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Ein Reisebericht von Britta und Markus Hachenberger
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Tour

 
Am 14. August 2005 werde ich mit einem kleinem Team in die Wildnis des Yosemite National Parks in Kalifornien vorstoßen. Geführt von einem ehemaligen Ranger werden wir 6 Tage und Nächte in absoluter Abgeschiedenheit einen Blick auf die unberühte Ursprünglichkeit des Yosemite Parks werfen.

 
 
 
 
 
 
 
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Yosemite Tagebuch

06. September 2008
1. Etappe
Tuolumne Meadows – Glen Aulin – Polly Dome Lakes
15,4 km
 

Nachdem wir unsere erste Nacht im Backpackers Campground Tuolumne Meadows verbracht haben, starten wir am Morgen unsere Tour. Der Morgen beginnt kühl hier auf über 2600 m Höhe, doch es zeichnet sich ab, dass auch heute wieder sieben Sonnen am Himmel stehen werden. Noch ist uns nicht klar, dass es während der gesamten Tour so bleiben wird - eine Bedingung, die das Erlebnis ausgesprochen positiv beeinflusst.
Die Tuolumne Meadows gleichen einer Heidelandschaft, eingerahmt von Tannenwäldern die sich an den seichten Hängen grauer Felsen ausbreiten. Das Land ist vom Stein geprägt. In dieser Jahreszeit ist das Gras gelb wie der Weizen auf den heimischen Feldern. Nur vereinzelt erblickt man saftiges Grün – meistens dort, wo der Tuolumne River nicht weit ist. Dieser schleicht geradezu über die Weiden ohne eine erkennbare Richtung.
Als wir starten, wird uns das unglaubliche Gewicht unserer Rücksäcke mit einem Mal bewusst. Die Last von über 20 kg akzeptiert der Körper nur unwillig. Die ersten 5 km scheint die ausgeklügelte Technik der Tragesysteme alles abzufangen. Doch schnell wird uns klar, dass das nur reine Einbildung ist. Das Gepäck wird während der gesamten Tour eines der wenigen lästigen Dinge bleiben, auch wenn es ein unbeschreiblich erhebendes Gefühl ist, mit seinem gesamten Hausstand durch die Wildnis zu marschieren.
Der Weg kurvt um locker stehende Kiefern, oft sandig manchmal über große Felsplatten. Der Tuolumne River ist unser ständiger Begleiter. Sanft fließt er über die Wiesen, schlängelt sich um Sandbänke beflankt von niedrigen Felsgipfeln. Diese Meadows strahlen eine unglaublich friedliche Stille aus. Die wenigen Vögel kündigen unser Kommen an während der Trail mal näher mal weniger nah entlang des Tuolumne River verläuft. Anfangs ist das Gefälle kaum zu merken, doch je näher wir uns dem High Sierra Camp Glen Aulin nähern, desto steiler wird der Weg. Das Gestein nimmt zu, oft sind es nur Felsbrocken die den Weg markieren. Jeder Schritt muss hier sitzen sonst haut es einen mit seinem zusätzlichen Gepäck geradewegs hin. Erst als sich der Tuolumne River oberhalb der Tuolumne Falls in Pools anstaut bevor er durch unzählige Felsspalten nach unten gedrückt wird, eröffnet sich für uns das erste Mal der Blick in die Tiefe des Yosemite National Parks. Selbst die Gipfel am Horizont gehören noch zu dieser einzigartigen Naturlandschaft. Und wir stehen kurz davor in diese Wildnis einzudringen. Ein unglaubliches Gefühl.
Vor uns fällt der Tuolumne River in den Grand Canyon of the Tuolumne River ab. Von dort unten werden wir uns in 5 Tagen einen Weg wieder zurück zum Glen Aulin High Sierra Camp bahnen. Hier wird sich der Kreis unserer Backpackingtour schließen. Doch jetzt führt uns der Weg erst mal in Richtung Süden, in Richtung Polly Dome Lakes. Dort werden wir das erste Mal unsere Zelte aufschlagen. Der Weg dorthin verläuft durch einen lichten Wald durch den immer wieder die Sonnenstrahlen hereinbrechen. Wir kommen am Mc Gee Lake vorbei, einem lauschigen Plätzchen zum Ausruhen - nicht nur für Backpacker. Denn ganz in der Nähe sehen wir den ersten Bären. Er sitzt nicht weit vom Weg entfernt auf einem Baumstumpf und putzt sich ohne sich weiter von uns stören zu lassen. Unser Kommen scheint ihn nur wenig zu beeindrucken, dennoch schleicht er sich von dannen. Wieder zurück auf 2650 m suchen wir an der Abzweigung in Richtung Polly Dome Lakes ein Plätzchen zum Übernachten. In unmittelbarer Nähe eines Tümpels, der uns als Wasserreservoir dient schlagen wir unser Lager auf.
Ein anstrengender Tag geht zu Ende. Gezeichnet von den Strapazen des Tages verschlägt es uns direkt nach dem Abendessen in unsere Zelte. 10 Stunden lang werden wir das Zelt nicht verlassen. Zehn Stunden Erholung die wir dringend nötig haben. Und doch war es jeden Meter des Weges wert. Denn hier zu sein heißt frei zu sein und Teil einer Naturlandschaft,  die sich seit Jahrtausenden nicht verändert hat und immer noch als ursprünglich im Sinne des Wortes gilt – ein selten gewordenes Plätzchen Erde.
 

