. Jetzt gehe ich offen auf die Menschen zu
und gebe mich als freundlich dreinblickender Deutscher, der durchaus in
der Lage ist, einen Gruß zu erwidern, um den Schnitt einfach zu verbessern.
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