Tagebuch
Reiseverlauf
Gesamtkarte
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| Wie ein weit
geöffnetes Maul sperrt sich der Höhleneingang des Verlieses auf,
und nur der steile, in Serpentinen verlaufende Pfad dringt in die fremde
Dunkelheit der Höhle ein. Noch ist das Zwielicht stark genug, um die
Tiefe der Öffnung zu erahnen, doch schon bald kann man ohne künstliches
Licht seine Hand nicht mehr vor Augen sehen. Der fast runde Kanal fällt
ins Erdinnere herab und sein Umfang lässt die Wassermassen, die solch
eine Röhre hervorgebracht haben, nur erahnen. Riesige Gesteinsbrocken
versperren den Weg und der Pfad windet sich geschickt um die natürlichen
Hindernisse herum. An der über 20 Meter hohen Decke zeigen schon die
ersten spitzen Finger auf uns herab, die scharf wie Sperrspitzen herunterzufallen
drohen, wenn man in das Innere der Höhle eindringt. Die Wände
sind ausgewaschen, haben tiefe Furchen und erinnern zeitweilig an die Oberfläche
eines menschlichen Gehirns. Auch die Farbe ist sehr ähnlich. Dann
wieder ist die Wand glatt wie eine künstlich verputzte Fläche,
als
hätte jemand mit viel Mühe die Unebenheiten dieser Höhle
auszubessern versucht. Die ersten Stalagmiten stehen am Boden, in Form
und Farbe ganz unterschiedlich. Manche glänzen und sind glatt wie
ein Spiegel und wenn man richtig hinhört und gespannt auf die Spitze
des Zipfels schaut, dann sieht man, wie in regelmäßigen Abständen
der Baumeister in Form eines Wassertropfens auf der Spitze auftrifft und
in tausend kleinere Tropfen auseinanderspritzt. Und bei jedem Aufprall
hinterlässt der Tropfen eine winzige Spur von Kalk oder sonstigem
Material, das in Jahrtausenden zu einer stattlichen Säule heranwachsen
kann. Die höchsten Giganten sind 18 Meter hoch und ragen bis an die
Decke. Dann plötzlich ist die Decke übersät mit lappenartigen
Drapierungen, als hätte man die Wischtücher tausender Putzfrauen
an der Decke zum Trocknen aufgehängt. In wellenförmiger Anordnung
breiten sie sich an der ganzen Decke aus und wechseln dann wieder in dornenartige
Nadeln über, die teilweise in Büscheln luftblasenähnlicher
Gebilde enden. So wie die verschiedenen Formen zunehmen, so wächst
die Anzahl der Skulpturen über ein erfassbares Maß hinaus, bis
der Boden übersät ist von kleineren und riesenhaften Stalagmiten.
Runde, eckige, dicke, dünne, der Formenvielfalt sind keine Grenzen
gesetzt. Und über den meisten Säulen hängt ein Stalaktit,
der schon eine Ewigkeit seine wässrige Last abwirft. Und ganz unmerklich
betritt man einen Raum, in dem kein Stein dem anderen gleicht und der so
fantasievoll dekoriert ist, wie es nur die Natur selbst zustandebringen
kann. Die Höhle ist riesig und der Schall unserer Worte wird weit
getragen. Man steht in einer fremden Welt voller fremder Gebilde und Formen.
Wie auf einem anderen Stern. Wie ein kunstvoll erstelltes Denkmal reiht
sich eine Attraktion neben die nächste und doch wäre ein von
Menschenhand erstelltes Objekt nur ein schmuckloses Gerüst. Kleine
Wassertümpel entstanden in seichten Mulden, die ein kristallklares
Wasser beherbergen. Unzählige glitzernde Steine ragen aus dem Fels
heraus und funkeln im Zwielicht. Wir wandeln durch eine uralte Welt, die
erst vor 100 Jahren von Menschen entdeckt und erforscht wurde. Und wieder
zeigt sich, dass die Zeit und die Elemente Unfassbares zustande bringen
können, das in puncto Schönheit seinesgleichen sucht. |
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