07. September 2008
2. Etappe
Polly Dome Lakes – South Fork Catheadral Creek – Ten Lakes
18,7 km

Das Gelände ist schwierig. Schwieriger als wir gedacht haben. Als wir am Morgen unsere Zelte abschlagen, spüren wir jeden Knochen unserer geschundenen Körper. Und dann gilt es auch noch die Hänge des Tuolumne Peaks zu ersteigen. Eine echte Herausforderung nach dem gestrigen Tag. Der Weg führt durch licht bewaldetes Gelände bis er sich langsam immer steiler werdend den Hang hinaufschlängelt. In Serpentinen geht es den Berg hinauf. Pro 10 m Wegstrecke einen Meter in die Höhe. Doch als wir oben in 3000 m Höhe über unseren ersten Pass laufen, eröffnet sich uns ein unglaubliches Panorama. Weißgrauer Fels wohin das Auge schaut. Auf den von Gletschern glatt geschliffenen Felsen wächst überall dieses kleinwüchsige Buschwerk. Wie in Kaskaden baut sich ein Gebirgszug hinter dem nächsten auf, verläuft ein Tal hinter dem anderen, so weit das Auge reicht. Die Weite, die dieses unberührte Land umfasst, erfüllt einen mit Glück. Hier ist kein Fluss begradigt, kein Baum gerodet und hier wurde kein Fels zugunsten einer Strasse weggesprengt. Eine Hütte oder irgendein Zeichen von menschlicher Zivilisation sucht man hier vergebens. Nur der Trail selbst ist der einzige Hinweis dafür, dass andere schon vor uns hier waren. Dennoch fühlt es sich wie eine Erstbesteigung an. Und die Schmerzen der Glieder sind wie weggeblasen.
Wie es den Berg hinauf ging, so geht es auch wieder bergab. Der South Fork Catheadral Creek hat sich zwischen dem Tuolumne Peak und seinem Nachbarberg einen kleinen Canyon geschnitten. Dieses Tal ist eine Oase in der sonst so verbrannten Landschaft. Der Bach speist alles Umliegende mit ausreichend Flüssigkeit, sodass die Vegetation gegenüber anderen Gegenden fasst schon üppig erscheint. Eingerahmt zwischen den beiden Berghängen scheint hier ein anderer Lebensrhythmus zu herrschen. An einer unübersichtlichen Stelle scheuchen wir ein ganzes Rudel Rehe auf, das sich im Schatten einiger Bäume am kühlen Nass des Baches labt. An einer anderen Stelle sehe ich erst beim zweiten Mal hinschauen ein Rehkitz, das eilig seiner Mutter folgt. Und immer wieder wird der Blick frei auf das Panorama des Parks, der sich endlos bis zum Horizont hinzieht. Der Weg verläuft exakt zwischen den beiden flankierenden Berghängen, mal durch hohes Gras, mal über Fels und dann wieder durch Sand. An Abwechslung fehlt es nicht. Und das sehen wir auch an der nächsten Steigung. Wieder geht es in Serpentinen den Berg hinauf, nur dass sich mittlerweile die Sonne in ihrem Zenit befindet und ganz ordentlich vom Himmel brennt. Am Wegesrand stehen Grannenkiefern wie Soldaten die den Weg säumen. Sie werden seit 1957 von Dr. Edward Schulmann in Anlehnung an den hebräischen Patriarchen des Alten Testaments auch Methusalem-Bäume genannt. Ihr Stamm ist knochig und scheint aus vielen verschiedenen Strängen zu bestehen. Sie haben extrem verdrehte Äste als vollführten sie in ihrem Wachstum einen stetigen Überlebenskampf bei dem sie sich immerzu winden müssten. Bislang dachte man, dass die altehrwürdigen Sequoia Bäume die ältesten Bewohner dieser Erde wären. Doch 1954 fand man im Regenschatten der Sierra Nevada in den White Mountains ca. 100 km östlich vom Yosemite Nationalpark in über 3000 m Höhe ein paar Grannenkiefern, die bis zu 4200 Jahre alt sind – noch mal 1000 Jahre älter als die ältesten Sequoias. (Quelle: http://www.schwazersilberwald.at/zm/allg_baeu/leg_allgb/wb_allb10/g_kie10a.htm) In unserem heimischen Klima wächst auf 3000 m Höhe rein gar nichts mehr. Hinter den knochigen Ästen und verwundenen Stämmen der Methusalem Bäume bildet sich das Bergpanorama ab – ein Kontrast den wir auf vielen Fotos festhalten. Die Weite raubt einem immer wieder den Atem, den man aufgrund der Anstrengung kaum entbehren kann. Immer wieder scannen wir mit unseren Ferngläsern die Berghänge gegenüberliegender Gipfel ab um vielleicht ein wildes Tier zu entdecken, doch in der Ferne ist nichts zu sehen. Es kostet uns unsere letzten Kräfte bis wir erneut auf 3000m angekommen sind. Hier oben zwischen Gipfeln eingefasst haben sich Mulden gebildet, die das abfließende Wasser der Hänge in kleinen Seen sammeln. Zehn Stück an der Zahl sind es und gaben der Region Ihren Namen Ten Lakes. Den ersten lassen wir links liegen auch wenn sein klares Wasser zum Baden einlädt. Doch da es jetzt wieder bergab geht, versuchen wir den zweiten der Seen zu erreichen um noch ein bisschen Wegstrecke hinter uns zu bringen. Nach 18,7 km und 7 Stunden Fußmarsch erreichen wir das Ufer des Sees. Auf einer Landzunge die in den See hineinreicht bauen wir die Zelte auf. Es ist absolut still. Es ist unglaublich schön hier. Wir haben den ganzen Tag keine Menschenseele getroffen. Wir sind für uns alleine in dieser bezaubernden Landschaft. Und als die Sonne hinter den Bergen verschwindet fangen wir an zu gähnen. Wir sind erschöpft und bald liegen wir in den Zelten und strecken die müden Glieder aus. Morgen wartet ein neues Abenteuer auf uns.
 

08. September 2008
3. Etappe
Ten Lakes – Lukens Lake – White Wolf Campground
16,7 km

Es ist unglaublich wie schnell sich der Körper von den Anstrengungen des Vortags erholen kann. Zu den erholten Gliedmaßen gesellt sich eine Hochstimmung besonderen Ausmaßes. Je länger man sich in der Wildnis aufhält, desto verbundener wird man mit ihr. Dazu trägt aber auch der unwiderstehliche Anblick des frühen Morgens bei. Hier an einem der Ten Lakes kratzt die Sonne erst spät am Zeltdach, da die umliegenden Berghänge den See komplett einrahmen. Das Wasser des Sees schimmert schwarz im Schatten seiner Umwelt und reflektiert den Baumbestand der umliegenden Hügel nur schwach. Obwohl hier oben außer uns keine Menschenseele ist und wir direkt am Ufer des Sees kampieren, haben wir noch kein einziges Tier wahrgenommen. Da wird einem schnell klar, warum man eigentlich mindestens 100 Meter von Wasser entfernt kampieren soll. Wahrscheinlich haben die Tiere den See wegen uns gemieden. Das nächste mal wissen wir es besser und beobachten die Tiere aus „zweiter Reihe“. Aber als wir die Hänge der umgebenden Hügel erklimmen läuft uns wenigstens ein Murmeltier über Füße kurz bevor wir auf 3000m den Ten Lakes Pass überschreiten und die Halfmoon Medows überqueren. Auch diese Hochebene scheint mit seinen Felsbrocken und den niedrigen Grasbüschen ein Eldorado für Murmeltiere zu sein. Wir hören sie allerdings besser als wir sie sehen. Immer wieder dringt dieses hohe Piepsen an unsere Ohren, was mit Gewissheit unser Kommen ankündigen soll. Ein letztes Mal blicken wir über die weite Landschaft des Yosemite National Parks, bewundern die Größe dieses Naturschutzgebietes und genießen die Abgeschiedenheit bevor wir in ein Waldgebiet mit hohen Douglasien eintauchen. Der Weg bleibt jedoch von unwiderstehlichem Reiz. Er ist manchmal nicht breiter als 30 cm und verläuft durch kniehohes Gras. Die Bäume stehen hier nicht so dicht gedrängt und lassen somit genug Licht für die kleineren Pflänzchen am Boden. An der Stelle, an der wir wiederholt die Grenze vom Toulumne County zum Mariposa County überqueren treffen wir eine Rangerin auf ihrer Patrouille. Wir haben uns schon gefragt, wie der National Park Service die Bewegungen der einzelnen Wanderer kontrolliert. Diese Rangerin hat uns zumindest genau gefragt wen wir angetroffen haben und wohin unser Weg führt. Wahrscheinlich ergibt sich aus den Beobachtungen der einzelnen Rangerstationen, den Daten der beantragten Permits und den Patrouillen, ein genaues Abbild der Wanderbewegungen. Wir sind zumindest einigermaßen beruhigt, haben wir doch am Vortag keine Menschenseele angetroffen. Unsere letzten Kilometer führen uns entlang des Middle Toulumne Rivers der eher einem Bächlein gleicht und der in dieser Jahreszeit so gut wie kein Wasser führt. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass das Bächlein im Frühjahr ein ausgewachsener Fluß werden kann. Nach 16,7 km sind wir wieder auf 2400 m angekommen und kehren im Wolf Creek Campground ein. Es wundert uns überhaupt nicht, dass wir etliche Kilometer durch tiefste Wildnis spazieren und hier, wo die Zivilisation ein kleines Stückchen der wilden Landschaft erobert hat, läuft ein riesiger Braunbär umher und versetzt alle Camper in helle Aufregung. Der Yosemite ist immer für eine Überraschung gut.
 

09. September 2008
4. Etappe
White Wolf Campground – Harden Lake – Pate Valley
16,3 km

Hier im nördlichen Teil des Yosemite National Parks ändert sich die Landschaft ständig.
[Ich habe schon viel über den Appalachen Trail im Osten Amerikas gelesen, der sich über 3500 km von Georgia bis nach Maine schlängelt. Jedoch erwähnen alle, die sich schon mal auf diesem Weg getummelt haben, den eintönigen Gleichklang einer ewig bewaldeten Landschaft. Ich kann nicht wirklich nachvollziehen warum man 3500 km durch dichten Wald wandern sollte, wo man doch nie wirklich sieht wo man sich befindet. Wo die Bäume in Virginia aussehen wie die Bäume in Pennsylvania. Der Weg muss immer zwingend auch das Ziel sein. Das Ziel kann oder sollte gerade dann das Erlebnis von unterschiedlichen Eindrücken einer sich immer abwechselnden Landschaft sein, wenn der Weg mit 3500 km eine doch ernst zu nehmend lange Strecke zwischen zwei Punkten ist. Aber wenn der Weg ausschließlich aus Strapazen besteht und außer Wald kaum etwas zu bieten hat, dann hat er für mich als Naturliebhaber und Wanderer so viel Reiz wie der Triathlon für einen Hobbykegler. Denn auch das absolvieren eines Triathlon hat mit dem ursprünglichen Gedanken von sportlicher Aktivität durch Bewegung kaum etwas gemeinsam, sondern dient einzig dem fragwürdigem Ziel etwas irrsinnig Langes und Ausdauerndes zu tun, frei nach dem Motto: höher, schneller, besser. Man tut es um es getan zu haben und um zu dem Club zu gehören, der aus den vergleichbaren Wichtigtuern besteht, die alle nur Augen für das erreichen des einen großen Ziels haben. Nämlich das Ende der Strapazen. Die Sinnfrage ist dabei grundsätzlich zweitrangig.]
Doch hier im Yosemite ist kein Tag wie der andere. Manchmal ändert sich die Umgebung sogar im Minutentakt. Wald, Weiden, Bach- und Flussquerungen, Auenlandschaften und Wiesen wechseln sich immer wieder mit exponierten Landschaftspunkten ab, von denen man einen grandiosen Überblick über die Landschaft hat. So verläuft am Anfang des 4. Tages unserer Tour der Weg durch einen Wald, der in den letzten Jahren einem Brand zum Opfer gefallen sein muss. Die kahlen Äste zeugen von einem verheerenden Feuer. Wie schwarze Skelette stehen die Riesen auf einem bizarr wirkenden grünen Teppich aus kniehohem Gras. Dazu steht der tief blaue Himmel in starkem Kontrast. Verwunderlich ist nur, dass zwischen den Baumleichen immer wieder Bäume stehen, die scheinbar unbeschadet durch die Feuerbrunst blieben. Eine Erklärung hierfür bleibt uns der schweigende Wald schuldig. Stetig nimmt das Gefälle des Weges zu. Es kündigt sich der Abstieg in den Canyon of Toulumne River an. Doch bevor es sich in steilen Serpentinen den Hang hinunter windet, erklimmen wir auf ca. 2000 m ein Plateau von dem sich ein 270° Rundblick eröffnet. Wir halten die Luft an, als wir in nordwestlicher Richtung das Wasserreservoir Hetch Hetchy erblicken. Vor seiner Silhouette ragt ein Fels in unser Blickfeld auf dem eine kleine Kiefer ihre Äste in den blauen Himmel reckt. Dahinter öffnet sich der Canyon in dem sich dieser riesige See wie eine blaue Schlange am untersten Grund der Berge eingenistet hat. Ein Augenblick, den wir auf vielen Fotos versuchen festzuhalten. Es gelingt uns das zweidimensionale Abbild dieses Moments auf den Chips unserer Digitalkameras zu speichern. Doch die Emotionen werden verblassen. Genau wie die Schmerzen in unseren Beinen. In nordöstlicher Richtung blicken wir geradewegs in die Tiefen des Canyons, der vom Toulumne River ausgewaschen wurde und im Hetch Hetchy gestaut wird. Über allem ragen die Berggipfel weit entfernter Gebirgsketten, die am Horizont mit den Wolken zusammenstoßen. Es ist vor allem die Weite des Landes und die Gewissheit der ungestörten Natur, die einen hier zum Nachdenken anregen. Deshalb verweilen wir hier (meist schweigend) fast eine Stunde bevor wir uns den Weg in den Abgrund bahnen. Der Weg ist steinig und gleicht einem Geröllfeld. In spitzen Winkeln windet er sich den schmalen Einschnitt hinunter der vom Mariposa Creek geschnitten wurde. Die Rucksäcke drücken mit Gewalt ins Tal und jeder Schritt muss hier gut überlegt sein. Die Stöcke sind hier unentbehrlich. Kaum zu glauben, dass hier auch gelegentlich Pferde und Maultiere den Pfad entlang kommen. Doch für schwerere Lasten gibt es wohl kaum ein anderes Transportmittel. Je näher wir dem Grund des Canyons kommen, desto heißer wird es. Die Luft ist nun drückend und wir erhoffen uns ein baldiges Bad in einem kühlenden Fluß. Doch als wir den Tuolumne River erreichen, müssen wir erkennen, dass er nur wenig Wasser führt. Höchstens ein Planschen darin scheint möglich zu sein. Doch auch das muss noch warten, denn der Weg führt uns noch weiter immer in Richtung Plate Valley, ein Tal, welches zwischen den Berghängen in einer Höhe von 1300 Meter einer Scheibe ähnelt (daher der Name), die in ihrer Abgeschiedenheit reichlich Lebensraum für Pflanzen und Tiere bietet. Dieses Tal ist absolut unzugänglich. Außer zu Pferd oder zu Fuß kommt man nicht in diese Gegend. Und doch ist im Plate Valley ein riesiges Camp aufgebaut, das mindestens 30 Jungendlichen ein Zuhause bietet. Es sind Volunteers. Freiwillige die sich für 6 Monate dem Dienst der Gesellschaft verpflichtet haben und das Wegenetz auf Vordermann bringen. Die meisten kommen von der Highschool und absolvieren ein freiwilliges soziales Jahr. Nach dem College kann sich so etwas bei der Jobsuche als absolut hilfreich erweisen. Wir suchen uns ein Plätzchen nahe dem Fluß (in zweiter Reihe) und entledigen uns unseres Gepäck. Ein Reh grast in der Nähe unserer Zelte und hat keinerlei Angst vor uns. Das Wasser ist so kalt, dass an ein Eintauchen von Körperteilen oberhalb der Knie kaum zu denken ist. Doch das Wasser ist klar, sauber und unglaublich erfrischend. Als die Sonne hinter den Berghängen verschwindet und das Plate Valley ins dunkle taucht, geht auch für uns ein erlebnisreicher Tag zu Ende.
 

10. September 2008
5. Etappe
Plate Valley – River Junction – Tuolumne River Falls
15,8 km

Was auf der Karte eher wie ein Spaziergang aussieht, entpuppt sich als anspruchsvoller (erneuter) Aufstieg entlang des Toulumne Rivers, der in uns entgegen gesetzter Richtung in ständig wiederholenden Kaskaden den Canyon durchschneidet. Mal ist der Einschnitt so breit, dass die Fließrichtung des Flusses kaum auszumachen ist und sich der Pfad durch üppige Vegetation einen Weg bahnt. Ein anderes Mal ragen die Berghänge des Canyons so dicht aneinander, dass wir gezwungen sind, weite Umwege über das Geröll in Kauf zu nehmen, im ständigen Auf und Ab, aber in der Tendenz immer ansteigend. Dort, wo wir wieder direkt den Lauf des Flusses beobachten können, schießt das Wasser oft flach über den glatt gehobelten Granit und gräbt unentwegt weitere Kuhlen und neue Rinnen in den spröden Fels. Wo das Gefälle nachlässt, entstehen kleine Seen in denen das Wasser wieder zur Ruhe kommt bevor es an der nächsten Engstelle wieder an Fahrt zunimmt. Kreosotbüsche ranken sich am Wegesrand. Jetzt im September ist das Flussbett oft viel breiter als der Tuolumne River für seine Wassermassen in Anspruch nimmt. Im Frühjahr heißt es jedoch für viele kleinere Pflanzen, die am Rand des Flusses wachsen „Land unter“. Der Weg ist beschwerlich. Wir haben das Gefühl nur sehr langsam voran zu kommen, sind die Wacker die der Pfad manchmal halsbrecherisch umschifft nicht selten haushoch und nur mit Mühe zu umwandern. Im Zwischenraum zweier Steinfelsen hat sich ein kleines Rehkitz mit seiner Mutter verschanzt die genüsslich saftiges Gras abweidet. Sie haben unser Kommen nicht rechtzeitig bemerkt. Doch als wir dann vor ihnen stehen scheinen sie keinerlei Angst vor uns zu haben. Nur langsam trotten sie uns aus dem Weg als wüssten sie genau, dass von uns keine Gefahr ausgeht. Doch die Gefahr für Mensch und Tier ist allgegenwärtig. Das beweisen uns die knochigen Überreste eines Pferdeschädels, die den Wegesrand säumen. Wahrscheinlich hat es sich hier auf dem steinigen Weg einen Knöchel verstaucht oder sogar ein Bein gebrochen. Ein nicht mehr manövrierbares Pferd ist hier in der Wildnis unweigerlich dem Tode geweiht. Das macht uns  bewusst, in welcher Gefahr wir uns befinden und lässt uns die Stellen auf die wir beim Wandern unsere Füße setzen mit Bedacht wählen. Am Ende des Tages, dort wo der Return Creek in den Tuolumne River mündet und von einer hölzernen Brücke überspannt wird, dort machen wir unsere letzte Rast in der Wildnis. Zwischen ein paar hohen Bäumen ist eine provisorische Bank aufgebaut und eine Feuerstelle errichtet. Wir sind wohl nicht die ersten, die sich hier niederlassen. Als wolle uns die Sonne den Abschied aus der Wildnis besonders schwer machen, streift sie exakt am Rücken eines abflachenden Berghangs den Horizont hinunter, verändert ihre Farbe dabei von hellgelb bis tief orange um dann exakt im spitz zulaufenden Winkel der beiden Berghänge im Westen vom Tuolumne River geradewegs verschluckt zu werden. Wenn man bedenkt, dass dieses Ereignis so nur exakt zu ganz wenigen Tagen im Jahr an dieser Stelle zu beobachten ist, haben wir bezüglich unserer Tourplanung wohl einiges richtig gemacht. Aber selbst an unserem letzten Tag in der Wildnis halten wir es trotz Lagerfeuer nicht länger draußen aus. Zu stark ist die Sehnsucht sich im Schlafsack lang zu machen und den müden Knochen die ersehnte Erholung zu gönnen.
 

11. September 2008
6. Etappe
Tuolumne River Falls – Glen Aulin – Tuolumne Meadows
16,7 km

Auch an unserem letzten Morgen windet sich der Pfad stetig dem Schlund des Canyons entgegen: Glen Aulin, dem Dreh- und Angelpunkt für viele Backpacker die hier in der Wildnis der Herausforderungen unterliegen, mit möglichst wenig Gepäck, möglichst lange in der Wildnis zu verweilen. Doch bis dahin müssen wir noch anstrengende Höhenmeter überwinden, die uns dort weitermachen lassen, wo wir am Vortag aufgehört haben. In immer spektakuläreren Wasserfällen ergießt dich der Tuolumne River in immer neue Pools. Waterwheel Falls, Le Conte Falls und California Falls nennen sich die Wasserfälle, die in dieser Jahreszeit jedoch sehr verspielt und winzig wirken. Man kann den Ausgangspunkt dieser Aneinanderreihung von Wasserstürzen schon erblicken. Dort oben scheint ein Plateau zu sein, von dem sich der Tuolumne River hinabstürzt. Und tatsächlich. Plötzlich kehrt Ruhe ein. Der Fluss wird wieder zum Rinnsal mit kaum wahrnehmbarer Fließrichtung. Grüne Wiesen wuchern dort wo eben noch grauer Fels das Landschaftsbild bestimmt hat. Die Berghänge spiegeln sich im Glanz der Wasseroberfläche. Die Stille ist absolut paradiesisch. Ein paar wenige Vögel - die jedoch nicht auszumachen sind - trällern ihr Liedchen und auch hier wird unser Kommen frühzeitig angekündigt. Ein Murmeltier verschwindet schnell hinter einem verrottenden Baum. Glen Aulin wirkt wie eine Oase, wie das heiß ersehnte Ziel einer langen Reise. Und so ist es ja auch. Hier werden wir mal wieder mehr als entschädigt für die Strapazen die wir aufgenommen haben um etwas zu tun, was für manch einen die sinnloseste Unternehmung seit Erfindung des Ottomotors ist. Für andere hingegen ist eine solche Trekkingtour ein unwiderstehliches Erlebnis bei dem man Körper und Geist in absoluten Einklang bringen kann. Als wir die wunderschöne Flussaue Glen Aulin in gesamter Länge durchschreiten, kommen uns immer mehr Wanderer entgegen, die so gar nicht nach Backpackern aussehen. Das sind die ersten Anzeichen dafür, dass wir wieder in einer Vorstufe der Zivilisation angekommen sind. Hier befindet sich nämlich auch das Glen Aulin High Sierra Camp, das verglichen zu einer Nacht in absoluter Abgeschiedenheit einem Hotelaufenthalt schon ziemlich nahe kommt. Wo sonst kommen die ganzen Menschen ohne jegliche Ausrüstung her. Aber wenn man es genau nimmt, wäre diese Art von Urlaub auch etwas für meinen Geschmack, selbst wenn ich nicht über Nacht in der Wildnis kampieren würde.
In einem letzten Kraftakt überwinden wir die restlichen zweihundert Höhenmeter vom Glen Aulin Camp zu den Tuolumne Falls, bevor wir wieder auf die sanften Wiesen der Tuolumne Meadows treten. Die übrig gebliebenen 8 km unserer Tour auf den sandigen Wegen dieser wunderschönen Hochebene, die einzige Teilstrecke die wir in beiden Richtungen gewandert sind, erweisen sich als gebührender Abschluss einer unvergesslichen Trekkingtour. Als wir an einem seichten Sandufer noch einmal die geschundenen Füße in den kalten Tuolumne River halten, die bizarren Gipfel der umliegenden Berge bewundern und ein Kojote auf der gegenüberliegenden Wiese nach Mäusen späht, stellt sich bei mir eine tiefe Zufriedenheit ein. Mit dieser Trekkingtour habe ich mir einen Wunschtraum erfüllt, eine tiefgehende Sehnsucht die hiermit seine Erfüllung erlangt. Gut dass ich sie nicht alleine erfüllen musste sondern einen guten Freund an meiner Seite hatte. Denn auch das schönste Erlebnis ist nur halb so schön, wenn man es vor Ort nicht mit jemandem teilen kann. Nach ca. 90 km kommen wir auf dem Campground der Tuolumne Meadows an. Wir decken uns mit ein paar Bier und ein paar Tüten Chips ein und feiern die Ankunft in der Zivilisation gebührend.

Markus Hachenberger 2009
 

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